Subject: 2. Momo-Portion
Date: Mon, 7 Apr 13:38
Liebe Marlena
Es ist wirklich echt kühl hier und ich bin froh, den Wintermantel nochmals hervorgezerrt zu haben. Erst mitte Woche soll es wieder wärmer werden. Und das tut uns hier, Mensch und Tier, allen gut.
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Ich habe Deine hübschen Fotos im Fotofolder gesehen. Hast Du sie alle selbst aufgenommnen? Besonders bei den Vögeln war ich erstaunt, wie gut Dir das gelungen ist. Ist es eine Drossel, der schwarze Vogel mit den grossen Augen? Es ist ein hübsches Bild. Heute morgen habe ich am Radio gehört, dass es sog. Birder gibt, Leute, die an Wochenenden ausziehen, um irgendwo in der Natur die Vögel zu beobachten. Bei uns in der Schweiz treffen sie sich offenbar am Neuenburgersee. In den schilfigen Ufern gegenüber der Stadt Neuenburg gibt es offenbar eine Vielzahl an Vögeln und anderen Tieren. Ich glaube, Naturbeobachtung ist eine sehr schöne Sache. Und gerade wir Menschen, die das halbe Leben im Büro herumsitzen, hätten es besonders nötig. Erst kürzlich habe ich mir wieder mal gesagt, dass ich öfters an die frische Luft sollte. Früher hatte ich zwei oder dreimal die Woche einen kleinen Waldlauf frühmorgens gemacht. Da konnte man viele Vögel sehen, und manchmal auch Rudel von Wildschweinen. Aber heute quäle ich mich bloss noch mit der gemeinen Stubenschabe herum. Und vielleicht noch mit ein paar aufsässigen Bücherwürmern.
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Ist Dir aufgefallen, dass wir viel übers Wetter reden? Das ist vielleicht ein wenig symptomatisch. Früher haben wir uns kaum über ein Thema wie Wetter ausgelassen. Das Ausweichen auf ein solch konventionelles Thema macht mir ein bisschen Sorgen. Haben wir uns nichts mehr zu sagen? Du hattest Doch mal eine Vitalisierungs-Initiative gestartet mit dem Vorschlag, eine ganz neue Offenheit zu starten, hast sie dann wieder aufgegeben. Was hattest Du eigentlich damit gemeint. Ich hatte es damals nicht richtig verstanden. Aber vielleicht ist es etwas, das uns neu belebt. Oder was denkst Du über unsere Mailerei nach so langer Zeit?
Ich glaube, im Wesentlichen denkst Du, mir sei die Luft ausgegangen. Aber das stimmt nicht. Ich habe noch viel zu erzählen, zu beichten, zu offenbahren, zu behaupten, zu übertreiben, zu verleugnen. Ach, ich könnte bis ans Ende meiner Tage schreiben. Aber vielleicht wäre - na ja - nicht alles so sehr interessant.
Im Moment überlege ich, wohin wir über Ostern reisen sollten. Hier hat es Tradition, dass man in den Süden fährt, vielleicht ins Tessin, vielleicht an die bezaubernden oberitalienischen Seen. Dort gibt es dann zu Ostern Lamm- oder Kitzfleisch mit den feinen provenzalischen Gewürden und einen guten Wein, so dass die Welt und die winterlichen Wunden wieder in Ordnung gehen. Die Nähe zu Italien ist wirklich eine feine Tatsache, obwohl ich heute sagen muss, dass auch die Spanier ganz ok sind, und dass man auch mit den Südfranzosen was anfangen kann. S. und ich waren mal in unseren jugendlichen Jahren in Südfrankreich in den Ferien. Du kennst die Gegend bestimmt: Arles, Saintes Maries, Marseille, Aix en Provence, all diese hübschen Städte mit ihrem südlichen Flair. Mal verirrten wir uns in ein kleines Nest namens Rochelle oder Roche oder ähnlich in der Nähe von Marseille. Wir fanden ein kleines Hotel mit etwa 6 Zimmer. Es gab nur einen spartanisch schmucklosen Gang mit je drei Zimmer links und rechts. Durch die Fenster blendete das helle Mittelmeerlicht. Nach 1 oder 2 Tagen bemerkten wir, dass das süsse kleine Hotelchen eigentlich ein kleines Freudenhaus war. Junge Paare von Marseille kamen angefahren, vergnügten sich in den kleinen Zimmern unter offenen Fenstern an der warmen Meerluft und der Sonnenwärme, um nach ein paar erotischen Kreischereien und Schreien bald wieder zu verschwinden. Wir zwei waren geradezu sesshaft verglichen mit diesen ambulanten Paaren, die sich nicht wirklich Zeit liessen, die feine Küche von Madame zu geniessen, einer Spanierin, die eine exzellente Paella