Donnerstag, 5. Januar 2017
Re: D'accord ...
Subject: Endlich geschafft!
Liebste Marlena
Herzlichen Dank für dein schönes französisches Mail. Es ist wirklich schön, wie du das kannst. Ich habe alles sehr gut verstanden, vielleicht ein oder zwei Verben, die ich erraten musste. Es sind so schnörkellose und direkte Sätze, die du machst, so dass ich den Eindruck habe, wenn ich es so könnte, könnte ich es auch. Verstehtst du, wie ich meine. Du hast die französische Struktur im Kopf, ich hingegen nehme das Deutsche und übersetze. Und mein Deutsch hat nicht diese selbstverständliche Form.
Schön für euch, bald die Italiener in Aktion zu sehen. Man muss das wirklich, in der Theorie sind sie nur halb so aufregend. Aber in Aktion sind sie ein kleines Weltwunder. Und vor allem, wenn diese hübschen blonden Mädchen aus dem Norden kommen, dann machen sie ein Aufsehen und eine Staatsaktion, dass man nur staunen kann. Ich hoffe nur, ihr seht auch ein paar von diesen superfeinen Exemplaren. Im Sommer hat es doch vor allem Deutsche und Engländer und weiss Gott was in Italien, nur keine Italiener. Aber wenn ihr Glück habt, dann seht ihr den einen oder den andern von weitem.
Ich erinnere mich, als wir damals jeweils die ganze Familie an die Adria in die Ferien reisten. Irgendwie waren wir einmal in einem kleinen Fest gelandet und sassen herum und tranken irgend etwas.Meine Schwester, die vielleicht 16 oder 17 war, wurde ständig von diesen agilen Italienern gefragt, ob sie tanzen wolle. Doch sie hatte zuhause ihren Freund und hat sich überhaupt keinen Tanz erlaubt. Und die Italienische Armada hat immer wieder angegriffen und hat wirklich ihren letzten Charme ins Zeug geworfen, ohne Erfolg. Meine Mutter hat mir das später einmal erzählt, denn damals war es mir nicht aufgefallen. Ich war wohl noch etwas jung und mir wäre auch nicht in den Sinn gekommen, zu tanzen. Schon gar nicht in den Sinn gekommen, ein italienisches Mädchen zu holen. Das konnte man ja auch nicht, denn diese standen nicht einfach so zur Verfügung. Wenn schon, dann wären sie abseits gestanden und irgend eine Tante hätte ein Auge auf sie gehabt. So allein konntendie italienischen Mächen sich damals noch nicht bewegen. Doch, das erinnere ich micht noch deutlich, meine Mutter hat es mir mit einem Anflug von Unverständnis erzählt. Sie hat mir damit angedeutet, dass eine solche Selbstbeschränkung eigentlich nicht nötig sei. So zumindest hatte ich sie damals verstanden.
*
Du erzählst von eurer Königin und ihrem Mann, der homo gewesen war. Und vom Arzt von St. Michele. Ich glaube, ich habe den Film einmal gesehen. Und er hat mich ziemlich beeindruckt. Doch habe ich nicht gewusst, dass jener aus Schweden herunter gekommen war.
Ach, wie solltest du eure Königin Victoria bedauern, ihr Royalisten bedauert immer eure Königinnen und Könige. Die haben das doch überhaupt nicht nötig! Die haben es gut, das ist alles. Die können sich alles leisten, ob sie nun Legastheniker oder Homos sind. Ich habe kein Mitleid mit ihnen. Aber ich bin auch nicht ein militanter Antiroyalist. Ich finde sie ja ab und zu ganz pittoresk und malerisch, gut als Touristenattraktion, so wie wir in der Schweiz die Jungfrau und das Matterhorn und den Genfersee und due Luzerner Holzbrücke haben. Ich erinnere mich, als ich in meiner Gymnasiumszeit in Bornemouth in den Sprachferien war, haben wir im Unterricht oft über das englische Königtum diskutiert. Und ein Lehrer hat es heftig verteidigt gegen die Angriffe der Deutschen, der Franzosen und der Schweizer in der Klasse. Und er hat vor allem dieses Moment des Images und der Nostalgie gebracht. Er argumentierte, dass das englische Königshaus mehr Devisen hereinbringe, als es selber koste. So gesehen, wäre das wie eine Tourismusorganisation, wie ein Freizeitpark mit Achterbahn und Karrusell.
Nun seid ihr Nordländer inklusive die Holländer etwas zurückhaltender mit euren Blaublütern. Aber ihr bedauert sie immer noch zu sehr. Nun ja, sie sind natürlich auch eine Art Projektionsfläche. Man kann die eigenen Gefühle im Königshaus unterbringen. Ich glaube, dass wir die roaylistischen Ehen viel zu bürgerlich interpretieren. Wir denken, die Prinzen und Prinzessinen heiraten aus Liebe und liebten sich so banal und einfach, wie wir das tun. Aber oft sind das doch echte Zweckehen, rationale Verbindungen, die im Interesse der Krone gemacht werden. Die Liebe ist eine bürgerliche Erfindung und gegen den Adel so hochstilisiert worden. Der Adel hat nie in erster Linie aus Liebe geheiratet. Dazu gab es dann die Maitressen und geheimen Geliebten. Der Adel hat geheiratet, um die Interessen der eigenen Lignage zu wahren, um die öffentlichen Privilegien zu vergrössern und zu behalten. Und um den Besitz zu arrondieren. Die Liebe, das ist sozusagen der Reichtum der armen Leute. So könnte man es sagen, und es ist doch ziemlich schön gesagt.
