19 February 2008 13:43
subject Dies dann doch
Liebe Malou
Wir haben hier einen schönen, sonnigen Tag, rundum blauhimmelig und klar. Die Tauben am Himmel scheinen so weiss, als ob sie Möwen wären. Aber Möwen sind bei uns in der Regel nicht zu sichten. Bei der Arbeit ist viel los. Es gibt im Büro in L ein bisschen zuviele Dinge, die auf dem Herd dampfend kochen. Eine Mitarbeiterin hat auf Ende März gekündet. Eine Mitarbeiterin hat krankheitshalber um 20% reduziert. Eine weitere ist auch irgendwie krank, hat aber noch kein längergültiges Arztzeugnis. Und schliesslich ist eine weitere Mitarbeiterin hochschwanger und kann jeden Moment aussetzen. Du siehst, M hat viel zu tun, bis hier alles wieder rund läuft. Und selbst hatte er in den Frühlingsferien auf Teneriffa einen Sturz vom Velo und läuft jetzt mit einem strahlenden Veilchen rund ums Auge umher.
Aber ich lebe mit dem Gedanken, dass ich hier bloss mehr etwa 1 Jahr arbeiten werde. Das alles macht mich also nicht mehr wirklich heiss. Meine Pensionierung ist ein nostalgischer Gedanke, das weisst du Malou. Sehr sogar, denn das Ende verführt dazu, auch an den Anfang zu denken, an die damaligen Hoffnungen und Freuden vor 25 Jahren, an die Zeit, als die Kinder klein waren, an viele Situationen mit der Familie, an den Umbau des Hauses, die Samstage mit Gartenarbeit, das Zopf-Backen im Holzofen, die Besuche von Freunden, die Liebe .... Es erinnert mich stimmungsmässig an die Schrift 'La dernière classe' von Daudet, die von diesem französischen Lehrer im Elsass erzählt, der seine letzte Stunde gibt, damit die Schüler dann fortan in die deutsche Schule gehen sollten. Ich glaube wenigstens, dass der Inhalt so läuft. Wir haben im Gymnasium nur den Anfang gelesen, mussten ihn sogar auswendig lernen.
Ich versuche vorwärts zu schauen. Wenn ich zurück schaue, wird mir schwindelig und traurig zumute. Ich habe bemerkt, dass ich mich besser auf den Moment und die etwas kleineren Dinge konzentriere. Am besten ist es, mit praktischen Pflichten des Alltags beschäftigt zu sein. Nun ja, man tut, was man kann.
Jetzt muss ich noch einige Bewerbungen lesen. Die stammen eben genau von solchen jungen Leuten, die nach ihrem Diplom voller Hoffnungen sind und sich eine Existenz aufbauen wollen. Sie stehen da, wo ich damals gestanden war. Ich kann mich noch erinnern, wie ich damals in O. meine Bewerbung für diese Arbeitsstelle geschrieben hatte. Es war eine Tante hier in L, die mich darauf aufmerksam gemacht hatte. Und ich hatte mir, das muss ich sagen, angesichts von Alter und damaligen Berufserfahrungen, ziemlich gute Chancen ausgerechnet. Ja du weisst Malou, ich habe mich niemals irgendwo beworben, ohne dass sie mich dann genommen hätten. Ich habe mich allerdings auch nicht allzu häufig beworben.
Ich hoffe, bald von dir zu hören. Du kannst doch nicht den ganzen Tag im Liegestuhl im Garten in der Sonne liegen, oder ??
Liebe Gs und Ks
...
Freitag, 17. Juni 2011
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