Sonntag, 1. Juni 2014
Au revoir .. (11 september 2001)
Ämne: Au revoir mon cher ami!
Datum: den 11 september 2001 16:46
Lieber ...,
Ach, so ein Mail! Ich weiss gar nicht wo ich beginnen soll so viele Gedanken und Erinnerungen hat es bei mir geweckt. Auch staune ich wie es möglich ist dass jemand in diesem Chaos, das du am Anfang deines Briefes beschreibst, einen so langen schönen und inhaltreichen Brief schreiben kann. Kannst du nicht öfter bei dir ein Chaos arrangieren???
*
Im Augenblick sollte ich eigentlich bei einer Konferenz sitzen und eine Menge Fragen beantworten, die ein nietischer Politiker (eifrig auf deutsch?) zusammengestellt hat... aber ich bin sehr erkältet und habe fast die Stimme verloren. Deshalb habe ich mich krankgemeldet.
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Und nun fällt mir gerade ein dass es ja schon Dienstag Abend ist und dass ich vielleicht gar nicht mehr Zeit habe ein Mail an dich zu senden bevor du das Haus verlässt. Oder doch? Schreib mir bitte wann ich es spätestens absenden muss.
Wenn es nicht mehr geht wünsche ich dir (und euch allen) richtig schöne "13-und eine Nacht" mit allem was damit verbunden sein könnte. (Bin ich wirklich so freigebig???)
Wenn ich es schaffe schicke ich dir noch ein paar Zeilen.
Sonst umarme ich dich zum Abschied, mit viel Zärtlichkeit und Wärme
Wir sehen uns wieder,
Marlena
merkwürdig
den 10 september 2001 22:23
Re: na ja ... einfach so
(6)
Ach Marlena, ich weiss nicht, was los ist. Ich habe heute Beichtlaune. Es ist wirklich merkwürdig und interessant zugleich. Ich glaube, auch Du bist ein Glücksfall für mich. Es ist wirklich gut, gelegentlich Dinge zu denken und zu sagen, die man während der letzten 40 Jahre nie gesagt oder kaum gedacht hat. Du bist meine Tagebuch-Fee sozusagen. Ich schreibe das alles für Dich, aber ich weiss, dass ich es auch für mich niederschreibe. Es ist nicht Therapie, aber es ist doch eine Art von Meditation. Das ist schön. Dafür danke ich Dir Marlena. Obwohl ich manchmal gegenüber S ein schlechtes Gewissen habe. Aber es ist eigentlich nicht gegen S. Es ist eine andere Dimension. Und das ist ziemlich gut so.
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Ich glaube, ich muss noch meinen Koffer zu Ende packen. Es liegt noch viel herum in unserer grossen Stube. Und es ist lustig. Am liebsten würde ich immer Bücher einpacken. Ich finde, wenn man wegreist, sind Bücher irgendwie ein Trost. Und ich könnte, wenn ich wollte und dürfte, eine ganze Menge einpacken. Ich würde sie mitnehmen, obwohl ich weiss, dass ich absolut keine Zeit habe zum Lesen. Aber ich habe das Gefühl, Bücher seien eine Art von Freunden. Es ist vielleicht lächerlich, aber irgendwie, im Tiefsten, habe ich dieses Gefühl. Ich werde mir Mühe geben und nach Persien nur ein Buch von di Creszenzo. Er hat über die Vorsokratiker geschrieben. Er hat Philosophie studiert und war bei IBM Direktor. Und meine sizilianische Bekannte denkt, ich gleiche ihm ein bisschen, wenn ich den Bart wachsen lasse. Aber sie meint das wohl eher als Kompliment denn als Realität, wie es die Sizilianer gerne tun. Sie sind in diesen Dingen ähnlich wie die Perser. Ich glaube, di Creszenzo würde Dir auch gefallen, Marlena. Bestimmt mehr als die Männer von Schwanitz!
*
Jetzt gehe ich packen. Ich bin mitten im Plaudern und kann kaum aufhören. Es ist schade, dass ich aus Persien nicht schreiben kann. Ich würde mehr sehen und erleben, wenn ich es niederschreiben könnte. Ich weiss noch nicht, ob ich Zeit für ein Tagebuch habe. Ich weiss nur, dass ich einmal zum Zahnarzt gehen muss. Er ist 10x billiger als in der Schweiz. Und keineswegs schlechter. Mindestens handwerklich sind sie sehr geschickt. Vielleicht sind sie technisch nicht immer auf dem allerbesten Stand. Aber handwerklich sind sie wirklich geschickt, die Perser.
