Dienstag, 4. August 2020

Offenheit u.a.m.

Lieber ...

Diese Offenheit, von der wir mal geschrieben haben, ich weiss nicht ob ich sie mir eigentlich wünsche. Immer noch möchte ich dich nur meine guten Seiten sehen lassen und wenn man sowas tut ist man natürlich nicht zu 100% offen. Ich glaube auch nicht, dass ich deine innersten Geheimnisse kennen möchte. Doch ganz sicher bin ich auch wieder nicht. Vielleicht hätte ich gern, dass du dich bei mir beichtest. :-)
*
Gerade in diesen Tagen ist eine unserer bekanntesten Schriftstellerinnen, Kerstin Thorvall, mit einem neuen Buch erschienen. Sie hat sich einen Namen gemacht mit ihrer absoluten Aufrichtigkeit, ihrer totalen Auslieferung. Das gilt für alles in ihrem Leben. Ihre sexuellen Eskapaden u.a. Jetzt ist sie alt, 77 Jahre, und schreibt über die Erniedrigung und Einsamkeit eines alternden Menschen. Man vergleicht sie manchmal mit Simone de Beauvoir, wobei die letztere wohl kaum so schockierende Dinge zu erzählen hatte. Das Buch ist von den Kritikern sehr gut empfangen worden.
Du hast recht, es ist nicht leicht gute Vorbilder zu finden. Aber wozu? Das Schicksal tut sowieso was es will mit uns.
*
Über das Hotel, von dem du erzählst muss ich lachen. Uns ist etwas ähnliches passiert. Es war in Deutschland, in einem kleinen wunderschönen und biederen Städtchen. Vielleicht war es Rothenburg. Und da haben wir ein kleines Hotel (oder war es ein Pensionat) gefunden. Es sah so ordentlich aus, in einem schön geschmückten Fachwerkhaus mit einem hübschen Garten drum. Aber du hättest unsere Überraschung sehen sollen als wir die Einrichtung sahen. Dunkelrote, dicke Teppiche und gepolsterte Türen. Ausserdem zwei nebeneinanderstehende Waschbecken im Zimmer. Alles sah sehr nach Sünde aus. Und als wir uns ins Bett legten sahen wir oben an der Decke ein paar schwedische Worte geschrieben, die man normalerweise in öffentlichen Toiletten finden kann. Ich fand es ein bisschen widerlich und weiss noch, dass ich am nächsten Morgen das sicher garnicht schlechte Frühstücksbuffet kaum angreifen wollte.

(---)

Der Kurs in Hypnose, den du machen willst, ist das um später es selber ausüben zu können? Vielleicht willst du eine eigene Praktik öffnen? Oder bist du so mutig, dass du dich selbst hypnotisieren lässt? Das ist etwas, was ich nie wagen würde. Habe Angst davor, was ich da sagen würde. :-) Erzähl mir mehr davon. Was sagt S. dazu, wenn du dir in Zürich ein Zimmer mietest? Ist sie nicht ängstlich, was du in dem nächtlichen Zürich anstellen könntest?? ;-) Doch ich glaube, du würdest jede Stunde davon geniessen. Es ist ein ganz eigenes Gefühl, in einer Stadt, wo man als junger Mensch gewohnt hat, herumzugehen. Das merke ich wenn ich mal nach Uppsala komme, was leider allzu selten ist.
*
Nun habe ich so lange geplaudert, dass du wirklich von Wortschwall reden könntest. Will dich nicht länger aufhalten.
So wünsche ich dir noch einen schönen Abend und einen angenehmen Tag morgen.
Mit lieben Grüssen
Marlena

