(ungekürzt)
Medea
Meine Marlena
Man
spricht im Deutschen vom Wonne-Monat Mai. Ich glaube das ist der Grund
für meine schwere Maladi im Moment. Es ist wirklich ein akuter Anfall
mit schweren Symptomen, fast ein bisschen Fieber und diese Unruhe und
dieses Drängen. Vielleicht ist es eine besonders gefährliche
Infektionsform, die ich erwischt habe. Vielleicht ist sie schwer zu
heilen. Weiss Gott, vielleicht unheilbar!
Und was macht man als
Patient dagegen? Etwa kalte Umschläge und Pfefferminzdrops lutschen?
Nein, man fragt seine Geliebte, was man tun soll. Denn sie ist ja
eigentlich der Virus. Die Heilung kann nur über den Virus geschehen. Man
muss ihn irgendwie neutralisieren, isolieren, vielleicht
penizillinisieren (dieses Wort gibt es bestimmt nicht, meine Liebe, also
nicht in dein vocabulaire aufnehmen). Man könnte auch zur Ader lassen,
wie früher die Bader es machten, die gleichzeitig auch die Haare
geschnitten haben sollen. Ein paar Blutegel ansetzen und schon lässt
meine maladisierende Kraft nach und bald werde ich dastehen so schwach
und saftlos und bleich wie eine tragische Heldin.
*
Tragische
Heldinnen sind bleich. In einem solchen Satz können wir uns treffen.
Man könnte darüber einen geistreichen Essay schreiben. Kannst du dir
Jeanne d'Arc mollig und mit roten Wangen vorstellen? Nie im Leben! Oder
Medea, die nun wirklich eine sehr tragische Gestalt ist. Es gibt im
Basler Antikenmuseum einen spätrömischen Sarkophag, wo die tragische
Medea auf einer Seite im Halbrelief dargestellt wird. Die ganze
tragische Geschichte, wie sie ihre Nebenbuhlerin durch vergiftete
Kleider hinrichtet und wie sie schliesslich in einem göttlichen Gefährt
entschwebt. Es ist das schönste Stück im ganzen Museum, und manchmal
gehe ich am Sonntagmorgen dorthin, nur um dieses eine Stück anzuschauen.
Es ist ein ganzes Reliefband, die Länge des Sarkophages, also in ein
einziges Stück Stein gehauen. Und wenn du links zu lesen beginnst, dann
ist zuerst die Hochzeit Iasons mit Gauke, der Tochter des Königs von
Korinth zu sehen. Medea schickt der Nebenbuhlerin ein mit Zaubermitteln
vergiftetes Gewand, das beim Anziehen in Flammen aufgeht, so das Gauke
und Iason, der ihr zu Hilfe eilt, verbrennen. Um die Rache an dem
ungetreuen Gatten zu vollenden, tötet sie auch ihre beiden Kinder, bevor
sie auf ihrem von Drachen gezogenen Wagen entflieht. Es gibt auch ein
dramatisches Bild von Delacroix im Louvre, wo sie im Begriffe ist, ihre
Kinder zu töten. Ich habe es ziemlich genau in Erinnerung. Dort schaut
sie sehr tragisch die erschrockenen und vielleicht schockierten
Louvre-Besucher an. Es scheint ihr wirklich ernst zu sein mit ihren
Kindern. Und als braver Bürger der Moderne möchte man intervenieren und
ihr das Messer aus der Hand reissen. Aber das wagt man nicht, denn sie
ist kolossal und bleich.
Und bei diesem Sarkophag, wenn du ein
paar Schritte zurücktrittst, siehst du, wie das Band von links nach
rechts ziemlich ruhig anfängt. Es gibt diese vielen Figuren, alle ihre
Köpfe auf gleicher Höhe (sie sind geordnet und deuten eine Menge an, es
gibt dafür einen Namen in der Kunstgeschichte). Und zur Mitte hin wird
die Szenerie immer nervöser und unruhiger. Du hast den Eindruck, der
Stein ist elektrisiert, und dann nach rechts, zum wunderschönen Wagen
Medeas hin, beruhigt sich alles wieder. Es ist wirklich ein wunderbares
Stück. Ich weiss nicht, woher die Basler sowas haben. Natürlich ist
darin der spätgriechische Einfluss sehr sichtbar, helenistisch heisst
das. Es ist also für ein römisches Stück schon sehr fein, eine
Spätentwicklung. Da waren die Römer schon ziemlich verweichlicht und
verzärtelt, hat man den Eindruck. Das ist schon ihr fin de siecle, ihr
langsamer Niedergang nach Augustus.
Wenn du mal nach Basel
kommst, würde ich dir dieses Stück zeigen. Ich hätte noch anderes, aber
das würde ich dir zeigen. Es ist einmalig schön und fast ohne
Beschädigungen erhalten.
