Liebe Malou
Deine Bilder sind appetittreibend. Aber es scheinen doch
eher Portionen für ein nobles Mahl, also für Leute, die
keinen echten Hunger haben. Aber immerhin, die Platten
schauen schön aus. Und wenn ich neben der Jelinek sitzen
würde, um diese paar Gabeln zum Mund zu führen, da
würde ich mich bestimmt verschlucken.
Ich meine, die Jelinek ist nicht wirklich in Stockholm. Aber
gesetzt der Fall, sie wäre es .... Ich kann mir ungefähr
vorstellen, wie sie als Mensch sein müsste, obwohl ich sie
ganz und gar nicht kenne. Ich meine, sie reagiert auf jedes
kleineste Ding, das rundum vorgeht. Sie ist superwach. Und wie bei allen Menschen, die superwach sind. ist sie
auch misstrauisch. Vielleicht betrachtet sie diesen dünnen
Stab quer durch den Dessert mit besonderer Argwohn.
Wenn sie weit geht, legt sie ihn beiseite wie einen giftigen
Pfeil, mit zwei Fingern und gekäuselter Nase.
Wahrscheinlich wird sie schon vorher im Menue
herumstochern und irgend welche Dinge finden, zur Not
auch bloss ein Pfefferkorn. Und jedesmal bleibt natürlich
unsere Konversation im Sande stecken. Jedesmal muss ich
wieder von vorne anfangen, weil sie so mit ihrer
psychischen Abwehr beschäftigt ist.
Na ja, vielleicht kann ich ihre Aufmerksamkeit erreichen,
indem ich ziemlich forsch frage, indem ich sie gegenüber
mir misstrauisch werden lasse. Wenn ich ihr ins Ohr
flüstern würde, dass der Preisträger für Physik sie von
weitem so merkwürdig und gedankenversunken beobachte.
Dann wird sie nicht mehr ruhig schlucken. Sie wird nur
noch rundum äugen und ihren Puls steigen lassen. Sie wird
sich eingeengt fühlen, wenn nicht verfolgt. Ich meine, es ist
nicht zu abwegig, sich durch einen Nobelpreisträger für Physik verfolgt zu fühlen. Er muss doch schon ein
besonders eigenartiger Kerl sein.
Na ja, vielleicht sollte ich mit ihr über ein paar harmlosere
Dinge reden . Aber ich habe ja ihre Bücher nicht gelesen. Ich
kann also nicht irgend eine merkwürdige Szene aus einem
ihrer Romane aufgreifen und mit ihr diskutieren. Ich habe
nichts zur Verfügung. Und bestimmt wird sie selbst nicht
darüber sprechen. Sie wird kein lockeres Gespräch
anfangen können, weil sie sich schwerlich mit alltäglichen
Gedanken abgeben kann, ja nicht abgeben will. Es gibt für
sie kaum Belanglosigkeiten, weil sie alles auf ihre eigene
Person bezieht. Sagen wir, das Licht würde für einen
Moment aussetzen: die Jelinek würde es persönlich nehmen.
Auf alle Fälle wird sie bei mir einen ziemlich stacheligen
und eckigen Gesamteindruck hinterlassen. Wenn immer
ich nonachalant etwas vorbringe, wird sie widersprechen,
wird einschränken, Bedenken anmelden, Gegenargumente
vorbringen. Sie kann sich bestimmt nicht einfach einem
harmlosen Gedanken anschliessen und sich damit
verführen lassen. Sie lässt sich nicht verführen, die Jelinek.
Dazu ist sie viel zu empfindlich. Sie ist wie ein
geschundenes Tier und keinesfalls handzahm.
Und wenn ich mich dann verschluckt hätte, in dieser
kühlen und leicht widrigen Atmosphäre, und in dieser
noblen Gesellschaft losgeprustet und losgehustet hätte,
dann wäre die Jelinek in Entrüstung erstarrt .
Sie hätte sich in wachsender Steife abgewandt zu ihrem
Nachbarn auf der anderen Seite, einem älteren, brav
wirkenden Opa, und hätte mich mit meinem Hustenanfall
allein gelassen. Und ich hätte mich dann hilfesuchend an
die fesche Dame zur anderen Seite gewandt, die mit
ihrem femininen Charme im eleganten Abendkleid meinen
Hustenreiz bestimmt innert Sekunden wieder beruhigt hätte.
Du siehst, ich bin nicht sicher, dass ich dieses Mal wirklich
genossen hätte. Nicht mal mit dem Servierpersonal hätte
man spassen können. Da lobe ich mir ein derbes Essen in
der lauten und quicklebendigen Universitätsmensa.
Mit einem lieben Gruss
...
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subject Lust und Schönheit..
Lieber ...,
Ich bin sicher, dass du die Tafel nicht hungrig verlassen
hättest. Die Bilder waren von der Vorspeise und dem
Dessert. Dazwischen gab es noch ein reichliches Hauptgericht.
Das Nobelfest ist keine langweilige Geschichte. Die Leute
haben viel Spass und amüsieren sich köstlich. Du hättest
dich nicht gelangweilt... auch nicht in der Gesellschaft von
Elfriede. Sie ist "ganz anders" als man sie sich vorstellt,
wenn man über sie liest. Ich glaube es wäre sehr leicht
sich mit ihr zu unterhalten.
Aber natürlich ist sie eigen. Sie führt ein komisches
zurückgezogenes Leben und sieht die Welt durch die
Medien. Zeitungen, Fernsehen u.s.w. Und natürlich hat
sie ihre eigenen persönlichen Erfahrungen aus ihrem Leben
mit einer Mutter, die sie nicht losliess.
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Hast du übrigens die Nobelrede von der Jelinek gehört?
Sie bezeichnet darin ihre Sprache als "einen Hund, der ihr
davonläuft und sich von anderen Leuten "kraulen" lässt".
Nun wünsche ich dir einen schönen Tag,
mit lieben Grüssen,
Malou


... ich lese auch sehr gern von der eigenwilligen Elfriede Geschriebenes...
AntwortenLöschenLiebe Freundin, ein gutes Wochenende für dich
herzlichst, Edith
Dann hast du sicher auch Michael Hanekes meisterliche Verfilmung von Elfriede Jelineks Roman "Die Klavierspielerin" gesehen. Unvergesslich!
LöschenAuch dir eine schönes Wochenende, liebe Edith
Du Liebe, ich habe gerade wieder bei dir gelesen und ich musste schmunzeln, bin ich doch gerade dabei über die Schrift, die sich verschlechtert mit den Jahren, ein Gedicht zu schreiben.... - Und ja, diese Romanverfilmung wird tief in mir bleiben, ein Beweis, dass auch ein Film gut gelingen kann ... Dir noch feine Sonntagabendstunden, liebe Freundin...
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