Datum: den 28 augusti 04:21
Liebe Marlena
Ach, ist das so? Ich hatte einfach Deine Stimme vermisst. Das ist alles. Es ist schön von Dir zu hören und natürlich bin ich im Moment ein bisschen "egoman" und erzähle nur von mir. Du bist eben auch eine feine Zuhörerin. Ich meine, neben der Tatsache, dass Du eine Verkäuferin bist, auf hohem Niveau, um genau zu sein!
Ja, die Archetypen sind nicht ganz so einfach zu verstehen. Man muss sie vielleicht ein paar mal in Gedanken durchspielen. Und auf keinen Fall ist ein Typ besser als der andere. Und auf keinen Fall kannst Du mir den Magician ganz überlassen. Das kann ich nicht akzeptieren. In der Klasse bist Du bestimmt eine Queen. Schon allein deshalb lernst Du die Namen auswendig. Damit hast Du einen Respektvorsprung. Ich habe den Lehrern immer gesagt, sie sollen vor den Schülern im Klassenzimmer sein. Das ist ihr Territorium. Und das muss man als erster in Besitz nehmen. Und dann natürlich die Plätze verteilen und für Ordnung sorgen. Ich sehe es irgendwie so: Die Queen sorgt für Stabilität durch ihren Segen, den sie verteilt; der Magician bringt das irgendwie durcheinander, indem er Leute und Verhältnisse in Bewegung bringt. Der Warrior kämpft für ein Ziel und nimmt Territorium in Besitz, setzt Grenzen und der Lover überwindet die Grenzen, indem er Beziehungen setzt. Rachel, das ist die Frau des Kursleiters, hat heute diese vier Typen lustig durchgespielt, indem sie viermal ein Buch vorgestellt hat, jedesmal aus der anderen Position. Man muss diese Typen auch nicht so exakt nehmen. Sie sind Landkarten, nicht Landschaft.
Heute habe ich über Mittag einen kleinen Spaziergang gemacht. Wenn wir so lange sitzen, brauche ich das. Und da bin ich an ein Blumengeschäft geraten, das bestimmt jenes der Miss Dalloway ist. Ich konnte schwören! Aber als ich dann hineinschaute, und mich der Verkäufer mit grossen und etwas misstrauischen Augen angesehen hat, da habe ich diese weisshaarige Dame nicht gefunden, die Miss Dalloway bedient hat. Und auch der Laden sah nicht gleich aus. Im Film gab es doch in der Mitte des Ladens viele Pflanzen und Blumen, so dass man rundum gehen und auswählen konnte.
Das NLP Institut ist hier gleich am University Place. Und dabei handelt es sich um die NY University. Es gibt - so glaube ich - noch zwei weitere Universitäten in NY. Und heute über mittag ist mir aufgefallen, dass es hier auch eine Konzentration an Antiquitätenläden gibt. Das macht eine gewisse Atmosphäre in dieser Ecke. Ich will nicht sagen, sie sei englisch. Aber es ist so etwas ähnlich , ein Gemisch wie englisch und vielleicht holländisch?
Stell Dir vor, ich glaube, ich könnte hier leben. Na ja, ich möchte dann natürlich schon im East Village leben, nicht irgendwo weit draussen in New Jersey oder Queens. Schon Brooklyn finde ich etwas abseits. Und Harlem habe ich gar nicht gesehen. Es heisst, man sollte dort vorsichtig sein. Aber hier, im Zentrum zu leben, das ist eigentlich ganz angenehm. Nur vielleicht im Winter kann es sehr kalt sein, hat mir B. erzählt. Er ist jetzt 12 Jahre hier. Und anfangs konnte er kaum aus dem Haus im Winter. Und ich kann mir auch gut vorstellen, dass ab und zu ein kalter Wind durch die geraden Strassen fegt, dass es sehr unangenehm werden kann. Man hört doch ab und zu in der Zeitung, dass es in NY geschneit hat und alles zusammengebrochen sei.
Jetzt ist unsere Nachbarin im Bett. Auf jeden Fall brennt das Licht in der Küche nicht mehr. Sie ist alt, vielleicht 80, und sie ist nicht besonders freundlich. Ich begrüße sie im Gang, wenn sie ihre Türe offen hat, freundlich mit : good evening madam. Und sie sagt bloss: Hey. Na ja, sie weiss auch, dass sie von mir nichts hat in ihrem Leben. Manchmal läuft der TV laut. Und die Türe in den Gang, den alle im Haus begehen, ist weit offen. Es ist wirklich eine lustige Atmosphäre.
Und jetzt kommt langsam meine Müdigkeit auf. Ich danke Dir, meine Liebste, für dieses "ok - nochmals". Du bist einfach ein Schatz, und ich bin der Lover.
Mit lieben Grüßen und Küssen
...
