Freitag, 23. Mai 2014

über das Feilschen

...
Denk an die Gefühle, die uns in einem orientalischen Bazar aufkommen. Wir
gehen herum, halten krampfhaft unsere Börse und nehmen die Fröhlichkeit und
Nettigkeit des Verkäufers als reinen perfiden Hinterhalt. Aber er meint sein
Lächeln nicht als Trick, er will durchaus freundlich sein, er will dich
gewinnen und seine Regeln des Handelns erlauben ihm dies alles. Dass man die
Artikel in seinem Laden mit einem Preisschild bezeichnen könnte, fände er
einigermassen dumm. Das würde ihm die ganze Freude des Verkaufes nehmen,
und er hätte keine Möglichkeit, bei einer ärmeren Frau sein Mitleid fliessen zu
lassen, bei einem Reichen den Betrag wieder hereinzuholen, also eine Art von
kleiner Gerechtigkeit spielen zu lassen. Auch solche Händler haben, wie ich
immer wieder festgestellt habe, ein grosses Ehrgefühl. Das Ziel des
Verkaufes ist vielleicht, beide, Händler und Käufer glücklich zu machen. Und
wenn das manchmal auf der zweiten Seite nicht zu lange andauert, liegt es
meist an der Dummheit des Käufers. Im orientalischen Markt gehen Käufer und
Verkäufer davon aus, dass beide wissen, was sie wollen. Der Käufer hat die
Ware geprüft - dazu dient nicht zuletzt die Zeit, die er beim Feilschen
einsetzt - weiss, wieviel Interesse er dafür hat, ob und wie dringend er das
Ding braucht. Zur gleichen Zeit prüft der Verkäufer den Käufer, versucht
herauszufinden, wie gross sein Interesse ist und wie viel Ressourcen er zur
Verfügung hat. Im Spiel des Feilschens werden diese zwei Positionen zwischen
zwei Menschen, das heisst eben Personen mit all ihren Fähigkeiten und
Möglichkeiten von den schauspielerischen bis zu jenen Zufälligkeiten des
Momentes ausgespielt, um einen Konsens in der Mitte zu suchen. Doch die
Mitte ist eben nicht allein von anonymen Marktgesetzen vorbestimmt, sondern
ist ein Resultat des Horizontkreises, den die beiden Akteure des Marktes
ziehen. Darin ist viel Menschliches und einer guten Feilscherei zuzuschauen,
das ist soviel wie ein kleines Kunststück geniessen. Meine Schwiegermutter
ist darin eine Künstlerin. Und sie versteht es, ihre Feilschereien immer
sehr lustig zu machen. Vielleicht ist das eine Strategie, das Herz des
Gegenübers aufzuweichen? Auf jeden Fall ist Lachen, wie wir alle wissen,
gesund. Es handelt sich also nicht bloss um Kauf und Verkauf, sondern ebenso
um eine kleine Therapie, um eine soziale Unterhaltung, um einen Wettbewerb,
ein Spiel, um eine moralische Auseinandersetzung, kurz und gut: um die
Begegnung zweier Menschen. Doch davon haben wir Westler kaum mehr Ahnung.
Der orientalische Markt erfordert Intelligenz, der westliche vielleicht
bloss Geld.
Doch wir waren bei Blix. Auf diesem Eis also bewegt sich der gute
schwedische Diplomat. Doch als Diplomat wird er sich in solchen Dingen
auskennen. Die grösste Schwierigkeit dabei ist ja doch wohl das dauernde,
primitive Säbelrasseln der Amerikaner, das wir alle kaum mehr zu ertragen
vermögen.
*
Heute ist einigermassen mildes Wetter mit einem hellen, leicht bewölkten
Himmel. Ich habe viel zu tun heute Samstag. Und nachmittags möchte ich noch
rasch nach Basel. Ich glaube, es gibt Ausverkauf und ich will mal sehen, ob
ich mit meinen Möglichkeiten des Feilschens etwas erreiche.

Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.
Mit lieben Grüssen
...

Donnerstag, 22. Mai 2014

Evolution u.a.m.