Montag, 3. August 2020

Onkelchen, Hypnosekurs und GV


Liebe Marlena

Vielleicht hat das was dran, dass Onkelchen sich etwas gefangen fühlt, wenn S. dabei ist. Ich merke jedenfalls, dass er manchmal mit dem Essen kämpft. Ich hatte oft den Eindruck, dass S. ihm zuviel auf den Teller serviert. Sie denkt in persischen Massstäben, wo ein alter Mensch sich jederzeit das Recht herausnehmen wird, die Hälfte auf dem Teller stehen zu lassen. Aber Onkelchen hat eine Harte Schule mit Tantchen hinter sich und weiss, dass er ausessen soll. Manchmal kaut er wirklich auf Tod und Leben, so stelle ich mir vor. Und wenn ich ihm sage, er brauche sich nicht zu beeilen, er könne es stehen lassen, dann verneint er definitiv. Wenn ich koche, serviere ich etwas weniger. Und so kommt er immer elegant über die Runden. S interpretiert die Situation anders. Sie sagt, wenn er alles isst, dann hat er doch wohl Appetit. Ich behaupte, wenn er alles isst, dann will er vor allem höflich sein. Da sieht man wieder einmal, wie widersprüchlich die Realität sein kann.
*
Um Ende Mai habe ich mich für einen Hypnose-Kurs in Zürich angemeldet. Den Kursleiter kenne ich. Er kommt aus Amerika und ist NLP Spezialist. Vor Jahren hatten wir ihn hier auf unserem Dienst. Und später war ich auch schon mal in einem Hypnose Kurs bei ihm. Das war sehr interessant und auch sehr entspannend. Man lernt dabei die Psyche des Menschen gut kennen, diejenige, von der Du meinst, sie verschwinde, wenn man das Leben im Zwischen lokalisiert. Ich glaube, ich muss mich ein wenig vorbereiten auf meine Zeit der Pensionierung. Wenn ich eine Ahnung habe von suggestiven Verfahren inklusive Hypnose, so kann das nur nützlich sein. Ich werde mit Hühnern üben ;--)), denn Hühner sind offenbar ganz leicht zu hypnotisieren. Die Kunst liegt darin, einen sehr sanften, einfühlsamen Zugang zu den Menschen zu finden. Man kann keinen Menschen gegen ihren Willen beeinflussen. Aber man kann natürlich die Widerstände sanft unterlaufen. Wenn man sie dazu bringen kann, dass sie sich gehen lassen und beeinflussen lassen, dann geht es schon.

Ich weiss noch nicht, ob ich täglich wieder nach Basel zurückfahren soll, oder ob ich mir besser ein Zimmer nehme. Wenn man immer nur hier in der Gegend arbeitet, scheint Zürich so weit zu sein. Aber es ist doch gleich um die Ecke. Und wenn ich dort bleibe, könnte ich wie in alten Zeiten wieder mal das Zürcher Nachtleben geniessen. Das sind doch exzellente Aussichten.
*
Gestern hatten wir eine kurze Generalversammlung. Im Frühjahr werden nur die Mitglieder nominiert, die dann im Herbst eine neue Funktion übernehmen sollen. Die Sitzung ist also meist sehr formal und sehr kurz. Im Herbst wenn man über Finanzen und über ein Neues Hotel diskutiert, gehen oft langweilige Stunden dahin. Wir denken daran , aus dem Hotel Radisson auszuziehen, weil das Essen oft so schmeckt wie in einer Kantine. Früher war es besser. Die Desserts sind auch besser. Aber allein mit Desserts hat man nicht gegessen. Leute, die sich in diesen Dingen auskennen, behaupten, Hotels dieser Art führen bloss eine Küche, um die Anzahl der Sterne zu behalten. Die Fachleute in der Küche sind aber extrem reduziert worden, so dass sie die meisten Menues halbfertig einkaufen. Sie streuen dann bloss noch etwas Petersilie darüber und servieren. Und das ist wirklich wie in der Studentenkantine damals. Es schmeckt auch so. Und das ist für einen edlen Club, wie wir es sind, natürlich nicht das richtige Niveau. Die GV gestern war in einem Lokal mitten in der Stadt und heisst Unternehmen Mitte. Ein lustiger Name, und auch das Haus ist ziemlich originell. ImParterre liegt ein grosses Restaurant, das vor allem von den Jungen frequentiert wird. Es ist sehr trendy, auf jeden Fall sind auch A und B manchmal dort zu finden. Oben ist das Basler Literaturhaus untergebracht. Es gibt dort Lesungen. Und man hat auch Zimmer, wo Schriftsteller und Künstler wohnen können. Das Essen war zwar einfach, aber nicht schlecht. Nach einer ausgezeichneten, cremigen Broccoli-Suppe gab es Spaghetti mit Meeresfrüchten, anschliessend ein Eis, zum Essen einen sehr guten Wein aus der Gegend Siena. Das war eigentlich schon alles.
*
Jetzt muss ich los.
Lustig, dass Du auf meine Vermutung, Du seist im Geheimen eine Rechnerin, Deine Tochter fragst. Ist ein echter Indizienprozess, nicht wahr? Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Liebe Grüsse


Mittwoch, 29. Juli 2020

Merkwürdiges Erlebnis ...





