Montag, 3. August 2020

Onkelchen, Hypnosekurs und GV


Liebe Marlena

Vielleicht hat das was dran, dass Onkelchen sich etwas gefangen fühlt, wenn S. dabei ist. Ich merke jedenfalls, dass er manchmal mit dem Essen kämpft. Ich hatte oft den Eindruck, dass S. ihm zuviel auf den Teller serviert. Sie denkt in persischen Massstäben, wo ein alter Mensch sich jederzeit das Recht herausnehmen wird, die Hälfte auf dem Teller stehen zu lassen. Aber Onkelchen hat eine Harte Schule mit Tantchen hinter sich und weiss, dass er ausessen soll. Manchmal kaut er wirklich auf Tod und Leben, so stelle ich mir vor. Und wenn ich ihm sage, er brauche sich nicht zu beeilen, er könne es stehen lassen, dann verneint er definitiv. Wenn ich koche, serviere ich etwas weniger. Und so kommt er immer elegant über die Runden. S interpretiert die Situation anders. Sie sagt, wenn er alles isst, dann hat er doch wohl Appetit. Ich behaupte, wenn er alles isst, dann will er vor allem höflich sein. Da sieht man wieder einmal, wie widersprüchlich die Realität sein kann.
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Um Ende Mai habe ich mich für einen Hypnose-Kurs in Zürich angemeldet. Den Kursleiter kenne ich. Er kommt aus Amerika und ist NLP Spezialist. Vor Jahren hatten wir ihn hier auf unserem Dienst. Und später war ich auch schon mal in einem Hypnose Kurs bei ihm. Das war sehr interessant und auch sehr entspannend. Man lernt dabei die Psyche des Menschen gut kennen, diejenige, von der Du meinst, sie verschwinde, wenn man das Leben im Zwischen lokalisiert. Ich glaube, ich muss mich ein wenig vorbereiten auf meine Zeit der Pensionierung. Wenn ich eine Ahnung habe von suggestiven Verfahren inklusive Hypnose, so kann das nur nützlich sein. Ich werde mit Hühnern üben ;--)), denn Hühner sind offenbar ganz leicht zu hypnotisieren. Die Kunst liegt darin, einen sehr sanften, einfühlsamen Zugang zu den Menschen zu finden. Man kann keinen Menschen gegen ihren Willen beeinflussen. Aber man kann natürlich die Widerstände sanft unterlaufen. Wenn man sie dazu bringen kann, dass sie sich gehen lassen und beeinflussen lassen, dann geht es schon.

Ich weiss noch nicht, ob ich täglich wieder nach Basel zurückfahren soll, oder ob ich mir besser ein Zimmer nehme. Wenn man immer nur hier in der Gegend arbeitet, scheint Zürich so weit zu sein. Aber es ist doch gleich um die Ecke. Und wenn ich dort bleibe, könnte ich wie in alten Zeiten wieder mal das Zürcher Nachtleben geniessen. Das sind doch exzellente Aussichten.
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Gestern hatten wir eine kurze Generalversammlung. Im Frühjahr werden nur die Mitglieder nominiert, die dann im Herbst eine neue Funktion übernehmen sollen. Die Sitzung ist also meist sehr formal und sehr kurz. Im Herbst wenn man über Finanzen und über ein Neues Hotel diskutiert, gehen oft langweilige Stunden dahin. Wir denken daran , aus dem Hotel Radisson auszuziehen, weil das Essen oft so schmeckt wie in einer Kantine. Früher war es besser. Die Desserts sind auch besser. Aber allein mit Desserts hat man nicht gegessen. Leute, die sich in diesen Dingen auskennen, behaupten, Hotels dieser Art führen bloss eine Küche, um die Anzahl der Sterne zu behalten. Die Fachleute in der Küche sind aber extrem reduziert worden, so dass sie die meisten Menues halbfertig einkaufen. Sie streuen dann bloss noch etwas Petersilie darüber und servieren. Und das ist wirklich wie in der Studentenkantine damals. Es schmeckt auch so. Und das ist für einen edlen Club, wie wir es sind, natürlich nicht das richtige Niveau. Die GV gestern war in einem Lokal mitten in der Stadt und heisst Unternehmen Mitte. Ein lustiger Name, und auch das Haus ist ziemlich originell. ImParterre liegt ein grosses Restaurant, das vor allem von den Jungen frequentiert wird. Es ist sehr trendy, auf jeden Fall sind auch A und B manchmal dort zu finden. Oben ist das Basler Literaturhaus untergebracht. Es gibt dort Lesungen. Und man hat auch Zimmer, wo Schriftsteller und Künstler wohnen können. Das Essen war zwar einfach, aber nicht schlecht. Nach einer ausgezeichneten, cremigen Broccoli-Suppe gab es Spaghetti mit Meeresfrüchten, anschliessend ein Eis, zum Essen einen sehr guten Wein aus der Gegend Siena. Das war eigentlich schon alles.
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Jetzt muss ich los.
Lustig, dass Du auf meine Vermutung, Du seist im Geheimen eine Rechnerin, Deine Tochter fragst. Ist ein echter Indizienprozess, nicht wahr? Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Liebe Grüsse


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