Ämne: Retour d'Amérique
Datum: den 1 september
Liebe Marlena
Es ist bald 10 am. Meine Gastgeber werden um 10 Uhr abfahren für den Brooklyn Carneval. Es scheint, sie haben das ganze Jahr darauf gewartet. Und sie sind ganz aus dem Häuschen. Das Problem ist, dass man dort drüben etwa 3 Millionen Leute erwartet. Und es gibt vielleicht 10 Toiletten. So muss man die Dinge hier erledigt haben. Und das ist es, was sie im Moment tun.
Ach, ich habe nicht gewusst, dass es einen Atlas gibt für die Kunst des Küssens. Da gibt es zivilisierte Regionen und auch unwegsames, gefährliches Gelände. Sozusagen Rotkäppchen-Wege, wo der Wolf lauert. Ich verstehe. Ich werde mich vorerst an die autorisierten Pfade halten. Man verläuft sich so auch viel seltener und kommt auch so zu schönen Aussichtspunkten. Wie Du zu dieser Schläfenpartie kommst? Sie ist doch bei älteren Leuten oft sehr ausgeprägt.
Ich habe immer noch nichts von Federer gehört. Ist er gut im Rennen? Die Amis zeigen wirklich nur ihre eigenen Pferde. Und dabei ist Federer ein zweiter Sampras, wenn man von seiner Spielanlage her schaut. Vielleicht ist er nicht so handsome, wie die Türkin im Kurs festgestellt hat, aber er spielt ein wunderschönes Tennis, das so leicht erscheint. Und immer, wenn etwas leicht scheint, ist Kunst im Spiel.
Ich werde ungefähr am Mittag hier losziehen. Da ist zwar noch sehr viel Zeit. Na ja, vielleicht genügt es, wenn ich um 14h gehe. Der Bus benötigt ungefähr eine halbe Stunde. Und sie fahren alle halben Stunden, wenn das auch am Labour Day so ist. Das weiss ich eben nicht so genau. Ich hätte also noch Zeit, Dir ein kleines Geschenklein zu posten. Möchtest Du was Kitschiges? Na ja, ich will nicht zuviel versprechen.
Datum: den 1 september
Liebe Marlena
Es ist bald 10 am. Meine Gastgeber werden um 10 Uhr abfahren für den Brooklyn Carneval. Es scheint, sie haben das ganze Jahr darauf gewartet. Und sie sind ganz aus dem Häuschen. Das Problem ist, dass man dort drüben etwa 3 Millionen Leute erwartet. Und es gibt vielleicht 10 Toiletten. So muss man die Dinge hier erledigt haben. Und das ist es, was sie im Moment tun.
Ach, ich habe nicht gewusst, dass es einen Atlas gibt für die Kunst des Küssens. Da gibt es zivilisierte Regionen und auch unwegsames, gefährliches Gelände. Sozusagen Rotkäppchen-Wege, wo der Wolf lauert. Ich verstehe. Ich werde mich vorerst an die autorisierten Pfade halten. Man verläuft sich so auch viel seltener und kommt auch so zu schönen Aussichtspunkten. Wie Du zu dieser Schläfenpartie kommst? Sie ist doch bei älteren Leuten oft sehr ausgeprägt.
Ich habe immer noch nichts von Federer gehört. Ist er gut im Rennen? Die Amis zeigen wirklich nur ihre eigenen Pferde. Und dabei ist Federer ein zweiter Sampras, wenn man von seiner Spielanlage her schaut. Vielleicht ist er nicht so handsome, wie die Türkin im Kurs festgestellt hat, aber er spielt ein wunderschönes Tennis, das so leicht erscheint. Und immer, wenn etwas leicht scheint, ist Kunst im Spiel.
Ich werde ungefähr am Mittag hier losziehen. Da ist zwar noch sehr viel Zeit. Na ja, vielleicht genügt es, wenn ich um 14h gehe. Der Bus benötigt ungefähr eine halbe Stunde. Und sie fahren alle halben Stunden, wenn das auch am Labour Day so ist. Das weiss ich eben nicht so genau. Ich hätte also noch Zeit, Dir ein kleines Geschenklein zu posten. Möchtest Du was Kitschiges? Na ja, ich will nicht zuviel versprechen.
Deine Idee von Wien ist gut. Ich würde auch wieder mal gerne dorthin fahren. Auch Walter ist ein grosser Fan Wiens. Manchmal erzählt er mir vom Wiener Zentralfriedhof, als ob es der Garten Eden wäre. Ich glaube, seit sich Europa vergrößert, wird Wien immer wichtiger. Es ist unser Brückenkopf zum Balkan, und die Österreicher haben ein besseres Verständnis von jenen Menschen dort. Sag mir, wann Du gehst, Marlena, ich werde sehen, was sich tun lässt. Vielleicht muss ich dann einen Kurs in klassischer Psychoanalyse nehmen. Dann werde ich auch gleich das Kanapee mitschleppen. Freud hat im Grunde auch mit Hypnose angefangen. Das hatte er bei Charcot in Frankreich gelernt. Und das habe ich - glaube ich - schon mal erzählt. Aber sein Zeitalter war so rationalistisch und vernunftorientiert, dass er glaubte, davon wegkommen zu müssen.