Liebe Marlena
...
Ich hatte mal ein ganz merkwürdiges Erlebnis in Isfahan. Ich hatte allein den grossen Bazar durchstreift. Und dieser reicht bekanntlich vom grossen, weltberühmten Platz bis hinunter zur alten Moschee. Und im Gassengewirr gibt es auf diesem Weg etliche Karawansereien. Ich hatte mir gedacht, dass ich einige davon entdecken könnte um dann ein paar Bilder zu schiessen. Schliesslich landete ich aber in einem grün bewachsenen Garten, in dem einige Mullahs plaudernd und diskutierend herumstanden. Offenbar war es eine Theologie- schule, und die Leute hatten offenbar gerade ihre Pause. Ich nutzte die Gelegenheit, einige Photos zu knipsen und ein bisschen herumzu- streichen, bis mich einer ansprach. Er zeigte sich sehr begeistert, mich -einen Fremden zu treffen, und er lud mich ein, dass wir uns zusammen auf eine Steinbank setzten. Er zog dabei ganz fürsorglich einen Plastiksack aus seiner Tasche, damit ich darauf sitzen könne und mir nicht die Hosen schmutzig zu machen brauche. Er sprach ein einfaches und gebrochenes Englisch. Ich weiss nicht mehr genau, worüber wir sprachen. Ich gewann allmählich den Eindruck, dass er vielleicht der Abwart dieser Schule wäre. Manchmal klang er ein bisschen irr. Schliesslich kam er auf die Regierung und Präsident Chatami zu sprechen. Er kritisierte sie vage und fragte mich, was ich denn dazu meinte. Ich erklärte, was ich in solchen Situationen immer tue, sogar in den USA. Ich erläuterte ihm, dass ich doch hier im Iran ein Gast wäre, und dass mir ein Urteil in dieser Sache ganz und gar nicht zustehe. Die Situation wurde mir auch ein bisschen ungemütlich. Ich befand mich hier in der Höhle des Löwen, und man weiss, wie fanatisch die einfachen Menschen reagieren können, wenn sie in einer Gruppe aufgeheizt werden. So verabschiedete ich mich ziemlich rasch und verzog mich aus diesem 'Kloster'. Ich wusste ja nicht einmal, ob mein Eindringen in diesen Gebäudekomplex erlaubt war oder nicht. Kurz und gut, ich verliess den grossen Hof und befand mich bald wieder im Ameisengewimmel der Bazargasse. Und nach einiger Zeit, ich hatte mich schon weit von dieser Theologischen Schule entfernt, sprach mich ein eher junger Typ an und sagte, er hätte mich beobachtet, wie ich in dieser Schule war, und er wollte wissen, wer ich sei und was ich dort gesucht habe. Ich war mir nicht sicher, was der junge Typ wollte. War er ein Schnüffler? Wollte er Kontakt mit einem Westler aus politischen Gründen? Oder war er einfach interessiert an einem Gespräch mit einem Fremden, wie man das im Iran so oft antrifft. Immerhin war ich erstaunt, wie sehr man unter sovielen Leuten, in einem solchen Gedränge, das man sich hier kaum vorstellen kann, wie man also mit scharfen Augen beobachtet wird.
...

Montag, 27. Juli 2020

Nochmals...

