Freitag, 14. April 2017

Schöne Ostern





Subject: Schöne Ostern

Liebe Marlena
Vielleicht schaust du noch einmal rasch rein. Und da möchte ich dich mit einem kleinen Gruss überraschen. Er ist ein absolutes suplément, eigentlich bin ich schon weg.
Heute ist Karfreitag. Das ist das Ende der Fastenzeit und das Ende unserer Melodramatik! Ab Ostern fangen wir ein neues Leben an, froh und sachlich und ohne zu Leiden. Wir dürfen einfach nicht MEHR wollen, als wir haben. Es ist doch so schön genug. Ein wichtiger Teil des Lebensglückes besteht darin, sich bescheiden zu können. Davon bin ich ziemlich überzeugt, auch wenn es nicht immer gelingt.
Du siehst, ich bin an der Programmatik. Ohne gleich alle §§§ umzuformulieren. Sie sind immer noch gut und wir lassen sie gelten. Wenn du einverstanden bist.





Wir fahren morgen früh ins Tessin. Das ist schon südlich der Alpen und in seiner Vegetation ganz anders. Dort blüht es schon überall und es hat Palmen und schöne Blumen und unendlich viele Deutsche. Unsere Freunde wohnen in einem kleinen Dorf oberhalb Locarno  ...
*
Es war schön, unser Karfreitagschat, es waren tolle 50 Minuten. Ich hab es genau gemessen. Und es war ruhig und ohne Hast, nur die paar Minuten, die es bei dir nicht ordentlich gelaufen ist. Es war lieb von dir, um 12 rasch hereinzukommen, oder war es 11h? Ich wollte soeben mein Mail abschicken und habe gedacht, dass du auf irgend ein Zeichen wartest. Ich versuche mir euch immer so vorzustellen im Haus in der Nähe des Waldes, wo die Hasen und die Elche einander gute Nacht sagen. Du sollst nicht denken, ich wolle dich irgendwie für mich allein. So selbstbezogen und gierig bin ich glaube ich nicht. Ich kann sehr gut akzeptieren, dass du in erster Linie für deine Familie da bist. Und dass du Rücksicht nehmen musst mit dem PC und dass du noch 100 Dinge tun musst, die man als Hausfrau und Mutter und Berufsfrau einfach tun muss. Und dass du dir die Zeit zum Schreiben vom Schlaf stehlen musst, macht mich nicht glücklich.
Ich möchte einfach viel mehr von dir hören. Du hast das Gefühl, ich weiss schon viel. Aber die Crux mit dem Wissen ist die: je mehr du weißt desto mehr möchtest du noch dazu wissen. Deshalb doch sind die Unwissenden die glücklichsten Menschen.
Vielleicht bin ich auch bloss sehr ungeduldig? Dann verzeih mir. Nimm es einfach als meine Sympathie für dich und für euch alle und als mein Interesse. Ich habe schon soviele Fragen gestellt und soviele Themen angeschnitten, die irgendwo verschwunden sind. Du hättest vielleicht Jahre, das alles zu beantworten. Wahrscheinlich verursache ich das Problem, weil ich einfach zuviel und zu schnell will. Dann gib mir gerade noch einmal die Absolution.
*
Und wie gesagt, das wird jetzt alles gut. R nimmt es nach Ostern ganz langsam und ist glücklich über jede Zeile, die er von Marlena erhält, ohne soviel zu erwarten. Jede Zeile ist ein Geschenk. Jedes Wort ist mehr als kein Wort. Und manchmal sendet sie ja sogar noch Bilder, und die sind bekanntlich "mehr als tausend Worte", wie wir im Deutschen sagen.
*
Ach, Marlena, wenn ich da auch manchmal ein bisschen jammere, es ist eine schöne und aufregende Sache, unsere maladi. Und wenn du versprichst, du wollest helfen, daraus eine ruhige Sache zu machen, so weiss ich gar nicht, ob ich das überhaupt so will. Wahrscheinlich habe ich zwischendurch ganz gerne ein bisschen Aufregung und Sensation.
Ich wünsche euch dreien wirlich ganz schöne und warme und fruchtbare Ostern
Und dir Marlena, ein besonders prächtiges Osterei.
Wir hören uns wieder nach Ostern.
 i.M.
...


den 22 april 17:15
Re: Schöne Ostern



Mein lieber Mausfreund!

Ja, ich habe nocheinmal reingeschaut und deinen lieben kleinen extra Brief gefunden. Es hat mich sehr stark berührt.. Irgendwie habe ich gefühlt dass du mir noch etwas schreiben würdest.. und auch ich wollte dir so gern noch ein Mail schicken aber konnte leider nicht mehr. Es fällt mir immer schwer von dir zu gehen wenn wir gechattet haben.

Nun bist du vielleicht an deinem Ziel angekommen und verbringst schöne ruhige Stunden in netter Gesellschaft. Es gibt eigentlich nichts schöneres als das. Dann ist das Leben so wie es immer sein sollte.:-)
Wir fahren erst morgen weg und kommen wohl spät am Montag Abend nach Hause und am Dienstag geht es wieder los. Sicher werde ich dann extra viel arbeiten müssen da ich wahrscheinlich am 1. Mai für eine Woche verreise. Ich werde dich sehr vermissen.

Nun wünsche ich dir noch ein paar richtig schöne angenehme Ferientage im Tessin.
i.M.
Marlena



.

Donnerstag, 13. April 2017

Der Ausflug ...