kochte. Wir waren nach 2 Tagen praktisch Einheimische, langweilige Eingeborene, während die jungen flatterigen Vögel kamen und gingen. Teils zeigten sie den Glanz eines gelungenen Climax im Gesicht, teils die profanen Sorgen einer komplizierten Liebschaft. Wir aber, wir sassen im kleinen Gärtchen vor dem Haus und taten uns an Madames Küche gütlich. Und der Chef sass mit zwei Einheimischen am Nebentisch und goss ihnen jede Menge Pastis pur nach, so dass die beiden immer lustiger wurden. Irgendwo habe ich noch eine kleine Zeichnung von diesem Nest am Strand in der Nähe von Marseille. Vielleicht gibt es das heute nicht mehr, vielleicht ist jetzt alles überbaut. Aber damals war es ein kleines, geheimnisvolles Einod gewesen, das in jugendlichen Kreisen von Marseille als Geheimtip kursierte. Nun ja, damals fürchtete man sich mehr vor dem öffentlichen Gerede als vor Aids. Und so war die Liebe damals noch durchaus geniessenswert.
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Ich wünsche Dir eine gute Zeit
Gruss
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Samstag, 12. April 2025
2. Momo-Portion
Montag Morgen
Subject: momo
Date: Mon, 7 Apr 07:04
Liebe Marlena
Ich habe nur ein klitzekleines Bisschen Zeit heute morgen. Muss sofort nach Basel weiterfahren, wo wir die Sitzung haben. Wenn ich nach 07.00h losfahre, komme ich in den Stau und strapaziere meine Nerven. Das mag ich nicht, schon gar nicht gleich am Montag Morgen. Es ist auch hier kühl geworden. Der Himmel iost zwar blau und nur wenig bewölkt. Doch während der Nacht war es mindestens -2°. Ich frage mich, was mit den Pflanzen passiert ist, die wir bereits hinausgestellt haben. Nun ja, sie stehen zwischen den Häusern, wo sie etwas geschützt sind.
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Gestern war ich allein bei Onkelchen. Und ich habe auch selbst gekocht. Hör mal an, gekocht! Nun ja, einige Dinge waren bereits vorbereitet. Ich meine, den Reis hatte S schon zubereitet: Tomatenreis mit Bohnen, meine Lieblingsvariante. Und auch den Salat hatte sie schon gewaschen. So musste ich nur noch den Fisch anbraten. Das ist gut gelungen. Auf jeden Fall fand O. das alles köstlich, auch die vorbereitete Crème . Kurz und gut, ich musste nur den Kaffee selbst anbrühen. Und etwas Maionnaise in der Tube haben wir in einem Kasten auch noch gefunden. Es war köstlich. Nächstes Mal wollen wir wieder einmal auswärts essen. Eigentlich hatte er mich eingeladen, unter Männer sozusagen, ins Restaurant zu gehen. Doch ich habe mit Hinweis auf S. diesen Anlass verschoben. Es ist gut, wenn sie dabei ist, schliesslich macht sie die Hauptarbeit. Und so soll sie das Restaurant geniessen. Onkelchen macht sich immer ganz chick, wenn wir auswärts gehen, zieht die schönste Kravatte an und den besten Anzug. Und beim Bestellen ist er nicht kleinlich. Früher, als er mit seiner Frau unterwegs war, haben sie natürlich Lokalitäten berücksichtigt, die auch bei ihnen eingekauft hatten. Und da ging es nicht an, sparsam zu erscheinen. Sie gaben ihr Geld grosszügig aus. Und das tut er noch heute. Er beginnt gleich am Anfang mit einem Champagne, wählt dann mindestens drei Gänge, und ist auch beim Wein während des Essens nicht kleinlich. Einzig mit der Tatsache, dass seine Zähne nicht mehr die besten sind, hat er zu kämpfen. Er kann nicht schnell essen. Und die Portionen sind so gross, dass er Mühe hat, sie zu beenden. Und das wiederum kann er nicht aufgeben. S. hat die letzten Male veranlasst, dass man ihm die Resten einpackt. Das hat ihn dann beruhigt. Doch in neuerer Zeit bekommt er die Mahlzeiten von auswärts. Und so hat er zuhause kaum mehr Gelegenheiten, Resten aufzuessen. Jedesmal kommt gleich eine neue Portion. Ist es nich gut, das alles zu wissen. Wenn wir mal alt und zitternd vor der Tür stehen, um im Kesselchen die Mahlzeiten entgegen zu nehmen, dann wissen wir schon, worauf es ankommt. Es ist auch gut, eine gefrässige alte Katze im Haus zu haben. Sie hilft, die Resten zu vertilgen und schnurrt einem die Einsamkeit von der Seele.
