den 6 mars 2000 14:05
Re: Narzissmen
Liebe Marlena
Ich danke dir für den lieben Brief. Ich bin froh, dass du meine Ironie verstehst und nicht alles ernst und 1:1 nimmst, was ich schreibe. Das gäbe nur böses Blut. Ich habe natürlich nicht mehr daran gedacht, dass ich dich gebeten hatte, mir eine hübsche, blauäugige und blonde Psychologin zu schicken. Doch wenn ich jemanden anstelle, muss ich mit mir immer sehr misstrauisch sein, ob ich das tue, weil die Person einfach sympathisch ist, oder weil sie wirklich gut und qualifiziert ist. Wenn ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen würde, so hätte ich wahrscheinlich nur weibliche Mitarbeiterinnen rund um mich herum. Das ist eigentlich sehr einseitig und falsch, denn auch weibliche Mitarbeiterinnen kochen nur mit Wasser und gelegentlich kann man sich tüchtig über sie ärgern, weil sie so stur oder so beschränkt sind. Da sieht man nur, wahrscheinlich bin ich eben selbst auch stur und beschränkt. Wir haben uns übrigens diesmal auf einen Mann geeinigt, und ich bin - wie nicht anders zu erwarten - nicht besonders glücklich. Es hätte durchaus eine junge, sympathische und aparte Psychologin gegeben, doch sie hat für unsere Aufgaben noch zuwenig Erfahrung. Ich bin wohl bei Männern noch viel kritischer als bei Frauen. Frauen verführen mich allzu leicht. Aber lassen wir das Thema, es ist ja bloss business as usual.
Unser Symbol für die Schweiz WAR der Igel, muss ich sagen. Das stammt aus dem 2. Weltkrieg, als das ganze Land, die französisch- und italienischsprechende noch mehr als die deutsche Schweiz, als alle Angst hatten vor einem Angriff der deutschen Wehrmacht. Damals hat unser General Guisan (ein Welscher=französisch-schweizerischer Compatriote, gottseidank) eine Verteidigungskonzeption entwickeln lassen. Und sie ist unter dem Stichwort "réduit" in die Geschichte eingegangen. Die Idee war, dass die Schweizerbevölkerung sich in die Berge zurückzieht, wenn die Deutschen einmarschieren. Das Mittelland und den Jura würde man dem Feind überlassen, Taktik der verbrannten Erde sozusagen. Das ist im Grunde genommen eine Igelfantasie, und sie hat uns vielleicht im 2. Weltkrieg das Leben gerettet, oder hat uns zumindest moralisch aufgerüstet. Heute gibt es konservative Politiker, die dieser Idee immer noch sehr anhängen. Es sind die Gegner des Beitritts der Schweiz zur EU. Und sie haben vielleicht immer noch mehr als 50% der Bevölkerung hinter sich. Die Schweiz hat in ihrer Geschichte seit 800 Jahren immer ihre Unabhängigkeit betont und ist dabei recht gut gefahren. Und so ist es heute für viele Menschen schwierig, die Konsequenzen der Globalisierung zu verstehen und zu kapieren, dass eine Integration der Schweiz in Europa eigentlich unausweichlich ist. Aber wir nehmen uns Zeit. Du kennst ja die Igel. Sie sind nicht nur defensiv, auf pure Verteidigung eingerichtet, sie sind auch sehr langsam (manchmal kann man zwar staunen, wie schnell sie sind, diese possierlichen Tierchen, nicht wahr?)
