Sonntag, 3. September 2017

Handschrift und Jelinek


Liebe Malou

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Übrigens habe ich auch festgestellt, dass meine Handschrift in den
letzten Jahren (10 oder vielleicht 20, ich weiss es nicht so genau)
ungeheuer gelitten hat. Es ist merkwürdig, dass man diese Fähigkeit
verlieren kann. Hätte ich eigentlich nicht gedacht. Und in Rom, als
ich mir jeden Abend einige Notizen gemacht hatte, war mir aufgefallen,
wie sehr das Schreiben von Hand eine Einstellung und eine
Konzentration auf die Hand beinhaltet, eine Art von Kooperation
zwischen Kopf und Hand, die sehr viel Disziplin und eben Konzentration
voraussetzt. Und ich habe mich ein bisschen erinnert an die ersten
paar Jahre als Schulanfänger und die grosse Mühe damals, mit dieser
Schrift fertig zu werden. Aber sie ist etwas Schönes, die Handschrift.
Der Nostalgiekick, den ein Brief bewirkt, kann ich nur bestätigen. Und
was ich besonders mag, sind Briefe, die ein bisschen impulsiv
geschrieben sind und die vielleicht noch ein paar Skizzen oder
Zeichnungen beinhalten. Das erinnert an die Skizzen von da Vinci. Ich
versuche auch, in meinen handschriftlichen Dingen ohne Linie zu
schreiben und mache denn einen kleinen Bogen, ähnlich wie eine leicht
gebogene Brücke. Das sieht meiner Ansicht am besten aus. Ich glaube,
ich war da von alten persischen Schriften angeregt worden, die sich
weit weniger an ein rechtwinkliges Koordinatensystem halten wie die
unsere. Und wenn ich in ganz grosser Laune bin, dann nehme ich für
meinen handschriftlichen Brief ein Blatt so gross wie viermal A4. Auf
einem solchen Fusballfeld kann man ohne Hemmungen wirken. Und die
Leute sind jedesmal begeistert von solchen Mammutbriefen und
Übersichtsplänen. Am besten wirken sie, wenn man die Zeichnungen
dazwischen noch leicht koloriert. Dann stehen sie da Vinci überhaupt
nicht mehr nach.

Habe ich gar nicht gehört, dass die Jelinek den Preis bekommt. Sie ist
eine sehr eigene Dame. Ich habe sie schon im Fernsehen gesehen. Und
ich habe auch nichts wirklich gelesen. Sie ist schwierig. Sie scheint
mir auch eine schwierige Person. Aber ich glaube, im Literaturbetrieb
ist sie schon herausragend. Ich hatte immer den Eindruck, sie sei
ungefähr so alt wie ich. Das könnte stimmen, nicht wahr? Da siehst Du
nur. Wenn wir damals, bei der Berufswahl, anders gewählt hätten, dann
stünden wir heute, in unserem Alter, auf der Liste der
Nobelpreisträger oder der Heiligsprechungen. Irgendwas haben wir
vielleicht damals doch falsch gemacht, nicht wahr? Doch man muss
sagen, dass mit der Globalisierung die Nobelpreise vermehrt politisch
geworden sind. Ebadi war ein solches Beispiel. Und man muss einfach
alle Nationen einigermassen berücksichtigen. Und man muss mit
bedenken, dass die Literatur in den letzten Jahren sehr abgegeben hat.
Sie hat sich der Massenkultur und dem Entertainment angeglichen. Na
ja, die Jelinek ist hier aber gerade eine Ausnahme.

Ich werde heute zu Mittag schwarze Spaghetti essen. Die habe ich von
Rom mitgebracht. Eigentlich war ich von der Vorstellung ausgegangen,
dass sie mit der Tinte des Tintenfisches gefärbt seien. Aber S hat nun
festgestellt, dass das blosse Lebensmittelfarbe sei. Solch eine Lüge!
Aber ich werde sie trotzdem essen. Vorher allerdings bin ich noch mit
W und lili unterwegs. Ich glaube, wir können es wagen. Das Wetter ist
zwar nicht ganz blauhimmelig, aber doch einigermassen passabel.
Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.
Mlgus
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