Jetzt sitze ich hier und habe mir einen Kaffee gemacht, obwohl es eigentlich für ein Aufputschmittel dieser Art zu spät ist. Aber ich habe nur ein bisschen Zucker hineingetan, keine Milch. Ich habe gehört, Kaffee ohne Milch putscht nicht auf. Hast Du das auch gehört? Meine Gastgeber gehen immer mittwochs Sushi essen. Letzte Woche hatte ich sie dazu eingeladen. Es hat gut geschmeckt, aber auch alles ein bisschen ähnlich an dieser einen einzigen Sauce. Und so wollte ich dieses Mal nicht mehr mitgehen. Übrigens beneide ich Dich, Marlena, um Deinen Kaviar auf dem Eiersandwich. Das klingt wirklich nach königlicher Mahlzeit. Dass meine Brötchen bis Mittag ein bisschen welk werden, stört micht nicht. Es fühlt sich dann an im Mund wie normales Brot. Ich bin wirklich ganz vernarrt in diese Eiersandwiches. Und was die Folgen sein könnten, auf die Du hingewiesen hast, das weiss ich nicht. Aber jeden Tag zwei Eier, das ist schon eine geballte Ladung. Zuhause mache ich das kaum.
Ich war heute Abend nach dem Kurs auf Coney Island. Das ist die Beach vor Brooklyn. Man kann mit der U-Bahn direkt dorthin fahren. Es dauert eine gute halbe Stunde. Erst geht es unter dem Boden, dann über die riesige Brooklyn-Bridge, und allmählich wird die Bahn zum normalen Vorortszug. Coney Island ist ein bisschen heruntergekommen. Sicherlich war das um 1900 auf der Höhe der Zeit. Es gibt noch ein paar Karussells, Schaukeln, Riesenrad und solche Dinge. Irgendwo konnte man sogar auf einen Menschen schiessen. Er hatte dafür einen Helm auf und eine spezielle Kleidung, und er hat fürchterlich geschwitzt darunter, wie ich sehen konnte. Sowas Geschmackloses findet man wohl nur in Amerika. Und dann gibt es eine lange Beach und einen Holzsteg die ganze Länge, wo man spazieren kann, wo sogar die New Yorker Polizei mit dem Streifenwagen kursiert. Es ist nicht besonders sauber, und es hat jede Menge dieser Buden, wo man Burgers, Süsses oder Salziges kaufen kann. Und rund um die Abfallkörbe flattern riesige Möwen, die ziemlich scharfe Schnäbel zu haben scheinen. Sie sind mindestens doppelt so gross wie die Möwen bei uns. Vielleicht habt ihr in Skandinavien am Meer auch solche XL-Grössen? Sie können unmöglich mehr "Emma" heissen.
Der Kurs geht schon langsam seinem Ende entgegen. Heute, wie gesagt, hatten wir Rachel. Sie ist eine lustige Person, viel aktiver und lebendiger als ihr Mann. Sie ist wirklich ein Magician, macht manchmal Witze und reagiert sehr schnell. Sie spricht auch viel schneller, was mir manchmal etwas Mühe macht. Bei Steve ging immer alles sehr langsam und er hat die Dinge zwei- oder gar dreimal gesagt. Wir haben übrigens Schmerzbehandlung gemacht. Ich weiss nicht, wieviel ich Dir erzählen soll, aber was ich hier von beiden Kursleitern gehört habe, machen sie gute Resultate bei Schmerzen, bei denen man keine somatische Ursache findet. Das ist viel häufiger, als man denkt. Und als Rachel im Kurs gefragt hatte, wer denn regelmäßig mit irgendwelchen Schmerzen geplagt sei, hat mindestens ein Drittel der Leute die Hand gehoben. Die meisten gaben Kopfweh an, aber auch sonst Schmerzen irgendwo im Körper, postoperative Schmerzen.
Es gibt ja schon im Alltag spezielle Arten, wie man mit Schmerz umgehen kann. Ich erinnere mich, wie ich beim Zahnarzt in früheren Jahren mir immer irgendwelche pricklichen Situationen mit Mädchen vorgestellt habe, um dem Schmerz auszuweichen. Das ist eigentlich Ablenkung. Man kann auch das schmerzhafte Glied durch psychische Vorstellungen abkühlen. In einem kalten Körperteil fühlt man bekanntlich wenig. Allerdings muss man, wenn ich das Vorgehen richtig verstanden habe, zuerst prüfen, ob der Schmerz nicht ein Zeichen oder Signal des Körpers ist für irgendetwas. Das fragt man hier die Person in Trance, und man nimmt an, dass das Unbewusste das weiss. Wenn der Schmerz ein Signal für irgendeine psychologische Problematik dahinter ist, dann ist das Vorgehen etwas anders. Dann sollte man nicht den Schmerz entfernen, sondern durch Reorganisation des Selbst integrieren. Das sind dann sozusagen Systemschmerzen. Aber offenbar gibt es oft auch Schmerzen, deren Ursprung man überhaupt nicht kennt und nicht erklaeren kann. Und sie sind bestimmt nicht selten.
Ich habe hier zwei Bücher von Rumi gefunden. Du erinnerst Dich, wir haben mal von den Sufis gesprochen und er islamischen Mystik. Im Kurs wird Rumi ab und zu zitiert. Eigentlich hätte ich Lust, die Bücher zu kaufen. Aber das sind Gedichte, und sie sind natürlich ins Englische übersetzt. Ich weiss noch nicht, ob ich zugreifen soll. In Deutsch habe ich noch nie etwas von ihm gesehen, habe allerdings auch nicht danach gesucht. Offenbar ist Rumi in Amerika ziemlich populär. Na ja, vielleicht nicht gerade bei Bush und seinen Co-Boys!!
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