Meine liebe Marlena
Nun ja, ich habe auch nicht gedacht, dass du den Text über den europäischen Roman unbedingt lesen musst. Oder doch zumindest nicht so kurzfristig. Aber es betrifft eigentlich auch den französischen Roman, und ich fand diesen Teil des Buches ziemlich interessant. Eine solch kurze Zusammenfassung der Entwicklung des Romans findet man wohl nicht allzu oft.
Interessant finde ich, was er „die zweite Halbzeit" des Romans nennt, also jene Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert, seitdem das Wort des Autors hinter das Schreiben zurückgetreten ist. Das bringt ja dann diese dicken Schwarten und ungeheurer langen und ausgefeilten Romane des 19. Jahrhunderts zum Vorschein, die später so stark psychologisieren und „introspizieren". Meine Frau mag sie. Sie liest gerne Henry James. Für mich sind diese Werke an sich bewundernswürdig, aber ich habe weder Zeit noch Geduld, sie wirklich zu lesen. Zu einer Verfilmung würde ich mich vielleicht noch überreden lassen. Diese Romane sind zu einer Zeit entstanden, als die Leute wirklich noch Zeit zum Lesen hatten. Und der bürgerliche Roman hat ja dann auch die bürgerliche Ehe und die Liebesheirat propagiert. Vorher war – und bei den Adeligen ganz besonders – die Liebe keine Bedingung für eine Heirat. Das waren eher Vernunftehen zur Sicherung des Familienbesitzes und ihrer Privilegien. Kennen wir doch noch aus den Königshäusern!!
Kundera hat dann eine sehr musikalische Konzeption des Romans entwickelt, den sogenannten polyphonen Roman, den er der Symphonie abgeschaut hat (von seiner Ausbildung her war er Musiker, nicht Schriftsteller; er lebt heute in Frankreich). Es gibt in seinen Romanen verschiedene „Sätze", dh etwa Geschichten, die zusammengestellt sind. Sie kreisen um dasselbe Them, haben langsame oder schnellere Tempi, zeigen eine unterschiedliche Erzählstruktur, erzeugen also gemeinsam eine Polyphonie, eine Vielstimmigkeit, die ein Thema in verschiedenen Farben und Konstellationen aufleuchten lässt. Für mich selbst war erfrischend, dass er die Geschichten ziemlich äusserlich erzählt, als aussenstehender mitdenkender Beobachter, und dass er nicht primär das Innenleben und die Psychologie der Figuren in den Vordergrund stellt. Das fand ich – für mich – sensationell, eine echte Erholung, weil wir Psychologen doch immer an Innerlichkeiten, Gefühlen, Gedanken, Motiven und Hemmungen hängen. Das Individuum von aussen zu betrachten, sozusagen wie ein rationales Tier, ist für mich eine erfrischende Sicht.
Sonntag, 12. Dezember 2010
Teilzeit und Mind-Maps
Re: Soweitsogut
Liebe MarlenaEntfernt kann ich mich erinnern, dass ich mich im letzten Brief ziemlich erhzitzt habe wegen deiner Bemerkung, dein Leben sei gelegentlich langweilig. Und dann träumst du, es von Grund auf zu ändern. Zu dieser Frage habe ich mich ein bisschen erwärmt. Und das ist natürlich nicht zufällig, dass mich diese Frage packt. Ich bin nämlich ziemlich ähnlich, wenn ich manchmal glaube, das inertessante Leben sei anderswo, nur nicht hier, wo ich mich hier und jetzt gerade befinde.
Aber mit den Jahren habe ich doch herausgefunden, dass das nicht stimmt. Das Leben ist hier und jetzt und sonst gar nicht. Damit müssen wir leben. Natürlich können wir mittels Fernsehen den Eindruck bekommen, wir seien auf der ganzen Welt mehr oder weniger präsent. Das ist aber eine sehr entrückte Welt. Und wenn wir auf den Knopf drücken, ist sie auch schon wieder auf und davon.
Also hier und jetzt, hic et nunc, wie die Lateiner schön sagen.