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Schatz, du brauchst dich doch nicht entschuldigen, weil du mein Bild nicht erwähnt oder gar verdankt hast. Es ist nur so, dass ich bei den Bildern nie ganz sicher bin, ob sie auch ankommen. Und da bin ich froh, wenn du eine Bemerkung machst, sonst denke ich, sie sind irgendwo zwischen Norddeutschland und Südschweden ins Wasser gefallen. Ich weiss auch, dass du mit dem Visper nicht so mailst wie du das mit mir tust. So wie wir mailen, so können nicht viele Menschen mailen. Da bin ich mir ziemlich sicher. Und ich bin froh und stolz, dass ich dich zu diesem Punkt gebracht habe. Es war ja auch ziemlich harte Arbeit. Und manchmal ist es auch etwas anstrengend, wie du merkst. Es braucht Zeit und die eigenen Gedanken müssen anfangen zu fliessen. Und das ist vielleicht nicht immer möglich, wenn man mit anderen Dingen und Sorgen zusehr beschäftigt ist.
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Es ist auch nicht so, dass ich im Moment keine Lust hätte, mit dir in der Italobar einen Kleinen zu kippen und einen Schwatz zu machen. Ueberhaupt nicht. Ich finde, das waren die schönsten Momente, die wir zusammen hatten. Wir konnten wirklich dort erstmals in Ruhe miteinander plaudern, und dazu hatte man das Gefühl, es sei ganz privat und niemand sei rundherum, der uns stören oder ablenken könnte. Ausser vielleicht einem oder zwei Sergeanten der italienischen Geheimpolizei. Aber von sowas lassen wir uns doch nicht beeindrucken! Ich könnte wirklich stundenlang mit dir dort an der Bar stehen und über alles reden, was dich oder was mich beschäftigt. Es gibt fast nichts, was ich mehr geniesse, als mit dir zusammen zu sein, liebe Marlena.
Was mich im Moment etwas abhält ist eigentlich nur, dass ich ein bisschen mehr Ordnung in mein Leben bringen muss. Das Problem ist, dass mein PC im Büro steht. Und wenn ich abends etwas zuhause mache, dann habe ich ihn nicht zur Verfügung. Es ist vielleicht 10 Minuten mit dem Auto von zuhause bis zum Büro. Am Montag habe ich das Lap für A. nach Hause gebracht. Sie wollte ein paar Mails nach Ecuador schreiben. Und da hatte ich meine liebe Mühe, den ST und mein Mailbox zu schliessen, so dass sie nicht zufällig hineingerät und diesen langen Schwanz von Marlena-Mails sehen kann. Sie würde ja einen Schock bekommen. Bei Hotmail konnte ich mich erinnern, wie ich die Sache abschliessen kann. Beim ST wusste ich nicht mehr, wie es geht. So bin ich immer etwas in ihrer Nähe gesessen und habe darauf geachtet, dass sie nicht auf Abwege gerät. Du siehst, Liebste, ich habe kein kleines Manual in der Nähe, das mir jederzeit mit Rat und Tat beistehen kann.
Wir werden uns wieder beim Italiener treffen, hab keine Sorge, meine Liebe. Bestimmt werden wir das bald wieder.
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Gestern abend hatte ich sozusagen Fernsehprogramm. Ich fand zufällig auf einem französischen Sender - seit ich dich kenne, schaue ich wieder öfter französische Programme, und sie sind die einzigen, die sich oft mit Musik beschäftigen - ein Programm über Serge Gainsbourg gesehen. Er war ja sehr musikalisch und sehr begabt, aber auch recht dekadent. Und später hat er sich mit Zigaretten und mit Alkohol kaputt gemacht. Und man hat all diese Partnerinnen gesehen, die mit ihm gesungen haben, alle mit diesen hohen Pipsstimmen, die er offensichtlich mochte, die vielleicht im Kontrast seine Stimme ein bisschen männlicher gemacht haben. Aber er hat ständig geraucht vor der Kamera, man hätte einen Hustenanfall bekommen können. Natürlich wurde Jane Birkin immer wieder interviewt. Sie war damals sehr hübsch gewesen, das habe ich gar nicht gewusst. Heute ist sie ja ein bisschen zu mager und zu ausgemergelt. Und mit Deneuve hat er auch zusammen gesungen. Aber die beiden haben nicht wirklich zusammen gepasst. Man konnte sehen, der Deneuve ist es ein bisschen unangenehm gewesen, denn da war er schon ziemlich ausgeflippt und verkommen. Um nicht zu sagen schmutzig. Aber er hat ja sehr schöne Chansons gemacht. Und wir haben sie damals geliebt, auch wenn sie heute gelegentlich schlecht gesungen erscheinen.
