Liebste Marlena
Es ist wunderschön, dich wieder zu hören. Willkommen bei uns armen Netzbürgern, in dieser virtuellen Netzgemeinschaft von Sündern, Verlorenen und unsterblich Verliebten. Wir haben dich sehr vermisst.
Und du schreibst mir ein süsses Mail, ein ganzer Orkan von Lobeshymnen an mich, dass ich gleich mal nachschauen muss, was in aller Welt ich dir denn geschrieben hatte.
Die schönen freien Tage sind vorbei. Es waren wunderbare Tage, voller Sonne und sehr warm. Gelegentlich gab es ein kleines Gewitter, so wie heute Nacht. Aber jetzt, am Morgen, ist der Himmel wieder blau und schön. Es ist beinache wie im Wallis. Wenn es dort regnet, ist es nur für Stunden, und dann kommt die schöne Sonne wieder. Das Wallis ist der sonnigste Teil der Schweiz, das musst du wissen.
Und diese Woche habt ihr jetzt Abiturfeier und das ist wunderbar. Man kann auf ein arbeitsreiches Schuljahr zurückblicken und alle sind festlich gestimmt und die vielen Sorgen und Nöte während all er Wochen und Tage sind vergessen. Was immer man aus Distanz anschaut, es ist schön und abgerundet und irgendwie perfekt (per-factum oder so wäre das wohl in Latein). Ich glaube, der Liebe Gott, der ja alles aus Distanz sieht, würde sich wundern, wenn er etwas näher herankäme und sich auch mit den Details beschäftigen müsste. Die Details sind manchmal sehr beschissen (entschuldige, ein Slangausdruck meiner Töchter, sehr unpassend in einem Mail an Marlena). Doch aus der Entfernung - sagen wir in der Perspektive von einem Satelliten aus - sieht alles so rosig und schön aus, von einem bläulichen Schimmer umgeben, als ob die Menschen dort unten keinem anderen Menschen ein Härchen krümmen könnten. Ich hoffe, du geniesst diese Woche. Und natürlich ist sie voller Vorfreude auf die Ferienwoche in Italien. Du wirst noch richtig Italienisch büffeln (dh. hart lernen, wie Schüler vor dem Examen). Ich hoffe, du lernst doch nicht soviel, dass du die Italian Lovers dort unten allzu gut verstehst. Sie haben wirklich allen Charme der Welt und sie sind mit Sonne vollgetankt. Ich meine, so stelle ich sie mir vor, ich habe ja da keine einschlägigen Erfahrungen. Ti voglio bene, mit diesem Satz könntest du dort unten schon echt ein Unheil anrichten. Ein echter Latin Lover wird das schon als unzweideutige Liebeserklärung auffassen und sein Programm gleich starten und in ein paar Sekunden wäre er schon bei 100 oder mehr. Und du musst wissen, sie sind wie die Vulkane dort unten, sie sind wie der Vesuv und der Aetna zusammen genommen. Sie werden bei einer blonden Schwedin alle Register ziehen, das kann ich dir versprechen. Und du wirst deine ganze Schlauheit brauchen, dich dort aus der Schlinge zu ziehen, meine liebe Marlena.
Also, ich schlage vor, du vergisst diesen Satz ti voglio bene (behalte ihn für mich auf, ich kann sowas gut brauchen), und du spezialisierst dich auf Wassermelonen und auf die Siesta. Ach, es ist schön in Italien. Wir sind die ganze Familie jedes Jahr an die Adria gefahren im Sommer, für 3 Wochen oder so. Damals hatte es noch nicht soviele Leute. Und wir haben den ganzen Tag gebadet und mit gleichaltrigen Kindern gespielt und uns die Zeit um die Ohren geschlagen. Besonders in Erinnerung habe ich dieses Gefühl, wenn du Abends ausgehst. Du bist leicht bekleidet, es ist auch nicht mehr so heiss wie tagsüber. Aber auf der Haut spürst du noch immer die Sonne und irgendwie das Salz des Meeres. Es gibt so ein schönes Gefühl mit Energie aufgeladen zu sein. Und dann schaust du dir die Italienierinnen an, die jungen Mädchen, die ganz unschuldig am Arm ihrer Mama oder ihres Papas spazieren und noch gar keine Gedanken zu haben scheinen, irgend jemanden kennenzulernen. Aber die Deutschen und die Holländerinnen, die sind dann schon etwas raffinierter, auch lockerer gekleidet. Von den Schwedinnen gar nicht zu reden, diese blonden Dinger, die, wenn sie richtig braun sind, aussehen wie die Inkarnation der Verführung. Ach nein, ich glaube nicht, dass es damals soviele schwedische Touristen gab an der Adria.
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Und jetzt schicke ich dir dieses Mail. Ich glaube, am Montag - wenn du überhaupt den alten Stundenplan hast - hast du morgens etwas mehr Zeit. Aber in dieser letzten Woche wird ohnehin alles anders sein als es gewesen ist. Ich gönne dir diese Entspannung.
Und damit du es weisst, ich mag dich, wenn du schlau bist. Ich glaube auch nicht, dass du berechnend bist, du bist mehr auf eine intuitive Art schlau. Als emotionaler Mensch witterst du eben immer rundum alles, was los ist und läuft. Du fährst nicht bloss auf einem Geleise gerade dahin, wie viele es tun. Wir Männer sind doch manchmal sehr monoman. Wir haben etwas im Kopf und wollen geradewegs darauf los, wie ein wilder Stier in der Arena. Und das ist nicht immer sehr intelligent. Nur eine kleine Bewegung der Veronica des Matadors, und der Stier donnert an der ganzen Geschichte vorbei und wundert sich, warum das jetzt in die Hose ging. Ich könnte dir jetzt wieder so eine schöne Liebeserklärung machen und ein Loblied anstimmen, dass Dir die Angst vor dem real life kommt. Das will ich nicht, denn die Zeit drängt. Es freut mich aber, dass du an diesen Moment im real-life denkst.
Mit meiner Montag-morgen-liebe küsse ich dich
...
Montag, 7. Februar 2011
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