Deine Beschreibung deiner Fotos über dem PC hat mir echt gut gefallen. Das ist geschrieben wie in einem Roman des 19. Jahrhunderts. Am besten in Erinnerung ist mir das Foto mit deinen Zieheltern, wo du als kleines Mädchen im hübschen Röckchen mitten unter den Erwachsenen stehst. Das ist dort mit dem allerprächtigsten Weihnachtsbaum? Meine Fantasien über dich gingen immer etwas in die Richtung, dass du wie eine kleine Prinzessin gewesen sein musst. Ich meine das ohne kritischen Unterton, das muss ich als Schweizer sagen, denn wir sind keine Royalisten und zeigen im allgemeinen gegenüber Prizessinnen nicht besondere Verehrung. Ein Prinzessinnen-Kind ist Einzelkind, materiell eher verwöhnt, von Aufmerksamkeit der Eltern überschüttet, die ihm in ihrem fortgeschrittenen Alter alle Wünsche von den Lippen lesen, die ihr Kind über alles stellen, die alles für ihr Kind geben, die aber natürlich auch wollen, dass ihr Kind wohlerzogen und hübsch und adrett daherkommt, womöglich mit einer grossen Schleife im Haar. Ein Kind eben unter Erwachsenen. Ich weiss nicht genau, wie ich zu diesen Fantasien gekommen bin. Vielleicht stimmen sie nicht. Vielleicht hast du noch ganz andere Seiten.
Und daneben dein Onkel, der Charmeur! "Weiberheld", was du im Wörterbuch gefunden hast, klingt ein bisschen vulgär, würde ich nicht sagen, neben einer "Dame von Welt", wie du deine Tante früher bezeichnet hattest. Aber eine Dame von Welt und ein Charmeur, das passt sehr gut zusammen. Das ist im Grunde genommen die ideale, erfolgsversprechende Kombination. Wenn es sie in deinen Eltern nicht schon gegeben hätte, dann müsste man diese Paarung geradezu erfinden. Ich glaube, sie ergänzen sich aufs Beste. Und dazwischen eine kleine Tochter à la Ingrid Bergmann, das ist ein schönes Bild, das ist schon eine Ikone, ein Wunschtraum aller Menschen.
Ich bitte dich, deine Schilderungen nicht "Narzissmus" zu nennen. Das ist es ja nicht. Nun sind wir Psychologen natürlich die Narzissten par excellence. Wir sprechen von nichts anderem als von uns selbst. Psychologen machen ständig und andauernd in Exihibitionismus und in Outing und in Selbstdarstellung. Und das gilt in gesellschaftlichen Kreisen als sehr unkultiviert. Ist es auch! Es ist nicht sehr kultiviert, immer nur von sich zu reden, denn das ist im Grunde kein gemeinsames Thema. In der Gesellschaft redet man mit Vorteil vom Wetter, von den Börsenkursen, oder von den dummen Nachbarn, oder dann wieder von der Kriminalitätsrate, von den Fleischpreisen, vielleicht noch von den Affairen Clintons? Aber sicherlich nicht von sich selbst, von den letzten Ferienerlebnissen noch von eigenen Migräneanfällen. Also, meine liebe Marlena, sei bloss etwas narzisstisch. Das stört mich überhaupt nicht. Das ist der leichteste Weg, sich kennenzulernen. Das ist vielleicht nicht sehr kultiviert und gesellschaftsfähig, aber das sind diese modernen Kontakte via Mails ohnehin nicht. Eine Mail-Freundschaft ist eben in Gottes Namen nichts Kultiviertes. Ein Mail ist so kultiviert wie ein Hamburger mit Ketchup und Zwiebeln. Ich glaube, einen solchen Vergleich habe ich schon einmal irgendwo angestellt, oder?
Da kommt mir eine Szene in den Sinn: Meine Frau und ich haben uns erstmals im Hyde Park in London getroffen. Ich glaube, ich habe dir davon erzählt. Als wir dies hier in der Schweiz einem Onkel erzählten, einem wahren Gentleman mit Pfeife und Hut und guten Manieren, der über lange Jahre in England gelebt hatte, sagte dieser schweizerische Gentleman, indem er seine Gentleman-Augenbrauen leicht anhob und die Stirn kräuselte: "ach, on common grounds ?". Das hat uns sehr amüsiert. Es ist eben nicht sehr kultiviert, auf der Strasse eine Bekanntschaft zu machen. Das ist sicherlich in allen royalistischen Gesellschaften gleichermassen ein fauxpas, unter anderem auch in der persischen, die ja damals noch sehr royalistisch war. Man muss sich in Gesellschaft vorgestellt werden. Das ist die bürgerliche Art, sich kennenzulernen. Das ist eine ebenso gute und schöne und solide bürgerliche Sitte wie das altehrwürdige Duell. (ich hoffe, du verstehst meine Ausführungen, die heute immer wieder mit kleinen ironischen Klecksern durchsetzt sind, entschuldige, vielleicht wird es wirklich etwas unübersichtlich und vieldeutig dadurch?).
