Montag, 18. September 2017

Wie Männer unter sich sind


Liebe Marlena

Ja, den Text über de Botton und sein Proust-Buch habe ich
zufällig gefunden, und am liebsten würde ich Dich dreimal
raten lassen, von wem Du denkst, dass er geschrieben sei.
Das geht ja nun mailenderweise nicht sonderlich gut.
Dennoch kann ich es Dir nicht einfach so platt heraus
verraten. An wen also - meinst Du - sollen wir Deine Eloge
weitergeben?? Sollen wir das im multiple-choice-Verfahren 
lösen:
Günter Grass, Marcel Reich-Ranitzki, Andrea Köhler von
der NZZ, John Updike, de Botton himself, Milos Kundera
oder vielleicht Daniel Cohn-Bendit?? Alle wären möglich.
*
Von der schwierigen Situation, in die Du mich gestossen
habest, habe ich nichts gemerkt. Ich wäre Dir doch sehr
dankbar, wenn Du mich jeweils vorher warnen würdest,
falls Du wieder einmal einen solchen Streich im Schilde
führst. Denk doch mal: es gibt nichts Dümmeres als eine
schlimme Situation, in der man sich befindet, die man
selbst aber nicht einmal bemerkt. Das ist dann fast keine
schlimme Situation mehr. Mit anderen Worten, das ganze
Vergnügen geht praktisch verloren.

Wir Schweizer in der Tat, wir sind vielleicht die
gehetztesten Menschen auf dieser Welt. Gerade am Montag
habe ich im Club mit einem Kollegen darüber diskutiert,
der ungefähr in meinem Alter ist. Er arbeitet in der
Baubranche als Generalunternehmer. Das ist ein harter
Job, alle Firmen und Handwerker zu organisieren und zu
kontrollieren, damit das Gebäude zum Schluss in Glanz
und Glorie dasteht. Ich hatte früher immer den Eindruck,
er wäre ein sehr gehetzter Mensch, unsicher, nervös und
gejagt. Aber heute nach ca. 20 Jahren kommt er in sehr
feinem Tuch daher, ist ein wohlsituierter Mann und gibt
rundum Ratschläge an alle, die überhaupt nicht danach
gefragt haben. Er ist noch immer bei weitem nicht mein
Liebling in diesem Club, aber er hat sich doch sehr positiv
entwickelt. Das zumindest habe ich ihm irgendwie gesagt,
und er war sehr geschmeichelt, von dieser seiner
Beförderung zu hören. Ich erinnere mich, wie er mich mal
gebeten hatte, für die Eröffnung einer grossen
Gebäulichkeit eine kleine Rede zu schreiben. Das war -
wenn ich mich recht erinnere - eine Schule. Aber
schlussendlich konnte er an der Feier nicht teilnehmen,
weil er erkrankt war.

Dieses ist einer der interessantesten Aspekte in einem
solchen Männerclub: Zu sehen, wie Männer unter sich sind
und alt und älter werden. Das ist ein schlagendes
Argument, zu dem Du mir sicherlich Recht geben wirst.
Ein solches Männerexperiment ist interessant und rührend,
bisweilen lehrreich, manchmal angenehm, oft
bemerkenswert, fast immer sehr kalorienreich. Man könnte
behaupten, es sei extrem altmodisch, einer mono-
geschlechtlichen Vereinigung anzugehören, ähnlich dem
katholischen Klerus oder der Fremdenlegion. Und vielleicht
ist es das auch. Die amerikanischen Clubs haben meist auch
Damen in ihren Reihen. Und in den Statuten unserer
Vereinigung ist vor einigen Jahren sichergestellt worden,
dass wir Damen nicht ausschliessen. Das wäre eine
Menschenrechtsverletzung oder ähnlich, haben die
Amerikaner gedroht. Wir haben dann auch in unserem
Club abgestimmt darüber, ob wir ihn für Damen öffnen
sollten. Ich war damals eigentlich dafür, denn ich habe
gedacht, dassdie Atmosphäre sich nur verbessern könnte,
wenn noch einige tüchtige, interessante und womöglich
hübsche Damen unter uns sässen. Doch meine älteren
Kollegen haben blendend dagegen argumentiert. Sie
sagten, sie wären für die Aufnahme von Damen in den
Club, doch unseren eigenen Frauen sei das nicht
zuzumuten. Sie würden eifersüchtig werden, beleidigt,
empört oder wie immer. So haben wir beschlossen, in
unseren Club die Sessel für Damen vakant zu behalten
und uns stattdessen für einen separaten Damenclub
einzusetzen. Es gibt ihn mittlerweile, und gelegentlich
besuchen wir uns gegenseitig. Und ich konnte feststellen,
dass sie nicht alle so tüchtig, so interessant und so
hübsch sind.
*
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit einem lieben Gruss

...


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