date 4 July 07:08
subject Re: Sommer
Liebe Malou
Hast du ihn gesehen ? War er nicht grossartig? Ich meine, ihr Schweden kennt euch doch in diesen Dingen aus! Er war fantastisch! Alle sagen es. Alle Zeitungen sind voll davon. Er ist aller Darling in der Schweiz. Wir haben seit Willehlm Tell keinen mehr gehabt wie ihn. Und er ist sehr heimatverbunden und spricht in treuen Worten von seiner Heimat. Er ist ausserordentlich gut und bescheiden. Das sind genau die Qualitäten, die wir uns wünschen in der Schweiz. Nicht grosse Worte. Keine riesigen Extravaganzen. Top performance und verbale understatements.
Na ja, ich spreche natürlich von unserem Roger Federer. Ich habe gestern noch mit grossem Zufall den letzten Satz gesehen. War es nicht wie ein Sonntagspaziergang?
Und im Übrigen habe ich viel geschlafen, Kaffee getrunken und gelesen. Ja, was du über die Jellinek sagst, mag stimmen. Ich vergleiche mich natürlich nicht mit ihr. Aber es ist nicht nur der Stil im engeren Sinne, der mich stört. Ich meine überhaupt, wie sie ihre Gedanken führt. Womit sie beginnt. Wie sie von einem zum nächsten springt. Es ist alles so prosaisch und hat für mich keinen Reiz. Ich weiss noch nicht, ob ich das Buch zu Ende lesen kann.
Aber ich habe übers Wochenende eine Biographie von einem Walliser gelesen. Ich hatte sie zufällig im Antiquariat gefunden. Ich hatte schon oft von Hannes Taugwalder gehört und habe die Gelegenheit gepackt, seine Jugenderinnerungen endlich einmal zu lesen. Und er hat mich einigermassen berührt. Er war ein einfacher Junge aus Zermatt und wollte aus tiefsten Herzen Bergführer werden. Doch ein Unfall an einem Fronleichnamstag und ein Fehler des damaligen Dorfarztes Dr. Volken hat sein Leben enorm verändert. Einer seiner Arme war so sehr durch Schwellung und einen zu engen Gips geschädigt worden, dass er ihn später kaum noch brauchen konnte. Ich hatte den erwachsenen Taugwalder vor Jahren einmal am Fernsehen gesehen und hatte damals gedacht, er hätte vielleicht in seiner Jugend an Kinderlähmung gelitten. Einer seiner Arme schien mir im Jacket ziemlich dünn und kraftlos. Aber ich hatte nicht gewusst, was ihm damals widerfahren war. Na ja, ich fand auch die Schilderungen des alten Zermatt sehr interssant, die ja aus der Zeit vor dem Weltkrieg stammen. In meiner Klasse am Gymnasium gab es einen Schulkollegen, der während mehrer Sommer in den Ferien in Zermatt gearbeitet hatte. Er war als Kutscher beschäftigt, musste die Pferde pflegen und war vor allem auf die Drinkgelder der Gäste angewiesen. Stell dir vor! Er erzählte gelegentlich von den langen Stunden des Wartens am kleinen Bahnhof und von den Gästen, die aus aller Welt angereist waren, um im sommerlichen Zermatt mit ihrem Geld um sich zu werfen. Ich selbst hatte diese Touristen nur gelegentlich am Bahnhof Visp gesehen, wenn sie von den Schweizerischen Eisenbahnen auf die kleine BVZ, die Brig-Visp-Zermatt-Bahn umgestiegen sind. Besonders im Winter, vor den Weihnachtsferien, gab es oft riesig Betrieb. Und der Visper Gepäckträger, ein sonst jahraus jahrein etwas fauler und bequemer Kerl, musste plötzlich springen und schleppen und schnaufen. Natürlich lag oft ziemlich viel Schnee, was all diese Arbeiten erschwerte. Und die attraktiven Damen in ihren ausladenden Pelzmänteln hatten bloss ihre Beauty-box zu tragen, und die Männer machten grosse Gesten und haben das grosse Worte geführt. Sie waren Deutsche, Franzosen, auch Italiener, gelegentlich Engländer.
Siehst du, er hat mich völlig von Jellinek abgelenkt.
Und du bist beschäftigt mit Zügeleien und hin- und her ? Bestimmt sehnst du dich bald zurück an die ruhigen und friedlichen Zeiten, als du noch an der Schule gearbeitet hattest.
MLG
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Jahr 6
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