Als wir vor ein paar Jahren die ganze Familie eine Woche in Paris waren, ging ich an einem Nachmittag auf den Friedhof, um Sartres und Beauvours Grab zu sehen. Zufällig hatte ich dort auch Beckets Grab gefunden, das ganz diskret dalag. Und nicht weit davon war ein riesiger Marmorblock, ein paar junge Mädchen standen oder sassen herum und rauchten wie die Besenbinder. Und als ich näher kam, merkte ich, dass es Geinsbourgs Grab war. Er ist seinen Fans wirklich ein wunderbares Vorbild in Sachen rauchen und trinken. Ich hatte das nicht gesucht, aber an diesem Grab konnte man nicht einfach unversehens vorbeigehen. Es war so ein riesiger Steinblock.
*
Und in der zweiten Häfte des Abends habe ich mir einen alten Film von Antonioni angeschaut. Es waren 4 kurze Episoden, immer Liebesgeschichten, die irgendwie keine waren, beschädigt waren. Und in einer kleinen Episode hat ein junges Mädchen genau diese Szene erzählt, die du mir auch wieder in Erinnerung gerufen hast, wo einheimische Träger wegen des enormen Tempos warten müssen, damt sie von ihren Seelen eingeholt werden können. Sie hat es von den Indios in Südamerika erzählt. Und man kann es ja auch gut akzeptieren. Es ist nicht anzunehmen, dass die südamerikanischen Seelen schneller wären als die afrikanischen. Alle Seelen haben ihre Trägheit, und man muss manchmal geduldig auf sie warten. Manchmal sind sie echt im Rückstand und verspätet. Manchmal liegen sie vielleicht um Jahre zurück Es ist ja nur unsere westliche Zivilisation, die sich durch die Zeit hat brechen lassen. Ich weiss noch, wie begeistert A. aus Ecuador erzählt hat, wie man sich dort seine Zeit nehmen kann und zu einer Verabredung ohne weiteres eine halbe Stunde zu spät eintreffen kann. Das kann man so leicht, weil die anderen eben auch soviel zu spät kommen. Und auch die Perser haben sich nicht durch die Zeit brechen lassen. Sie geraten nicht in Unruhe, wenn sie zu spät sind. Die Ruhe und Gelassenheit ist ihnen wichtiger als die Pünktlichkeit. Und das ist es doch dann auch, was mich mit meiner S. gelegentlich zum Wahnsinn treibt. Man lässt sich seine Würde nicht durch die Zeit nehmen. Und so ist es doch auch, hastende und eilige und nervöse Menschen haben irgend etwas unwürdiges an sich. Ausser sie sind so pünktlich und haben die Sache im Griff wie meine Marlena, dann sieht es wieder gut und sehr kompetent aus. Dann hat man die Würde zurückgewonnen. Aber das ist schon eine sehr hohe Kunst, muss man annehmen. Und ich bin sicher, es gelingt mir nicht halb so oft so gut, wie du es kannst.
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Ach Marlena, du musst dich nicht zwingen, von Uppsala und von deinem Studium zu berichten. Vielleicht ist es im Moment für dich weit weg. Ich war ja auch nur drauf gekommen, weil du es mir angekündigt hattest. Ich erinnere mich noch, wie du erzählt hast, ihr seid dort ein einer Wohnung gewesen, wo es im Treppenhaus nach Katzen gestunken hat. Und Uppsala wirke sehr kontinental? Ich habe gedacht, ich würde gerne von deinen jungen Jahren hören. Ich zumindest habe noch intensive Fäden und fühle mich verbunden mit Zürich, wo ich studiert habe. Ich glaube, in der Studienzeit ist man so offen und aktiv und aufnahmefäig und mit Erlebnissen bombardiert, dass man später immer darauf als eine intensive und schöne Zeit zurückschaut. Natürlich romantisiert man auch vieles. Und du hast während des Studiums zuhause gewohnt. Dann ist der Unterschied zur Mittelschule vielleicht auch nicht so gross als dann, wenn man zum ersten Mal im Leben wirklich allein wohnt und sich für alles selbst verantwortlich (oder eben auch nicht) fühlt.
Also, was sich damit sagen will: mach es auch so, nimm es doch auch als eine Art Tagebuch. Du kannst reden über das, was dich im Moment am meisten beschäftigt, oder was dir am meisten Lust macht. Es ist doch alles irgendwie interessant. Du brauchst dir daraus keine Arbeit machen.
Ach, und dann ist da dein Schwedisches Gedicht. Das erste meine ich. Das ist ziemlich lange. Ich habe versucht, das Gedicht in eine Tabelle zu bringen, links das Gedicht und rechts dein Vocabulaire. Sonst musste ich immer vor- und zurückscrollen. Und das hat mich wahnsinnig gemacht. Aber noch so fand ich das Gedicht ziemlich schwer. Ich hätte geliebt, es aus deinem Mund zitiert zu bekommen. Und dann hätten wir es sinngemäss übersetzen können. Ich glaube,ich bin doch etwas weiter von deinem schönen Schwedisch entfernt, als du glaubst. Das kleine Gedicht konnte ich irgendwie bewältigen. Aber das grosse war doch etwas viel. Wenn ich dieses Schwedisch sehe, von dem ich ja nicht genau weiss, wie man es aussprechen würde, dann kommt es mir sehr fremd vor. Ich meine, es hat kleine Aehnlichkeiten mit dem Deutsch. Aber bei diesen feinen Ähnlichkeiten sind dann doch die Unterschiede wieder so gross, dass man kaum sieht, was ist ein Nomen und was ist ein Verb. Ich glaube, das Lateinische liegt uns schon näher. Es scheint mir fast so weit entfernt wie das Persische, das ja auch eine Indogermanische Sprache ist, aber keine Germanische, wie das Schwedische und das Deutsche.