Fortsetzung



Der Ausflug an den Vogelsee heute war herrlich. Eigentlich haben wir noch nie einen so windstillen und warmen Tag um diese Jahreszeit dort erlebt. Vom Parkplatz geht man cirka einen Kilometer durch die Felder zu einem grossen Aussichtsturm. Und von da aus kann man alle die vielen Vögel gut studieren. Es gibt tausende von Gänsen auf den Feldern rundherum und auf dem See so alles was du dir an Wasservögeln vorstellen kannst. Heute haben wir auch den Rohrdommel gehört. Das ist immer etwas ganz besonderes.
Kennst du den Laut? (hier) Man denkt an irgendein Urtier aber absolut keinen Vogel. Dieses Mal haben wir auch ungewöhnlich viele Kraniche gesehen und das hat mich an etwas aus meiner Zeit in Uppsala erinnert.

Meine Eltern kannten ein älteres Paar. Sie waren irgendwann vor dem 2. Weltkrieg nach Schweden gekommen (aus Deutschland). Die Frau hatte noch den letzten Deutschen Kaiser gekannt und hatte viele signierte Fotos von der kaiserlichen Familie in der Stube stehen. Nun waren sie beide alt und etwas hilflos. Der Mann war blind geworden und sass im Rollstuhl. Seine Frau hatte auch auf tragische Weise ihr eines Bein verloren. Als sie jung waren und ihr erstes Kind erwarteten waren sie an einem Mittsommerabend durch die Altstadt von Stockholm spaziert und ein betrunkener Fahrer hat sie angefahren sodass sie ihr Kind und ein Bein verloren hat. Zu diesen Leuten ging ich ab und zu um dem alten Mann ein bisschen aus Zeitungen vorzulesen und seine Frau damit etwas zu entlasten. Er sass da in seinem Rollstuhl, blind und gelähmt und trotzdem erschien er mir als einer der lebendigsten Menschen die mir begegnet waren. Sein Geist strahlte geradezu. Er konnte vieles aus der klassischen deutschen Literatur auswendig und einmal fragte er: Kennt das kleine Fräulein "die Kraniche des Ybikus" Ich hatte noch nie davon gehört und so liess er mich das lange schöne Gedicht hören. Ich kann noch heute sein Gesicht vor mir sehen.
Mit der Zeit bekam ich so viel zu tun mit den Studien dass ich mehr selten hingehen konnte. Und wenn man mir sagte dass er immer wieder fragte: Kommt das kleine Fräulein bald wieder? dann tat es mir weh und ich fühlte mich schlecht.
*
Ach ja, ich habe sehr viele ganz junge Brennesseln gefunden und habe sie schon vorbereitet für morgen. Es ist wie du sagst, eine wirkliche Delikatesse, die wir einmal im Jahr essen.




Für Samstag wird K einen Lammrücken zubereiten. Morgen am Karfreitag essen wir Lachs und die Nesselsuppe. Übrigens ist der Karfreitag bei uns auch ein grosser Feiertag an dem nicht gearbeitet wird. So ist es wohl nicht am Kontinent unten, oder?

Dieses "unten" erinnert mich gerade an was. Ja, es ist so wie du schon vermutest. Wir hier oben haben absolut den Eindruck dass wir auf euch hinunterschaun. Ihr liegt sozusagen uns zu Füssen ;-) Ich habe einmal einen interessanten Artikel darüber gelesen, wie die Franzosen ihr eigenes Land kontra die übrigen Länder betrachten. Da ist mir erst klargeworden dass ja nicht alle auf die anderen hinuntersehen können - aber aufsehen zu uns "barbarischen kleinen Randstaaten" tun sie deswegen wirklich nicht, die lieben Franzosen. Wenn ich den Artikel wiederfinde werde ich dir Teile daraus übersetzen. Er war sehr witzig.
*
Du hast mir eine Telefonnummer gegeben. Ist das in dein Büro? Und du willst, dass ich dich da mal anrufen soll? Antwortest du dann sofort oder muss ich erst nach dir fragen? Es wäre schon schön einmal deine Stimme zu hören.
*
Freitag:
Ich schicke dieses mail nun ab damit du es noch zum Frühstückskaffee bekommtst.
Es ist teilweise bei Vollmond geschrieben. Für das was ich bei Vollmond schreibe bin ich nicht ganz verantwortlich. ;-)

Liebe Grüsse
in Maladi
Marlena

Mittwoch, 12. April 2017

Je t'aime, donc tu es.


Subject: Re: Pour elle seule, hélas!

Lieber ...!

Ich habe deinen schönen langen Brief nocheinmal durchgelesen. Du versuchst mich u.a. zu überzeugen dass es dich nicht gibt in meinem Leben. Dass du nur Text bist, nur irgendein Fantasieprodukt von mir. Alles das will ich nicht akzeptieren. Für mich bist du ein wirklicher Mensch. Du bist wirklicher als viele der Menschen die ich fast täglich sehe, deren Gesten und Mimik ich beobachten kann, deren Stimme ich kenne. Sie sind alle nicht so wirklich für mich wie du. Erst wenn man etwas liebt wird es eine Realität in unserem Leben. Und du bist Realität für mich. Du bist so wirklich, dass ich dich über 2000 Km fühlen kann. Und so wären wir eigentlich wieder bei der grossen Frage gelandet: existieren wir überhaupt? und wie können wir unsere existens beweisen?
Nun mache ich einen Gedankensprung und lande sofort bei dem Ziel meiner Therorie: "J'aime, donc je suis" und dann noch "Je t'aime, donc tu es". Und nun mache ich nicht nur Spass. Ich glaube sogar dass, so lange wir einen verstorbenen Menschen lieben gibt es ihn auch noch.
*
Du musst ein bisschen nachsichtig sein mit mir. Manchmal kenne ich nicht die richtigen Valöre der Ausdrücke oder Wörter die ich verwende. Ich habe z.B. dieses "lach mich kaputt" im Swisstalk gehört und dachte es wäre so ungefähr "ich finde es sehr spassig und muss herzlich darüber lachen". Dachte es wäre so ein Ausdruck den man häufig verwendet. Ich habe ihn auch nur über diesen Einfall mit der Zelle mit Mäusen und Ameisen benutzt wo wir Armen dann noch dazu gezwungen waren eine schmale knarrende Pritsche zu teilen. Hättest du dich nicht so sehr bewegt, dann hätte sie wahrscheinlich weniger geknarrt ;-)