 (5 Monate später)
 
---

Hier unsere Coproduktion. Du erinnerst Dich daran. Ich meine die Zeichnung der Logopädin, die Sprechblasen bügelt. Sie hatte wirklich grosse Freude an der Zeichnung und am Kommentar darüber. Wir haben gerade gestern in der Kommission nochmals darüber erzählt und gespasst, als wir ihre Nachfolgerin wählen sollten. Es ist für mich ein wunderschönes Gefühl, dass wir, dh. Du und ich, das irgendwie gemeinsam gemacht haben. Ich glaube Deine Hilfe war, dass Du einmal vom "Protestbügeln" gesprochen hast. Das war beim Eurovisionswettbewerb, der in Schweden stattgefunden hat. Du erinnerst Dich sicherlich, Marlena? Diese Formulierung und Idee fand ich lustig und originell, so dass ich überhaupt erst dieses Bügeln in meine Gedanken aufgenommen habe. Vorher fand ich Bügeln absolut uninteressant und öde. Aber beim Protestbügeln ist mir irgendwie der penny gefallen. Aha, habe ich mir gesagt, Bügeln ist was ganz Spezielles. Bügeln kann man mit einer Haltung. Mit Bügeln kann man sogar die Welt verbessern. Mit Bügeln kann man Politik machen. Man kann damit protestieren, demonstrieren, reklamieren, warum nicht auch reformieren, initiieren, sanieren, therapieren? So ungefähr ist mir dann wohl diese Vorstellung gekommen, dass eine Logopädin Sprechblasen bügelt.

Sonntag, 26. Juli 2020

Gestern abend ...





Liebe Marlena
Was kann ich dir erzählen von gestern abend. Es war eine langweilige Sitzung. Der Präsident ist ein Arzt und ein bisschen ungeübt, eine grössere Runde zu kontrollieren. So gibt es zum Teil wilde Diskussionen um reine Spekulationen. Ich halte mich in solchen Situationen zurück, denn es bringt eigentlich nicht viel. Es heizt nur die Diskussion noch mehr an, und dann kommt man überhaupt nie zu einem Ende.
Die Logopädin wurde verabschiedet. Und nach der Sitzung habe ich ihr, vor dem Essen noch, unser Bild übergeben. Ich habe natürlich daraus eine ziemliche verbale Geschichte gemacht und die Leute haben es genossen. Und die Betroffene war echt gerührt. Sie hat mich nachher abgeküsst, obwohl wir erst an diesem Abend von Sie auf Du gewechselt hatten. Vorher hat der Arzt sie schon verabschiedet und ihr ein paar Komplimente gemacht. Aber die unseren waren noch eine Klasse konzentrierter. Sie war wirklich Auge und Ohr und nahezu in Tränen. Und das Bild fanden natürlich alle gerissen mit dieser Idee des Bügelns von Sprechblasen. Und ich habe ja auch erwähnt, dass mir jemand aus Schweden diese feine Idee geschenkt hat. Du siehst, Marlena, du bist hier schon ziemlich präsent. Und bald werden sie anfangen, nach dir zu fragen.
Und nachher hatten wir ein gemütliches Essen zusammen mit lustigen Diskussionen. Der Arzt und ich waren die einzigen Männer. Sonst war es eine echte Frauenrunde. Und wir haben viel gelacht und einander auch etwas geneckt. Es war wirklich sehr angenehm und auch das Essen war ausgezeichnet. Vielleicht ein bisschen teuer, aber es was in Ordnung.
Und schliesslich bin ich doch etwas früher als erwartet wieder zurückgefahren.  ...

*
Weißt du, was mir in den Sinn gekommen ist, nachdem im Antonioni Film wieder von den Seelen die Rede war, auf die man warten muss. Ich habe gedacht, für den Fall, dass wir zwei uns mal treffen würden, dass wir dann hingegen auf unsere Körper warten müssten, weniger auf die Seelen, die ja nun ihren Ort bereits erreicht haben, aber auf die Körper, die noch weit zurück zu sein scheinen. Wir werden dann unsere Seelen mal vorläufig an irgendwelchen Kleiderbügeln aufhängen, damit sie hängen und warten, bis auch die Körper eingetroffen sind. Das gäbe auch einen hübschen Cartoon mit den hängenden Seelen, hängend, aber doch nicht schlapp, bitte sehr! Und wenn die körper eingetroffen sein werden, dann müssen wir wohl noch auf die 20kg Gepäck warten. Alles braucht seine Zeit.

