Donnerstag, 10. Februar 2011

Küchengeflüster

(ungekürzt)


den 26 juni 2003 07:22
Re: Küchengeflüster

Liebe Marlena

Jetzt hat das Wetter etwas abgekühlt. Der Himmel ist bedeckt, aber es regnet nicht. Doch es wirkt - nach sovielen Tagen hellen Sonnenscheins - ein bisschen düster. Gestern hat unser Kollege M. seinen Abschied gegeben. Beim Liferanteneingang hat er ein grosses Buffet aufgestellt mit vielen kalten Speisen. Aber ich bin kaum dazugekommen, zu essen. Ich habe etwas von diesem Eggplant Salat genommen. Aber die Dinger waren noch etwas zäh. Und dazu ein Glas Orangensaft, keinen Wein ! Es war heiss wie in der Vorhölle. Und dann habe ich M. getroffen, die Juristin, die jetzt - wie sie mir des Langen und Breiten erzählt hat - am Gericht und nicht mehr in der Personalabteilung arbeitet. Wir haben uns mal in einem Kurs kennengelernt. Sie ist eine hübsche Frau und sie war mit einem Typen da, von dem ich dachte, es wäre irgend ein Arbeitskollege in einer tieferen Funktion. Na ja, es gibt so Typen, die Frauen begleiten, damit diese nicht allein hingehen müssen. Sie fühlen sich geschmeichelt, eine schöne Frau begleiten zu können. So einer dachte ich. Dann war es aber ihr Mann, wie ich indirekt aus dem Gespräch entnahm. Und da musste ich ihn auch etwas berücksichtigen und ein paar Worte wechseln, sonst hätte er noch eifersüchtig werden können. Man sieht daraus nur, wie ungelenk wir Schweizer in diesen sozialen Dingen sind. Bei Persern würde sowas niemals passieren. Sie würden ihren eigenen Mann direkt, sofort und mit Vergnügen vorstellen. Natürlich hängt das auch damit zusammen, dass man hier nicht als Paar, sondern als Individuum zählt.
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Nächste Woche beginnen bei uns die Sommerferien. Und wenn die Schulen geschlossen haben, wird hier alles still und friedlich werden, und ich werde Zeit haben, aufzuräumen und Dinge zu lesen, die ich schon immer lesen wollte. Ach, der Sommer ist eine wundervolle Zeit. Und dazu muss ich mein N.Y. Projekt organisieren. Du fragst, ob ich sicher bin, dass ich wegen des Kurses hingehe? Wegen nichts anderem. Ich bin noch gar nicht so sicher, ob ich hingehen soll. Aber alle überreden mich dazu. Die Frage ist, was mein Arbeitgeber dazu sagt. Bezahlt er den Kurs? Die Reise? Die Unterkunft? Wir sind in einer grossen Sprarphase, und ich glaube, mein neuer Chef wird nicht zu grosszügig sein können. S. meint, das tue nichts zur Sache, notfalls solle ich dies privat bezahlen. Aber für mich ist NY wirklich kein Traumziel. Ich glaube nicht, dass für mich 14 Tage in einer riesigen Stadt wirklich ein entspannendes Urlaubsziel sind. Wirklich nicht. Und dazu umgeben von all den Amis, die wohl immer noch ziemlich hysterisch sind. Nein, ich würde lieber nach Arles fahren, oder noch besser nach Aix en Provence. Oder vielleicht ins Burgund, wo es schöne romanische Kirchen gibt. Notfalls auch nach Italien oder Spanien. Aber bestimmt nicht NY. Man sollte den Amis zur Zeit nicht zuviel Aufmerksamkeit geben. Sie haben es nicht verdient. Na ja, ich werde sehen.
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Es ist wirklich so, Deine Mails klingen ganz anders, wenn Du Ferien hast. Du scheinst ein anderer Mensch zu sein. Das ist gut so. Aber man darf hier - wenn man meiner Theorie folgt - nicht denken, das sollte während des ganzen Jahres so sein. Wenn Du das ganze Jahr Ferien hättest, wäre es bestimmt nicht so. Dann würden die kleinen Sorgen zu grossen Sorgen heranwachsen. Sorgen haben es an sich, dass sie gut gedeihen. Vor allem die lockeren Zeiten sind ein guter Boden für sie. Sorgen müssen durch andere Sorgen gebändigt werden, wie das Unkraut im Garten. Man darf ihnen nicht zuviel Platz geben, sonst werden sie überdimensional gross, wie diese immensen Kürbisse, die man manchmal bei Hobbygärtnern sieht. Und dazu kannst Du dich über die neue Küche freuen, über Herd und Microwelle. Na ja, da kann ich nicht sonderlich gut folgen. In eine Küche habe ich mich bisher in meinem Leben nie verliebt. Aber ich kenne durchaus Leute, die das tun. Vor allem Frauen. Und sie haben recht. Man steht viele Stunden in der Küche, wenn man genau rechnet. Weshalb sollte man sich dort nicht zufrieden und glücklich fühlen? Vielleicht, wenn ich mal in Pension bin, werde ich wieder mehr in der Küche stehen. Als S. frisch in die Schweiz gekommen war, hatte sie überhaupt nicht gekocht. Damals arbeitete sie in einer amerikanischen Firma. Und so lag es an mir, die Küchendinge zu erledigen. Ich habe oft Pizza gemacht, wenn ich mich richtig erinnere. Und auch Siedfleisch, in einer riesigen Pfanne voller Wasser. Erst später habe ich bemerkt, dass es nicht soviel Wasser braucht. Und so sagt S. oft, sie hätte von mir kochen gelernt. Aber das ist eine nette Übertreibung. Die paar Dinge, die ich damals zuzubereiten pflegte, kann man an einer Hand abzählen.

Manchmal schaue ich mir im Fernsehen Kochsendungen an. Sie sind mittlerweile etwas in Mode gekommen. Die Leute kochen gemeinsam, manchmal Prominente, und dazu diskutieren sie über dieses oder jenes. Das ist manchmal unterhaltsam, und man sieht gewisse Kochtechniken, die man noch nicht kennt, manchmal auch Geräte, von denen man denkt, sie wären auch in der eigenen Küche praktisch. Das finde ich unterhaltsam und erspart mir später ein üppiges Mahl. Nein, ich habe die Bedeutung des Essens ziemlich heruntergeschraubt. Und im Moment ist es ohnehin zu heiss, noch zu essen. In den letzten Tagen war es am nützlichsten, wenn man das Essen trinken konnte.
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Jetzt wünsche ich Dir einen guten Tag und hoffe, dass Dir Deine Küche viel Spass macht.

Mit lieben Grüssen
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