Ämne: Amerika gibt es wahrscheinlich doch
Datum: den 27 augusti
Liebe Marlena
Ja, Du bist eine alte Füchsin. Das sieht man daran, dass Du die Namen der Schüler memorierst. Ein Anfänger käme wohl kaum auf die Idee, und hätte den Kopf voll von anderen Dingen. Aber genau das ist wichtig, wenn man Königin im Klassenzimmer sein und bleiben will.
Wir haben heute im Kurs von archetypischen Energieformen gesprochen. Und ich fand das eine gute Landkarte, die ich mir merken will. Vielleicht kannst Du auch davon profitieren?
Diese Archetypen sind sozusagen Energieformen, Modi des alltäglichen Bewusstseins, Zustände irgendwie. Jeder von uns hat alle 4 Möglichkeiten, aber er braucht sie unterschiedlich oft und unterschiedlich intensiv. Sie sind
The King/Queen
gives blessings, gives everybody a place in the world.
Recognizes what contributions you have made.
Responsible for Ceremonies, Rituals: We have come here today to recognize ...
Dark side: tyranny
The Warrier
Coming to terms with: fighting for values, defending yourself, observing boundaries. There is a battle to be fought.
Dark side: rage, invasion
Magician/Healer
Transforming-reframing-healing, appreciation for the aesthetic, enchantement with life, stories.
Dark side: Self-Deception
Lover
Extraordinary passionate movement towards love, connections with people
Dark side: addiction
Du hast immer beschrieben, wie Du nur in der Liebe lebst. Aber Du bist sicherlich auch oft im Zustand der Queen. Na ja, es ist nicht unbedingt gemeint, dass diese Typen rein gelebt werden, sondern dass jeder Mensch seine individuellen Mischungen hat. Ich liebe die Vorstellung des Magicians. Ich glaube, das ist meine intensivste Existenzform. Aber im Büro sollte ich mehr den König spielen. Den finde ich leider etwas langweilig. Aber das Gefühl ist nicht schlecht, die Uebersicht zu behalten und jedem Mitarbeiter seine Rolle zu geben. Ich glaube, ich muss noch ein bisschen lernen, das zu geniessen. King zu sein ist doch für die meisten Menschen ein allerliebstes Ziel. Für mich war es niemals ein starker Wunsch, ein Chef zu sein. Das war auch mein Problem anfangs an dieser Stelle: ich war Chef und wollte es nicht zeigen. Aber im Grunde erwarten die Mitarbeiter vom Chef, dass er Chef ist. Ich habe schon ein paar Jahre gebraucht, das zu begreifen. Na ja, ich bin eben ein Kind der 86er Jahre, und die waren total gegen Chefs. Heute geht das Pendel ja auf die gegenüberliegende Seite. Ich staune, wie die Jungen wieder machomässig sind und auch, wie sie Chefsfunktionen akzeptieren. Wir hätten das damals nie gemacht.
In der Übung, in der ich mich als "Opfer" zur Verfügung gestellt hatte, kam mir plötzlich die Erinnerung an meinen Professor in Zürich, bei dem ich meine Dissertation geschrieben hatte. Er war sozusagen mein intellektueller Chef, aber er war sehr tolerant, sehr unterstützend, er gab mir nette feedbacks auf meinen Schreibstil, auf meine Zeichnung, auf meine Themenwahl usw. Er war eigentlich ein lieber Kerl. Und eine Zeitlang später habe ich ihn eher ein bisschen verachtet, dass er nicht strenger gewesen war. Aber heute denke ich, er war sehr gut und hat uns vorwärts gebracht.
Weisst Du, in diesem Trance-Kurs kann man erleben, dass das Lernen ganz leicht geschieht. Natürlich lernt man hier nicht Schulstoff, obwohl zwischendurch auch kleine theoretischere Dinge vorkommen, wie z.B. diese Archetypen. Aber im Grunde geht es darum, sich selbst und seine eigenen Möglichkeiten zu entdecken. Irgendwelche alten Schmerzerfahrungen zu akzeptieren und integrieren. Vielleicht auch eine Lebensstrategie zu finden. Es ist wirklich wohltuend. Und was ich an dieser Form so schätze ist die Tatsache, dass keiner der Leute von seinen Problemen sprechen muss. Normalerweise hat man in den psychologischen Beratungen und den Ausbildungssitzungen diese endlosen Gespräche und Diskussionen über Probleme und Niederlagen. Das bringt nicht viel. Man muss gewisse Dinge im Leben akzeptieren und dann geht es weiter. Es ist eigentlich Lebenswissen. Und ich glaube, man könnte das gut entwickeln zu einer Lebensberatung.