Manchmal sagst du "lass uns nicht diskutieren", oder sogar "streiten" und ich verstehe plötzlich nicht was du damit meinst denn ich habe es nicht so aufgefasst. Wir drücken uns so gerade und konkret aus hier bei uns. Nicht wie die Franzosen, die ich meinen Schülern immer als Vorbild für sprachliche Finesse gebe. Wir hatten mal Besuch von einem Franzosen zu Hause in Uppsala und als er unseren Kater erblickte sagte er: Il me semble qu'on lui ait enlevé ses attributs mâles. Ein Schwede hätte gesagt: Er ist wohl kastriert?
Du hast übrigens die École Normale Supérieure genannt. Ja, ich weiss was das ist. Mein damaliger "petit ami" (du weisst der mit dem Foto), ging auf diese Schule. Es scheint mir als ob die meisten berühmten Franzosen dort studiert haben.

Der Ausflug an den Vogelsee heute ...



Date: Fri, 21 Apr 05:43:13

Ich glaube, wir haben ..

fortsetzung



Marlena, ich glaube, wir haben noch ein kommunizierendes Gefäss gefunden, neben Paris, neben dem Fegefeuer, neben dem Latein, neben den gleichaltrigen Kindern, neben der Pädagogik, neben Rilke. Ich bin sicher, du hast keine Ahnung, was das sein könnte. Nun denn, es sind die Rosen und der Löwenzahn im Garten. Davon könnte ich dir auch ein Liedlein singen. S sticht auch Löwenzahn mit dem Eisen aus dem Rasen, und macht sich die Nägel kaputt, während ich das eher unnötig finde. Die Rosen sind mein Ressort, die Blumen des reinen Widerspruchs. Ich habe vor etwa 5 Jahren 4 Stöcke gepflanzt. Und jetzt leben noch drei davon. Einer ist etwas kränkelnd. Ich versuche auch, ohne Chemie auszukommen. Die wunderbar grünen und blühenden bürgerlichen Gärten sind ja die grössten Giftgruben Europas. Ich versuche also, die Läuse mit Brennesselwasser zu vertreiben. Aber das braucht leider alles viel Zeit. Und diesen Schorf, den sie auf den Blättern haben, bringe ich überhaupt nicht weg. Aber ich liebe sie, die Rosen. Sie sind dunkelrot, hellrot und apricot, würde ich sagen, ziemlich ungenau nichtwahr? Dazu muss ich dir eine kleine Geschichte erzählen.
Ich habe dir von Professor Emil Staiger erzählt, die Kapazität in deutscher Literaturgeschichte und in existentialphilosophischer Hermeneutik, der Kenner Rilkes und Goethes und all dieser Grössen. Er war schon älter damals, ein kleiner Mann mit einem etwas grossen Kopf, wenn er dort oben auf dem marmorenen Rednerpult in der schönen Aula der Zürcher Universität dozierte. Dort hatte einmal Churchill nach dem Krieg gesprochen und das vereinte Europa propagiert. Aber es hat bei uns Schweizern nicht eingeschlagen. Eine Studentin erzählte mir, dass sie gleich in der Nachbarschaft Prof. Staigers ihr Studentenzimmer habe. Und sie beobachte den kleinen Professoer jeden Sonntag Morgen, wie er mit einer grünen, frisch gebügelten Gärtnerschürze auf Zehenspitzen fast aus dem Haus trete und in den Garten wandle - geradezu rituelle Gebärden - um dort eine Rose, eine einzige, zu schneiden und sie mit abgespreiztem Finger - so wie die Damen die Teetassen zum Mund führen - mit preziöser Geste ins Haus zu tragen. Das ist ein schönes Bild und passt zu Staiger. Und wenn es nicht wahr war, so war es gut erfunden.