Ich habe mal vor Jahren ein tolltes Buch gefunden von einem gewissen Frederik Bodmer "The loom of language", dh ich habe die deutsche Übersetzung. Ich weiss nicht, wer dieser Bodmer war, und das Buch war erstmals schon 1955 erschienen. Aber es ist sowas von interessant. Es erzählt über die Entwicklung der Sprachen, über die Geschichte des Alphabets, die Formenlehre, die Syntax, die Einteilung der Sprachen, die Krankheiten der Sprachen. Und dann beschäftigt er sich näher mit den europäischen Sprachen. Und schliesslich, im Sprachmuseum, zeigt er die Querverwandtschften in Wortlisten. Es ist ein sehr gescheites Buch und ich habe damals viel darin gelesen. Er beschäftigt sich immer mit mehreren Sprachen zugleich und zeigt die Ähnlichkeiten und die Gemeinsamkeiten, auch die Unterschiede natürlich. Er muss etliche Sprachen gleichzeitig beherrscht haben. Ich habe dir vor einiger Zeit auch etwas daraus zitiert. Und vielleicht hattest du dann den Eindruck, ich kennte mich schon sehr viel besser aus, als ich es wirklich tue. Aber ich bin wirklich ein blutiger Anfänger im Schwedischen. Und ich würde mich auch absolut nicht dafür interessieren, wenn ich nicht eine so nette Mailfreundin hätte.
*
Ich glaube, ich muss dir etwas schicken. Denn du bist ja zuhause und hast deinen Kaffe längst trocken hinunterwürgen müssen. Tut mir leid, meine Liebe. Aber ich tue was ich kann. Und im übrigen muss ich jetzt ohnehin an die Arbeit.
Ich wünsche dir einen schönen Tag. Und lerne mir nicht zuviel Italienisch. Ich möchte nicht, dass du damit schon allzuviel Charme spiellen lassen kannst. Verstehst du ;---)
Ich liebe dich
...
Mittwoch, 4. Januar 2017
D'accord chéri ...
Subject: Re: Wochenanfang
Date: Wed, 14 Jun 2000 00:14:51
D'accord, chéri,
Je vais t'écrire une petite lettre en français comme tu me l'as demandé l'autre jour. Je viens de recevoir ton dernier mail qui comme toujours m'a fait grand plaisir. Aujourd'hui j'aurais voulu te voir un petit instant au "Bar Italien" puisque c'est probablement la dernière fois que je peux y aller et causer tranquillement avec toi sans être dérangée, mais j'ai l'impression que tu n'as pas envie en ce moment. C'est vraiment dommage..
Tu as vu que j'étais dans le "chat" en même temps que toi, je t'ai même parlé mais sans réponse. Parfois la vie est assez dure ;-))
Comme toi, j'ai passé une journée assez tranquille. Je me suis occupée de la maison et j'ai encore fait quelques préparations pour notre voyage. Cette fois j'ai decidé de ne pas emporter trop de vêtements ;-)
D'ailleurs on nous recommande dans une brochure de ne pas porter de bijoux ni des vêtements trop élégants. Et surtout pas de sac à main! Anna trouve tout ça formidable et moi, je me demande comment c'est possible qu'il y ait un pays moderne en Europe où il y a tant de gens malhonêtes.
Je n'ai pas encore eu le temps d'apprendre un peu l'italien comme j'avais pensé mais il nous reste encore une semaine et je peux aussi bien emporter le livre pour le faire pendant le voyage. Tu sais que j'ai déjà été en Italie plusieurs fois mais pour Anna c'est la première fois et je suis déjà très curieuse de voir sa réaction en voyant des Italiens en action.
J'ai emprunté quelques livres sur la région, entre autres un livre d' Axel Munthe sur San Michele.
Tu sais qu'il était le médecin de notre reine Victoria qui était mariée au roi Gustave V qui était homo. La pauvre! Elle doit avoir eu une vie assez dure. Pour une reine ce n'est pas facile d'avoir un amant à côté de son mari.
*
Tu me demandes si j'ai fini le livre d'Updike. Oui, je me suis forcée plus ou moins à le faire. Au début c'était assez intéressant mais je n'aime pas trop ce mélange de vérité et de fiction qu'on y trouve. La fin du livre est restée dans ma mémoire. Le jeune héro quitte son amour un soir pour faire une promenade au bord de la mer. Puisqu'il est devenu blanc (il était noir d'abord mais a soudain changé de couleur!!!) on le prend pour un touriste riche et on le tue pour avoir son argent. C'est une fin qui m'a fait mal, mais j'ai aussi appris que le Brésil est un pays assez dangereux où des choses pareilles peuvent arriver facilement.
Tu sais, chéri, parfois j'ai l'impression que tu apportes trop d'importance à mon amitié avec cet homme de Visp. Tu crois même que je lui parle de toi, mais c'est une chose que je ne ferais jamais. D'ailleurs je ne lui écris pas de lettres. On se dit seulement des petites phrases sur le temps qu'il fait, ce que nous allons faire pendant la journée (travailler au jardin, aller à la pêche, avoir des invités, aller en ville, fêter quelque chose) et depuis qu'il possède un bon "scanner" il m'envoit de temps en temps de jolies photos du Brésil aussi bien que du "Wallis".
