Donnerstag, 31. Januar 2013

die klassische Pose


Wie Männer kochen

...

Nebenbei gesagt weiss ich, liebe Marlena, wie Männer kochen. Ich mach das heute eigentlich kaum mehr. Aber früher habe ich auch ab und zu gekocht, so, wie Männer eben kochen. In der einen das Weinglas, in der anderen den Kochlöffel, dass ist die klassische Pose. So was gehört sich. Ohne das wäre Kochen Galeerenarbeit und die Küche die wahre Hölle. Mit dem Wein aber schon ein bisschen anzufangen, das gibt der Küche jenen Glanz, die sie überhaupt erträglich, ja vielleicht gar wohnlich macht. Man muss aber auch wissen, dass das nicht freiwillig ist. Es herrschen hier ziemlich verbindliche Regeln und Gesetze: Es geht darum, dass man den Wein rechtzeitig zu öffnen hat. Es geht darum, dass man zu prüfen hat, ob denn der Zapfen nicht riecht. Es geht nicht zuletzt darum, dass man sich für ein Vorhaben solcher Grössenordnung – nämlich ein Essen auf den Tisch zu bringen – dass man sich für ein solches Wagnis etwas Mut antrinken muss. Denn wenn man daran denkt, was dabei alles schief gehen könnte! Also, meine Liebe, alle Männer der Welt kochen auf diese Art und Weise. Nicht alle kochen sie vielleicht eine Bouillabaisse, aber alle fuchteln sie mit Weinglas und Kochlöffel herum. Das ist – darwinistisch gesprochen - das Resultat stammesgeschichtlicher Evolution. Soweit die Summe soziobiologischer Erkenntnis! Und was auch erkannt ist: Männer kochen mit doppelt bis dreifachem Budget als ihre Frauen. Und sie waschen nicht ab post festum und überlassen die schmutzige Küche dem Personal. Wer auch immer dieses Personal sein mag. Gott möge sie segnen und behüten, diese Männer der Welt!!!

Ich selbst bin heute soweit, dass ich mir erlaube, mit dem Weinglas in der Luft herum zu fahren, ohne dabei gleich kochen zu müssen. Das mag jetzt etwas überheblich klingen, Marlena, ist es ja vielleicht auch. Aber es braucht doch viel Arbeit an sich selbst, zu trinken, ohne zu kochen. Das ist sozusagen eine Trapeznummer ohne Netz. ...



Blick durchs Fenster



 
heute

Mittwoch, 30. Januar 2013

On the road again ...


Ämne: on the road again ...
Datum: den 5 oktober 2000 15:10

Liebste Marlena
Ach, wie süss, dass Du mich so bedauerst wegen meiner kleinen Grippe. Du bist lieb und ich weiss nicht, ob ich mich von Dir gesundpflegen lassen könnte. Wahrscheinlich wäre ich explosionsartig wieder fit und würde das Krankenbett in Windeseile zum Liebesnest umwandeln. Na ja, das ist etwas gewagt ausgedrückt!! Und vielleicht müsste ich ja schon noch zwei oder dreimal die Nase schneuzen oder niessen ;--).

Zugegeben, es ist unangenehm, wenn die Nase dauernd läuft. Es ist unangenehm, wenn man nachts mehrmals aufwacht, weil man keine Luft hat. Es ist unangenehm, wenn anfangs das Kopfweh die Gedanken trübt und wenn man schlapp herumliegt. Aber wenn es schliesslich etwas besser geht, dann ist es wundervoll, krank zu sein. Meist habe ich tausend Ideen, was ich jetzt endlich alles lesen und schreiben könnte. Aber weil ich noch nicht voll in Form bin, bin ich sehr nachsichtig mit mir und lese und schreibe nicht sehr diszipliniert. Und sehr viel schneller als erwartet, ist die Zeit wieder um und die grossen Gelegenheiten sind verpasst und ich muss wieder ins Büro und bin wieder in die alten Zeitverhältnisse eingezwängt. Aber im allgemeinen ist es fantastisch, krank zu sein. Ich geniesse es richtig, brauche mir meine Teelein und schleiche schlapp in der Wohnung herum und lasse mich durch nichts aus der Ruhe bringen. Ach, krank müsste man sein!
Ich weiss, ich weiss, das ist natürlich dumm gesagt. Und auch nicht so gemeint.

