Sonntag, 19. Mai 2013
Banntag
den 26 maj 2003 07:55
Re: momo
Liebe Marlena
An einem regnerischen Montag Morgen wie diesem wäre ein Mail von Dir fein gewesen. Heute haben die Leute hier ihren höchsten Feiertag im Jahr. Das ist der Banntag. ‚Bann’ ist ein altes Wort für das Gemeindegebiet. Und die Tradition hatte früher das Ziel, den jungen Männern die Gemeindegrenzen zu zeigen und die Grenzsteine zu kontrollieren. Das war früher vielleicht wichtig, weil damals die Nachbargemeinden so vielleicht versuchten, jedes Jahr ein paar Meter Landes zu gewinnen. Der Brauch in L., der immer am Montag vor Pfingsten stattfindet, ist aber in mehrerer Hinsicht ziemlich archaisch.
1. Nehmen daran nur Männer teil. Die Frauen bleiben zuhause und warten am Herd, bis ihre Allerliebsten mit den Knaben wieder heimkehren. Mädchen gehen nur mit, solange sie Kind sind.
2. Die Männer sind in Scharen aufgeteilt. Jede Schar (das ist ein altes Wort, es erinnert mich an die Nationalsozialisten) hat ihre eigene Fahne und zwei oder drei Männer mit alten Waffen. Sie knallen mit ihren alten Waffen frühmorgens in der Stadt herum, um die Menschen aus den Federn zu bringen. Vor ein paar Jahren hatte eine Ärztin prozessiert, weil damit Ohrenschäden entstehen. Seither gibt es Papieranschläge an den Wänden, damit man von gewissen Bereichen fern bleiben kann, um die eigenen Ohren zu schützen.
3. Die Scharen marschieren in Viererkolonne (dass normale Menschen in Viererkolonne ‚marschieren’ können, ist für einen Walliser eine absolut unbegreifliche Sache) aus der Stadt hinaus in die Felder und Wälder, singen Lieder, schiessen und trinken dabei eine Unmenge Wein und Bier. Sie tragen dazu mit Vorliebe grüne Jagdbekleidung, einen Schlapphut mit einigen Blütenbüscheln oben auf.
4. Abends kehren diese wilden Scharen in Hochstimmung wieder zurück in die kleine Stadt und verschwinden in den Wirtshäusern, um den wundervollen Tag ausklingen zu lassen.
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