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Bald ist Ostern. Ich hoffe, das Wetter wird wärmer und freundlicher. Das ist doch, was wir alle wünschen. Schnee um Ostern ist wie Nachsitzen in der Schule. Es ist eine herbe Strafe, und niemand lernt was dabei.
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Mittlerweile ist sieben geworden. Heute abend haben wir im Club Generalversammlung. Das ist, nach einer turbulenten Diskussion ums Budget, immer vor allem ein grosses Fressen. Ich hungere mich ein bisschen durch bis abends, damit ich dort nicht wie Onkelchen am Tisch die Teller anknabbern muss.
Ich wünsche Dir einen schönen Wochenanfang.
Mit einem lieben Gruss
...
Donnerstag, 10. April 2025
Ja bald ...
Ämne: Ja...bald
Datum: den 7 april 15:23
Lieber ...,
Ach, wie schön noch ein mail von dir zu finden. Ich bin gerade erst hier angekommen. Es hat fast die ganze Strecke stark geregnet und K's Scheibenwischer sind nicht mehr von bester Qualität. So konnte ich nur ahnen wie der Weg lief und ob mir was entgegenkam.
Jetzt habe ich schon den Staubsauger hervorgenommen, den ich von zu Hause mitgebracht habe. Derjenige, den es hier, gibt ist nur ein akkustisches Gerät, das nicht an Staub interessiert ist.
Anna ist noch an der Uni, aber sie wird wohl auch bald hier auftauchen. Habe sie von meinem Handy aus angerufen.
Vor ein paar Tagen habe ich mir den Roman "Blonde" gekauft (handelt von Marilyn Monroes Leben). Ich hätte mich nicht dafür interessiert, wenn nicht meine Bekannten, die ihn gelesen haben, so voll von Lob wären. Auch solche, von denen man es nicht vermuten würde.
Habe erst angefangen, darin zu lesen. Leider habe ich eine Pocketausgabe und die Schrift ist so klein, dass ich mich richtig anstrengen muss beim Lesen und gutes Licht brauche. Aber ich glaube nicht, dass es das Buch ist, von dem du gesprochen hast, denn es ist nicht in Ich-form geschrieben, wenn nicht später..
Ach, mein armer Mausfreund. Du musst etwas tun gegen deine Müdigkeit. Das habe ich mir auch selbst versprochen. Ein täglicher Spaziergang steht auf meinem Programm. Ich habe vorgestern einen herrlichen langen Spaziergang mit Gudrun im nahen Wald gemacht. Es ist etwas ganz anderes, auf einem weichen Teppich von Fichtennadeln zu gehen als auf hartem Steinboden. Bei der Gelegenheit habe ich mir auch ein wenig Birkenreisig geholt, das wir hier zu Ostern immer mit bunten Federn schmücken. Und auch ein wenig Heidelbeerreisig, das nach einer kurzen Zeit so wunderbar aussieht, wenn es zu blühen beginnt. Eine ganze Stunde sind wir dort gegangen und haben die frische Waldluft eingeatmet. Gudrun hat kein Auto und kommt sonst nicht in die Natur hinaus. Sie hat sich sehr gefreut über den kleinen Frühlingsausflug.
Hast recht. Lamm ist natürlich das beste, was man zu Ostern essen kann. Und wie du sagst mit einem guten Rotwein dazu.. Bärlauch kenne ich nicht. D.h. ich kenne nicht das Wort. Werde im Lexikon nachsehen, wenn ich nach Hause komme.