---

Dank meiner freien Tage hatte ich Gelegenheit, das Buch, worüber wir gesprochen haben, zu lesen. Ich bin noch nicht zu Ende. Und ich bin ein wenig ambivalent, ob ich es gut finden soll oder bloss halb-gut. Was ich bisher faszinierend fand, ist die Beschreibung der Kosmologie Dantes, wie sie in der Divina Comedia zum Ausdruck kommt. Das habe ich noch nie so detailliert erzählt bekommen. Und ich habe den Eindruck, man versteht das Mittelalter, vor allem auch mittelalterliche Malerei und Kunst besser, wenn man das weiss. Den Übergang ins Weltbild der Renaissance zeigt sie anhand von Giottos Fresken, der ja hundert Jahre vor der Zeit mit der Perspektive angefangen hat zu arbeiten. Und ein weiterer Übergang demonstriert sie an Raffael, der dann schon von einem homogegenen kosmischen Raum ausgeht. Alle diese Erläuterungen finde ich vor allem kunstgeschichtlich interessant. Ich habe das nirgendwo bisher so detailliert gelesen. Aber schliesslich ist Kunstgeschichte im Grunde ein Teil der Mediengeschichte. Wertheim konzentriert sich auf das Verständnis des Raumes. Und das ist echt spannend, wenn man ans Mittelalter mit Erde, Himmel, Hölle und Fegfeuer denkt. Sie zeigt, wie sich langsam die wissenschaftliche Vorstellung eines homogenen, leeren Raumes herausgebildet hat. Soweit bin ich. Im Grunde geht es ihr letztlich darum, das heutige Cyberspace mit alten Vorstellungen von geistigen Welten, etwa dem Himmel, zu vergleichen.
Andererseits merkt man schon, dass sie keine Kunsthistorikerin ist, und dass sie einen transatlantischen Abstand zu unserer europäischen Kutlur hat. Das hat aber wohl auch sein Gutes, weil sie sich dann nicht in Details verliert und vielleicht die Wesentlichen Züge klarer sieht. Sie schreibt ein wenig undiszipliniert, wiederholt sich oft, hüpft gerne ein bisschen. Es ist nicht so konzise, wie ein gutes europäisches Buch wäre. Ich hatte einen ganz ähnlichen Eindruck wie nach dem Vortrag Renzullis. Ich fand, diese Amerikaner seien sehr undiszipliniert und lassen ihre Gedanken ganz nach Lust und Laune laufen wie junge Hunde. Aber vielleicht ist es für die Aufnahmefähigkeit des Lesers (oder Hörers) besser als ein gereinigtes und kappes und eindimensionales Konzentrat. Vielleicht ist es wirklich freundlicher gegenübr dem Publikum, habe ich mir schliesslich gedacht. Und ich versuche, die Art, wie sie schreibt, zu respektieren.
Warte noch einen Moment, Marlena, bis Du das Buch bestellst. Ich werde mein abschliessendes Urteil geben. Aber wenn Dich nichts mehr hält, dann lies es sofort. Das würde uns sicherlich interessante Diskussionen erlauben.
*
Heute sitze ich also wieder im Büro. Weil Ferienzeit ist, ist mein Kalender ziemlich leer. Und das ist schön. Ich räume auf, ich versuche mich ein bisschen am neuen Computer, der noch noch wie ein ET dasteht, ich lese dieses und jenes. Ach, so sollte man das ganze Jahr arbeiten können. Das wäre wundervoll.

*
Nochmals danke ich Dir für Deine lieben Mails, Marlena. Sie sind immer von dieser diskreten Eleganz, die Dich unverwechselbar macht. Und sie sind sehr lieb.
Ich küsse Dich...

lazy monday afternoon

 (ungekürzt)