Den 21 juni  14:41
Re: Samstagnachmittagbeivollemsonnenschein

Liebe Marlena
Heute sei Sommeranfang, sagen sie am Radio alle halbe Stunde. Als ob man uns das noch sagen müsste. Das Wetter macht den Tatbeweis. Der Himmel ist himmelblau, wie es im Buch steht. Und die Sonne ist schon ziemlich warm. Man denkt an die Adria und an schöne Stunden in Arles. Ich sitze im Büro und räume ein bisschen auf. Gut, ich muss zugeben, dass ich gleich vorhin ins Nahe Kaufhaus gegangen bin, um mir eine Doppelpackung Bier zu holen. Und in der Zwischenzeit sind die ersten zwei Fläschchen im Tiefkühlfach temperaturmässig soweit unten, dass ich sie küssen kann. So leicht sind die kleinen Freuden des Lebens zu erreichen!
*
Aber sonst versuche ich etwas aufzuräumen. Ich habe gestern im Fernsehen eine lustige Sendung gesehen. Eine Frau, um die 60, hat sich darauf spezialisiert, in Büros für Ordnung zu sorgen. Sie wird tageweise angestellt und greift dann - von Pult zu Pult - von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz - radikal durch. Das schafft ziemlich viel Luft in den Büros. Und das scheint wirklich befreiend zu sein. Bei mir ist die Sache so: anfangs Juli will der neue Chef bei uns zu Besuch kommen. Und wenn er zufällig bei mir hereintreten sollte, so muss ich doch etwas mehr vom Holz des Pultes zeigen. Es macht einen absolut schlechten Eindruck. Ach, ich habe Dir diese meine Misere schon oft geschildert. Und es ist gut, ab und zu wieder einen Anlass zu haben, daran zu arbeiten.
Wenn ich mich richtig erinnere, waren solche Büros, wie ich eines habe, zu meiner Jugendzeit hoch im Kurs. Ich habe die vielen Papiere und Bücher immer mit der Vorstellung von Arbeit verbunden. Ein aufgeräumtes Büro mit einem leeren Schreibtisch, das hat nichts mit Arbeit zu tun. Ich meine, sowas kann sich bloss der Generaldirektor leisten, der bloss zu reden braucht und sonst nichts zu tun. Aber wir armen Proletarier, wir arbeiten doch und wir brauchen dazu etwas in die Hände. Wenn ich eine Digitalkamera hätte, würde ich Dir meinen Haufen zeigen. Er ist absolut romantisch und jeder anständige Mensch würde sich darin verlieben. Aber eben ... Chefs sind anders. Sie sind wirklich anders.
*
Eigentlich sollte ich zur Zeit meine Zeitung lesen. Aber meine Lust dazu ist minimal. Ich habe gestern noch ein paar Bücher geholt, um zu rezensieren. Das packt mit zur Zeit mehr. Ein hübsches Buch Don Quichotte von Erich Kästner habe ich eben angeschaut. Es ist hübsch gemacht, mit einen verführerischen Vorwort, wie man es bei Kästner gewohnt ist. Und die Illustrationen sind auch ganz gut. Horst Lemke hat sie gemacht, ein guter Zeichner, der die Sache auf den Punkt trifft. Und jetzt bin ich gerade an einem Büchlein über die Evolution, die eine solch interessante Perspektive der Welt darstellt, und die auf dieser grossen weiten Welt nur von zwei oder drei Menschen bislang nocht geleugnet wird... Der andere ist der Papst.
;--0.
Es ist wirklich eine irritierende Vorstellung, dass die Natur oder die Schöpfung oder wie man diese Tatsächlichkeit auch immer nennen will, dass sie keinen Sinn hat. Ich erinnere mich, wie unser Kunsgeschichtelehrer am Gymnasium, ein ehrenwerter katholischer Priester, der für viele Jahre Rektor der Schule war und später in einer Respektsposition in der Nähe des Bischofs von Sitten seine Pension und seinen Lebensabend verbringen konnte, dieser Lehrer also hatte die Frage aufgeworfen, wofür denn Gott die Welt erschaffen hätte. Sowas hatte ich mir vorher nie überlegt. Und er der Herr Rektor meinte, er hätte dies zu seinem eigenen Vergnügen getan. Einzig und allein, um seine Langeweile zu besänftigen. Soviel Nutzlosigkeit hätte ich, ehrlich gesagt, auf dieser Welt nie erwartet. Aber der Gedanke gefiel mir ungemein. Der Liebe Gott wie ein greiser alter Mann, der bloss noch so mit den unnützen Dingen herumspielt.
Die Evolutionisten behaupten ja nun, dass in der Evolution keinen Sinn enthalten sei. Alles verändert sich. Wenn man beispielsweise fragt: warum ist der Eisbär weiss? so gibt es dafür keine Antwort. Man sollte eigentlich fragen: Warum bleibt der Eisbär weiss? Das ist eine gute Differenzierung. Als Elemente der Evolution bezeichnet der Autor die Variation (durch ständige genetische Neumischung der Fortpflanzung), der Konkurrenzkampf des Überlebens und und die Vererbung.
Die Verführung, in der Schöpfung einen Sinn und ein Ziel zu sehen, entsteht daraus, dass sich die Lebewesen von einfachen Einzellern zu relativ komplizierten Menschenaffen hinentwickelt haben. Und das schaut schon ziemlich aus wie ein Weg nach oben. Das ist ja doch für Teilhard de Chardin das Phänomen der Vorwärtsentwicklung. Es würde uns allen - nicht bloss den Katholiken - schwer fallen, beim Vergleich zwischen Einzeller und Mensch nicht beim Menschen vom "höheren" Wesen zu reden. Und die Eviolutionisten sagen jetzt eben, dass der Mensch ein Produkt des Zufalls sei, ein Resultat von Versuch und Irrtum. Das Problem sei, dass wir den Ausschuss, den die Evolution geschaffen hat, nicht sehen können. Wir sehen nur die paar gelungenen Resultate, die überlebt haben. Und darin sieht man doch auch, dass der Autor ein Element der Evolution zu nennen vergessen hat. Es ist die Zeit, das heisst, die unendlich vielen Generationenfolgen der Lebewesen, die er nicht erwähnt hat.