Wir haben diesen Sommer eine Familie in Isfahan kennengelernt. Der Sohn ist um die 30 Jahre alt, sieht blendend aus wie ein amerikanischer Schauspieler, etwa John Travolta in jungen Jahren. Er möchte fürs Leben gerne auswandern. Er denkt an Canada. Ich habe Paul im Club gefragt. Er ist schon über 65 und möchte seine Praxis verkaufen. Vielleicht können wir arrangieren, dass der Isfahani nach Basel kommt und hier eine Zahnarztpraxis führen kann. Das wäre gut. Er ist wirklich ein tüchtiger und vifer Kerl. Ich glaube, solche Menschen könnten wir in der Schweiz gut gebrauchen. Seine Familie in Isfahan ist sehr reich. Sein Vater ist in meinem Alter und wirklich ein bewundernswerter Typ. Er hat eine gute positive Einstellung, ist reich, und doch irgendwie sehr menschlich geblieben. Das bewundere ich. Und das sage ich, liebe Marlena, nicht allzu schnell. Ich würde seinem Sohn gerne helfen, wenn ich kann. Aber ich bin sicher. Sobald er in Basel ist, drückt ihn das Heimweh. Die Perser hängen sehr an ihren Leuten, an ihren Gewohnheiten und an ihren schönen Städten, wie Isfahan eine davon ist.
*
Ich muss stoppen.
Vielleicht kann ich morgen noch ein kurzes Mail schreiben.
Wenn nicht, wünsche ich Dir eine schöne Zeit. Ich hoffe doch sehr, dass Du mir täglich ein Mail schreibst in diesen 14 Tagen. Weshalb solltest Du jetzt eine Ausnahme machen?
Gruss und Kusss
...
meine Entscheidung
den 10 september 2001 22:23
Re: na ja ... einfach so
(5)
Siehst Du, Marlena, ich habe noch mit niemandem in meinem Leben über meinen Vater gesprochen. Er war wirklich nie ein Thema für mich. Er ist ein technischer Mensch. Und ich habe einige Zeit gebraucht, zu entscheiden, selbst keinen technischen Beruf zu erlernen. In der Mittelschule haben alle rund herum geglaubt, ich würde an die Technische Hochschule in Zürich gehen, weil ich in den mathematischen Fächern offenbar brillierte. Und ich ging dann ja auch an die ETH. Wenn Du mal in Zürich bist, zeige ich Dir die ETH, Marlena. Das alte Gebäude, wo ich damals Architektur studierte, ist von Semper gebaut worden. Er war um die Jahrhundertwende der grosse Architekt, hat in Leipzig die Oper gebaut und in Wien das Burgtheater, wenn ich nicht irre. Es ist wirklich ein monumentaler Bau, die ETH, und wenn Du durch den Haupteingang gehst, fühlst du dich richtig geknebelt. Ich erinnere mich, dass mein Mathematiklehrer am Gymnasium mir gratuliert hatte, dass ich an der ETH studieren würde. Er meinte, es sei eine besondere Ehre, an der Schule, an der Einstein seine Ausbildung genossen hatte, studieren zu können. Ach Marlena, es war sehr dunkel, in diesen Hallen der ETH! Nicht überall, aber in den grossen Hallen war es düster und dunkel. Die Architurstudenten waren zwar ein lustiges Völklein, mit vielen hübschen Frauen aus dem Tessin und einige aus Island, wie ich mich erinnere. Aber die Atmosphäre war nicht meine Sache. Ich liebte es, in freien Minuten in die Universität zu gehen, die gleich nebenan liegt. Dort gab es den sog. Lichthof, eine grosse zentrale mit Glas überdachte Halle, wo Palmen in Töpfen und viele Tische und Stühle aufgestellt waren. Dort hatte man seine Dates, spielte Karten, ass den Mittagsimbiss, äugte nach Schönheiten, schlürfte den Morgenkaffee, die Cola vor dem Seminar. Das war eine aufgeklärte Atmosphäre! Das war die sonnige Riviera, während die ETH sozusagen den düsteren deutschen Wald repräsentierte.