Ämne: lazy monday afternoon
Datum: den 12 augusti 2002 15:42

Liebe Marlena
Heute klappt etwas nicht in unserem Mailing-System. Ich kann meine Box nicht
öffnen, obwohl ich morgens früh und jetzt auch wieder versucht habe. Obwohl
ich natürlich hoffe, in meinem Box ein Mail schlummern zu haben, schreibe
ich Dir jetzt so in die frische Luft hinaus.
Gerade komme ich vom Club-Essen zurück. Es war lustig, nach den 6 Wochen
Sommerferien die alten Gesichter wieder einmal zu sehen. Diejenigen, die mit
uns im Iran waren, fühlen sich als spezielle Gruppe. Sie sind arisiert,
könnte man sagen, wenn das nicht ein so schlimmes Wort wäre. Sagen wir also,
sie sind iranisiert. Und nächstes mal wird unser lieber T ein Referat
über den Islam halten, so hat er bei S vorgesprochen und ich habe ihm
auch ein paar Artikel gegeben. Ich bin mittlerweile ein gut dokumentierter
Islam-Kenner. Und überigens bin ich selbst Moslem, wie Du sicherlich weißt.
Ich bin doppelt versichert und werde im Himmel sehr wahrscheinlich ein
Zimmer mit Balkon und mit Seesicht haben. Na ja, zumindest Balkon, und den
See könnten sie dann ja so verschieben, dass er vor meinem Balkohn liegt.
Das ist alles noch nichts, verglichen mit den 69 Jungfrauen, die sie den
Märtyrern im Himmel versprechen. Ich will damit sagen, dass mein Balkon
schon so gross sein sollte, dass noch drei oder vier Jungfrauen Platz finden
würden. Aber wir werden sehen.
Morgen Abend werden wir die Leute nochmals treffen, die zusammen im Iran
waren. Einige werden wohl schon Fotos mitbringen. Und so werden wir trotz
Regenwetter sonnige Bilder anschauen. Einer von uns wollte zwar später
kommen, weil er eigentlich beim jährlichen Rheinschwimmen mitmacht. Zu
diesem Anlass geben sich tausende von zumeist jüngeren Baslern dafür her,
ins eiskalte Rheinwasser zu steigen und einige hundert Meter rheinabwärts zu
schwimmen, rundum begleitet von Polizeitbooten, Rettungsflossen und
natürlich einigen Hunderten von weiteren Wagemutigen. Aber jetzt hat er
seinen Plan doch aufgegeben, weil das Wetter so schlecht sei und weil der
Rhein Hochwasser führt. Er denkt, man werde den Anlass ohnehin absagen. Da
siehst Du, und dabei ist dieser Freund vor einiger Zeit schon 60 jährig
geworden. Es erinnert mich an Fotos in Zeitungen, die man gelegentlich
sieht, und die uns beweisen, dass im skandinavischen Norden hochvitale
Greise direkt aus der Sauna ins Eisloch auf dem zugefrorenen See springen.
Unser erster Gedanke ist jeweils, dass sie des Lebens müde sein könnten.
Doch das Gegenteil ist wohl der Fall: sie werden gesünder und gesünder. Wir
haben einen hohen Respekt vor solchen Bärenmenschen.
*
Und natürlich hatten wir heute morgen unsere erste Büro-Sitzung nach den
Ferien, wie immer hochbefrachtet mit vielen Tranktanden nach soviel Zeit.
Aber es ist auch gut, wieder anzufangen mit der Arbeit und Nägel mit Köpfen
zu machen. Meine beiden Kollegen waren abwesend. Ich bin der einzige
gewesen, der mehr oder weniger zuhause geblieben und ins Büro gepilgert ist.
Ich mag es einfach, ein wenig zu arbeiten, wenn hier ganz ruhig und alles
verlassen ist. Das ist die beste Zeit. Wie Du weißt, denke ich immer noch,
mein Auftrag auf dieser Erde wäre eigentlich und nach dem Willen der
Himmlischen Nachportier in einem Nobelhotel gewesen. Irgend etwas ist
dazuwischen gekommen. Aber bestimmt nur eine Kleinigkeit.
Diese Woche ist noch einiges los, und wenn man das alles überblickt, steigt
der Adrenalin-Spiegel im Blut. Doch ich versuche, in stoischer Manier die
Dinge anzugehen.
*
Ach, die Kaffeemaschine! Ich erinnere mich, wie ich in den Ferien meinen
Kindern eine Postkarte schreiben wollte, mit der etwas ironischen Anrede:
Liebe A, liebe B und liebe Kaffeemaschine... Sosehr habe ich diese
liebsame Küchenmaschine vermisst. Aber das wäre doch ein bisschen naughty
gewesen. Das kam bloss daher, dass man im Iran selten Kaffee trinkt. Sie
trinken, wie Du weißt, jede Menge Tee, bloss ausnahmsweise mal einen
türkischen Kaffee. Und letzterer schmeckt nicht immer so perfekt, manchmal
auch etwas lau und bloss wie Zuckerwasser.
*
Es ist schön, wie Du Dich für meine Silser-Kurzgeschichte begeistert. Doch
ich habe noch technische Probleme. Einerseits kann ich schwerlich mit dem
Satz "ich habe Angst" anfangen, noch weiss ich eigentlich nicht, in welcher
Figur ich schreiben sollte. Du weißt, was ich meine? Um eine Geschichte zu
erfinden, braucht es eine Schreibmaske. Und das kann aus der Sicht des
lieben Gottes oder aus der Sicht einer der Personen geschehen, die als
Figuren auftreten. Ich glaube, für mich ist es leichter, den lieben Gott zu
spielen und alles in allmächtiger Manier von oben und allwissend
abzuhandeln. Man kann dann Gewisse Dinge überblicken und längere Prozesse
zusammenfassend beschreiben, und muss sich nicht auf dieser Erde mit all
ihren schwierigen Details abmühen. Ich glaube, ich werde Gott spielen. Das
hat allerdings den Nachteil der grösseren Distanz, was leicht etwas
langweilig und vielleicht unbeteiligt wirken könnte.
Hast Du mir eine andere Idee?
*
Ich wünsche Dir eine gute Woche, sofern sie nicht bereits schon begonnen
hat.
Mit einem lieben Gruss