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Magst du die Einsamkeit? Warum denn das? Du sehnst dich nach Einsamkeit, wenn du in Gesellschaft bist? Und du träumst von Zweisamkeit, wenn du einsam bist? Ist das vielleicht so? Ich kann mich erinnern, wie du ziemlich heftig protestiert hast, als ich deine Single-Lebensweise als "trendy" bezeichnet habe. Ich bleibe natürlich bei meiner Analyse. Es ist trendy, was immer deine Gefühle und deine Einstellung dazu sind, es ist und bleibt trendy, da kannst du gar nichts gegen machen, meine Liebe. Vielleicht lebst du gegen deinen Willen so, aber es ist eben nun mal trendy. Du kannnst sagen, der Trend ist nicht der Grund, warum du so lebst. Du könntest auch sagen, du lebst so, obwohl es ein moderner Trend ist. Ach, ich quassele (umgangssprachlich für reden) zuviel. Entschuldigung meine Liebe. Langsam fange ich an, dich zu lieben. Pass auf Marlena. Platonisch natürlich, das haben wir ja so vertraglich abgesprochen, nicht wahr, obwohl ich mit meinen barocken Gefühlen das Platonische oft nur als "Knochen ohne Fleisch" empfinde. Doch das ist auch schon eher wieder ironisch. Vergib mir.
Ich muss arbeiten jetzt, es ist 0805, das Pult ist voller Papier und schaut mich an wie ein zerzauster, hungriger Löwe. Wenn ich in seine Nähe gehe, bin ich verloren. Er wird mich mit Haut und Haaren verschlucken, soweit ich ihn kenne. Ich werde bis abends nicht mehr loskommen. So ist das bei Löwen, bei hungerigen.
Ich wünsche dir eine gute Woche. Hat jetzt deine Arbeit wieder angefangen? Oder hast du immer noch Ferien, du Glückspilz? Wir Schweizer haben die längsten Arbeitstage in Europa, sagt man hier immer wieder. Und wenn es nicht wahr ist, so ist es mindestens gut erfunden! S'e non e vero e ben trovato, oder so ähnlich in italiensich.
Mit einem schönen Kuss (Handkuss natürlich, was in der Schweiz völlig unbekannt ist und hier sehr nach k&k und süsslich aussieht und worüber alle schmunzeln würden). Macht ihr das in Schweden, als alte Royalisten, den Handkuss? In der Schweiz gibt es bloss den Wangenkuss (beidseitig bitte sehr, oder sogar dreifach vor allem in der Romandie), den Lippenkuss (repräsentativ für die bürgerliche Liebe und sehr verräterisch wegen des vielbenutzten Lippenstiftes), den Zungenkuss (die bürgerliche Intensivvariante, sehr leidenschaftlich und tiefgehend und feucht) und den Negerkuss (wieder ironisch und auch kalorienreich). Letzteres ist eine Süssigkeit, eine mit dünner Schokoladenschicht überzogene weisse und klebrige Zuckermasse, die du sicherlich auch kennst, vielleicht einer der süssesten Küsse, die man auf der Welt applizieren kann, abgesehen vom Intimkuss vielleicht, auf den ich aber jetzt nicht näher eintrete. Also, meine Liebe, ich lass dich, sonst werde ich zu frivol.
Mit einem lieben Gruss von deinem Mailpartner
(klingt wie eine offizielle Funktionsbeschreibung zuhanden der Steuerbehörde. Hat mich sehr erstaunt, deine Anrede! Wie bist du dazu gekommen?)
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