Die Entscheidung, an die Universität zu wechseln, war nicht leicht. Das war sozusagen auch die Emanzipation von den Vorstellungen meiner Familie, besonders meines Vaters. Ich glaube, er weiss heute noch nicht, was Psychologie eigentlich ist. Ich erinnre mich, als ich im Gymnasium zum ersten Mal Philosophieunterricht hatte. Ich habe mir ausführliche Notitzen gemacht. Und mein Vater hat sich dafür interessiert, gefragt, ob er das auch lesen könne. Ich war sehr erstaunt, dass er sich für Philosophie interessiert. Aber er hat sich nie darüber geäussert. Er hat die Technik für sein Gebiet gehalten, und er hat allen gezeigt, dass er davon was versteht und nicht die anderen. Er hat sich lustig gemacht, wenn ich Watt mit Volt verwechselt habe, oder irgendwelche andere Dinge. In der Technik, da wollte er der Platzhirsch sein. Und so musste ich sozusagen auswandern ins Gebiet der Philosophie und der Humanities. Ich glaube, das war mein Glück. In einem technischen Beruf wäre ich wirklich ausgedorrt. ...
*
Ach Marlena, ich weiss nicht, was ...
mein Vater
den 10 september 2001 22:23
Re: na ja ... einfach so
(4)
Es ist lustig, mein Vater hat nie viel gelesen. Als Ingenieur hat er sich auf Facts konzentriert. Nein, es ist falsch zu sagen, er hätte nicht viel gelesen. Er hat ganze Sonntagnachmittage Fachzeitschriften gelesen, ohne Begeisterung, unterbrochen mit kleinen Schläfchen auf dem Sofa in der Stube. Manchmal hat er sich auch Energie angegessen, indem er in der Küche eine ganze Hand voll Haselnüsse holte und genüsslich zermalmte. Nein, er hat immer viel gelesen, auch Zeitung. Aber Literatur hat er kaum zur Kenntnis genommen. Nur zwei Autoren hat er still bewundert: Hemingway und Churchill. Er hat 8 Bände Churchill auf dem Büchergestell stehen gehabt. Und er hat einige Sachen von Hemingway gelesen. Ich glaube, er hat die beiden als maskuline Typen gesehen. Rauh, aber herzlich. Rilke wäre für ihn nie in Frage gekommen. Rilke ist zu fein, zu gefühlhaft, fast ein wenig feminin. Hypochondrisch und hysterisch, sozusagen. Nein, Rilke, das hätte mein Papa nie lesen können. Dann eher noch Dürrenmatt. Aber er hat es mit den Zeitungen und den Fachzeitschriften über Elektroenergie und Energieversorgung und so fort bewenden lassen. Ich hätte in einem gewissen Alter gerne mit meinem Vater diskutiert. Aber er lebte in einer anderen Welt, der Welt der Technik und der Zahlen. Kurz, nachdem meine Mutter gestorben war, nahm er mich häufiger mit auf die Baustelle im Ackersand, wo unter seiner Oberaufsicht ein neues Elektrokraftwerk gebaut wurde. Ich erinnere mich, wie ich dort über die Fundamente gestolpert bin. Du weißt vielleicht, wie hart und aggressiv frischer Beton sein kann. Er kratzt dir die Schuhe auf. In der alten Turbinenhalle war alles blitzblank und die Maschinen machten einen grossen Lärm. Die Männer grüssten meinen Vater mit einer gewissen Unterwürfigkeit. Er mochte das, hatte ich den Eindruck. Und er hat wohl nie bemerkt, dass man mit dem Wallisern viel besser vorankommt, wenn man sie als Seinesgleichen versteht, wenn man den Kumpel in ihnen anspricht, wenn man mit ihnen ein Glas Wein trinkt. Sie sind liebe Kerle, die Walliser. Wenn man sich als Herr aufspielt, dann torpedieren sie die Situation hinten herum. Nein, ich glaube, mein Vater hat es mit den Wallisern nie besonders gut verstanden. Er war zu exakt, zu korrekt, zu formell. Er war ein Schweizer aus dem Norden. Er hat immer gedacht, die Walliser seien etwas bequem und faul, wollten nur das Leben geniessen. Ich glaube, er war nicht besonders glücklich im Wallis. Aber da bin ich mir nicht so sicher. Aber ich bin sicher, dass ich selbst glücklicher war. Das bestimmt.
*
Siehst Du, Marlena, ich habe noch mit niemandem in meinem Leben ...
Problem des Dichters
den 10 september 2001 22:23
Re: na ja ... einfach so
(3)
Ich habe bei einem deutschen Boulevarddichter gehört (war es Simmel oder der andere? Er wirkt recht neurotisch und stammelt seine Sätzchen geradezu ins Mikrofon), wie man schreiben muss. Er hat gesagt, dass er abends, wenn er Feierabend macht, mitten im Satz aufhört. Mitten in einem Satz, wohlbemerkt. Und weshalb tut der arme Kerl so. Damit er am nächsten Morgen einen leichten Anfang hat.