Oui, c'est vrai, tu m'as envoyé une photo merveilleuse de la montagne là-bas. Je te demande pardon si j'ai oublié de t'en remercier. Moi aussi je voudrais bien acheter un scanner pour pouvoir te montrer des photos de ma vie ici en Suède.
J'espère pouvoir le faire bientôt.
*
Je t'avais laissé un petit message au ST mais tu ne l'as pas vu. D'ailleurs tu n'as rien dit du poême suédois que je t'ai envoyé mais peut-être ne l'avais-tu pas encore lu. C'est un des plus beaux poêmes d'amour suédois. Mais il y a un autre que j'aime beaucoup aussi et peut-être aurais-je dû l'envoyer en même temps pour ne pas t'étouffer avec des sentiments trop chauds.
Le voilà:
Lägg din hand i min om du har lust - Put your hand in mine if you like
Jag är inte den som stannar kvar - I'm not the one who remains
Att ur kärlek suga märg och must - To suck the life out of love
Jag är en som kommer och som far - I'm one who comes and who goes
*
En espérant que tu as passé une bonne soirée
je t'envoie mille baisers
Ton amie fidèle
Marlena
Dienstag, 3. Januar 2017
Re: Gute Zeit
Liebe Malou
Ich danke dir für dieses schöne
lange Mail. Ein solch langes und ruhiges hast du lange nicht mehr
geschrieben. Ja, meine Mausfreundin, ich glaube, wenn ich dir schreibe,
habe ich ein klein bisschen das Gefühl, wie wenn ich zu dir und in deine
ruhige Atmosphäre auf einen kleinen Kaffee käme. Es beruhigt mich. Und
wir haben eine kleine Vergangenheit. Das heisst, unser Wasser hat schon
eine gewisse Tiefe. Und das ist mehr als bloss eine oberflächliche Pfütze.
Ich merke schon, dass mir so ein Gefühl der Familie und der Häuslichkeit anfängt zu fehlen. Gerade in dieser Weihnachtszeit ist
dies doch ein starkes Gefühl. Aber ich kann auch nicht unbedingt
behaupten, ich hätte dies zusammen mit S gehabt. Obwohl sie sich
bestimmt Mühe gegeben hat, ein gutes Haus zu führen, davon bin ich
überzeugt. Die Atmosphäre hat mir gefehlt, das Gespräch, das Lachen
zwischendurch, das Gefühl der Gemeinsamkeit, vielleicht das letzte hat
mir am meisten Gefehlt. Es war mir immer so, als ob sie in einer anderen
Welt gelebt hat als ich. Heute interpretiere ich es mit der persischen
Gesellschaft und der Geschlechterloyalität, die sie hervorbringt. Frauen
fühlen sich zuhause unter Frauen, Männer unter Männern. Die Begegnung
zwischen den Geschlechtern ist irgendwie exotisch und tendenziell ein Kampf oder vielleicht ein Handel.
Gestern war ich in der Stadt und
habe ein wenig die Vorweihnachtszeit genossen. Es gibt viele Leute. Und
alle rennen sie irgendwelchen Geschenken nach, die noch zu besorgen sind.
Ich bin natürlich in einem Musikgeschäft und einem Bücherladen
gelandet. Dort kann ich meine Zeit am besten verbringen. Die grossen
Bücherläden sind richtige Freizeitzentren geworden mit Cafeteria,
Hörbar für CDs, Büchertische zum Anschauen. Und wenn ich dort
hineingehe, erinnere ich mich gerne an jene gemütlichen Bücherläden am
Broadway in NY. Sonntag abends um 8 oder 9h konnte man sie noch
aufsuchen. Sie hatten eine Art Garderobe, wo man die Taschen abgeben
musste. Aber die Läden waren sehr gemütlich und nicht übervölkert wie in
Basel. Sie hatten nur einen einzigen Nachteil. All die vielen Bücher
auf den grossen Tischen waren alle eben in Englisch.
Und später habe ich noch einen
langen Abendspaziergang gemacht und gleichzeitig mit meiner Juke-Box,
die mir Walo geschenkt hat, einen Text über die Vorsokratiker von de
Crescenco gehört habe. Es war das erste Mal, dass ich mit Kopfhörer im
öffentlichen Raum gewandert bin. Es gibt einem ein spezielles Gefühl.
Und natürlich kann man sich nicht immer so gut auf die Stimme
konzentrieren. Manchmal überhört man Dinge. Gelegentlich auch, weil es
draussen zu laut ist.