Samstag, 26. Januar 2013

.. und Rom


Campidoglio da Aventino


über Varlin, Renaissance ...
...
Ach, Marlena, ich erzähle dir soviel von diesem Varlin, den du noch nie gesehen hast. Vielleicht langweilt dich das eher. Wenn du mal in die Schweiz kommst, werde ich dir Bilder zeigen.
Nach der Ausstellung sind wir essen gegangen und haben noch geplaudert. Es war ein milder und schöner Sommerabend. Und viele Leute waren unterwegs.Und als ich heimkam, habe ich noch ein bisschen gelesen:

Rom lag am Anfang des 15. Jahrhunderts, also vor der Zeit der Renaissance, darnieder. Die Tempel eingestürzt, die Häuser baufällig, ganze Stadtteile verlassen, überall Schlammlöcher, Hunger, es mangelte an allem.
Rom zählte damals 17000 Einwohner. Dieser Rückgang hatte den Verfall grosser Flächen und Quartiere verursacht. Die Kirche San Paolo wurde als Stall benützt. Auf dem Forum und dem Kapitol weidete das Viel. Deshalb hiessen sie auch Campo Vaccino (Kuhweide) und Monte Caprino (Ziegenhügel).

Papst Martin V machte den Wiederaufbau Roms zum Ziel seines Pontifikats. Er war selbst ein begeisterter Sammler von Marmorbildwerken und Grabstätten. Und zwar, das ist wichtig, unabhängig, ob sie christlich oder heidnisch waren. Im Mittelalter wurden ja viele antike Kunstwerke und Statuen beschädigt, weil man sie für heidnisch, also unchristlich hielt. Den Köpfen wurden die Gesichter weggehackt. Und jetzt kommt plötzlich ein Papst, und sieht in diesen Werken nicht bloss religiöse, sondern ästhetische Qualitäten. Das war neu, und das war wohl der Anfang der Renaissance. Wenn man überhaupt so einen Anfang benennen kann. Doch die Wiederbelebung der Antike war der erste Schritt für eine kulturelle und politische Wiedergeburt. Martin V liess viele wichrige Gebäude wieder aufbauen, zB 1427 den Palazzo Senatorio mit der Torre di San Martino V. Er liess die Kuppen des Pantheon teilweise mit Bronzeplatten decken. Auf sein Raten wurde 1425 das Amt des Magister Viarium wieder eingesetzt. Der sollte auch verhindern, dass alte Gebäude einfach verscherbelt und als Steingrube benützt würden.