Interessant ist aber wiederum, dass er beispielsweise die Entwicklung von MS-DOS und dann Windows als Phänomen der Evolution ansieht. Ist das nicht wirklich interessant. Ich meinerseits hätte sowas als Kolateralschaden der Evolution angeschaut, das heisst als relativ nebensächliches Nebenprodukt. Aber vielleicht habe ich wirklich einen viel zu engen Begriff der Evolution. Vielleicht sind meine Mails auch ein Aspekt der Evolution, ebenso wie die Autobahnen und die Mondfahrt. Irgendwie hat man dann doch den Eindruck, es liefe alles vorwärts, aber vorwärts wohin? Geht es denn nicht immer weiter auf dem Weg in Richtung Verrücktheit! Und ist denn der Weg Richtung Verrücktheit vorwärts? Es ist ein Weg des Zufalls, das darf man nicht vergessen. Und nur ein religiöser Mensch wird behaupten, dass in der Evolution eben nicht das Ziel direkt vorgegeben sei, sondern eine Grundidee, zum Beispiel durch die Definition der Prinzipien, die dort wirksam sind. Daran sieht man wiederum, dass Wissenschafter einerseits sehr dumm und andererseits sehr intelligent sind. Manchmal gleichzeitig. Und auf der anderen Seite wirken Sufis sehr weise, auch wenn sie sehr dumm ausschauen.
*
Das ist doch ein quälender Gedanke, dass es auf dieser Welt nicht vorwärts gehe, findest Du nicht? In jedem Fussballmatch geht es vorwärts, noch wenn die eigene Mannschaft verliert. Aber in der Schöpfung scheint wirklich vor sich hin zu dümpeln. Das ist schmerzlich, aber doch irgendwie auch tröstlich. Ich glaube, die Katholiken spüren mehr von diesem Trost als wir aufgeregten Protestanten und Lutheraner und Reformierten.
*
Vielleicht ist es das Bier, dass meine Gedanken so rasch ins Blühen und dann wohl auch bald ins Welken kommen.
Deshalb lasse ich es jetzt lieber.
Ich wünsche Dir einen schönen und heissen Sommertag.
Mit lieben Grüssen

Mittwoch, 21. Mai 2014

Sufismus


Liebe Marlena

Sufismus ist sozusagen die innere Dimension des Islam, eine - oder besser - viele mystische Strömungen, wie sie sie auch im Christentum gibt. Der Sufismus hat viele Fazetten und stellt sich poetischdar in Hafis Versen als blühender Garten, duftende Rosen, klagende Nachtigallen, Symbole der göttlichen Schönheit und Sehnsucht der Seele, die sich in trunkender Gottesliebe wiegt. Europa hat die Sufis, oder Derwische, wie die Perser sie gerne nennen, um 1800 entdeckt. Damals sind sie ihnen vor allem aufgefallen als seltsame Gestalten, oft unter Drogen und im Herzensgebet. Sie schienen in Opposition zum Scharia-gebundenen Islam. Aber im Grunde kommt der Sufismus aus dem Islam und ist an ihn gebunden. Ein Sufi ist der einsame Meister ebenso wie der begnadete Lehrer, die simple Seele, der geschulte Denker oder gottestrunkene Sänger. Jeder kann ein Sufi sein.

"Der Sufi ist jemand, der nicht ist", ist offenbar ein altes Zitat. Es spielt an auf die totale Hingabe an Gott. Meister Eckhart, der europäische Mystiker hat auch von "entwerden" gesprochen, vom aufgehen im göttlichen Wesen wie der Tropfen im Ozean. Die Sufis wollen nicht intellektuelles Wissen, sie warnen immer wieder vom Buchwissen, sondern sie streben nach existenzieller Erfahrung. In den Büchern suchen sie "das Weisse zwischen den Zeilen" zu lesen (was wir eigentlich alle tun; heisst ja 'intellegere'). Russi sagt: Sufi ist "Freude finden im Herzen, wenn die Zeit des Kummers kommt".