*

Ich hoffe, du hast meine Adresse bekommen. Ich werde mein Büro informieren, dass ich mit meiner Kusine Marlena, einer Kusine zweiten Grades, um exakt zu sein, dass ich mit ihr eine Wette abgeschlossen habe, wer sich gegenseitig aus den Ferien die schockierendere Postkarte zustellen können wird. Sie werden mich sicherlich alle unterstützen und der Meinung sein, deine Karte sei wirklich nur halb so schockierend, wie sie in Wirklichkeit sicherlich sein wird ;-----))).
Deinen Scherz fand ich sehr lustig und pfiffig. Das mag ich sehr, meine Liebste. Ich könnte dich dafür umarmen.
---
Ich wünsche dir eine gute Zeit.
Mit liebsten Grüssen
---

Donnerstag, 23. Juli 2020

Tod eines Mitarbeiters


                   "ich staune darüber, wie sehr tote Seelen Macht über uns haben"

Liebe Marlena
(---)
Am Freitag haben wir ein kleines Bürofest organisiert. Ein ehemaliger Mitarbeiter hat eine schöne Stelle am Waldrand ausfindig gemacht. Er organisiert Tische und Bänke und wird zusehen, dass wir einen Grill und ein Feuer zur Verfügung haben werden. Ich habe mich bereit erklärt, die Getränke zu organisieren.
Doch vorher kommen wir in der Kirche zusammen, um unseres Mitarbeiters zu gedenken, der Ende Juli verstorben ist. Ich glaube, ich habe Dir davon erzählt. Ein ehemaliger Kollege spielt auf der Orgel. Ich soll unseren lieben Hans mit Worten würdigen. Und sein Freund wird auch noch ein paar Dinge sagen.
Es ist merkwürdig, was geschieht. Seit ich mich mit unserem Hans beschäftige, kommt er mir immer näher. Er war gebürtiger Oesterreicher und kam aus der Nähe Tirol. Und die letzte Woche habe ich versucht, mehr über ihn in Erfahrung zu bringen. Ich habe mit seinem Chef gesprochen. Und ich werde versuchen, nächstens noch mit seinem Freund Kontakt aufzunehmen.
Aber alles in allem staune ich darüber, wie sehr tote Seelen Macht über uns haben. Ich versuche, ihn zu verstehen, und ich merke dabei, dass er mir näher gestanden hat, als ich es je bemerkt hatte. Ach, das ist schwierig zu erklären.
Hans war ein guter Psychologe, aber er war schwach in Administration. Ich meine, er hat viele Probleme verursacht, weil er oft die administrativen Dinge nicht berücksichtigt hat, die notwendig gewesen wären. Sein Chef oder ich selbst hatten immer wieder Probleme deswegen. Das hat mich nicht sonderlich geärgert, aber ich hatte Angst, dass einmal ein Skandal entstehen könnte. Das wollte ich natürlich vermeiden.
Doch heute, da Hans tot ist, denke ich, er war wirklich ein sehr menschenfreundlicher Typ. Oder müsste man sagen „human“? Und die Tatsache, dass er alle administrativen Dinge vernachlässigt hat, finde ich im Nachhinein geradezu sympathisch. Es betont seine Menschlichkeit. Und wenn ich die Briefe nachlese, die er geschrieben hat, sehe und höre ich, wie poetisch und sensibel er war. Das wusste ich eigentlich schon immer. Aber heute fällt es stärker ins Gewicht.
Kurz und gut: ich versuche, einige Gedanken zu formulieren, die ich in der Kirche vor Mitarbeitern, vor Geschwistern und Freunden von Hans sagen könnte. De mortuis nihil nisi bene. Das ist mir klar. Aber es fällt mir nicht schwer, Gutes zu sagen. Es fällt mir erstaunlich leicht!!

Im Hintergrund läuft der Fernseher mit einem spanischen Programm. Das heisst viel Musik und dramatische Posen, wie es die Spanier lieben. Sie haben manches gemeinsam mit den Persern. Die Islamische Kultur ist seit dem Mittelalter in Spanien eingedrungen.