Ich kann dich verstehen, dass du zögerst, dein Pensum auf 80% zu reduzieren. Ich habe einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die inTeilzeitpensen arbeiten. Und ich kann dir sagen, es braucht sehr viel Disziplin, beim vertraglichen Pensum zu bleiben und nicht Überstunden zu machen. Manchmal hat man ja den Eindrück, man könnte ewig weiterarbeiten und es würde nie ein Ende haben. Ich glaube das ist in unserer Sparte besonders deutlich. Du kannst es natürlich auch so machen, anstatt 80% Lohn zu beziehen und 100% zu arbeiten, umgekehrt, 100% Lohn und nur 80% arbeiten. Wäre doch auch eine Variante, eine lukrative!
Dein Verhalten in der Konferenz war ein bisschen spitzbübisch, das willst du sagen, wenn du meinst, ich hätte das nicht von dir gedacht. Ich bin genau so. Wenn ich an einem langweiligen Vortrag sitze, dann fange ich an zu zeichnen, dann zeichne ich Köpfe mit tollen Nasen und riesigen Warzen, ich zeichne manchmal auch die Leute direkt ab, so dass sie nachher zu mir kommen, und eine Kopie davon wünschen. Wenn ich konzentriert zuhören will, dann muss ich mir Notizen machen. Ohne Notizen höre ich meist auch nur halb zu. Ich muss die Sache sehen. Meist mache ich meine Notizen als Mind-Map. Kennst du die Methode. Die ist sehr gut und sehr oekonomisch. Ich bein geradezu begeistert davon. Wenn du sie nicht kennst, dann musst du sie unbedingt kennenlernen und deinen Schülern beibringen. Ich denke, es gibt nichts besseres, das in den letzten Jahren erfunden worden ist. Es ist sehr gut für vernetztes Denken. Es ist sehr gut, um als Grundlage für eine Rede, einen Vortrag, eine Unterrichtsstunde zu dienen. Man hat seine Stichwort, aber man ist dennoch völlig flexibel und kann hin und herspringen, wie es gerade erforderlich ist oder wie einen die Schüler steuern. Es ist wirklich das Ei des Kolumbus.
Heute ist Montag, und das ist mein schwacher Tag. Mein Mail ist kurz. Aber vielleicht bist du ja immer noch mit dem Text über die Entwicklung des Romans beschäftigt. Den fand ich sehr interessant und als Übersicht nützlich. Ich habe ihn einem Freund geschickt und dabei gedacht, vielleicht würde er dich auch interessieren. Aber die Lektüre ist nicht obligatorisch, denn dein Hauptfach ist ja Französisch und nicht Deutsch.
Mit einem lieben Grusse lasse ich dich
Samstag, 11. Dezember 2010
Beichte
...
Nimmst du auch Beichten ab, wie die katholischen Priester in ihren speckigen Sutanen, meine liebe Marlena? Tust du das? Wenn ja, dann hätte ich im Moment eine grosse Beichte. Ich zögere etwas, dir das so offen und unter 4 Augen zu beichten. Aber ich muss ja wohl. Und ich hoffe, du wirst mir keine allzu strenge Strafe und Wiedergutmachung auferlegen. Ich meine, 10 "Av Maria .." (was meine Kollegen in der Schule zu beten hatten), 10 wäre die oberste Grenze. Obwohl mein Vergehen vielleicht schwer wiegt.
Eigentlich ist es kein Vergehen, sondern eine Unterlassung. Eine fahrlässige noch dazu. Ich schäme mich etwas, dir das zu erzählen, liebe Marlena, und ich kann nur hoffen, du wirst das nie gegen mich verwenden, niemals!
Nein, Spass beiseite! Ich habe Goethes Faust nie gelesen. Niemals! Ehrenwort! Ich habe ihn auch nie vermisst. Erst an der Universität kannte ich eine Komilitonin, die vom Faust geschwärmt hat. Und da ist mir aufgefallen, dass ich diesen Hit der deutschen Literatur nie wirklich zur Kenntnis genommen habe. Das ist mein Defekt! Wie ein kleiner Sehfehler, oder ein Muttermal an der falschen Stelle!