Aber wir hatten es doch von den bleichen
tragischen Heldinnen. Und von deinem schönen und wahren Satz. Alle,
Antigone, Elektra, Iphigenie waren sie bleich, bestimmt waren sie
bleich. Ich glaube, das muss auch irgendwo in der kunstgeschichtlichen
Literatur zu lesen sein. Das Problem ist, wo sind die modernen
tragischen Heldinnen? Vielleicht Marilyn Monroe oder Diana? Auch sie
waren ja weiss Gott bleich? Claudia Schiffer, mehr als bleich. Wo sind
sie sie denn geblieben, die tragischen Heldinnen? Sind denn das wirklich
Heldinnen? Weißt du einige moderne Heldinnen. Ich würde gerne mit
meinen Töchtern über bleiche Heldinneen unserer Zeit diskutieren. Es ist
gut, wenn man den Mädchen solche Dinge zeigen kann. Die Schulen, vor
allem die Sekundarschulen bei uns sind sehr besetzt von den Männern.
Aber
Auch
deine Aussage, dass es das Tragische in jedem Leben gibt, die müssen
wir mal diskutieren. Finde ich sehr interessant. Ich finde manchmal
Personen, wo ich viel Tragisches festzustellen meine. Und dann kann ich
leicht mit ihnen mitleiden, vielleicht mehr leiden, als sie selbst es
tun. Man kann sich so aufs beste selbst bemitleiden, habe ich den
Eindruck. Deine These, Marlena, interessiert mich wirklich. Es hat was,
wenn man das Tragische lebensphilosophisch interpretiert, und nicht
gleich so kolossal wie die Griechen das getan haben mit diesem
unheilvollen Ausgeliefertsein an die Götter, diese unmenschlichen, und
an den unveränderbaren Lauf der Ereignisse. Es gibt dagegen das
Stichwort vom "unglücklichen Bewusstsein" in der Moderne. Da könnte man
vielleicht einen Zusammenhang herstellen. Ich glaube, das Wort stammt
von Hegel, diesem Übervater der Moderne. Ich würde gerne mit dir so
diskutieren. Du denkst vielleicht, du kennst dich zuwenig aus. Das musst
du nicht, du hast doch die Idee gehabt und wir spinnen sie weiter, mit
unserer Fantasie und den paar Dingen, die wir wissen. Es soll ja nicht
wissenschaftlich sein. Es soll vor allem phantasievoll und geistreich
sein. Dann ist es schon schön und zu unserem Genusse. Ach, jetzt bin ich
eigentlich in die erste These von den bleichen Heldinnen
zurückgefallen. Das Tragische im Leben allgemein ist ein heutiges Thema.
Dazu braucht man Kenntnis des Lebens, Lebenswissen. Das genügt. Damit
kann man eine solche Frage diskutieren. Da braucht es keine Lektüre. Im
Gegenteil, man muss die eigenen Erfahrungen mit den Menschen
hervorholen.
+
Eigentlich, meine Liebste, wollte ich dich
heute nur ein bisschen verwöhnen mit einem Mail. Du hast ja auch mir
gegenüber manchmal einige mütterliche Qualitäten, die ich schön finde.
Beispielsweise, wie du mich mit ein paar einfachen Sätzen trösten kann,
wie du die Dinge so drehen kannst, dass sie versönlich werden. Das finde
ich wunderschön, habe ich dir ja auch schon gesagt. Du denkst
vielleicht, ich übertreibe ein bisschen. Nun, ich weiss zumindest, wie
es klingt und was herauskommt, wenn man Formulierungen wählt, die die
Spannungen, Probleme oder Konflikte verschärfen. Es sind vielleicht
anfangs feine Unterschiede, aber zum Ende sind die Unterschiede
riesengross. Es ist eben so, man muss nur mit einem Fuss ein bisschen
stärker auftreten, und nach 1500 km landest du an einem ganz anderen Ort
als wenn du ganz normal gegangen wärst. Das ist wirklich Lebenskunst,
finde ich. Ich habe nie viel Bewunderung für Krisenmanager gehabt. Ich
meine, in menschlichen Dingen sind sie vielleicht gut und nützlich. Aber
es gibt Mitarbeiter in meinem Dienst, die haben immer Krisen zu
bewältigen, sie schicken Expressbriefe und Mails und alles läuft in
dramatischen Kulissen. Ich glaube die Kunst ist es, die Dinge mit feiner
Hand und zum Voraus so zu steuern und zu leiten, dass gar keine Krisen
entstehen. Das sieht natürlich sehr wenig spektakulär und dramatisch
aus. Es ist aber die grössere Kunst. Krisenmanager brauchen ihre Krisen.