Ist das Leben nicht merkwürdig? Ich habe mir nie vorgestellt, dass es so wechselhaft und gelegentlich so dramatisch sein kann. Ich kann es kaum in Worte fassen. Und ich hätte mir nie vorgestellt, dass mich der Tod eines meiner Mitarbeiter so traurig machen könnte. Es ist schliesslich nicht zufassen. Ich habe in den Akten ein altes Foto von Hans gefunden. Da sieht man ihn mit knapp 30 Jahren. ... Hans neigt sich schräg ins Bild hinein, und sein optimistischer Blick verrät, dass er sich zutraut, alle Probleme dieser Welt zu lösen. Ach, ich weiss, wie es damals war, nach den 68er Jahren. Und jetzt ist er tot, unser armer Hans.
Wenn ich diese Zeiten zu überblicken versuche, werde ich ziemlich melancholisch. Es erinnert mich an Baudelaire und sein hochempfindliches Sensorium für die Vergänglichkeit. Man sollte fähig sein, das Leiden in Worte zu fassen. Das kann ich leider nicht.

Es gibt ein kleines Gedicht von Rilke, das mir immer durch den Kopf geht:

Der Tod ist gross.
Wir sind die Seinen
Lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Du wirst es kennen. Rilke hat viel über den Tod nachgedacht. Er war ein Existenzialist avant la lettre. War nicht Rilkes Mutter Oesterreicherin. Ich glaube, dass sie nach der Scheidung mit ihrem Sohn nach Oesterreich zurückgekehrt ist. Ist das so?

Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende
Mit lieben Grüssen

...

Sonntag, 19. Juli 2020

Ein gelungener Tag



(---)

Und jetzt bin ich eben von unserem Ausflug in Basel zurückgekommen. Das war nicht übel. Das Wetter zeigte sich von einer angenehmen Seite. Die Führung im Zoo war exzellent. Ein Verhaltensforscher sprach über Gorillas. Und dahinter konnte man eine Kolonie mit einem Männchen und etwa 4 Weibchen mit ebensovielen Jungtieren beobachten. Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass das Erbmaterial der Schimpansen und der Menschen zu 99% übereinstimmt, und dass die Distanz der Primaten zu übrigen Affen 1000x grösser ist als die Distanz der Menschenaffen zum Menschen. Wir sind die gleiche Familie. Die Tiere haben Einsicht, können lernen, haben eine hohe Sensibilität, sind individuell erkennbar und haben damit so etwas wie eine Persönlichkeit. Das war wirklich hoch interessant. Ich hatte früher einmal einen solchen Vortrag gesehen, von demselben Forscher. Aber er erzählte völlig andere Dinge. Interessant war es vor allem, die Erklärungen gleich am Verhalten der Tiere im Hintergrund überprüfen zu können. Beispielsweise wurde das Männchen, das eigentlich die Führung der Gruppe übernehmen sollte, noch nicht allzu lange in die Gruppe eingeführt. Doch er ist noch nicht voll erwachsen, obwohl er schon Junge zeugen kann. Erst wenn er sich in einem vernünftigen, beschützenden und beruhigenden Verhalten in der Gruppe bestätigen kann, dann wird er als Chef anerkannt werden. Im Moment hat er zeitweise noch Flausen im Kopf, neckt andere Jungtiere, so dass die Weibchen sofort auf den Plan treten, um sie zu beschützen. Und dabei war dieses Männchen bei weitem das grösste und stärkste Tier im Käfig. Es wäre also für einen blossen Zuschauer ohne Erklärung nicht verständlich, weshalb dieses Männchen zwar einzelne Tiere vom Platz verweist, aber doch die Gruppe nicht dominieren kann. Ich muss mal ein Buch von diesem Jörg Hess lesen. Er kann die Dinge auch sehr gut beschreiben und plausibel machen. Und ich glaube in unserem Beruf ist es gut, den Menschen gelegentlich als Affen anzuschauen, dh. ihn völlig äusserlich zu beobachten, ohne gleich die psychische Seite mit in die Überlegungen zu bringen. Anschliessend haben wir auf dem Rhein eine kleine Fahrt gemacht und einen Apero getrunken, um den Nachmittag mit einem kleinen Spaziergang zu beschliessen. Ich hatte es nicht erwartet, aber es war alles ziemlich angenehm und gut geplant. Und dazu hat uns der Arbeitgeber sogar einige der Kosten übernommen. Kurz und gut: ein gelungener Tag.
*