Ich will dir jetzt auch nicht gleich versprechen, dass ich das noch nachhole. Vielleicht erzählst du mir davon, so kann ich es mir ersparen.
Ach, es tut gut, von der Jugend zu erzählen! Erzählen an sich ist gut, und mit der Jugend kommt auch die jugendliche Energie und Kraft zurück. Das ist wie eine Therapie, das ist reculer pour mieux sauter!
Ich danke dir und umarme dich
Nimmst du auch Beichten ab, wie die katholischen Priester in ihren speckigen Sutanen, meine liebe Marlena? Tust du das? Wenn ja, dann hätte ich im Moment eine grosse Beichte. Ich zögere etwas, dir das so offen und unter 4 Augen zu beichten. Aber ich muss ja wohl. Und ich hoffe, du wirst mir keine allzu strenge Strafe und Wiedergutmachung auferlegen. Ich meine, 10 "Av Maria .." (was meine Kollegen in der Schule zu beten hatten), 10 wäre die oberste Grenze. Obwohl mein Vergehen vielleicht schwer wiegt.
Eigentlich ist es kein Vergehen, sondern eine Unterlassung. Eine fahrlässige noch dazu. Ich schäme mich etwas, dir das zu erzählen, liebe Marlena, und ich kann nur hoffen, du wirst das nie gegen mich verwenden, niemals!
Nein, Spass beiseite! Ich habe Goethes Faust nie gelesen. Niemals! Ehrenwort! Ich habe ihn auch nie vermisst. Erst an der Universität kannte ich eine Komilitonin, die vom Faust geschwärmt hat. Und da ist mir aufgefallen, dass ich diesen Hit der deutschen Literatur nie wirklich zur Kenntnis genommen habe. Das ist mein Defekt! Wie ein kleiner Sehfehler, oder ein Muttermal an der falschen Stelle!
Ich will dir jetzt auch nicht gleich versprechen, dass ich das noch nachhole. Vielleicht erzählst du mir davon, so kann ich es mir ersparen.
Ach, es tut gut, von der Jugend zu erzählen! Erzählen an sich ist gut, und mit der Jugend kommt auch die jugendliche Energie und Kraft zurück. Das ist wie eine Therapie, das ist reculer pour mieux sauter!
Ich danke dir und umarme dich
Jugenderinnerungen
...
Ich muss noch etwas zum Bild von Visp sagen, das du beigelegt hast. Es ist ja fast ein bisschen zuviel, einen solch schönen Brief und dazu noch dieses Bild. Dieses Bild, das ist wirklich meine Jugend. Ich hatte im Haus meiner Eltern unter den 3 Dachzimmern das schönste und das grösste. Und aus dem Fenster hatte ich genau diese Sicht in die Berge, die du mir hier zeigst. Das berührt mich sehr, dass eine Mausfreundin aus Schweden, 1500 km entfernt, mir meine eigene Landschaft zeigt.
Diese Berge habe ich angeschaut, wenn ich morgens erwacht bin. Manchmal im Winter war es sehr kalt, weil ich immer bei offenem Fenster geschlafen habe. Einmal war der Ofen eingefroren und damit gesprengt. Oder die Fenster waren voller Eisblumen, wenn sie tagsüber geschlossen waren. Im Sommer konnte man morgens früh schon die goldnen Gipfel mit dem ewigen Schnee sehen, die ich immer als eine Art Luxus angesehen habe. Oder aber, ich erinnere mich auch, wie ich an Samstag Abenden, bei Vollmond, in diese markanten Berge hinausgeschaut habe, in diese Landschaft im bleichen Mondlicht, und wie ich von der weiten Welt geträumt habe. Ich wusste damals noch nicht, was aus mir werden würde. Ich hatte noch keine Ahnung von meiner Studien- oder Berufswahl. Ich wusste nicht, ob ich einmal eine Familie, dh. eine Frau haben würde. Alles war noch offen, noch solcherart voller Möglichkeiten, die junge Menschen auch etwas unsicher machen.