Na ja, in Europa sagt man, Philosophie sei, sterben zu lernen. Das ist ja wohl nicht so weit davon entfernt.

Gruss an meine Sufia

Montag, 19. Mai 2014

vielleicht doch


Subject: Que diras-tu ce soir, pauvre âme solitaire
Date: Thu, 18 May 2000 11:09:07 GMT


Liebes Schwesterchen

Ich bin ganz vernarrt in deinen neuen Titel. Ist doch schön, und so unschuldig. Da braucht man sich keine Schuldgefühle zu machen. Was kann denn schon ein kleines Schwesterchen anstellen, vielleicht ein bisschen Zucker klauen oder der Nachbarin eine lange Nase machen?

Und als Schwesterchen gehörst du halt nun zu meiner Familie. (don't break my heart kommt gerade). Ich möchte dir auch unseren Familienbrief von 1998 schicken. Ich habe noch einen gefunden. Gib mir eine Adresse, an die ich ihn schicken kann. Vielleicht auch an das Schulhaus? Ich werde ganz neutral adressieren und keinen Absender drauf schreiben. Ich werde keine Herzchen oder sowas drauf malen. Aber es ist Persönliches über unsere Familie, eigentlich möchte ich nicht, dass ihn sonst noch wer liest ausgenommen du, na ja, vielleicht Anna noch, wenn du es wünschst. Und wenn es zu kompliziert ist, dann lass es mich wissen, dann vergessen wir es.
*
Nun ja, ein bisschen bin ich schon traurig, wegen dieser Römer Geschichte. Aber es ist nicht deine Schuld, und du hast mir auch nie falsche Hoffnungen gemacht. Ich will sagen, deine Informationspolitik war immer sehr korrekt. Vielleicht will ich oft zuviel und zu schnell? Ohne dich kann ich weder nach Rom noch nach Prag. Und Paris schon gar nicht. Es sind schon viele Städte mit unserer Maladi belegt, meine liebe Schwester! Bald muss man nach Afrika ausweichen. Oder eben in den Nahen Osten, in dieses Pulverfass. Ach, ich muss mich ein bisschen lösen von dir.

---

Das ist mein letztes Mail heute. Ich komme nicht mehr dazu diesen Abend. Also zum Frühstück morgen, wenn es reicht.

Ich umarme dich herzlich, mein kleines süsses Schwesterchen.
...

Nicht enttäuscht


Subject: Guten Tag liebes Schwesterchen
Date: Thu, 18 May 2000 05:26:58 GMT


Liebe Marlena
Hier bin ich schon wieder, meine Liebe, nach ein paar Stunden Schlaf. Es ist vor 0600h und gerade dämmert es. Der Himmel ist mit dunkeln Wolken behangen und wir machen uns auf einigen Regen gefasst. Bei der Thermometer Säule hat es heute rot geleuchtet.

Ich bin weniger enttäuscht, als ich erwartet hatte, wegen deiner Absage für Rom. Ich bin froh, dass es klar ist. Ich bin dir nicht böse. Gestern abend habe ich wieder bemerkt, dass du in einer echt schwierigen Situation bist. Aber wir beide wissen auch, dass du sie selbst willst. Also, was kann ich schon tun?

Für mich wäre Rom (oder was immer, man könnte auch was anderes machen) eine Möglichkeit, uns kennenzulernen. Ich weiss auch, dass wir dort nicht einfach wie ein Liebespaar leben könnten, zb im gleichen Hotelzimmer. Das wäre ein bisschen zuviel verlangt für dich und für mich. Ich hatte einfach den Wunsch, zu wissen, mit wem ich in den nächsten 20 Jahren chatten werde. Und wenn ich es denn auch wisse, dann werde ich es auch 20 Jahre können.

Dann habe ich gedacht, Rom wäre für dich eine einmalige Gelegenheit, weil du die Stadt noch nicht gesehen hast... Ich glaube, es ist einfach wichtig, dass es noch etwas anderes gibt als unsere Maladi. Wenn wir uns gesehen hätten und wenn wir enttäuscht gewesen wären, dann wäre immerhin noch Rom geblieben, und alles hätte sich dennoch ausbezahlt.

Dann wollte ich etwas machen mit dir. Das fände ich wunderschön. Und ich tue es immer noch.
---
Du siehst, meine Liebste, deine Situation beschäftigt mich, und ich bin immer wieder erstaunt, wie du das alles meisterst.