Ich habe sie im Verdacht, dass sie sie sogar selbst produzieren. Das
gehört zu ihrem Bluff.
Wo waren wir? Ach ja, bei deinen
mütterlichen Qualitäten am Muttertag. Also meine liebe Marlena, dein
Trost, den ich nun ja schon 3 oder 4 mal deutlich erlebt habe, den finde
ich sehr mütterlich, und ich danke dir dafür. Und dann hast du mich ein
bisschen gemahnt wegen meiner Gesundheit und dem Alkohol und so. Das
fand ich auch eine mütterliche Geste. Eine tragische Heldin würde mich
nie mahnen, mit dem Alkohol zurückhaltend zu sein. Sie würde
wahrscheinlich mitbechern. Ich fand es einfach rührend, dass du sowas
gesagt hast, dass du mchtest, dass ich lange lebe. Stell dir vor, ein
Mensch in Stockholm, nie hast du ihn gesehen, sagt dir sowas. Wenn das
nicht tragisch ist, dann ist es vielleicht zumindest komisch. Also
tragisch-komisch. Das ist ja denn auch die beste Medizin für die
Gesundheit.
*
Ich muss dich warnen, echt! Heute morgen
habe ich an diesem Fotoautomaten ein paar Bilder geknipst, dh. die
Maschine macht das ja selbst. Du fühlst dich wie in einer
Selbstschiessanlage an der deutschen Zonengrenze in der DDR. Es blitzt
aus dem Hinterhalt, wenn du gar nicht bereit bist. Du bist nie bereit,
wenn auf dich geschossen wird. Und dann wundern sich die Leute, wenn sie
ein bisschen erschreckt aussehen auf dem kleinen miserblen und
schwarzweissen Passbild. Man kann sich fragen, ob sie dich mit einem
solchen Bild überhaupt über die Grenze lassen. Wahrscheinlicher ist,
dass sie dich verhaften an der Grenze, weil du wirklich sehr verdächtig
und schuldbewusst aussiehst. Es ist wirklich nicht so wie dein Passbild,
Marlena, das ein Bild von einem Fachmann zu sein scheint. Und wo du so
locker und unschuldig dreinschaust, mit deinen lieben Augen und dem
sinnlichen Mund. Diese Kobmination allein packt mich schon. Aber das
habe ich dir schon gesagt.
Also, ich hab ein paar Bilder
schiessen lassen, mit diesem hinterhältigen Maschinengewehr, wo man bei
jedem Schuss zusammenschreckt. Und ich habe mir für dich was Spezielles
ausgedacht. Ich habe gedacht, ich möchte, dass du mich siehst, wie ich
dich in Rom auf dem Leonardo da Vinci-Flughafen abholen würde. Also mit
Borsalino, wie in einem Fellini Film. Manchmal spinne ich einfach ein
bisschen, da musst du ein Auge zudrücken, meine Liebe. Ich finde
einfach, man muss das Leben ein bisschen stilisieren, ab und zu, ein
kleines Akzentlein setzen. Ich kann dir später gerne noch ein ganz
normales und langweiliges Foto schicken. Aber zunächst mit dem
Borsalino. Ich sehe darin aus wie ein Mafia Mitglied aus dem mittleren
Kader. Mafia Boss würde ich jetzt nicht sagen, da müsste ich noch ein
bisschen verhärmter aussehen und eine schwarze Brille tragen. Aber doch
aus der Mitte, dem man noch nicht das ganze Verbrechen ansieht. Ich will
dich natürlich im Moment nur neugierig machen. Das Foto muss zuerst ins
Labor zu Walter, der wird es in komplizierten Prozeduren zurück in mein
Box senden, und dann erst ist es soweit. Vielleicht reicht es noch,
bevor du in die Ferien gehst.
S war sehr eifersüchtig, als ich
diesen Borsalino gekauft hatte. Ich trug ihn auf dem Heimweg vom
Geschäft. Es war ein heisser Sommertag. Ich hatte ihn eigentlich für die
Ferien gekauft, weil ich die Sonne auf dem Kopf nicht mag. Für hier in
der Stadt ist er ein bisschen zu auffällig, zu dandyhaft. Und ein
Kollege aus dem Club hat mich gesehen und hat es wohl S gegenüber
erwähnt. Und S hatte den Eindruck, immer wenn sie nicht dabei sei, putze
ich mich speziell heraus, damit die Frauen sich mir an die Brust
schmeissen. Sie kann manchmal ziemlich unmöglich sein, die S.
Also,
ich schicke dir diese Post, meine liebste blutrote Freundin. Ich
wünsche dir nochmals einen schönen Tag. Und vergiss mich nicht, ich
bitte dich.
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