Und du wirst es vielleicht noch weniger glauben, Marlena, aber ich tue in Erinnerung an dieses Bild dasselbe. Gut, ich tue es vielleicht nicht gerade am Sonntagmorgen, gut, ich trage keine grüne Schürze, gut, ich spreize vielleicht nicht den kleinen Finger. Aber ich finde es schön, immer - oder fast immer - eine einzige Rose auf dem Tisch zu haben. Ich habe früher einmal für S, als ich noch sehr verliebt war, eine kristallene Vase gekauft, eine Kugel praktisch, mit einem langen, dünnen Rohr. Dort findet gerade eine Rose Platz. Ich schneide alle Blätter weg und lasse nur das oberste, damit das Grün einen schönen Kontrast zur Blüte macht. Ich gebe ein bisschen Zucker ins Wasser. Und dann steht sie da und besonders schön ist, wenn sie - vor dem dunkeln Hintergrund der Möbel - vom Spot angeleuchtet wird. Anfangs ist sie knackig und fest und steif wie ein junges Mädchen. In der zweiten Woche wird sie voluminös, locker und vielfältiger, wie eine Frau im besten Alter. Und schliesslich lässt sie sich etwas gehen, gibt da und dort ein Blatt ab, verliert ihre Kräfte, bis man sie wieder erlösen muss. Das ist schön und ungefähr ein Zyklus von guten 14 Tagen. Bis dann ist draussen im Garten wieder eine neue Blüte herangewachsen. So leben wir mit den Blumen des reinen Widerspruchs, und sie sind mein Job geblieben. Ich ziehe die Dornen der Rose den Zähnen des Löwen eindeutig vor. Soviel Mut hätte ich nie, gegen eine riesige Löwenmeute mit Löwenzähnen anzugehen. Ich bin ein ziemlich feiger Mensch.
*
Brennesseln finden auch wir rund um unseren Garten herum gerade. Es gibt da eine Wiese, die ist ziemlich voll an den Rändern. Brennessel deutet auf guten Boden hin, nicht wahr? Die Brennessel-Suppe macht ihr zu Ostern? Wir lieben sie auch und sie sei sehr gesund, behauptet S, blutreinigend. Und einmal hatten wir sie in Basel mit kleinen Wachteleiern drin, in einem schicken Restaurant, als jemand seinen 50sten gefeiert hat. Das war wirklich sehr köstlich und exquisit, aber eben, leider nur alle 50 Jahre möglich. Erzähl mir später vom Vogelsee und eurem Ausflug. Ich glaube, du bist ein Familienmensch, Marlena, ein richtiges Hausmütterchen. Bist du das nicht? Und dass du deine Mails unter Lebensgefahr schreibst, bricht mir das Herz bringt mich ziemlich in die Bredouille. Wie kann ich soviel Schuld auf mich nehmen? Ist denn zweimal lebenslänglich nicht genug? Willst du mich im Fegefeuer zum Inventar machen, zur Kommode des Teufels, oder zu seinem Adjudanten? Willst du mich schlussendlich à point haben und gar kein bisschen seignant? Ungefähr so hart wie ein gedörrter Hering, falls ich mir unter einem gedörrten Herring hier als Alpenländer überhaupt das Richtige vorstelle? Ich bitte dich Marlena, mach mich nicht unglücklich! Schalte schleunigst den PC aus und wähle 061 xxx 50 91. Soll ich dir die internationale Verbindung heraussuchen? Und lass zweimal läuten! En cas de guerre, wie abgemacht!
Doch dass ihr um diese Jahreszeit schon Gewitter habt, erstaunt mich sehr. Bei uns gibt es sie im Sommer, wenn die Temperatur sehr hoch ist. Aber noch nicht um diese Zeit.
*
Ich wünsche dir noch einen schönen Abend, meine Liebe
Gruss

...

Dienstag, 11. April 2017

Pour elle seule, hélas!