Ja, ich würde an deiner Stelle
sofort fragen, was die drei Punkte auf der Hand bedeuten. Das finde ich
interessant, von Leuten über ihr Leben zu hören. Und natürlich haben
nicht alle ein interessantes Leben gehabt. Oder vielleicht muss man
sagen: nicht alle können spannend über ihr Leben erzählen. Jedenfalls
erinnere ich mich bei diesen Dingen, die du erzählt hast, an eine
Untersuchung, die ich damals als Student am IAP gemacht hatte. Ich
glaube, du weisst, dass ich damals stundenweise als Psychologe arbeiten
konnte. Und ich war in der Verkehrsabteilung beschäftigt, wo man mit der
Selektion von Polizisten, Tram- und Buschauffeuren für die Stadt Zürich
zu tun hatte. Einer hatte mir dabei von seiner Zeit in der
Fremdenlegion erzählt. Ein anderer - ihm war der Fahrausweis entzogen
worden - hatte an einem Raub teilgenommen. Er war zwar nur der Fahrer
der Gangster gewesen, und hatte im Fahrzeug auf seine Kollegen gewartet.
Gerade deshalb wurde ihm der Ausweis für einige Jahre entzogen. Der
Grund aber für dieses Unternehmen war seine Geldknappheit. Er war immer
nach Konstanz gefahren um zu spielen. In der Schweiz waren damals
Casinos verboten. Deshalb musste er dafür an die deutsche Grenze fahren.
Ich erinnere mich noch, wie er schilderte, dass er oft nach
dem Konstanzer Casino nicht einmal mehr Geld hatte, um Benzin für seine
Heimfahrt zu bezahlen. So sehr war er sich vorher sicher gewesen, dass
er diesmal viel Geld gewinnen würde. Also frag ihn Malou! Ich bin
sicher, ein alter Mensch erzählt gerne von seinem Leben. Vielleicht hat
er wirklich gesessen? Und wenn du zuhörst, kannst du nachfühlen, wie es
sein muss, im Kittchen zu sitzen. Schliesslich muss man doch alles im
Leben mal ausprobieren ;-)) Erzähl mir dann, wieviel du
gekriegt hast. 4 Jahre? 6 Jahre bei Wasser und Brot? Bist du wegen guter
Führung vorzeitig entlassen worden?
Die beiden Bilder, die du schickst,
gefallen mir. Ich finde, Bilder in Kinderbüchern sollten viele lustige
und einfallsreiche Details zeigen. Das weckt sozusagen den
Eroberungssinn des kindlichen Auges. Kinder lernen, Bilder genau
anzuschauen und viele Dinge und Zusammenhänge zu entdecken, die sie
anfangs nicht gesehen hatten. Na ja, das ist vielleicht sehr schulpsychologisch gedacht.
***
Ich werde vielleicht in den nächsten Tagen einmal ins Wallis fahren. Vielleicht hast du davon
gehört, dass der neue Lötschberg-Basis-Tunnel fertig erstellt worden ist.
Damit gewinnt man beinahe eine Stunde Fahrt. Visp hat sich damit zum
neuen Verkehrsknotenpunkt entwickelt und einen neuen Bahnhof erhalten.
In Visp steigen die Leute um, um nach Zermatt oder Saas Fee zu gelangen.
Die Visper sind mächtig stolz, durch diese neue Situation die Briger
ein bisschen überholt zu haben. Jedenfalls kann man von Bern in einer
halben Stunde Visp erreichen. Das ist eine neue Verknüpfung und ermöglicht sogar, im Wallis zu wohnen und in Bern zu arbeiten. Das Wallis ist - so habe ich irgendwo gelesen - zum Vorort von Bern geworden. Es ist
mir aufgefallen, wie viel Berner Zeitungen neuerdings über das
Oberwallis berichten. Diese neue Verbindung werde ich also mal
anschauen. Das Ende des Tunnels liegt etwas oberhalb Raron, also
zwischen Visp und Raron. Vielleicht sollte ich wirklich wieder mal im
Wallis ein Fondue essen?
Ich wünsche dir einen guten Tag
Liebe Gs und Ks
...
...
Montag, 2. Januar 2017
Gute Zeit
Lieber ...,
Du wünschst mir eine gute Zeit, und heute Abend habe ich sie. Ich bin
nämlich Strohwitwe. Bin ich ja eigentlich immer, aber heute gehört das
Haus nur mir und ich kann dir nach Herzenslust schreiben, gerade in
dem Moment wenn ich Inspiration habe, d.h. jetzt. :-)
Ich habe mit großem Interesse deine Schreibpläne wahrgenommen und bin
erstaunt wie wissenschaftlich du ans Werk gehst. Es wäre schön, wenn
du damit Erfolg hättest und das wünsche ich dir aus vollem Herzen.
Doch glaube ich immer, dass das schönste Buch von dir deine Memoiren
sein müssten. :-) Doch wenn du einmal einen Namen hast...
Beim lesen deines Mails musste ich an die Zeit zurückdenken, als Anna
noch klein war und abends vor dem Einschlafen immer wollte, dass ich
ihr etwas vorlesen sollte.. Oft war ich schon sehr müde nach einem
strengen Arbeitstag, zu müde um etwas zu lesen, aber noch nicht zu
müde um etwas zu erzählen. Du kennst sicher die Bücher über Pettson.
Ich denke sie müssen auch ins Deutsche übersetzt sein. Und zu diesen
Büchern habe ich immer neue Kapitel aus meiner Fantasie erzählt.
Findus, der Kater, hatte plötzlich ein kleines Liebchen im Wald
gefunden, mit der er sich heimlich traf, Pettson selbst kriegte von
mir eine "faster Olga" (faster ist Tante = Vaters Schwester). Diese
kam oft ohne Ankündigung und schaute bei ihm nach dem Rechten. Auch
eine kleine Mausfamilie habe ich erfunden, die abends, wenn Findus
endlich eingeschlafen war, hervorkam und in der Küche nach Nahrung
suchte. Ich musste mich nicht einmal anstrengen beim erzählen. Es kam
alles so spontan zustande.