Klar, ich idealisiere dich ein bisschen, aber das machst du bei mir auch. Am Anfang hatte ich das Gefühl, du würdest mir nur soviele Komplimente machen, damit ich warm bleibe, damit ich dir weiterhin Mails schreibe. Dh. ich hatte den Verdacht, du tust nur so, als ob du mich lieben würdest, du spielst mir was vor. Eigentlich hatte ich gar nicht erwartet, dass du dich verlieben solltest. Aber in der Zwischenzeit habe ich bemerkt, dass du wirklich irgendwie an mir hängst. Und weil ich dich eine echt liebe, aber auch eine begabte und intelligente Person halte, die mir viel zurückgeben kann, so bin ich gerne ein Mailfreund für dich. Anfangs hast du auch kaum etwas geschrieben. Ich habe Kilometermails geschickt und du hast gesagt, du hättest leider im Moment viel Arbeit und keine Zeit und so weiter. Ich habe dir viel von meiner privaten Situation erzählt, und du hast sehr wenig gesagt. Wenn man bloss schreibt, weiss man nie genau, ist es bloss eine Ausrede oder ist es wirklich so. Man merkt erst nach langen Jahren, was echt und was vorgemacht ist. Aber jetzt hat sich das geändert. Und gestern hast du sogar beschlossen, mir ab und zu von Anna zu erzählen.

Ich weiss jetzt, dass du wunderhübsch schreiben kannst. Und wenn wir unsere Mailfreundschaft weiterführen, wird noch Routine dazu kommen. Und deshalb denke ich, wir könnten schon gemeinsam was gestalten. Aber vielleicht ist es heute noch zu früh. Wir werden sehen.
---
---
Weißt du Marlena, manchmal denke ich, ich möchte wie ein Bruder zu dir sein. Wir müssen das erotische nicht so stark betonen. Es macht vielleicht diesen holden Schmerz, wie du ihn nennst. Wir haben soviele Gemeinsamkeiten, dass wir uns wie Geschwister irgendwie fühlen können. Das ist doch ein gutes Gefühl. Man weiss, dass man auf der Welt nicht allein ist und wenn man ihn oder sie braucht, ist er da, man kann über alles reden und so fort. Ich bin der ältere Bruder und du bist meine kleine Schwester. Ist das ok? Und ich liebe sie ein bisschen, meine Schwester, wie man auch als Bruder die Schwester beobachtet und merkt, dass sie eine schöne Figur bekommt und dass sie attraktiv ist und dass sie weiblichen Charme hat. Ach nein, das Erotische möchte ich nicht ganz weglassen. Es ist so schön bei dir, wenn wir zusammen flirten können.

Aber ich werde versuchen, nicht mehr zu wünschen, dich zu treffen. Du bist meine virtual sister, ein blosses Bild, wie du mir kürzlich zurückgegeben hast.

Ist es für dich gut so, Schwesterherz. Du hast ein gutes Herz, Schwesterchen. Und darum mag ich dich. Ach, ich erinnere mich, dass du ja einen Bruder hast. Hab ich ganz vergessen. Da fühle ich schon eine kleine Rivalität, aber nur eine kleine.
...
Und einmal, wenn wir alt sind, werde ich meiner Schwester den Turm von Muzot zeigen, und die Kirche von Raron und das Grab, und die Aussicht von dieser Kirche, die so einmalig ist, wenn einem dort oben der Wind an die Kleider geht. Ach, es hat immer Wind im Wallis. Darauf musst du dich gefasst machen. Ich werde ja dann vielleicht kaum mehr Haare haben, im hohen Alter, aber deine werden fröhlich im Winde fliegen.
...

Samstag, 17. Mai 2014

Wonne-Monat Mai


(ungekürzt)