Papst Eugen IV war weniger wirksam. Er musste nach einem Volksaufstand nach Florenz fliehen und sich in Sicherheit bringen. Während seines Pontifikats fanden die Konzile in Ferrara und Florenz statt, wo es um die Einheit (Rom und Konstantinopel) der Kirche ging. Auch der oströmische Kaiser Johannes VIII war dabei. Und an diesem Konzil nahm auch ein gewisser Prälat teil namens Leon Battista Alberti. Der Florentiner Baumeister und Theoretiker war nach Rom gekommen mit dem Entwurf für die Cancelleria, die päpstliche Kanzlei, mit der er beeauftragt war. Er stellte sich in den Dienst Eugens IV und konnte die Ereignisse zur Wiedervereinigung von West- und Ostkirche mitverfolgen. Er war geprägt durch die Wiederentdeckung der Kultur der römischen Antike. Das prägte sein Denken. Er verbrachte fast 40 Jahre seines lebens in Rom und Schriften wie descriptio urbis Romae und den Traktat de re aedificatoria, das von Vitruvs de architectura inspiriert war. Alberti hat in diesem Werk - so glaube ich wenigstens - die Bildberpsektive entwickelt. Das ist die grosse Errungenschaft der Renaissance. Im Mittelalter haben sie nicht perspektivisch gezeichnet. Die wichtigen Figuren waren gross, die unwichtigen klein. Deshalb wirken mittelalterliche Bilder so unmittelbar und naiv und kindlich. Und dann kam die Perspektive und die Vorstellung, ein Bild sei wie ein Fenster, wo man hinausschaut, in die Tiefe der Welt. Diese Bildvorstellung dauerte bis in die Moderne. Erst heute malt man wieder Bilder, die sagen, ein Bild ist ein Bild, nicht ein Fenster. Du weißt schon, wie das gemeint ist? Es gibt doch dieses berühmte Bild vom belgischen Maler Magritte. Er hat oben eine Tabakpfeife gemalt, ziemlich kühl und nüchtern. Und darunter hat er mit einer Schülerschrift geschrieben "ceci n'est pas une pipe". Das ist genau dieses Bildproblem, die Frage der Konzeption des Bildes. Es ist nicht eine Pfeiffe, sondern das Bild, die Abbildung einer Pfeife. Und da besteht doch ein erheblicher Unterschied.
Nebenbei gesagt, ich habe seit langem die Idee, ein Porträt meines Chefs zu nehmen, darunter zu schreiben ceci n'est pas une pipe und dann einzurahmen. Das wäre ein Skandal. Im deutschen meint "Pfeife" auch jemand, der zu nichts zu gebrauchen ist. Es wäre ein intelligentes Bild, aber wahrscheinlich würde er mich noch gleichentags feuern. Sowas würde er nicht auf sich sitzen lassen. Ich muss vielleicht jemanden suchen, der nicht soviel Macht hat. Aber es würde natürlich ein riesiges Lachen geben hier in der Region Basel, dass man es bis zu euch oben hören kann.
*
Heute oder morgen wird die Verbindung zwischen Dänemark und Schweden eingeweiht, nicht wahr, oder dem Verkehr übergeben? Wie heisst es, Ölsund oder so. Dann brauchen die Elche nicht mehr nasse Füsse zu bekommen, wenn sie nach Dänemark auswandern wollen. Dann können sie in Kolonnen über diese Brücke wandern und in der Mitte noch ein schönes Picknick machen ;--)
Wenn ich dich jetzt in Stockholm besuche, könnte ich dies trockenen Fusses. Nun ja, das wäre ja schon bisher möglich gewesen, aber mit einem grossen Umweg, nicht wahr? Aber jetzt könnte ich wirklich gleich meine Pantoffeln anbehalten. Das ist doch ein gutes Gefühl. Ich werde es mir überlegen.
Bis dahin wünsche ich euch allen eine gute Zeit
Und vor allem meiner Allerliebsten Allzuschönen
...


über Varlin, Renaissance und..


.. na ja, du wirst schon sehen ...

