Mittwoch, 4. September 2024

5. Tag - Die 5. Avenue

 

Ämne:  5. Avenue
Datum: den 24 augusti 03:39


Liebe Marlena
Heute habe ich mir die 5. Avenue drangenommen und von der 42. Strasse bis hinauf zum Central Park mit eigener Zunge gewischt.
Es war warm. Aber es herrschte auch irgendwie Wochenendstimmung. Die Leute waren besser gekleidet als an Wochentagen. Und die Läden voll. Ich habe mir ein kleines Kitsch-Souvenir gekauft. Aber ich bin nicht soweit gegangen, jenes zu wählen in der Glaskugel, das, wenn du schüttelst, Schnee aufwirbelt. Die 5. Avenue ist eine der schickeren Strassen. Es gibt viele Kleiderläden, und ich bin sogar - was ich sonst kaum in meinem Leben tue - hineingegangen und habe geschaut, was es so gibt. Es gibt jede Menge Jeans. Und jene, die schon 5 Jahre alt und verbraucht aussehen, die sind die teuersten. Früher, zu unserer Jugendzeit, hatte man gesagt, man soll die neuen Jeans anziehen und damit in die Badewanne mit Kaltwasser steigen, um sie schliesslich am Körper wieder trocknen zu lassen. So würden sie am besten sitzen, behaupteten Kenner der Materie. Aber was damals "sitzen" hiess, ist wohl heute ziemlich locker.

In einem italienischen Lokal habe ich eine Pizza gegessen, die echt gut war. Na ja, vielleicht hat mein Hunger noch einiges dazu getan. Aber ich hatte wirklich den Eindruck, sie sei ausgezeichnet. Und für diese Gegend auch nicht teuer. Wenn ich nochmals in diese Gegend komme, werde ich noch eine versuchen. Sie haben verschiedene Sorten, mit Spinat, Broccoli, Tomate, Pilzen. Und irgendwie schaffen sie es, dass diese Zutaten obendrauf ganz frisch wirken, nicht wirklich ausgebacken und trocken. Das macht es saftig und locker. Also, einfach exzellent. Man könnte dazu "Santa Lucia ... " singen.
Als ich dann um 6 p.m. ungefähr wieder bei der Central Station war, war ich todmüde. So bin ich in die Empfangshalle des grossen Hyatt Hotells und habe mich in einen dieser weichen Plüschsessel fallen lassen. Man muss einfach etwas cool und gelangweilt in die Welt schauen, dann kann man sowas tun. Ich habe sogar die Füsse auf das kleine Tischchen gelegt, um echt amerikanisch und etwas ungehalten auszuschauen, eben wie jemand, den man viel zu lange warten lässt. Ich glaube, ich habe ein kleines Nickerchen gemacht in allerbester Atmosphäre. Und dann habe ich eine Ecke der Halle gezeichnet und mein Tagebuch etwas nachgeführt. Unterdessen hatte sich rund um mich eine Runde von Schwarzen niedergelassen, die sich für den Ausgang verabredet hatten. Sie waren alle nett angezogen und in bester und irgendwie hungriger Stimmung. Ich glaube, man sollte sich diese Hotel-Lobbies einfach im Hinterkopf merken. Man kann dort sehr gut Treffpunkte abmachen, denn sie sind 1. eindeutig, 2. vor allfälligem Regen geschützt, 3. ohne Konsumzwang, 4. gute Adressen, 5. hübsch zurecht gemacht und gepflegt sowie 6. eben für solche Dinge wie Treffen und Verabredungen gemacht. Wenn wir uns mal irgendwie und irgendwo im Leben treffen sollten, dann - meine liebe Marlena - wird es in einer Hotel-Lobby sein, darauf kannst Du Gift nehmen. Es ist einfach kein Vergleich zu einer windigen Strassenecke. Und ich bin überzeugt, die Hotels haben absolut nichts dagegen. Sie würden sich eher Sorgen machen, wenn ihre Lobbies leer blieben.
Als ich dann wieder etwas Kraft in den Beinen hatte, bin ich noch nach Osten zur UNO gepilgert. Das war ich S. schuldig. Schliesslich hatte sie mal bei dieser Bude gearbeitet, und ebenso ihr Vater. Ich glaube, es war damals im Iran ein erstklassiger Arbeitgeber. S. hatte für ihr Alter einen riesigen Lohn. Und eine Rente in Dollars, wie das mein Schwiegervater hatte, und die Schwiegermutter heute noch geniest, das ist bei den Inflationsraten des Rials ein Geschenk des Himmels. Doch das UNO Gebäude lag im Wochenend-Schlaf. Keine Fahnen, ausser die blaue Unoflagge. Vielleicht haben sie die Fahnen auch zur Trauer zurückgenommen. Das weiss ich nicht. Das lustigste war, dass ein Bettler, ein Penner, ein homeless - wie sie hier sagen - mit einem Wägelchen und einem riesigen schwarzen Plastiksack über die Strasse kam. Du lachst, aber er sah wirklich aus wie Kofi Annan, wenn er morgens noch ungewaschen und ungekämmt aus dem Bett steigt. Ich musste lachen, als ich den Kerl sah.

Und so habe ich auch meinen 5. Tag hinter mir. Die Zeit fliegt . Aber ich merke auch, dass ich etwas schneller müde werde als am Anfang. Deshalb ist es gut, wenn der Kurs beginnt. So kann ich mich richtig ausruhen. Das hört sich vielleicht komisch an. Aber Trance-Kurse sind die einzigen, die ich kenne, die so entspannend und beruhigend sind. Deshalb bin ich ja schliesslich - unter anderem - nach N.Y. gejätet. Ich bin gespannt, welche Art von Leuten sich im Kurs zeigen werden. ich weiss nur von der Kollegin aus Genf, die kommen wird. Wir haben uns geschworen, wir würden Europa bis auf den letzten Tropfen Blut verteidigen. Und das tun wir für Euch dort drüben, hinter dem Ozean.
Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende. Es freut mich zu hören, dass Du wieder im Element bist und das Du es geniesst. So soll Arbeit sein: Spass machen. Na ja, zumindest mehrheitlich.
Mit lieben Grüssen und so
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