Liebe Mausfreundin

Ich habe mir dieses Gefängnis nochmals angekuckt, nur weil du sagst, die Zensur hätte etwas strenger sein sollen. Was meinst du denn damit, meine Liebe? Findest du, es sei nicht jugendrfrei? Ich bitte dich, mehr Zensur als Gefängnis gibt es überhaupt nicht. Gefängnis ist die strengste Zensur, hat absolut nichts zu tun mit real-life. Das ist virtual-life bei Wasser und Brot in Reinkultur. Das ist der Vorhof des Fegefeuers.
Kennst du das Fegefeuer? Ich meine, ich frage nicht, ob du es aus eigener Erfahrung kennst, sondern ob dir der Begriff bekannt ist? Als katholische Seele musst du das Fegefeuer kennen. Ich war immer begeistert vom Fegefeuer und ich habe immer bedauert, dass die Protestanten nicht eine ähnlich praktische und gutgeheizte Institution haben. Das Fegefeuer wurde erst im Spätmittelalter von der Pariser-Schule erfunden. Weiss nicht mehr, wer die Führer waren: Albertus Magnus, Thomas von Aquin? Damals kam in Europa der Handel auf. Und bisher hatte es nur Himmel und Hölle gegeben für die guten und die armen Seelen. Himmel und Hölle, das war sozusagen der soziale Wohnungsbau, nur das Nötigste für einfache Leute. Aber Händler und Kaufleute sind nicht mehr so einfache Leute, die kommen in der Welt herum, die haben Ansprüche, die wollen ein bisschen Komfort, die haben schon etwas feinere Manieren. Und für sie hat man an die Zweizimmerwohnung mit Himmel und Hölle noch ein Fegefreuer angebaut. Es ist sozusagen der Korridor und das Vorzimmer. Es ist für all die, für die noch nicht klar ist, ob sie in den Himmel oder in die Hölle kommen. Im Fegefeuer hast du noch einen Verhandlungsspielraum. Und das ist doch das, was die Handelsleute des Spätmittelalters gewohnt waren. Sie wollten handeln und - wie sagt man - bargain, sie wollten markten und feilschen mit dem lieben Gott. Sie waren nicht gerne vor vollendete Tatsachen gestellt. Das war nicht ihr Leben. Und so hat man im sozialen Wohnungsbau noch einen Korridor, das Fegefeuer, angebaut. Und dort können die armen Sünder leiden und braten und dampfen bis zum Tag des Jüngsten Gerichts. Und dann wird sich entscheiden, ob sie ihre Sünden abbüssen konnten, oder ob sie dann doch lebenslänglich bekommen würden. Natürlich wurde damit auch nötig, die Theorie etwas zu differenzieren. Wer gelangte direkt in die Hölle und wer hatte noch eine Chance via Fegefeuer. Kurz und gut, es galt ein paar neue §§ zu erfinden, um den Verkehr im Jenseits übersichtlich zu gestalten und allzuviele Pannen zu vermeiden. Ich glaube, nirgends sind Himmel und Hölle so menschlich und heimatlich eingerichtet wie bei den lieben katholischen Seelen. Und es würde mir nichts ausmachen, auch eine davon zu sein. Ich hätte bestimmt einen Fensterplatz im Fegefeuer. Zweithinterste Reihe womöglich. Aber vielleicht nehmen sie mich ja nicht, weil ich keine echte katholische Seele bin. Ich wäre im Fegefeuer einer dieser Immigranten ohne "green card". Das wäre sehr schlimm, da will ich doch lieber versuchen, gleich direkt in den Himmel zu kommen.
Soviel zum Fegefeuer.
Das ist wohl mein Bild für virtual-life. Ich versuche mich damit abzufinden, ganz im vitual-life zu bleiben, nicht auszubrechen, dem Wärter vor dem Eingang keinen Verdacht zu liefern. Es gibt nichts ausser den Text. Lass uns Paris und Rom und Wien vergessen. Wir sitzen auf unseren knarrenden Pritschen. Und ich weiss gar nicht, wie du heute morgen wieder davon herunter gekommen bist? Ich muss noch geschlafen haben.
Unter uns gesagt, ich habe auch nicht gewusst, dass es im Gefängnis so gemütlich sein kann. Und weißt du, als ich angefangen habe zu schreiben, habe ich davon überhaupt noch nichts gewusst. Ich habe mich bloss gewundert, wieviele Seiten Mails wir schon haben. Das gab die Assoziation der Ordner, der Gerichtsakten quasi. Dann kam die Erinnerung, dass du mal von lebenslänglich gesprochen hast. Und dann, na ja, du weißt schon, schiesslich hast du dich ja selbst über das Schlupfbett geärgert. Es ist ein bisschen wie im Traum, die Bilder kommen wie von selbst. Ich bin echt erstaunt, wie das funktioniert. Aber das Gefängnisbild finde ich schön. Ich glaube, ich stelle einen Antrag auf doppelt-lebenslänglich. Was müsste man wohl dafür "ausgefressen" haben? Vielleicht Bigamie?
Ich könnte dir jetzt erzählen, wie Friedrich Dürrenmatt eine schöne Rede gemacht hat, als Pavel, der tschechische Präsident und ehemalige Schriftsteller, bei uns in der Schweiz zu Besuch war. Ich glaube, es war Dürrenmatts letzte Rede. Er hat wunderbare Reden geschrieben und gehalten in seinem Leben. Echt komisch und kritisch. In der Pavel-Rede vergleicht er die Schweiz mit einem Gefängnis, weil wir nun ja ein konservatives Land sind und nicht zu Europa gehören und und viele Schweizer gegenüber Fremden recht mistrauisch sind. Aber davon muss ich dir ausführlicher ein andermal erzählen.