Es ist wirklich MEIN Panorama, was du mir hier geschickt hast. Das frühere Foto, mit dem stumpfen Berg am Ende des Tales, das ist auch sehr schön. Aber dieses hier ist das Bild in meinem Fenster, das war sozusagen das Gemälde an meiner Wand. Der Blick geht in Richtung Zermatt, wo das berühmte Matterhorn steht, und dahinter ist dann bald einmal Italien. Ich danke dir, meine Marlena, du hast mich auf meinem sentimentalen Bein erwischt. Ich hatte hier wirklich ein schönes Zimmer mit Blick auf die Hauptstrasse (das war in jenem Alter auch nicht unwichtig, zu sehen, wer gerade vorbeiging). Ich hatte einen grossen Tisch (jener mit Druckknopf unter der Tischplatte, der früher einmal in Florenz gestanden hatte), einen Kleiderschrank, ein kleines Büchergestell und das Bett, das für den Tag von der Putzfrau wie ein Coach arrangiert wurde. Meine Schulhefte und -bücher hatte ich in einem Wandschrank liegen, der unter der Dachschräge eingerichtet war. Das war eine riesige Abstellfläche (remember?) und sehr bequem, ich konnte für jedes Fach eine eigene Beige errichten. Und dazu - nicht unwichtig - hatte ich einen Transistorradio, den ich mir in jenen jungen Jahren selbst verdient hatte. Er kostete etwa 220.- ( ich erinnere mich ziemlich genau, obwohl es über 30 Jahre her sein muss), was heute ein ungeheurer Preis wäre. Der Händler in Visp hatte noch Mitgefühl und gewährte mir eine kleine Ermässigung. Meistens hörte ich damals den Sender France Intère (oder wie schreibt man das eigentlich?), also französische und nicht englische Sender, wie unsere Jungen dies heute tun. Am schönsten war jeweils der Samstag Nachmittag. Wir hatten anfangs am Gymnasium samstags noch Schule bis etwa 1630h. Stell dir das vor, wenn man den heutigen Schülern den freien Samstag wegnehmen würde!! Diese lange Arbeitswoche war offenbar unentbehrlich für das Internat, denn die Schule und ihre Verantwortlichen (in Sutanen) hätten Probleme gehabt, ihre internen Schüler über zwei volle Tage zu beschäftigen und vom Unsinn abzuhalten. Deshalb hatten wir nur Mittwoch nachmittags frei, sonst gar nie. Später wurde noch der Samstag Nachmittag frei. Das war schon ein riesiger Luxus. Da bereitete unsere Mutter jeweils nach dem Mittagessen einen Dessert mit einem schwarzen Kaffee, und es gab Diskussionen in der Familienrunde. Fand ich sehr schön. Mein Vater verschwand dann irgendwann, denn er hatte noch eine Kaffeerunde mit seinen Rotary-Kollegen. Und anschliessend pflegte ich am Kiosk beim Bahnhof die Zeitung zu kaufen, und in meinem Zimmer die Weltwoche zu lesen und dazu Radio zu hören. Manchmal kamen wohl noch etwas Hausaufgaben für die Schule dazu. Wenn ich aber auf dem Weg zum Bahnhof einen Kollegen angetroffen hatte, dann wurde wohl aus der Zeitungslektüre nichts. Wir diskutierten dann auf der Strasse, schlenderten herum, schauten den Mädchen nach und tranken vielleicht irgendwo ein Bier und waren die Faulenzer im Dienst. Wir lebten damals sehr bescheiden und ohne grosse Ansprüche. Das war einerseits die damalige Zeit, andererseits lag es auch an diesem eher armen Bergkanton Wallis, wo alle Leute noch heute ziemlich bescheiden sind. Und wir vertrödelten als Jugendliche unendlich viel Zeit, das muss ich auch sagen, wenn ich es mit meinen Töchtern vergleiche.
Ich muss noch etwas zum Bild von Visp sagen, das du beigelegt hast. Es ist ja fast ein bisschen zuviel, einen solch schönen Brief und dazu noch dieses Bild. Dieses Bild, das ist wirklich meine Jugend. Ich hatte im Haus meiner Eltern unter den 3 Dachzimmern das schönste und das grösste. Und aus dem Fenster hatte ich genau diese Sicht in die Berge, die du mir hier zeigst. Das berührt mich sehr, dass eine Mausfreundin aus Schweden, 1500 km entfernt, mir meine eigene Landschaft zeigt.