Vielleicht stimmt es, dass die Liebe des Mannes durch den Bauch geht. Leider kann ich es nicht an dir ausprobieren.. ;-)
So, nun werde ich hier weitermachen, damit wir dann gleich die Heimfahrt antreten können.
Ich wünsche dir noch einen schönen Abend und ...
Jetzt kommt gerade Anna.
Ich grüsse dich lieb,
Malou
Ostern in Sicht
Ämne: osterninsicht.. Ja...bald
Liebe Malou
Ja, Lammbraten an Ostern ist goldrichtig. Ich glaube, das ist etwas vom besten, passt wunderbar. Und dazu, wie gesagt, Bärlauch-Pesto und ein paar Gewürze, die an den Süden erinnern. Das ist perfekt, wenn man dazu noch einen feurigen Pinot Noir findet. Ach, bei einem solchen Gedeck, da wäre ich bereit, mich nochmals zu verlieben.
Hier haben wir Aprilwetter, wie es im traurigsten Buche steht. Vor einer halben Stunde war es noch sonnig, und jetzt regnet es bereits wieder und der Wind treibt durch die Strassen. Ich habe soeben eine Biographie von Marilyn Monroe rezensiert. Ich weiss gar nicht, wie ich dazu gekommen bin. Na ja, eigentlich liegt der Grund darin, dass derselbe Autor bereits eine Biographie über Mozart geschrieben hat. Und so wollte ich sehen, wie er die Monroe abhandelt. Er schreibt in ich-form. Das fand ich schon mal merkwürdig. Besonders zu Beginn des Buches, wo die Marilyn sozusagen als Dreijährige Spricht. Später löst sich das Problem auf, und ich glaube, es ist nicht so schlecht geworden. Sie hatte ein absolut wechselvolles Leben. Und natürlich findet man in der zweiten Hälfte des Buches jede Menge berühmter Namen. Allerdings bin ich in diesem Gefilde nicht so sehr bewandert. Ich war nie ein besonders eifriger Kinogänger. Na ja, damals, als ich in Zürich studierte, und als der französische Film seine Glanzzeiten feierte, haben wir einige gesehen. Aber sie haben mich selten so sehr beeindruckt, dass ich sie nicht vergessen hätte.
Ich habe heute fast den ganzen Morgen im Büro gezeichnet und gemalt. Das war wundervoll. wenngleich vielleicht für einen Chef ein bisschen merkwürdig. Zu Beginn hatte ich Probleme mit dem Computer. Daraus wurde ich ganz wild und ungeduldig. Aber ich glaube, fürs Zeichnen ist die Stimmung gut. Dann geht man forsch voran und hält sich nicht mit kleinen Details auf. Ich glaube, das ist wirklich mein Geheimtipp. Ich muss mich aggressiv machen, wenn ich malen oder zeichnen will. Ich will dann einfach durch und damit basta. Und das sieht dann schliesslich aus wie Art brut, wenn Du verstehst, was ich meine.
Und jetzt fahre ich heim und lege mich aufs Ohr. Ach, ich bin wirklich faul geworden.
Nun, so ist es eben.
Mit einem lieben vorosterlichen Gruss
...
Montag, 7. April 2025
Noch nicht ...
Liebe Marlena
(---)
Kennst du Jean Piaget? Wahrscheinlich hast du von ihm gehört. Er war vielleicht der grösste Psychologe neben Sigmund Freud. Er hat die kognitive (nicht emotionale, wie Freud) die kognitive menschliche Entwicklung untersucht mit seiner Forschung. Seine Theorien sind absolut interessant, aber auch nicht ganz leicht bis ins Letzte zu begreifen. Ich zumindest habe das nie ganz geschafft. Piaget war ein Genie, schon früh in der Schule hatte man das bemerkt. Und er war aus Neuchàatel, also ein Welschschweizer. Worauf ich aber hinaus will: als er schon ziemlich alt war gab es im Fernsehen ein Porträt über unseren Jean Piaget. Man konnte ihn sehen mit seinem weissen Haar und wie er an seiner Tabakpfeiffe herumfingerte und in alter Manier diskutierte und argumentierte. Interessant, ja frappant für mich war nicht der alte Piaget, sondern sein Büro. Es war das absolute Chaos, voller Papier auf den Regalen, Papier auf dem Pult und - wenn ich mich recht erinnere - sogar Papier am Boden. In meinem Bild-Gedächtnis sehe ich den alten Piaget, wie er in einer Flut von Papieren versinkt und ertrinkt. Ich glaube, er war schon ein bisschen senil.