Medea

Meine Marlena
Man spricht im Deutschen vom Wonne-Monat Mai. Ich glaube das ist der Grund für meine schwere Maladi im Moment. Es ist wirklich ein akuter Anfall mit schweren Symptomen, fast ein bisschen Fieber und diese Unruhe und dieses Drängen. Vielleicht ist es eine besonders gefährliche Infektionsform, die ich erwischt habe. Vielleicht ist sie schwer zu heilen. Weiss Gott, vielleicht unheilbar!
Und was macht man als Patient dagegen? Etwa kalte Umschläge und Pfefferminzdrops lutschen? Nein, man fragt seine Geliebte, was man tun soll. Denn sie ist ja eigentlich der Virus. Die Heilung kann nur über den Virus geschehen. Man muss ihn irgendwie neutralisieren, isolieren, vielleicht penizillinisieren (dieses Wort gibt es bestimmt nicht, meine Liebe, also nicht in dein vocabulaire aufnehmen). Man könnte auch zur Ader lassen, wie früher die Bader es machten, die gleichzeitig auch die Haare geschnitten haben sollen. Ein paar Blutegel ansetzen und schon lässt meine maladisierende Kraft nach und bald werde ich dastehen so schwach und saftlos und bleich wie eine tragische Heldin.
*
Tragische Heldinnen sind bleich. In einem solchen Satz können wir uns treffen. Man könnte darüber einen geistreichen Essay schreiben. Kannst du dir Jeanne d'Arc mollig und mit roten Wangen vorstellen? Nie im Leben! Oder Medea, die nun wirklich eine sehr tragische Gestalt ist. Es gibt im Basler Antikenmuseum einen spätrömischen Sarkophag, wo die tragische Medea auf einer Seite im Halbrelief dargestellt wird. Die ganze tragische Geschichte, wie sie ihre Nebenbuhlerin durch vergiftete Kleider hinrichtet und wie sie schliesslich in einem göttlichen Gefährt entschwebt. Es ist das schönste Stück im ganzen Museum, und manchmal gehe ich am Sonntagmorgen dorthin, nur um dieses eine Stück anzuschauen. Es ist ein ganzes Reliefband, die Länge des Sarkophages, also in ein einziges Stück Stein gehauen. Und wenn du links zu lesen beginnst, dann ist zuerst die Hochzeit Iasons mit Gauke, der Tochter des Königs von Korinth zu sehen. Medea schickt der Nebenbuhlerin ein mit Zaubermitteln vergiftetes Gewand, das beim Anziehen in Flammen aufgeht, so das Gauke und Iason, der ihr zu Hilfe eilt, verbrennen. Um die Rache an dem ungetreuen Gatten zu vollenden, tötet sie auch ihre beiden Kinder, bevor sie auf ihrem von Drachen gezogenen Wagen entflieht. Es gibt auch ein dramatisches Bild von Delacroix im Louvre, wo sie im Begriffe ist, ihre Kinder zu töten. Ich habe es ziemlich genau in Erinnerung. Dort schaut sie sehr tragisch die erschrockenen und vielleicht schockierten Louvre-Besucher an. Es scheint ihr wirklich ernst zu sein mit ihren Kindern. Und als braver Bürger der Moderne möchte man intervenieren und ihr das Messer aus der Hand reissen. Aber das wagt man nicht, denn sie ist kolossal und bleich.
Und bei diesem Sarkophag, wenn du ein paar Schritte zurücktrittst, siehst du, wie das Band von links nach rechts ziemlich ruhig anfängt. Es gibt diese vielen Figuren, alle ihre Köpfe auf gleicher Höhe (sie sind geordnet und deuten eine Menge an, es gibt dafür einen Namen in der Kunstgeschichte). Und zur Mitte hin wird die Szenerie immer nervöser und unruhiger. Du hast den Eindruck, der Stein ist elektrisiert, und dann nach rechts, zum wunderschönen Wagen Medeas hin, beruhigt sich alles wieder. Es ist wirklich ein wunderbares Stück. Ich weiss nicht, woher die Basler sowas haben. Natürlich ist darin der spätgriechische Einfluss sehr sichtbar, helenistisch heisst das. Es ist also für ein römisches Stück schon sehr fein, eine Spätentwicklung. Da waren die Römer schon ziemlich verweichlicht und verzärtelt, hat man den Eindruck. Das ist schon ihr fin de siecle, ihr langsamer Niedergang nach Augustus.
Wenn du mal nach Basel kommst, würde ich dir dieses Stück zeigen. Ich hätte noch anderes, aber das würde ich dir zeigen. Es ist einmalig schön und fast ohne Beschädigungen erhalten.
Aber wir hatten es doch von den bleichen tragischen Heldinnen. Und von deinem schönen und wahren Satz. Alle, Antigone, Elektra, Iphigenie waren sie bleich, bestimmt waren sie bleich. Ich glaube, das muss auch irgendwo in der kunstgeschichtlichen Literatur zu lesen sein. Das Problem ist, wo sind die modernen tragischen Heldinnen? Vielleicht Marilyn Monroe oder Diana? Auch sie waren ja weiss Gott bleich? Claudia Schiffer, mehr als bleich. Wo sind sie sie denn geblieben, die tragischen Heldinnen? Sind denn das wirklich Heldinnen? Weißt du einige moderne Heldinnen. Ich würde gerne mit meinen Töchtern über bleiche Heldinneen unserer Zeit diskutieren. Es ist gut, wenn man den Mädchen solche Dinge zeigen kann. Die Schulen, vor allem die Sekundarschulen bei uns sind sehr besetzt von den Männern.
Aber
Auch deine Aussage, dass es das Tragische in jedem Leben gibt, die müssen wir mal diskutieren. Finde ich sehr interessant. Ich finde manchmal Personen, wo ich viel Tragisches festzustellen meine. Und dann kann ich leicht mit ihnen mitleiden, vielleicht mehr leiden, als sie selbst es tun. Man kann sich so aufs beste selbst bemitleiden, habe ich den Eindruck. Deine These, Marlena, interessiert mich wirklich. Es hat was, wenn man das Tragische lebensphilosophisch interpretiert, und nicht gleich so kolossal wie die Griechen das getan haben mit diesem unheilvollen Ausgeliefertsein an die Götter, diese unmenschlichen, und an den unveränderbaren Lauf der Ereignisse. Es gibt dagegen das Stichwort vom "unglücklichen Bewusstsein" in der Moderne. Da könnte man vielleicht einen Zusammenhang herstellen. Ich glaube, das Wort stammt von Hegel, diesem Übervater der Moderne. Ich würde gerne mit dir so diskutieren. Du denkst vielleicht, du kennst dich zuwenig aus. Das musst du nicht, du hast doch die Idee gehabt und wir spinnen sie weiter, mit unserer Fantasie und den paar Dingen, die wir wissen. Es soll ja nicht wissenschaftlich sein. Es soll vor allem phantasievoll und geistreich sein. Dann ist es schon schön und zu unserem Genusse. Ach, jetzt bin ich eigentlich in die erste These von den bleichen Heldinnen zurückgefallen. Das Tragische im Leben allgemein ist ein heutiges Thema. Dazu braucht man Kenntnis des Lebens, Lebenswissen. Das genügt. Damit kann man eine solche Frage diskutieren. Da braucht es keine Lektüre. Im Gegenteil, man muss die eigenen Erfahrungen mit den Menschen hervorholen.
