Dienstag, 11. August 2020

Prof. Oggier - mein Französischlehrer


Liebe Marlena
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Heute nachmittag habe ich mich an meinen Franz-Lehrer im Gymnasium erinnert. Ich sende dir den Text. Ist sozusagen eine Berufsstudie. Prof. Oggier ging die Kunde voraus, dass er eigentlich in seiner Jugend einmal hätte Priester werden wollen. Er war schon im Priesterseminar und es kursierte irgenwo ein Foto, wo man den jungen Oggier in der Sutane sehen konnte, mit einem noch etwas jugendlichen, aber doch auch grüblerischen Gesicht.

Es war etwa im 4. Jahr, dass wir Oggier für Französisch hatten. Also in der Grammatik, so hiess die Klasse. Er pflegte mit in einem dunkeln Anzug daherzukommen. Und in den letzten Jahren trug er auch eine grosse, schwarze Sonnenbrille. Wir dachten immer, dass er damit einen Scherz treiben wolle. Und weil er, wenn er mit seiner Mappe daherkam, etwas steif ging und den Kopf nicht links und nicht rechts drehte, so sah er aus wie ein Maffia Boss. Unter jungeren Schülern erregte das einen gewissen Respekt, eine Art Ehrfurcht, wenn nicht fast Angst, weil man bei Oggier, wenn er daherkam in seinen etwas kurzen Schritten, weil man nie genau wusste, wohin er blickte. Man wusste nicht, zu welchem Zeitpunkt man wirklich grüssen sollte. Und es gab die Anweisung, dass man die Lehrer grüssen musste. Man sollte sogar die Studentenmütze vom Kopf ziehen. Aber da wir diese ohnehin nie trugen, erüberigte sich diese noble Geste. Schaute er jetzt schon oder schaute er noch nicht? Es gab immer dieses Moment der Unsicherheit. Und ich für mich war sicher, dass Oggier dies ganz bewusst und willentlich so einsetzte. Ich glaube nicht, dass er diese Brille seinen Augen zuliebe auf die Nase setzte. Er brauchte sie bloss, um uns Schüler zu beeindrucken.

Denn er setzte durchaus auf Eindruck. Die Stunden mit ihm waren fantastisch unterhaltsam. Er kam in eiligem Schritt herein. Meist riss er die Türe richtiggehend auf, dass man erschrecken konnte. Ich glaube, er wollte schockieren. Dann zückte er sein Buch und machte eine sogenannte Blitzprobe. Das hiess, er fragte aus der letzten Lektion vielleicht 6 Wörter oder Begriffe oder französische Redensweisen, die wir behandelt hatten. Wir mussten sie aufschreiben und den kleinen Zettel mit Datum und Name sofort abgeben. Dann stand er am Pult und korrigierte in Windeseile diese kleinen zerknitterten Zettel. Für 6 richtige Lösungen gab es eine 6. Für 5 eine 5. Und so weiter. Ich war sehr oft ungenügend, weil ich diese Französischlektionen nicht konsequent vorbereitete. Und Oggier pickte wirklich die Schwierigkeiten aus dem Buch, er wählte nicht einfach irgendwelche Fragen, die man ohnehin oder zufällig vielleicht beantworten konnte. Man musste lernen, wenn man hier eine 6 zu erreichen die Absicht hatte. Andererseits wusste jeder von uns Gymnasiasten, dass er diese Noten nicht fürs Zeugnis zählte. Also, was sollte es? Wie oft hat er mich abschätzig angeschaut, weil ich eine ungenügende Note hatte!!!