Nun ja, so sieht es um mich herum ja dank meiner S und aus vielleicht ein paar anderen Gründen noch nicht gerade aus. Aber ich bin auf gutem Weg dazu (zum Chaos, nicht zur Senilität)!
Immer wieder finde ich neue interessante Artikel, die ich lesen möchte und zur Seite lege. Auf der andern Seite sollte ich periodisch wieder aufräumen und die alten Sachen wegräumen, die ich nicht mehr brauche. Und alles in allem müsste zwischen diesen beiden Prozessen eine Balance sein. Du verstehst was ich meine? Im Büro sage ich meinen Mitarbeitern (zum Spass mehr als im Ernst): Jeder der zu mir ins Büro kommt und Papier mitbringt, ist verantwortlich, dass er ebensoviel Papier wieder hinaus- und mitnimmt. Unwichtig was es ist, es muss gleichviel sein. Sonst ersaufe ich hier in meinem Büro!
Und so ein Samstag Abend ist ideal, ein bisschen Papier aufzuräumen und dieses und jenes durchzuschauen. Und weißt du, wie das schliesslich geendet hat? Ich habe zwei alte Artikel gefunden und sie (nochmals) gelesen. Der eine war über...
À propos Unordnung.
Lieber ...
Als Anna klein war hatte ich ein Spiel erfunden (eigentlich waren es beide). Das Spiel hiess "Ska-den-vara-där?-leken"
Du schaust dir einen Gegenstand an, irgendetwas in deiner Nähe, und fragst: Soll das dort sein? Und wenn die Antwort "nein" ist (was in 90 % der Fälle passiert ;-) so fragt man weiter: "Wohin gehört es?" Und wenn man es dann an den rechten Platz gestellt hat, bekommt man Punkte dafür.
Du kannst dir garnicht vorstellen wie viele Dinge in Windeseile ihren richtigen Platz gefunden haben und wir haben um die Punkte gewettet und hatten einen riesen Spass dabei. Natürlich hat sie mit der Zeit meine geheime Absicht bemerkt ...
Versuchst du es mal mit deinem Büro? Du kannst dabei Zeit nehmen und zählen wie viel du in 5 Minuten finden wirst. Und nachher wirst du dich wundern, wie schnell so viel richtig gelandet ist. Naja, dein Büro sieht sicher nicht aus, wie es hier damals und manchmal auch noch heute aussieht. Wie du manchmal sagst, man könnte darin schwimmen.*
Weisst du, ... Wir schreiben uns nun schon so lange und es kommt sicher immer öfter vor, dass ich dir wieder von etwas erzähle, was du eigentlich schon weisst. Dann schäme ich mich ein wenig über mein schlechtes Gedächtnis. Aber wie du ja ind deinem heutigen Mail sagst: man kann es immer wieder erzählen. Das tröstet mich ein wenig.
*
Nun lasse ich dich wieder, an diesem grauen regnerischen Tag und wünsche dir alles Gute,
Mit lieben Grüssen
Marlena
RE:
Skadenvaradär, das Spiel scheint ja auf den ersten Anblick sehr überzeugend. Und man ist geneigt, es auszuprobieren. Aber - das zumindest war mein erster Gedanke - aber es ist ein Spiel, das von ordentlichen Erwachsenen erfunden worden ist. Es setzt voraus, dass man weiss, dass ein Ding nicht hierher, sondern richtigerweise dorthin gehörte. Es setzt also ein Gefühl für Ordnung voraus. Was aber, wenn man das nicht hat. Was tut einer wie ich, der ein Ding in der Hand hat und eben gar nicht weiss, wohin er es tun sollte.
Natürlich gibt es eine intuititve Topologie im Raum. Und ich kann sagen, wo meine neuen Bücher sind, die ich rezensieren muss, wo meine Wörterbücher stehen, wo die Dinge liegen, die ich in der Dokumentation verstauen sollte. Aber es gibt soviele Papiere und Dinge, die sich nicht für einen bestimmten Platz entscheiden können. Sie schweben sozusagen im Raum wie helle, nach Waschpulver riechende Leintuchgespenster. Vor allem will ich sie nicht zu gut verstauen, weil ich sie sonst vergessen würde. Deshalb erhalten sie vielleicht einen Platz, der etwas zu prominent ist. Die mangelnde Ordnung hängt also wohl damit zusammen, dass die vielen Dinge der Erledigung harren. Erledigte Dinge lassen sich in der Regel sehr einfach versorgen.