Liebe Marlena

Diese Ausstellung war sehr schön gestern. Der Maler heisst Varlin. Er
war ganz bekannt, als ich in Zürich angefangen habe zu studieren.
Damals hatte er gerade den Kulturpreis der Stadt Zürich erhalten und
Dürrenmatt hielt seine Laudatio. Er hat die Schweiz einmal an der
Biennale in Venedig vertreten. Sonst blieb er aber bloss innerhalb der
Schweizergrenzen bekannt, im Ausland wohl kaum. Obwohl er
während Jahren in Paris gelebt hatte.
Als ich zu malen begann, habe ich narürlich viel bei ihm abgeschaut.
Varlin ist ein blendender Portraitist. Er malte ein bisschen spontant,
mit momentanen Eingebungen. Das ist gut für Porträts, dann wirken
sie lebendiger. Er hat wirklich schöne Porträts gemacht, damals von
den grossen Intellektuellen: Frisch, Dürrenmatt, Gasser, Loetscher
usw. Und sie waren ja von der schreibenden Zunft, sie haben später
beschrieben, wie sie diese Sitzungen bei Varlin im Atelier erlebt
hatten. Bei Dürrenmatt hatte ich so etwas wie einen Machtkampf
herausgehört. Man muss sich vorstellen, Dürrenmatt war international
bekannt, und Varlin wollte ihn porträtieren. Ich habe daraus gelernt,
dass man als Porträtist immer die richtige Distanz zu seinem Objekt,
also dem Menschen finden muss. Du darfst ihn nicht zu sehr
bewundern, sonst bist du als Maler gehemmt. Du darfst ihn auch nicht
verachten, sonst bist du zu sarkastisch und überheblich. Du darfst ihm
nicht zu nahe stehen, sonst bist du zu romantisch und gefühlsbezogen.
Du darfst ihm aber auch nicht zu weit weg stehen, sonst interessiert er
dich nicht, und das Porträt wird nichtssagend. Und diese Position zu
finden, ist das allerschwerste. Es dünkt mich ein bisschen wie beim
Backgammon Spiel, wie ich es dir beschrieben habe. Die Hauptsache
geht im Kopf ab, nicht auf der Leinwand. Wenn es im Kopf stimmt,
dann wird es auf dem Bild auch einigermassen stimmen, falls du ein
bisschen Maltechnik hast.
Und in diesem Text von Dürrenmatt konnte man lesen, wie die beiden
gekämpft haben. Varlin musste zusehen, dass er sich diesem kolossalen
Monolithen Dürrenmatt, der ja auch körperlich gross und dick war,
dass er sich diesem Brocken gewachsen fühlte. Und dazu verwendete
er - so scheint es - etliche Finten. Er hat mehrmals neu angefangen bei
der Bildskizze. Oder er hat schnell wieder abgebrochen, um mit ihm
zum Essen zu gehen. Er hat die Leinwand nicht auf die Staffelei
gestellt, sondern irgendwo im Atelier an eine Wand gelehnt, so dass
das Bild immer wieder umzufallen drohte.
Zum Schluss hat Varlin diesen grossen Dürrenmatt auf dem
Bettliegend gemalt, auf einer jämmerlichen Matratze, die richtig
durchgearbeitet und gepflügt (erinnerst du dich an dieses Wort?)
wirkte. Und ich glaube im Arm hielt er einen Hund oder sowas,
weiss ich nicht mehr so genau. Das Bild ist dunkel, aber von dort
drüben leuchtet dieses Mondgesicht Dürrenmatts mit dem kleinen
Mund. Eigentlich wirkt es wie das Gesicht eines Babys. Ich glaube,
es ist nicht sein bestes Porträt. Aber immerhin ist es Dürrenmatt.