*
Du erzählst von den Mahlzeiten in deinem Büro und dabei denke ich mit
Nostalgie zurück an die schönen Stunden, die ich zusammen mit Kollegen
in der Schulkantine verbracht habe. Unsere Schule war sehr gross und
an einem normalen Arbeitstag traf man meist nur Kollegen aus demselben
Fachbereich. Es gab eine Zeit, wo wir ein gemeinsames Lehrerzimmer und
gemeinsame Pausen hatten. Man konnte also täglich mit den meisten
anderen Lehrern dort zusammenstrahlen und Gedanken austauschen. Dann
kam jemand auf die Idee, die Lehrer sollten in jedem Fach ihr eigenes
"Kaffeezimmer" haben und auch die gemeinsamen Pausen verschwanden. Und
so blieb dann eigentlich nur noch die Kantine, wo man "die anderen"
treffen konnte. Natürlich gab es auch Leute, die sich eigenes Essen
mitbrachten, aber die wussten sicher nicht was sie verpasst haben in
der Kantine. Das Essen war hervorragend. Ein Salatbüffet dazu zwei
wahlfreie warme Speisen (viele nahmen von beiden), Milch, Bier oder
Mineralwasser. Und nachher noch Kaffee mit einem kleinen Gebäck dazu.
Und das alles für etwas mehr als 3 Euro. Aber das schönste dabei waren
doch die Leute und die fröhliche Stimmung.
*
Jetzt mache ich eine kleine Pause. Muss mir etwas zu essen machen...
Wartest du? Oder läufst du mir wieder davon? ;-)
So, bin wieder hier. Als Nachspeise habe ich mir eine Tasse Tee
gemacht und dazu gibt es Lussebullar (ein besonderes Luciagebäck)
Gestern konnte ich nicht einschlafen. Weiss eigentlich nicht warum.
Als ich schließlich auf die Uhr sah, war es schon nach 3 Uhr morgens.
Dann muss ich doch noch ein paar Stunden geschlafen haben. Um halbzehn
musste ich los. Der alte Herr mit dem neuen Hörapparat musste nochmals
ins Krankenhaus, um das neue Gerät zu kontrollieren. Aber gegen
halbzwölf war ich schon wieder zu Hause.
Er ist ein sympathischer Mensch und nicht ungebildet, obwohl er nicht
studiert hat. Habe ich dir gesagt, dass er 3 Punkte eingraviert hat in
der Falte zwischen Daumen und Zeigefinger? Ich will nicht K davon
erzählen, denn es kann bedeuten, dass er mal im Gefängnis gesessen
hat. Man nennt dieses Zeichen "luffartecken" (vagabondenzeichen). Es
kann auch anderes bedeuten und vielleicht war er einst nur ein Junge,
der sich selbst so was eingravierte um though (tuff?) zu sein. Ich
glaube ich frage ihn nächstes Mal danach.. :-)
Heute hatten wir endlich wieder etwas kühles Wetter mit Temperaturen
gleich unter Null. Die letzten Tage waren ziemlich trostlos mit Wind
und Regen. Dann bevorzuge ich diese kalte Luft. Aber der Himmel ist
grau.
*
Neulich haben wir über die "sehr reichen" gesprochen. Klar finde ich
es auch verrückt wie sich einige Menschen so sehr bereichern können in
unserer Gesellschaft. Die Schuld gebe ich denen, die es zulassen. Aber
besonders starke Gefühle gegen die reichen Leute aufbringen kann ich
nicht. Ihr Reichtum tut mir nicht weh. Dagegen leide ich sehr, wenn
ich höre dass Fanatiker wieder unschuldige Menschen in die Luft
gesprengt haben, was leider so gut wie täglich vorkommt.
Übrigens, wenn ich schon bei dem Thema töten bin. Gestern ist an der
Universität hier ein Lehrer von hinten überfallen und erstochen
worden. Heute früh ist er an den Verletzungen gestorben. Den Mörder
hat man noch nicht gefunden. Unprovozierte Überfälle werden immer
häufiger bei uns in Schweden. Und meist sind die Täter Jugendliche.
Oft filmen sie das ganze mit ihren Mobilkameras und legen es dann ins
Internet um damit zu protzen. Es ist schlimm.
*
Ich habe nochmals den Artikel "Das lange französische Gedicht"
durchgelesen. Der erste Teil kommt mir etwas kryptisch vor. Ich
vermisse eine Logik (vielleicht bin ich auch nur zu dumm um sie zu
sehen) aber der Artikel weckt Fragen und ich würde gern diese Cécile
Wajsbrot bitten mir zu erklären wie sie dies und jenes meint. Mir
kommt dabei ein schwedisches Zitat in den Sinn: "Das dunkel gesagte
ist das dunkel gedachte". Ihr Bedauern über den mangelhaften
Literaturunterricht erkenne ich. Das gilt auch für unser Land. Doch
man versucht es nun zu ändern. Ich muss unwillkürlich an das
beigefügte Bild denken. Vielleicht sind wir nun schon am letzten
Stadium der Entwicklung gelandet.
