Freitag, 17. September 2010

Du lebst gefährlich

Subject: Du lebst gefährlich

Liebe Marlena
---
Gut, dass du erwähnst, wie für Dich die ganze Korrespondenz nicht nur einfach ist. Gut, dass du es sagst, denn man merkt es Deinen Briefen nicht an. Sie sind geradezu perfekt geschrieben in einem soliden und guten Deutsch. Wenn man einem Werk die Anstrengung, die dafür aufgebracht worden ist, nicht ansieht, dann ist es einKunstwerk, oder Kunsthandwerk. Aber da ist sicherlich Kunst im Spiel. Dafür kann ich dir nur gratulieren....

Also lebst du gefährlich, wie du schön sagst. Natürlich lebst du gefährlich! Hoffentlich lebst du gefährlich! Ich bitte dich, gefährlich zu leben! Leben ist lebensgefährlich! Aber von allen Betörungen sind die platonischen vielleicht die schönsten. Die ganze Literatur lebt davon! Und dabei nicht nur die Liebesromane, sondern Literatur überhaupt. Sie sind nichts als Verführungen und Liebeserklärungen vor einem meist etwas grösseren Publikum.
....
Von der Jugend war die Rede, von diesem unserem Paradies. Und auf der anderen Seite haben wir die Sehnsucht und den Wunsch nach einer seligen Erfüllung, auf die wir hoffen. Auch sie sind nur solange wunderbar, als sie nicht erfüllt sind. So wandeln wir diesen Grat entlang zwischen dem Paradies, woher wir kommen, und dem Paradies, wohin wir uns wünschen. Das ist insgesamt eine sehr platonische und idealistische Strassenführung. Und wenn man sich noch vorstellt, dass die Wünsche irgendwie auch mit den Erinnerungen zusammen hängen müssen und von ihnen gespiesen werden, dann haben wir einen veritablen Kreis, ein zirkuläres System der Imagination. Man darf darum sehr vorsichtig sein mit der Idee, das Leben wäre ein linearer Weg von der Geburt zum Tode. So einfach kann das wohl nicht sein.

Mit einem Wort, liebe Marlena: ich freue mich, wenn Du Deine alte Jugenderinnerungen hochleben lässt und wenn Du mit ihnen zurückkehrst in die alte jugendliche Frische. Und natürlich freue ich mich darüber, wenn du mir einiges davon erzählst. Auch die Wehmut gehört dazu, und der kleine zart-bitter-süsse Geschmack. ...

Ich komme langsam in die Nähe eines Schlusses, meine Marlena. Und ich weiss kaum mehr, womit ich einmal angefangen habe. Ach ja, es waren die Sirenen, die kommen und vor denen man sich in acht zu nehmen hat. Binde dich also an den Mast, meine Liebe. Aber gib mir eine Chance.
Natürlich möchte ich Dich gewinnen und betören. Du bist sozusagen meine Muse. Hast du einen solchen Job in deinem Leben je gemacht, als Muse vom Parnasse? Ich wünsch Dir viel Glück dabei, und mir ebenso.

Mit einem schönen Gruss
...
Date: Thu, 10 Feb 2000 16:24:26 GMT

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen