Samstag, 4. Mai 2013
Bonnard und Wetter
date 2 May 2006 07:16
subject Re: *smile*
Liebe Malou
Heute haben wir schönes Wetter. Lustig, wenn ich dir den Wetterstand in unserer Region mitteile, kommt mir immer Bonnard in den Sinn. Man hat von ihm Agendas gefunden voller Beschreibungen des täglichen Wetters. Er war offenbar ein Meterologe. Jeden Tag hat er den Stand der Wolken, der Temperatur und der Winde registriert. Schwer zu sagen, für wen er dies gemacht hat. Er hatte ja offenbar ein schwieriges Verhältnis zu seiner Frau. Hiess sie nicht Marthe? Aber die Bildder sind schön, poetisch und die graue Realität in schönsten Farben transzendierend. Ich habe immer gestaunt, wie wunderschön diese Bilder wirken angesichts der Tatsache, wie unzulänglich (kann man das sagen bei diesen Bildern?) sie technisch gemalt wurden. In den Agendas sieht man, dass Bonnard ein guter Zeichner war. Aber in den Ölbildern vernachlässigt er das Zeichnerische zugunsten des Malerischen, dh. der Farben und ihrer gegenseitigen Wirkungen. Die Bilder oszillieren geradezu. Ich hatte mal Monet als mein malerisches Idol. Und als diese Bewunderung nachgelassen hat, da wendete ich mich Bonnard zu. Ich hatte einen uralten Ausstellungskatalog des Kunstmuseums Zürich gefunden und war begeistert. Er war ein sogenannter 'Intimiste', hat viele private Innenräume, sogar Badezimmer etc. gemalt.
Ein Bild Bonnards hat mich immer wieder begeistert. Ich erinnere mich nicht mehr, wie der Titel war. Aber es ist ein frühes Bild und zeigt seine Familie am Sonntag Abend im Garten. Das schöne Licht, die Figuren in der Natur: jeder mit seinen eigenen Hobbies beschäftigt, so muss man sich wohl das Paradies vorstellen.
Bonnard war - so glaube ich - Jurist von seiner Ausbildung her. Ich hoffe, dass ich in meiner Pension noch mehr von meinem Realismus wegkomme. Ich hänge sehr an der Realität. Aber wenn man Bilder malt, darf man die Realität nicht zu wörtlich nehmen. Sie ist doch - alles in allem - eher etwas grau.
Natürlich liegt der Reiz von Bonnards Bildern auch darin, dass er sie im südlichen Licht der Côte d'Azur gemalt hat. In einer solchen Athmosphäre entstehen eben andere Bilder als in nördlichen Regionen. Und die gemalten Damen erscheinen in aufwendiger Mode mit den tollen Hüten um die Jahrhundertwende. Ich glaube, Bonnard hat tagelang an seinen Leinwänden gepinselt, geschabt, gekratzt, um dann wieder neu zu pinseln, zu schaben und zu kratzen. Er war wohl ein reiner Ästhet und ein Maniac.
Ach ja, und jetzt haben wir wieder Anfang Woche und sitzen im Büro !! (Wir, dh. natürlich wir Werktätigen, und nicht Pensionisten und Lebenskünstler). Wie schnell auch solche Wochenenden vorbei sind !! Weshalb gibt es kein Instrument, um die Zeit aufzuhalten, sie ein bisschen zu dehnen? Dies sollte man doch endlich erfinden. Früher hatte ich geglaubt, man könnte die Zeit verlängern, indem man sie langweilig gestaltet. Das ist doch auch eine Empfehlung von Pessoa. Er meint, wenn sich im Leben nichts regt, wird das kleinste Ereignis zum Abenteuer. Na ja, damit will er gerade erreichen, dass das Leben nicht allzu monoton ausfallen wird.
Wenn man ein Wochenende monoton und ereignislos verlaufen lässt, dann erscheint es lange. Wenn allerdings ein Wochenende voller Erlebnisse und Ereignisse im Vollzug sehr kurz erscheint, dann wirkt es dagegen im Rückblick lang und reich. Was also soll man tun. Ist der Vollzug wichtiger oder die Erinnerung daran? Seneca plädiert für den Vollzug.
Und jetzt muss ich an die Arbeit. Trotz des schönen Wetters. Wir werden sehen, was aus einem solchen Dienstag wird, der doch eigentlich ein Montag ist. Montage wären nur halb so schlimm, wenn sie Ende Woche stattfinden würden ! Wer hatte diese Idee, die Woche mit dem Montag anzufangen ? Er hat damit seinen Mangel an Fingerspitzengefühl gezeigt. Ach, was palavere ich da dahin. Es ist so wie es ist.
MLG
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