+
Eigentlich, meine Liebste, wollte ich dich heute nur ein bisschen verwöhnen mit einem Mail. Du hast ja auch mir gegenüber manchmal einige mütterliche Qualitäten, die ich schön finde. Beispielsweise, wie du mich mit ein paar einfachen Sätzen trösten kann, wie du die Dinge so drehen kannst, dass sie versönlich werden. Das finde ich wunderschön, habe ich dir ja auch schon gesagt. Du denkst vielleicht, ich übertreibe ein bisschen. Nun, ich weiss zumindest, wie es klingt und was herauskommt, wenn man Formulierungen wählt, die die Spannungen, Probleme oder Konflikte verschärfen. Es sind vielleicht anfangs feine Unterschiede, aber zum Ende sind die Unterschiede riesengross. Es ist eben so, man muss nur mit einem Fuss ein bisschen stärker auftreten, und nach 1500 km landest du an einem ganz anderen Ort als wenn du ganz normal gegangen wärst. Das ist wirklich Lebenskunst, finde ich. Ich habe nie viel Bewunderung für Krisenmanager gehabt. Ich meine, in menschlichen Dingen sind sie vielleicht gut und nützlich. Aber es gibt Mitarbeiter in meinem Dienst, die haben immer Krisen zu bewältigen, sie schicken Expressbriefe und Mails und alles läuft in dramatischen Kulissen. Ich glaube die Kunst ist es, die Dinge mit feiner Hand und zum Voraus so zu steuern und zu leiten, dass gar keine Krisen entstehen. Das sieht natürlich sehr wenig spektakulär und dramatisch aus. Es ist aber die grössere Kunst. Krisenmanager brauchen ihre Krisen. Ich habe sie im Verdacht, dass sie sie sogar selbst produzieren. Das gehört zu ihrem Bluff.
Wo waren wir? Ach ja, bei deinen mütterlichen Qualitäten am Muttertag. Also meine liebe Marlena, dein Trost, den ich nun ja schon 3 oder 4 mal deutlich erlebt habe, den finde ich sehr mütterlich, und ich danke dir dafür. Und dann hast du mich ein bisschen gemahnt wegen meiner Gesundheit und dem Alkohol und so. Das fand ich auch eine mütterliche Geste. Eine tragische Heldin würde mich nie mahnen, mit dem Alkohol zurückhaltend zu sein. Sie würde wahrscheinlich mitbechern. Ich fand es einfach rührend, dass du sowas gesagt hast, dass du mchtest, dass ich lange lebe. Stell dir vor, ein Mensch in Stockholm, nie hast du ihn gesehen, sagt dir sowas. Wenn das nicht tragisch ist, dann ist es vielleicht zumindest komisch. Also tragisch-komisch. Das ist ja denn auch die beste Medizin für die Gesundheit.
*
Ich muss dich warnen, echt! Heute morgen habe ich an diesem Fotoautomaten ein paar Bilder geknipst, dh. die Maschine macht das ja selbst. Du fühlst dich wie in einer Selbstschiessanlage an der deutschen Zonengrenze in der DDR. Es blitzt aus dem Hinterhalt, wenn du gar nicht bereit bist. Du bist nie bereit, wenn auf dich geschossen wird. Und dann wundern sich die Leute, wenn sie ein bisschen erschreckt aussehen auf dem kleinen miserblen und schwarzweissen Passbild. Man kann sich fragen, ob sie dich mit einem solchen Bild überhaupt über die Grenze lassen. Wahrscheinlicher ist, dass sie dich verhaften an der Grenze, weil du wirklich sehr verdächtig und schuldbewusst aussiehst. Es ist wirklich nicht so wie dein Passbild, Marlena, das ein Bild von einem Fachmann zu sein scheint. Und wo du so locker und unschuldig dreinschaust, mit deinen lieben Augen und dem sinnlichen Mund. Diese Kobmination allein packt mich schon. Aber das habe ich dir schon gesagt.
Also, ich hab ein paar Bilder schiessen lassen, mit diesem hinterhältigen Maschinengewehr, wo man bei jedem Schuss zusammenschreckt. Und ich habe mir für dich was Spezielles ausgedacht. Ich habe gedacht, ich möchte, dass du mich siehst, wie ich dich in Rom auf dem Leonardo da Vinci-Flughafen abholen würde. Also mit Borsalino, wie in einem Fellini Film. Manchmal spinne ich einfach ein bisschen, da musst du ein Auge zudrücken, meine Liebe. Ich finde einfach, man muss das Leben ein bisschen stilisieren, ab und zu, ein kleines Akzentlein setzen. Ich kann dir später gerne noch ein ganz normales und langweiliges Foto schicken. Aber zunächst mit dem Borsalino. Ich sehe darin aus wie ein Mafia Mitglied aus dem mittleren Kader. Mafia Boss würde ich jetzt nicht sagen, da müsste ich noch ein bisschen verhärmter aussehen und eine schwarze Brille tragen. Aber doch aus der Mitte, dem man noch nicht das ganze Verbrechen ansieht. Ich will dich natürlich im Moment nur neugierig machen. Das Foto muss zuerst ins Labor zu Walter, der wird es in komplizierten Prozeduren zurück in mein Box senden, und dann erst ist es soweit. Vielleicht reicht es noch, bevor du in die Ferien gehst.
S war sehr eifersüchtig, als ich diesen Borsalino gekauft hatte. Ich trug ihn auf dem Heimweg vom Geschäft. Es war ein heisser Sommertag. Ich hatte ihn eigentlich für die Ferien gekauft, weil ich die Sonne auf dem Kopf nicht mag. Für hier in der Stadt ist er ein bisschen zu auffällig, zu dandyhaft. Und ein Kollege aus dem Club hat mich gesehen und hat es wohl S gegenüber erwähnt. Und S hatte den Eindruck, immer wenn sie nicht dabei sei, putze ich mich speziell heraus, damit die Frauen sich mir an die Brust schmeissen. Sie kann manchmal ziemlich unmöglich sein, die S.