Ich kann mir das Problem des Dichters am frühen Morgen sehr gut vorstellen. Du trinkst einen Kaffee und denkst, dass Du gleich nachher mit der Arbeit beginnen willst. Dann hörst Du den Briefträger, öffnest zuerst noch rasch die Post. Dazu vielleicht noch einen Kaffee. Dazu blättert man natürlich gemütlich die Zeitung durch. Ach, diese Börsenkurse!! Dann siehst Du die Birne in der Lampe wieder, die seit 5 Tagen nicht mehr brennt. Weshalb nicht gleich wechseln? Du suchst die Birnen, sie waren doch immer in der untersten Schublade!! Es ist schlimm, vielleicht gehst Du rasch einige einkaufen? Wenn es gut geht, springt das Auto gleich an. Ach den Teppich sollte man wieder mal reinigen. In unserem Auto ist immer eine Schweinerei. So weit so gut. Möglich, dass Du unterwegs M. triffst, mit dem Du ohnehin mal zusammensitzen wolltest, wegen der Frage des Rasenmähers, den er immer noch ausgeliehen hat. Um Viertel nach neun denkt M immer noch, dass ich ihm dankbar sein muss, dass er den Rasenmäher hütet. Und er lässt dich die Zeche begleichen, der Schuft. Um halb zehn kommst du (diesmal klein geschrieben ...) mit den 6 Birnen heim, bemerkst , dass sie alle bloss 40 Watt verbrennen. Also zu dunkel! Zum Trost vielleicht noch einen Kaffe, oder vielleicht schon einen Cognac? Ganz abgesehen davon, dass Du deiner Liebsten versprochen hast, den Abfall hinaus zu tragen.
Kurz und gut, um halb elf ist das weisse Papier bereits vergilbt und Dein Kopf vom dritten Cognac zwar vergnügt, aber auch nicht mehr allzusehr in Schreiberlaune. Nein, da ist es besser, zuerst das Mittagessen und den ruhigen Nachmittag abzuwarten. Am Nachmittag schreibt es sich ohnehin leichter.
Nein, Schreiben als Beruf ist nicht leicht. Das ist eine mittlere Lebensstrafe. Ausser vielleicht Hemingway, der sich daneben auf der Jagd, im Stierkampf, im spanischen Bürgerkrieg und bei den schönen Frauen vergnügt hat. Vom Alkohol nicht zu reden. Doch auch H. hat es nicht bis zum bitteren Ende ausgehalten.
...
Es ist lustig, mein Vater hat ...
Schnitzelbänke
den 10 september 2001 22:23
Re: na ja ... einfach so
(2)
fortsetzung
Oder noch früher hatte ich manchmal die Gelegenheit, Schnitzelbänke zu schreiben. Schnitzelbänke sind Verse, die sie an der Basler Fasnacht singen. Und ich bin überzeugt, dass ich da und dort ganz gute Verse gemacht habe. Es braucht eine bestimmte Technik. Man muss sich eine gute Pointe ausdenken zu einem Thema. Und sie muss absolut erst in den letzten zwei Worten des Verses auftauchen, der in der Regel 4 Zeilen hat. Wenn die Pointe zu früh kommt, dann lachen die Menschen zu früh, dann geht der Rest in die Hose. Und der Witz besteht vor allem in der Kombination von Themen. Meist sind die Themen politische Angelegenheitn, aktuelle Diskussionen und so weiter. Aber auch dort ist es so: wenn man mit der Sprache bastelt, kommen einem plötzlich neue Ideen. Zum Beispiel bei den Reimen. Und es ist merkwürdig: unverhofft weiss man, dass man die Lösung gefunden hat. Vorher ist man unsicher, macht hin und her, korrigiert, ändert, geht wieder zurück, zweifelt, verflucht, hofft, ist nahe am Verzagen. Es ist eine Art Erregung, die einen unzufrieden lässt. Doch wenn die Lösung aus dem Unbewussten auftaucht, ist man zufrieden und glücklich und sicher, dass es genau so und nicht anders sein soll.
Schade, dass ich nicht Dichter geworden bin. Oder ist es ein Glück? Ich glaube, jedan Tag vor einem leeren Blatt Papier zu sitzen, kann ganz schön schwierig sein.
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