Lieber ...
Diese Offenheit, von der wir mal geschrieben haben, ich weiss nicht ob
ich sie mir eigentlich wünsche. Immer noch möchte ich dich nur meine
guten Seiten sehen lassen und wenn man sowas tut ist man natürlich nicht
zu 100% offen. Ich glaube auch nicht, dass ich deine innersten
Geheimnisse kennen möchte. Doch ganz sicher bin ich auch wieder nicht.
Vielleicht hätte ich gern, dass du dich bei mir beichtest. :-)
*
Gerade in diesen Tagen ist eine unserer bekanntesten
Schriftstellerinnen, Kerstin Thorvall, mit einem neuen Buch erschienen.
Sie hat sich einen Namen gemacht mit ihrer absoluten Aufrichtigkeit,
ihrer totalen Auslieferung. Das gilt für alles in ihrem Leben. Ihre
sexuellen Eskapaden u.a. Jetzt ist sie alt, 77 Jahre, und schreibt über
die Erniedrigung und Einsamkeit eines alternden Menschen. Man
vergleicht sie manchmal mit Simone de Beauvoir, wobei die letztere wohl
kaum so schockierende Dinge zu erzählen hatte. Das Buch ist von den
Kritikern sehr gut empfangen worden.
Du hast recht, es ist nicht leicht gute Vorbilder zu finden. Aber wozu? Das Schicksal tut sowieso was es will mit uns.
*
Über das Hotel, von dem du erzählst muss ich lachen. Uns ist etwas
ähnliches passiert. Es war in Deutschland, in einem kleinen
wunderschönen und biederen Städtchen. Vielleicht war es Rothenburg. Und
da haben wir ein kleines Hotel (oder war es ein Pensionat) gefunden. Es
sah so ordentlich aus, in einem schön geschmückten Fachwerkhaus mit
einem hübschen Garten drum. Aber du hättest unsere Überraschung sehen
sollen als wir die Einrichtung sahen. Dunkelrote, dicke Teppiche und
gepolsterte Türen. Ausserdem zwei nebeneinanderstehende Waschbecken im
Zimmer. Alles sah sehr nach Sünde aus. Und als wir uns ins Bett legten
sahen wir oben an der Decke ein paar schwedische Worte geschrieben, die
man normalerweise in öffentlichen Toiletten finden kann. Ich fand es ein
bisschen widerlich und weiss noch, dass ich am nächsten Morgen das
sicher garnicht schlechte Frühstücksbuffet kaum angreifen wollte.
(---)
Der Kurs in Hypnose, den du machen willst, ist das um später es selber
ausüben zu können? Vielleicht willst du eine eigene Praktik öffnen? Oder
bist du so mutig, dass du dich selbst hypnotisieren lässt? Das ist
etwas, was ich nie wagen würde. Habe Angst davor, was ich da sagen
würde. :-) Erzähl mir mehr davon. Was sagt S. dazu, wenn du dir in
Zürich ein Zimmer mietest? Ist sie nicht ängstlich, was du in dem
nächtlichen Zürich anstellen könntest?? ;-) Doch ich glaube, du würdest
jede Stunde davon geniessen. Es ist ein ganz eigenes Gefühl, in einer
Stadt, wo man als junger Mensch gewohnt hat, herumzugehen. Das merke ich
wenn ich mal nach Uppsala komme, was leider allzu selten ist.
*
Nun habe ich so lange geplaudert, dass du wirklich von Wortschwall reden könntest. Will dich nicht länger aufhalten.
So wünsche ich dir noch einen schönen Abend und einen angenehmen Tag morgen.
Mit lieben Grüssen
Marlena
Dienstag, 4. August 2020
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