Also, ich schicke dir diese Post, meine liebste blutrote Freundin. Ich wünsche dir nochmals einen schönen Tag. Und vergiss mich nicht, ich bitte dich.
...

Donnerstag, 15. Mai 2014

Re: italienischer Himmel

 
Saalbach anno dazumal

Lieber ...,

Ach, was bist du lustig, ...  Interessiert dich der Himmel so sehr?
Ich kenne keinen einzigen Menschen, der das irdische Leben gern gegen
einen Himmel austauschen würde. Und gute Käsefondues oder Geranien
kann ich doch auch in der Schweiz haben.

Aber deine Vorstellung von dem italienischen Himmel fand ich so
lustig, dass ich sie auch Anna habe lesen lassen. Ich schicke ihr
manchmal speziell lustige Produkte deiner Fantasie als erbauliche
Lektüre. Ich weiss, dass du nichts dagegen hast. Sie braucht etwas
Übung in der deutschen Sprache, sonst vergisst sie alles, was sie in
der Schule gelernt hat.

Ja, die Italiener. Ich kann mir gut vorstellen, was sie aus einem
Himmel machen könnten. Chaos ist dabei ein mildes Wort.

Meinen ersten Einblick bekam ich damals, als ich als 15-jährige meine
Sommerferien in Saalbach bei einer Bekannten meiner Eltern verbrachte.
Sie arbeitete dort im Sommer als Ärztin. Meistens machte sie
Hausbesuche bei ihren Patienten. Doch eines Tages kam ein Italiener,
der im Hotel nebenan Urlaub machte, in ihre Praxis, die zugleich
unsere Wohnung war. Er hatte sich etwas gebrochen oder vielleicht nur
verstaucht. Aber er kam nicht allein. Hinter ihm drängte sich eine
ganze Sippe herein, die bald den ganzen Raum füllte. Man hörte sie
laut „herumlamentieren und palavern" wobei sie wild gestikulierten.
Die Situation war ähnlich wie wenn ein Fuchs in den Hühnerhof kommt.

Nein, vor diesem Himmel würde ich mich nicht anstellen. Aber..
na ja, vielleicht könnte ich es akzeptieren, wenn ich wüsste, dass ich
dich dort wiederfinden würde. :-)

...