Kehren wir zu unseren wundervollen, knarrenden Pritschen zurück. Du fragst dich immer wieder, liebe Marlena, ob es mich wirklich gibt. Es gibt mich nicht wirklich, sondern nur virtuell. Ich bin für dich ein Wesen dieser neuen Cyber-Kultur. Ich komme nicht aus der alten Raum-Zeit-Kultur, Raum und Zeit als PRINCIPIUM INDIVIDUATIONIS. Damals, in unseren alten Zeiten, hatte jedes Individuum und jedes Ding einen eindeutigen Koordinatenpunkt in der 4 dimensionalen Raumzeit. Etwas konnte nicht gleichzeitig sein und nicht sein, oder konnte nicht etwas sein und gleichzeitig etwas anderes sein. Heute ist das anders. Du hast es ja immer geahnt: ich bin hier in Basel, aber abends bin ich für einige Zeit in Stockholm, und gelegentlich surfe ich im Net, und dabei bin ich Ruedi und Harro (dieser widerliche Kerl) und wer weiss, vielleicht noch ein paar andere unapetittliche Typen? Das ist virtual-life. Es ist wie in den Nachthimmel schauen. Du siehst die Sterne, aber du kannst nicht sicher sein, dass es die Sterne gibt. Vielleicht erreicht dich bloss ein letzter Lichtstrahl und morgen ist es aus. Man kann wirklich nichts mehr genau wissen. Und es könnte immer auch anders sein.
Wir armen Seelen hängen ja so an der Wirklichkeit, ohne zu wissen, ob es sie auch gibt oder ob das nicht alles vielmehr Hirngespinste sind.
Ich glaube, es ist das soziale Leben, das soziale SPIEL sozusagen, das unsere Wirklichkeit aufbaut. Es ist wie mit den Sprachen. Andere Sozietäten haben andere Sprachen und andere Wirklichkeiten. Die Perser nicken, wenn sie nein sagen wollen. Und du könntest verzweifeln, wenn du das nicht weißt. Und wenn sie dich zum Kaffee einladen, musst du erst dreimal ablehnen und bedauern, bis du dann doch gehst und eigentlich nie was anderes gewollt hast, als einen Kaffee zu trinken. Die Perser haben echt viele §§§§ in ihrem sozialen Umgang, das kann ich dir sagen, Marlena. Bei Partys oder Anlässen machen sie Fotos, und die Menschen stehen steif nebeneinander und lächeln in die Kamera. Es gibt totlangweilige Fotos, aber sie machen sie immer wieder. Mittlerweile denke ich, es geht ihnen nicht um das Foto, es geht darum, mit der Kamera zu zeigen, dass es ein aussergewöhnlicher Moment ist, und dass man es schätzt, beisammen zu sein. Man könnte glattweg eine Kamera ohne Film dafür benutzen oder sonst eine leere Blechbüchse.
Es gibt also nichts ausserhalb des Textes. Wer hat das gesagt, Lacan, oder Derrida, es war sicherlich einer dieser elitären französichen Intellektuellen, die an der Ecole Normale Supérieure studiert haben, und die ich über alles bewundere? Sie heisst doch so, ENS, nicht wahr? Viele französischen Geistesgrössen waren an dieser Schule.
Alles, was existiert, existiert nur im Text. Und auch ich existiere für dich nur im Text. Damit musst du dich begnügen, meine Liebe. Wenn du dich verliebst, verliebst du dich in einen Romanhelden, von dem du noch nicht weißt, ob er in einem seiner verrückten Abenteuer umkommt, sich vielleicht mit einem A. oder C. duelliert und für den Rest des Romans in den Zeilen herumhinkt und den rechten Arm in der Schlinge trägt, oder ob er eher munter in einem Fortsetzungsroman alt, senil und dement wird, um ganz langweilig und monoton in einem bürgerlichen Bett dahinzuscheiden.
Ich glaube, Verlaine hat das auch begriffen. Seine Geliebte ist ziemlich deutlich eine virtuelle Geliebte. Hör mal an: " et qui n'est, chaque fois, ni tout à fait la même
Ni tout à fait une autre". Ist diese Unschärfe nicht genau die Virtualität? Und so bin ich für dich.
*
Liebe Marlena, vielleicht liest du das jetzt so, als ob ich dir etwas erklären wollte. Ich will dir nichts erklären, ich verstehe es selbst nicht genau. Ich versuche sozusagen zu überlegen. Es ist gut, schriftlich zu überlegen, dann muss man langsamer denken! Ich versuche, mir das auszumalen. Und es ist zum ersten Mal. Es ist neu für mich. Ich weiss es noch nicht, was ich hier schreibe. Ich bin eben am Entdecken. Deshalb geniesse ich es auch, zu schreiben und zu wissen, dass ein lieber Mensch das nachher liest, begeistert vielleicht ist, vielleicht auch verzweifelt und schimpfend, dass man das Zeug kaum verstehen könne.
Ich glaube einfach, dieses real und dieses virtual ist heute eine wichtige Dimension in der Zeit der Postmoderne. Es gibt einen cultural turn. Und die Welt wird sich rapide verändern und sie wird nicht mehr sein, wie sie gewesen ist. Und das Fegefeuer vielleicht auch nicht mehr.
*
Du schreibst:" Weisst du, ..., ich lache mich halb kaputt über deine lustigen Einfälle. Deine Fantasie ist unbezahlbar." Ach Marlena, ich möchte nicht einfach lustige Einfälle haben. Es sind vielleicht ein paar lustige dabei, aber ich hoffe, sie sind manchmal komisch, ironisch, tiefsinnig, geistreich, mit einer tieferen Bedeutung, wenn man ihr nachgeht, manchmal mit einem Anflug von Weisheit, luzide wäre ein schönes Wort, das mir gefallen würde, aber das sind sie vielleicht nun doch nicht gerade. Vielleicht habe ich einfach zu hohe Ansprüche? Aber ich nehme dein Kompliment gerne aus deinem schwedischen Mund entgegen und es freut mich. Ich weiss, wie du das meinst. Und ich bitte diesen schwedischen Mund, nicht zu sagen, er "lache sich halb kaputt". Das klingt so schlimm, wie von einer Studienrätin zu sagen, sie sei süss. So etwas lassen wir die Putzfrau sagen, oder die Frau am Kiosk, die mir am Samstag die NZZ verkauft und mit deren Stimme man die 5 Stockwerke Treppenhaus bis zum Dach füllen kann. Ich würde dich gerne küssen, wenn ich sowas sage. Ich würde das alles in einen süssen, feinen Vorabendkuss verpacken. Aber wir sind im Text und nur im Text! Und womöglich die Zensur! Wir kommen noch auf den Index! Tu comprends?
*
Marlena, ich glaube, wir haben noch ein kommunizierendes Gefäss gefunden, neben Paris,
neben  ...