Dürrenmatt hat Varlin sehr geschätzt. Und in seinem Arbeitszimmer in
Neuenburg hatte er ein riesiges Gemälde mit ein Paar Gestalten der
Heilsarmee (salvation army). Seine Figuren auf den Bildern haben
wirklich eine gute Präsenz. Gestern habe ich auch mein
Lieblingsporträt gesehen. Es zeigt Hugo Loetscher, den Schriftsteller.
Er sitzt in einem hochformatigen Bild in der unteren Hälfte ziemlich
lässig auf einem Fauteuil und raucht (damals hat er noch andauernd
geraucht, heute nicht mehr) und schaut mit seinen Schweinsäuglein
und den grossen Ohren zum Bild heraus auf den Betrachter. Er hat ihn
wirklich erwischt. Es ist wirklich Hugo Loetscher. Kein anderer könnte
so dasitzen, mit einer Mischung aus Nonchallence und leichter
Arroganz. Er ist ja sehr schwatzhaft, dieser Hugo Loetscher. Und
morgens kannst du ihn im Grancafé am Limmatquai in Zürich bei der
Zeitungslektüre sehen. Er ist jetzt dick geworden. Wahrscheinlich weil
er nicht mehr raucht. Er war nie mein besonderer Liebling. Ich weiss
nicht genau warum. Er kommt aus einer Arbeiterfamilie. Vielleicht ist
es das. Er wirkt nicht sehr stilvoll, sondern ein bisschen burschikos.
Und er schwatzt drauflos, wenn man ihn lässt. Das mag ich auch nicht
besonders. Ich mag ihn also nicht besonders, aber er ist heute, neben
Bichsel, der bekannteste Schweizer Schriftsteller.
*
Ach, Marlena, ich erzähle dir soviel von diesem Varlin, den du noch
nie gesehen hast. Vielleicht langweilt dich das eher. Wenn du mal in
die Schweiz kommst, werde ich dir Bilder zeigen.
Nach der Ausstellung sind wir essen gegangen und haben noch
geplaudert. Es war ein milder und schöner Sommerabend. Und viele
Leute waren unterwegs.Und als ich heimkam, habe ich noch ein
bisschen gelesen:

Rom lag am Anfang des 15. Jahrhunderts, also vor der Zeit der
Renaissance, darnieder. Die Tempel eingestürzt, die Häuser baufällig,
ganze Stadtteile verlassen, überall Schlammlöcher, Hunger, es
mangelte an allem. ...

Donnerstag, 24. Januar 2013

"Das schweigsame Fräulein"


Subject: Besser spät ...
Date: Fri, 17 Mar  00:36:34 +0000


Lieber ... !

Heute früh, auf dem Weg zur Arbeit, spürte ich es deutlich. Ein ganz besonderes Licht, die Farbe des Himmels und die Bäume, immer noch Silhouetten, aber nun schon mit einem leichten lila Schimmer in den Kronen, deuten es an: Der Frühling ist unterwegs. Ich mag diese Zeit so sehr, diese Vorahnung von dem Schönen, das bald kommen wird. Noch weiss ich dass es eine Zeit dauern wird bevor es soweit ist aber dann kommt plötzlich der Augenblick wo ich alles aufhalten möchte... noch eine Weile warten ...

Es ist so auch in dem Text von Erich Kästner den ich dir sandte. Ich möchte nicht dass das Bild fertig wird, ich möchte noch keine Gardinen... ich möchte den Mann weiter erzählen hören denn ich ahne was er damit meint und es ist schön ihm zuzuhören :-)

Eigentlich habe ich es dir aus keinem besonderen Grund geschickt (glaube ich). Aber unser Mailen hat mich an diese kleine Geschichte erinnert.. vielleicht weil er immer viel mehr sagt als sie ;-)

Wozu wir sie verwenden? Nur so zum lesen und uns über den Inhalt zu unterhalten. Es geschieht dann mit kleinen Gruppen von älteren Schülern die schon ein Bisschen besser Deutsch können.


Wie du siehst ist es wieder sündig spät geworden. Ich glaubte ich würde ganz frei sein heute Abend aber es kam anders und erst jetzt komme ich zum Schreiben. Mit grosser Spannung habe ich von deiner unheimlichen Geliebten gelesen und ich muss zugeben dass ich zuerst ein wenig eifersüchtig war auf sie ;-) Wer möchte nicht gern so schön und tief geliebt werden.. Und dann habe ich wieder herzlich gelacht weil du so lustig bist und aus Erleichterung, denn es freut mich dass ich dich nicht mit einem so attraktiven Wesen teilen muss.

Du schreibst mir so viel interessante Dinge und gern möchte ich alle beantworten. Ich tue es auch, aber meist nur in Gedanken.. und wie sollst du es wissen können.

---

Ich kann es nicht sein lassen. Schicke dir noch ein Gedicht von Rilke. Dieses kennst du ganz bestimmt, aber vielleicht hast du es lange nicht mehr gelesen.



LIEBESLIED

(Capri 1907)

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich
der aus zwei Saiten e i n e Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süsses Lied.


Wünsche dir eine gute Nacht (oder einen schönen Tag)