Und dann folgte der Unterricht. Er nahm die nächste Lektion gemäss Buch in Angriff. Meist beinhaltete dies eine Regel, eine grammatikalische Form oder so etwas. Und in dieser Phase seiner Lehrätigkeit war Oggier Spitze. Um uns diese Regel so anschaulich wie möglich zu machen, hatte er eine kleine Geschichte, einen Sketch oder auch bloss einen Dialog erfunden. Den spielte er uns jetzt vor, indem er sich richtig rührte und bewegte und heftig gestikulierte, fast wie auf einer Bühne. Er hatte echt schauspielerische Qualitäten. Und es war sehr vergnüglich, ihm zuzuschauen, er hatte - was im Unterricht sonst selten ist - 100% Einschaltquoten. Und die Quintessenz seiner Bühnendarstellung war dann dieser Satz, der die behandelte Regel erfüllte, dieser alles illustrierende, vor allem die Regel illustrierende Satz. Dieses Satzbeispiel konnte man beim besten Willen nicht mehr vergessen, weil man sonst das ganze Theater rundum auch hätte vergessen müssen. Und das war schlechterdings unmöglich. So hämmerte uns Oggier die Französische Grammatik mit seiner Schauspielerei in unsere zerstreuten Köpfe ein. Ich habe ihn oft bewundert, ob seiner Originalität und auch ob seiner Energie, die er darauf verwendet hat.

Einmal hatte ich mit Oggier einen Riesenkrach. Das kam so. Unser schauspielerischer Professor war wütend, ob unserer schlechten Leistungen in einem seiner Blitztests. Und so entschloss er sich, uns die Noten, die wir am Schluss des Semesters zu erwarten hätten, uns diese Noten coram publicam sozusagen vorzulesen. Und er begann gleich mit A, der nun wirklich der schlechteste Schüler in Französisch war, der arme Kerl, der, obwohl er gleich neben der Sprachgrenze wohnte, seine Zunge einfach nicht nach diesem fremdländischen Muster biegen liess. Oggier kramte also seine Zettel hervor und wollte Noten vorlesen. Da habe ich protestiert und habe ihm gesagt, uns würden die Noten der Mitschüler absolut nicht interessieren. Noten seien jedermanns persönliche Sache. Da stieg Oggiers Blutpegel langsam, er holte Luft, sein Hals wurde dicker und dicker, die breite Stirn immer röter und dann schrie er mich an, dass ich es wage ..., und ich hätte auch schlechte Noten ..., und ich sollte bloss nicht meinen ...., und überhaupt. Ich erschrak zu Tode, denn ich hatte nicht gedacht, dass meine kleine Intervention ein solches Spektakel abwerfen würde. Und nun stieg meinerseits der Blutpegel und ich merkte wie ich heisser und heisser und röter und röter wurde. Ich weiss nicht mehr, wie lange dieser Blitzkrieg dauerte. Auf jeden Fall kam er nie mehr auf seine Noten zurück. Andererseits nahm ich es ihm nicht übel, dass er mich vor der Klasse solcherart angeschrieen hatte. Und wir lebten friedlich nebeneinander weiter. Ich grüsste ihn immer höflich hinter seiner Mafia-Brille und er grüsste mich zurück. Und man wird es glauben oder nicht. Bei der Französisch-Abiturprüfung hatte Oggier zufällig Aufsicht. Er wanderte unruhig im Zimmer auf und ab. Und drei oder vier mal hielt er hinter meinem Rücken und zeigte stumm und ohne dass ich ihn ansehen konnte da und dort auf einen Fehler, den ich in meinem Text hatte. Er half mir ein bisschen vorwärts, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich hätte mein Abitur auch ohne Oggier bestanden, aber immerhin, er meinte es gut mit mir.

Ja, er war eine merkwürdige Gestalt, dieser Professor Oggier. Viele zogen ihn bei Diskussionen heran als Musterbeispiel und legendige Verwirklichung eines echten Neurotikers. Doch andererseits war er in Sprachen sehr begabt, und in Brig, wenn immer jemand eine italienische oder eine französische Rede zu halten hatte, holte sich seinen Rat bei Heinrich Oggier. Er hatte manche dieser Reden selbst geschrieben, aber sie wurden dann von anderen gehalten. Und später hatte ich irgend einmal herausgefunden, dass er als Sternzeichen den Skorpion hatte. Behüte Gott, ein Skorpion!

Du siehst, die Skorpione.

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