Montag, 10. April 2017

Re: Retrospektiv



Mein lieber Mausfreund!

Es ist schon spät geworden an diesem ungewöhnlich schönen Tag. Die Luft war so mild heute dass sie mich plötzlich an schöne Sommerabende in Italien erinnerte. Ganz windstill auch. Ich habe wirklich fleissig gearbeitet im Garten. Der ganze Rasen ist voll von Löwenzahn den ich mit einem Eisen entferne. Wir streuen nicht gerne Gift. Dann habe ich noch die Rosen beschnitten und auch ein paar Sträucher, deren Namen ich nicht weiss auf deutsch.
Das Gras beginnt, wenigstens stellenweise, ziemlich lang zu werden und die Knospen an den Obstbäumen sind schon gross. Bald ist sie hier, die lange ersehnte Jahreszeit, wenn alles wächst und blüht.
Wir haben im Moment ein prächtiges Gewitter mit Blitzen, die den ganzen Nachthimmel erhellen und respekteinjagendem (?) Donner. Vielleicht sollte ich den PC abstellen? Aber ich riskiere mein Leben für dich, mein lieber Mausfreund. Sonst glaubst du vielleicht sogar doch dass ich wieder eine Notlüge erfinde um meine Stille zu erklären.

Danke dir herzlich für die schönen Briefe heute. Ich werde sie gleich im Bett nocheinmal durchlesen. Die Dissertation (oder war es Dissektion?) unserer Mausliebe. Ach, Schatz, wie bist du lieb. Wir haben "das Schönste" im Leben gefunden und sogar ewig soll es sein, "until death do us part" oder wie es heisst. Ich kann manchmal kaum glauben dass es dich wirklich gibt obwohl mich deine Mails doch ständig davon überzeugen. Ja, ich printe sie und manchmal wenn ein Brief von dir in meinem Schoss liegt streiche ich zärtlich mit der Hand über das Papier als wäre es ein Teil von dir.. :-)
Ich habe mir eine Kassette geholt heute, auf der einige von Verlaines Gedichten von einer wunderbaren Männerstimme vorgelesen werden. Ich habe mich ganz einfach danach gesehnt sie wieder zu hören. Vielleicht schicke ich dir einmal ein Band mit etwas Musik und dann werde ich dir auch die Vertönung von diesem Gedicht mitschicken und natürlich ein paar Auszüge aus dem Faust, damit du einmal die fantastischen Stimmen der Schauspieler hören kannst.
Verlaine hatte ein ziemlich turbulentes Leben mit viel Alkohol u.a. Er träumte von einer Frau die ihm die nötige Ruhe schenken könnte. In unserer Zeit hätte er vielleicht eine Mausfreundin gehabt. ;-) Hier eins seiner schönen, musikalischen Gedichte:

Je fais souvent ce rêve étrange et pénétrant
D'une femme inconnue, et que j'aime, et qui m'aime,
et qui n'est, chaque fois, ni tout à fait la même
Ni tout à fait une autre, et m'aime et me comprend.

Car elle me comprend, et mon coeur transparent
Pour elle seule, hélas! cesse d'être un problême
Pour elle seule, et les moiteurs de mon front blême,
Elle seule les sait rafraîchir, en pleurant.

Est-elle brune, blonde ou rousse? - Je l'ignore.
Son nom? - Je me souviens qu'il est doux et sonore
Comme ceux des aimés que la Vie exila.

Son regard est parreil au regard des statues,
Et pour sa voix, lointaine, et calme, et grave, elle a
L'inflexion des voix chères qui se sont tues.

*
Es ist wieder ein neuer Tag. Plötzlich weiss ich es. Ich weiss was du tun solltest. Diplomat werden. Ein Topdiplomat, der um die Welt reist und mit seinen Worten das Unmögliche erreicht.
Ach, ich wusste nicht, wie schön es in einem Gefängnis sein kann :-)
Vielleicht hätte man etwas zensurieren sollen. Aber dann wäre es wohl weniger schön gewesen.
Weisst du, ich lache mich halb kaputt über deine lustigen Einfälle. Deine Fantasie ist unbezahlbar.
*
Heute wird ein sehr schöner Tag. Wir werden vielleicht zu einem grossen Vogelsee in der Nähe fahren. Das tun wir immer um diese Zeit. Und dann werden wir junge Brenn-nesseln pflücken, denn eine Brennesselsuppe gehört auch zu unserer Osterfeier, mit einem darin schwimmenden Ei.

Bleib mein allerliebster Mausfreund und schreib mir bald wieder
Deine süchtige Mausfreundin
Marlena

***

In dem Blog "Semsakrebsler", der beste Blog seiner Art und ein
grosser Freudenspender, gibt es die von Hermann Hesse brillante
Übersetzung des Gedichtes "Mon Rêve Familier" von Paul Verlaine.
Die schwierige Aufgabe, sowohl Klang wie Inhalt des Gedichtes
bei der Übersetzung zu beachten, ist Hesse meisterlich gelungen.


Nach Paul Verlaine

Ich träume wieder von der Unbekannten,
Die schon so oft im Traum vor mir gestanden.
Wir lieben uns, sie streicht das wirre Haar
Mir aus der Stirn mit Händen wunderbar.

Und sie versteht mein rätselhaftes Wesen
Und kann in meinem dunklen Herzen lesen.
Du fragst mich: ist sie blond? Ich weiß es nicht.
Doch wie ein Märchen ist ihr Angesicht.

Und wie sie heißt? Ich weiß nicht. Doch es klingt
Ihr Name süß, wie wenn die Ferne singt –
Wie eines Name, den du Liebling heisst
Und den du ferne und verloren weißt.
Und ihrer Stimme Ton ist dunkelfarben
Wie Stimmen von Geliebten, die uns starben.