Und mittlerweile habe ich auch meine Ärztin erwischt. Wir treffen uns Donnerstag. Du wirst nicht glauben, wo! In der Reception des Hyatt Hotels! Ich fand, das sei zentral. Und wenn immer ich mich verspäten sollte, hat sie einen weichen Sitz. Ich glaube, sie möchte nach dem Essen gerne ins Theater. Heute hat mir der Kursleiter ein Büro angegeben, wo man Tickets mit 50% Rabatt erhält. Ich werde sehen. Sie hatte mir damals schon erzählt, dass sie Musicals liebe. Das ist ja nicht so sehr meine Sache. Aber vielleicht kann sie mich einführen, so wie ich sie in die MET eingeführt habe. So ein Rendez-vous ist ein bisschen wie damals, als wir 20 waren. Jedes Date öffnet eine neue Welt. Natürlich hat man, wenn man jung ist, diffuse Ahnungen, was dahinter noch alles kommen könnte. Das erinnert mich an die Zeit in England. Dort haben wir den Grundkurs in Rendez-vous-making gemacht. Und die kleinen Engländerinnen waren so unkompliziert und so höflich zugleich. Sie waren wirklich ideale Lernpartnerinnen. Ausgenommen vielleicht die Tatsache, dass sie immer sehr viel Make-up aufhatten. Ich erinnere mich an meinen Hemdkragen am nächsten Morgen, den ich vor meiner Landlady zu verstecken suchte. Darüber bin ich nun ja hinweg. Aber es ist hier in NY - wie soll ich sagen - eine kleine Madeleine ...
Meine Kollegin aus Genf wohnt auf Staten Island. Sie hat mir die Gegend beschrieben und wenn man dort weitergeht, kommt man an den Strand. Es ist eine sehr schöne und wohl auch teure Wohngegend, gerade visavis Manhattan. Die Freiheitsstatue steht dazwischen. Da habe ich gedacht, dass ich vielleicht morgen mit der Kollegin hinüberfahre und sie auf dem Heimweg begleite, und dann weiter fahre bis an den Strand fahre. Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, nur Manhattan anzuschauen. Aber ich glaube, ich habe hier vieles gesehen. Und es wäre sicherlich schön, nochmals mit der Ferry hinüber zu fahren.
Und noch was Lustiges, Marlena (ich wollte Dich schon Madeleine nennen!!!!), ich habe im Shop der Library eine Shakespeare-Ausgabe gesehen. Vielleicht denkst Du jetzt, ich sei auf den Klassiker verrückt geworden und wolle dieses 5 kg Werk heimschleppen. Das ist es nicht. Auf dem Buch liegt ein Totenkopf. Er ist made in China. Und seit bald 5 Tagen zögere ich hin und her, ob ich sowas als Souvenir kaufen soll. Ich wollte immer einen Totenkopf in meiner Bibliothek. Und dieser sieht ziemlich echt aus. Auf der anderen Seite wieder denke ich, ein Plastik-Totenkopf ist auch etwas merkwürdig. Vielleicht könnte man doch irgendwo einen echten finden. Einen echten neben einem "made in China": da ist klar, welchem ich den Vorzug gäbe. Allerdings würde ich wohl den echten nicht mit dem Unterkiefer bekommen. Das wäre ein Manko. Ich meine, ich könnte - nach meinem 10. Whisky oder so - nicht mal mit ihm diskutieren, weil ihm die untere Hälfte des Mundes fehlte. Er wäre sprachlos. Und was zum Teufel soll ich mit einem sprachlosen Totenkopf. Ich werde bis zum letzten Moment warten bis zum Entscheid. Ich muss ja auch an meine Familie denken. Sollte ich sie mit sowas schockieren?
Du siehst, Madeleine, ich habe viele Fragen zu lösen. Gott sei dank, kann ich sie mit Dir diskutieren, sonst käme ich da niemals durch.
Ich küsse Dich
...
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