Gestern habe ich im Central Park einen älteren Mann gesehen, der aus der Handschrift las. Wie ein fortune teller, aber eigentlich ein Graphologe. Die Kundin war eine Japanerin. Und sie musste etwas auf ein Blatt Papier schreiben. Es waren knappe 5 oder 6 Zeilen. Ich habe eine Weile zugehört. Ich glaube wirklich, dass er ein bisschen Graphologie kennt. Aber die Datenbasis ist sehr fraglich. Einerseits schreibt eine Japanerin von Kindheit an eine völlig andere Schrift. Und 6 Zeilen sind zu wenig. Er interpretierte z.B. die Tatsache, dass sie ihre Unterschrift links hinsetzte anstatt rechts, wie er es von einem normalen Mitteleuropaeer erwarten wuerde. Man sagte in der Graphologie, Leute, die am linken Rand unterschreiben, sind reserviert, vielleicht scheu, halten sich von anderen Menschen zurück. Aber heutzutage kann man das nicht mehr so eindeutig sagen. In vielen Geschäftsbriefen setzen sie die Unterschrift neuerdings linksbündig. Seine Aussage war also etwas gewagt. Und er sagte ihr, dass sie ein bisschen stur sei. Ich kann mir vorstellen, wie man zu einer solchen Diagnose kommt. Aber wenn ein Mensch unsere Schrift erst mit 17 oder 18 Jahren zu schreiben beginnt (na ja, ich weiss nicht, wie die Japaner das machen), dann bedeutet es etwas anderes. Wenn ich S.s Schrift anschaue, so habe ich den Eindruck, die arabische Schrift des Persischen und die Rechts/links Orientierung haben schon einen Einfluss.
Aber wie auch immer. Wenn ich diese Strassenunternehmer sehe, dann denke ich - lustig - ich könnte mich hier in NY auch durchbringen. Na ja, wäre nicht gerade so bürgerlich. Aber es wäre nicht unmöglich. Jeder hat seine Spezialität. Am Sonntag kam eine junge Frau durch die U-Bahn. Normalerweise wechselt man ja nicht den Wagen während der Fahrt, aber es ist möglich. In lauter, etwas weinerlicher Stimme verkündete sie an diesem schönen Sonntagmorgen, dass sie ohne eigenes Verschulden den Job verloren, keine Wohnung und keine familiäre oder staatliche Unterstützung habe, und dass sie im 3. Monat schwanger sei. Und dann ging sie durch und sammelte. Ich glaube, die Leute haben ihr gespendet, weil sie ihren Mut respektierten. An der 5. Avenue habe ich einen gesehen mit einem Stück Pappe. Darauf stand: homeless, jobless, HIV. Wenn man sehr sarkastisch sein will, kann man sagen, dass er als Bettler hoch qualifiziert sei. Es gibt bestimmt auch solche, die das ausnutzen. Wir Schweizer sind ein bisschen misstrauisch. Und irgendwie habe ich die Überzeugung, es sei Sache der Amerikaner, ihnen zu helfen.
Auf dem Perron von Grand Central Station habe ich am Sonntagabend einen Japaner gesehen, den ich schon vor einer Woche gehört habe. Er hat ein Saiteninstrument, eine Art Tisch, und daran zupft er. Er spielt so konzentriert und er ist sehr ordentlich gekleidet, mit Krawatte und Jacket. Aber gleich über ihm ist eine Art Air Condition Maschine, die einen solchen Lärm verursacht. Und wenn die Züge ein- und ausfahren, wird es gleich doppelt laut. Man hat den Eindruck, er habe wirklich den schlimmsten Ort gewählt für seine traditionelle asiatische Musik. Er spielt wie ein Konzertspieler, mit hoch ernster Miene und mit Inbrunst. Aber es sind wirklich nur wenige, die ihm eine Kleinigkeit spenden. Es sind vielleicht ein paar Asiaten, die durch die Töne ein bisschen Heimweh bekommen. Uns sagt diese Art von Musik nicht besonders viel. Doch letzten Sonntag habe ich ihm gespendet. Ich habe seinen unbeugsamen Willen respektiert.
So, liebe Marlena, bevor ich hier losgehe, werde ich noch einen kleinen Spaziergang im Village machen. Es sind die letzten Eindrücke, die ich mitnehme. Es ist hier Sonntagsstimmung. Fast nichts läuft. und ich bin sicher, dass auch nicht alle U-Bahnen fahren.
Wir sehen uns wieder in der Schweiz, nicht wahr?
Mit lieben Grüssen und Küssen in den autorisierten Zonen
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