Nein, ich mache nicht Spass. Ich meine es wirklich.
*
Du schreibst immer so schön, mein lieber Mausfreund. Auch heute noch
bist du ein Glückspender in meinem Leben.. eine Droge, von der ich
abhängig geworden bin. Es freut mich, dass es dich trotz deines
schönen RL immer noch als Mausfreund in meinem Leben gibt.
*
Siehst du, es ist schon wieder etwas spät geworden. So lasse ich dich
nun und wünsche dir eine gute Nacht bzw. einen guten Morgen.
Mit lieben Gs und Ks
Malou
Sonntag, 1. Januar 2017
Happy New Year
Schloss Lenzburg Foto: Chris
...
So haben wir den Silvester Nachmittag in der Krone verbracht.
Vielleicht
muss ich dir dazu erklären, dass das Hotel Krone, das beste Haus in
Lenzburg, gerade unterhalb unseres ehemaligen Wohnhauses steht. Als
Junge habe ich aus dem Fenster oder dem Garten immer auf diese Krone
heruntergesehen. Ich war im Kindergartenalter, als sie die
Gartenwirtschaft hinter dem Haus zu einem grossen Fest- und Theatersaal
umgebaut haben. Ich habe stundenlang den Arbeitern zugeschaut, wie sie
den Beton in diesem zweiräderigen Karren in die Höhe gefahren haben.
Ich glaube damals gab es noch nicht diese grossen Kranen. Nein, sie
haben überall aus Holzbrettern Fahrbahnen auf Gerüsten gebaut, um mit
diesen Karren den Beton zuführen zu können. Das fand ich faszinierend.
Und ich glaube, diese Erlebnisse von meinem Kinderfenster aus haben
auch ein wenig mitgewirkt, dass ich dann später erst einmal Architekt
werden wollte.
Gleich
zwischen unserem Garten, der am Schlossberg oben erhöhht lag, und der
Krone führte in einer tiefen Schlucht die Hauptstrasse von Zürich
nach Bern. Und die Krone war bekannt, weil hier die Strasse eine Ecke
von 90 Grad schlug. Man kann nicht sagen, eine Kurve, damals war es
wirklich eine Ecke. Und an Sonntagen wälzte sich eine Kolonne von
Fahrzeugen um diese Kronenecke. Und wir Kinder standen mit den
Nachbarn, Herr Senn, oben am Geländer und schauten hinunter. Er
rauchte seine Zigarre und wir zählten die Autos oder merkten uns die
Kantonswappen auf den Nummerschildern. Damals hatte man den
motorisierten Verkehr noch nicht mit so viel Misstrauen betrachtet.
Und
gelengentlich, wirklich nur ab und zu – aber es waren für einen
Jungen die Höhepunkte – gelegentlich also kam ein Lastwagen mit einer
langen Ladung Baumstämmen. Und die hatten immer ihre liebe Not, die
Kurve um die Kronenecke zu krigen. Manchmal mussten sie vor- und
rückwärts „sägen“, um nicht die Hauswand zu demolieren. Das war immer
eine interessante Angelegenheit.
Und
einmal, ich bin immer noch bei der berühmten Lenzburger Krone, einmal
turnte auf dem Dach der Krone ein verrückter Mann herum. Das Dach lag
etwa auf gleicher Höhe unseres Gartens. Ich war damals wohl in der
ersten Schulklasse. Und so sah in vis à vis diesen Mann, und aus dem
Dachfnester stieg ein zweiter, der notdürftig mit einem Seil befestigt
war und sprach dem anderen zu. Ich verstand eigentlich nicht, was da
los war. Ich glaube, ich hatte das Gefühl, das wäre jetzt ein
Kriminalfall. Die Polizei verfolgt einen Täter, der auf das Dach
geflüchtet war. Aber später sagte man mir, dass der Mann verrückt sei.
Onkelchen
erinnert sich auch noch an diesen Vorfall. Er war lange Jahre
Kommandant der Lenzburger Feuerwehr und damals mussten sie mit einem
Falltuch (nennt man das so?) ausrücken und das ganze Spektakel
absichern. Immerhin ist die Krone drei Stöcke hoch. Ich kann mich
bloss noch erinnern, dass ich sehr aufgewühlt war nach diesem
Schauspiel. Nun ja, dass Menschen auf Dächern herumklettern und sich
von anderen Menschen wieder herunterholen lassen, das war nun wirklich
eine Neuigkeit. Und vielleicht hat das ja mitgespielt, dass ich
später dann doch das Fach Psychologie gewählt habe. Denn neuerdings
sind es die Psychologen, die andere Menschen von den Dächern
herunterreden.
Siehst du
Marlena, man kann immer einen roten Faden konstruieren, wenn man denn
möchte. Das vielleicht, wenn überhaupt etwas, gibt der eigenen
Biographie einen Sinn. Denn Sinn ist ja heute Mangelware.
Alles
in allem, meine liebe Marlena, wenn du so mit Informationen aus der
Krone in Lenzburg kommst, dann triffst du mich mitten ins Herz. Das
vielleicht war es, was ich dir sagen wollte.
...
Ich küsse dich mit einem Ding, das sich anhört wie ein Champagner-Korken.
...
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