20 april  08:40

Retrospektiv



Re: retrospektiv


Liebe Marlena
Heute wollte ich dein Mail wiederlesen, wo du deinen Alltag schilderst. Ich bin jetzt hier auf Seite 309, und dieses Mail habe ich auf ungefähr Seite 260 gefunden. Und dabei hatte ich den Eindruck, es wäre erst kürzlich gewesen.
Beim Suchen habe ich auch ein paar meiner Briefe wieder gelesen. Ach was soll ich dazu sagen? Ich finde, ich schreibe manchmal wirklich lustig, dass ich selbst wieder lachen muss. Manchmal bin ich fast etwas erstaunt, dass ich sowas geschrieben habe. Und wenn ich mit meinen Gefühlen in der Weltgeschichte herumspritze, dann kommen sie gerade wieder und ich würde es nochmals ganz gleich sagen.
Ich schreibe wirklich frisch von der Leber weg und es ist fast nichts gelogen. Gelogen ist nur, dass ich so vergnügt sein kann, während du gar nicht da bist. Das ist der einzige Lug und Trug. Sonst schreibe ich wirklich direkt von meinem Herzen und via meine Fingerbeeren. Es geht ziemlich schnell und ich schäme mich manchmal sehr, welche Fehler ich mache. Aber sie entstehen, weil ich die Tastatur nicht genügend anschlage. So fehlen einfach Buchstaben, Endungen. Ach du wirst das mit deinen scharfen Lehrerinnenaugen sofort merken. Es tut mir ein bisschen leid, aber dann doch nicht so sehr, dass ich es ändern könnte, dass ich alles nochmals detailliert Korrekturlese. Da müsste ich eine Sekretärin anstellen dazu. Normalerweise korrigiert meine Sekretärin, die Liz, meine Briefe. Sie ist perfekt in der Rechtschreibung. Ihr entgeht gar nichts und ich bin froh, dass ich sie habe. Sie passt genau zu mir. Ich habe die Fantasie und die Formulierungen, und sie bringt es in eine Form, so dass alle beeindruckt sind. So erreichen wir viel zusammen.
Ich habe mich gefragt, was du machst mit allen diesen Mails, die du ausdruckst. Verbrennst du sie oder steckst du sie in einen Ordner? Er muss ja schon ziemlich dick sein. Ich hoffe, all diese Aussagen werden nie vor Gericht gegen mich verwendet. Ich kriegte lebenslänglich, wie du. Und wir würden als Gnadensakt eine gemeinsame Zelle erbitten. Möchtest du dann auf der Pritsche zum Fenster schlafen, oder lieber zur Türe hin, wo nachts die Mäuse durchhuschen? Bist du sehr empfindlich gegenüber den Ameisen, die vorne am kleinen vergitterten Fenster hereinkommen? Und das alte Brot, willst du zuerst daran lutschen, damit es etwas weicher wird und wir es teilen können, oder soll ich diese Aufgabe übernehmen. An der Wand machen wir Striche, jeden Tag einen. Für lebenslänglich braucht es eine grosse Wand. Also fangen wir ganz oben links an wie an der Wandtafel im Klassenzimmer. Und wer macht am Morgen das Bett? Ist das deine Sache, deine als Frau. Oder herrscht im Gefängnis Gleichberechtigung? Ich würde sagen, wir wechseln ab. Und wenn ich mal dran bin, dann mach ich dir am Stamstag ein Schlupfbett, und wenn wir nach Mitternacht auf unsere Pritsche kriechen, weil wir uns so lange Geschichten aus unserem Leben erzählt haben, dann schimpfst du, weil du nicht ins Bett kommst. Und dann lachen wir Tränen und ich lade dich ein, in meine Pritsche zu kommen. Sie ist verdammt eng, diese Gefängnispritsche, und wir sind beide froh, dass du ein schlankes Ding bist. Und wenn wir etwas wackeln, was sich ja ab und zu geben soll, dann ächzt und knarrt die Pritsche, so dass die Wache vor der Türe stehen bleibt und horcht, ob wir vielleicht einen Ausbruchversuch machen. Und dann halten wir uns einen Moment den Atem an und halten uns so sehr, wie sich nur zwei Verliebte halten können. Und dann geht die Wache weiter und unsere Pritsche knarrt, als ob sie etwas zu reklamieren hätte. Doch da gibt's nichts zu reklamieren.
Ach Marlena, jetzt sind wir im Gefängnis gelandet. Wie kommen wir da wieder raus? Tut mir leid, ich hoffe, ich habe dich nicht schockiert. Ich meine bloss wegen der paar Ameisen.
Ach so ja, meine Frage war, was machst du denn mit den vielen Mails. Ich frage dich, weil ich mir nicht vorstellen kann, wie dick die Beige ungefähr ist. Wir sind doch erst im 4. Monat. Stell dir vor im 9. Monat. Nach einem Jahr, nach 20 Jahren. Habt ihr eine grosse Garage? Oder denkst du eher an die Müllabfuhr?
*
Ach Marlena, erzähle mir auch ein bisschen über Anna. Ich glaube, sie ist deine liebste Person. Ich würde sie gerne kennenlernen. Oder einfach wissen, was sie für dich bedeutet und wie du dich mit ihr verstehst. Unsere Kinder sind ja unsere grossen Zukunftshoffnungen. Aus praktisch einer Zufälligkeit geboren, bauen sie sich selbst hinauf wie ein Turm, wenn es gelingt, der ein Leben lang stattlich dasteht und hinhält. Oder vielleicht erzählst du mir über deine Freunde, vielleicht über K, was mich mit dieser Abkürzung immer an Kafka erinnert, oder über deine Kusinen, mit denen du wie Schestern gelebt hast. Oder erzähle mir von Verlaine. Ich glaube, das machst du bald, da du den Gedichtband geholt hast. Habe ich recht. Auf jeden Fall freue ich mich darauf.
Du hast gestern gesagt, du hast nicht immer, oder noch nicht den Mut zu erzählen. Es braucht keinen Mut. Ich erzähle doch nichts weiter. Ich schlucke alles in mich hinein. Es bleibt nur ein Teil dieses unseres Textes. Ich möchte dich auch nicht ausfragen, das wäre doch sehr peinlich. Aber das weiss ich schon, bei dir braucht das Formulieren ein wenig Anstrengung. Du musst einfach nur an dich denken und es hochkommen lassen. Meine Töchter sind manchmal etwas eklig mit S, wenn sie etwas nicht genau sagen kann und sinnnt, wie das zu tun. Sie sagen "Komm schon, spuck es aus, komm schon" wie der Kriminalbeamte beim Verhör. Echt eklig können die kleinen sein, und dann lachen wir alle zusammen.
Ich schicke dir das, damit dein Ordner voll wird.
Und packe meine lieben Grüsse mit ein, und ein paar Küsse, wenn es denn noch Platz hat. Reserve, sozusagen
G+K


den 19 april 2000 18:37