Ich glaube, Du siehst meine Probleme. Und ich fühle mich hier dem genialen Jean Piaget artverwandt.
The Hours
(Mail wiedergefunden)
To: "'marlena..@hotmail.com'"
Date: Tue, 1 Apr 08:49
Liebe Marlena
Aber ich wünsche mir die Tage gleich golden, nicht bloss goldumrandet. Richtig überflutet mit Gold.
*
Ich habe Dich geschlagen. Echt, Du bist auf den zweiten Platz verwiesen! Darin hast Du die Nase nicht vorne! ;--)) Du wirst es auch kaum erraten, was ich hier meine. Es ist vielleicht auch nicht so wichtig, wie ich es jetzt mache. Aber ich habe gestern abend, kurzentschlossen und aus dem Bauch heraus, den Film The Hours gesehen. Und ich bin in der Tat begeistert. Die Verknüpfung dreier Frauenschicksale - alle sind sie Frauen von diesem hellen, anglosächsischen Typ - ist wirklich gut gemacht, sehr abwechslungsreich und höchst komplex. Am meisten liebte ich Meryl Streep (so heisst sie doch?) als Mrs Dalloway 'im besten Alter' Sie ist herrlich, wenn sie mit ihren grünen Handschuhen in Küche und Stube herumfuchtelt. Und ist bis zu den Ohren voller Gefühle, Hoffnungen ebenso wie Enttäuschungen. Virginia Woolf im 19. Jahrhundert, die mit ihrem Mann in Richmond England lebt, ist wirklich so eckig und ein bisschen fremd wie eine schizoide Person. Man hat Mitleid mit ihrem Mann, der sich einsam für sie aufopfert. Aber die Situationen im Haus, auf dem alten Bahnhof, in den Strassen oder bloss im Garten sind hinreissend schön. Das scheint wirklich altes englisches Pflaster zu sein! Und die dritte Frau lebt einen langweiligen American Way of Life, liest Woolfs Roman und ist ein bisschen verloren in dieser künstlichen Vorstadtwelt der kleinen Einfamilienhäuschen im Süden Amerikas. Später stellt sich heraus, dass ihr kleiner Sohn, dem sie auch etwas hilflos und linkisch begegnet, der grosse preisgekrönte und aidskranke Schriftsteller war. Mit anderen Worten, die drei Frauen leben zu verschiedenen Zeiten. Doch ihre Schicksale berühren sich immer wieder.
Ich bin noch ganz begeistert von den schönen Bildern und der Komplexität, die zum Denken anregt. Ich werde auch S. empfehlen, hinzugehen. Ich habe mir ja den Montagabend ausgesucht. Das Kino war bloss zu einem Viertel besetzt, aber zumeist mit jungen, Popcorn knackenden und kichernden jungen Mädchen. Offenbar ist der Film jugendfrei. Und das ist er ja wirklich. Ich glaube, dass Du ihn rasch auch sehen solltest. Wenn Du mir dann erzählst, was Du gesehen hast, dann kann ich ihn ein zweites Mal durchgehen. Vielleicht kannst Du auch herausfinden, woher der Titel stammt. Hours, was ist damit gemeint? Einmal liegt Meryl Streep mit ihrer Tochter auf dem Bett und sinniert über ihre Vergangenheit. Sie redet über das Glück im Leben und stellt fest, dass es ein Moment war. Es war ein Moment, wo man meint, jetzt ist das Glück da und es werde immer mehr. Aber das Glück war nur dieser eine Moment. Ich glaube, das ist sehr gut beobachtet. Ist nicht der ganze Film eine Frage nach dem Lebensglück und was wir uns gegenseitig dafür bedeuten können? Wir leben für den anderen, damit der andere nicht stirbt. Na ja, Du musst es Dir selbst anschauen.
Heute werde ich über Mittag nach Basel fahren. Ich hoffe, es sei dann etwas wärmer als morgens, da ich auf dem kleinen Bahnhöflein ziemlich gefroren hatte.
Ich wünsche Dir einen goldüberlaufenen Tag
Mit einem lieben Gruss
...