Diese Berge habe ich angeschaut, wenn ich morgens erwacht bin. Manchmal im Winter war es sehr kalt, weil ich immer bei offenem Fenster geschlafen habe. Einmal war der Ofen eingefroren und damit gesprengt. Oder die Fenster waren voller Eisblumen, wenn sie tagsüber geschlossen waren. Im Sommer konnte man morgens früh schon die goldnen Gipfel mit dem ewigen Schnee sehen, die ich immer als eine Art Luxus angesehen habe. Oder aber, ich erinnere mich auch, wie ich an Samstag Abenden, bei Vollmond, in diese markanten Berge hinausgeschaut habe, in diese Landschaft im bleichen Mondlicht, und wie ich von der weiten Welt geträumt habe. Ich wusste damals noch nicht, was aus mir werden würde. Ich hatte noch keine Ahnung von meiner Studien- oder Berufswahl. Ich wusste nicht, ob ich einmal eine Familie, dh. eine Frau haben würde. Alles war noch offen, noch solcherart voller Möglichkeiten, die junge Menschen auch etwas unsicher machen.
Es ist wirklich MEIN Panorama, was du mir hier geschickt hast. Das frühere Foto, mit dem stumpfen Berg am Ende des Tales, das ist auch sehr schön. Aber dieses hier ist das Bild in meinem Fenster, das war sozusagen das Gemälde an meiner Wand. Der Blick geht in Richtung Zermatt, wo das berühmte Matterhorn steht, und dahinter ist dann bald einmal Italien. Ich danke dir, meine Marlena, du hast mich auf meinem sentimentalen Bein erwischt. Ich hatte hier wirklich ein schönes Zimmer mit Blick auf die Hauptstrasse (das war in jenem Alter auch nicht unwichtig, zu sehen, wer gerade vorbeiging). Ich hatte einen grossen Tisch (jener mit Druckknopf unter der Tischplatte, der früher einmal in Florenz gestanden hatte), einen Kleiderschrank, ein kleines Büchergestell und das Bett, das für den Tag von der Putzfrau wie ein Coach arrangiert wurde. Meine Schulhefte und -bücher hatte ich in einem Wandschrank liegen, der unter der Dachschräge eingerichtet war. Das war eine riesige Abstellfläche (remember?) und sehr bequem, ich konnte für jedes Fach eine eigene Beige errichten. Und dazu - nicht unwichtig - hatte ich einen Transistorradio, den ich mir in jenen jungen Jahren selbst verdient hatte. Er kostete etwa 220.- ( ich erinnere mich ziemlich genau, obwohl es über 30 Jahre her sein muss), was heute ein ungeheurer Preis wäre. Der Händler in Visp hatte noch Mitgefühl und gewährte mir eine kleine Ermässigung. Meistens hörte ich damals den Sender France Intère (oder wie schreibt man das eigentlich?), also französische und nicht englische Sender, wie unsere Jungen dies heute tun. Am schönsten war jeweils der Samstag Nachmittag. Wir hatten anfangs am Gymnasium samstags noch Schule bis etwa 1630h. Stell dir das vor, wenn man den heutigen Schülern den freien Samstag wegnehmen würde!! Diese lange Arbeitswoche war offenbar unentbehrlich für das Internat, denn die Schule und ihre Verantwortlichen (in Sutanen) hätten Probleme gehabt, ihre internen Schüler über zwei volle Tage zu beschäftigen und vom Unsinn abzuhalten. Deshalb hatten wir nur Mittwoch nachmittags frei, sonst gar nie. Später wurde noch der Samstag Nachmittag frei. Das war schon ein riesiger Luxus. Da bereitete unsere Mutter jeweils nach dem Mittagessen einen Dessert mit einem schwarzen Kaffee, und es gab Diskussionen in der Familienrunde. Fand ich sehr schön. Mein Vater verschwand dann irgendwann, denn er hatte noch eine Kaffeerunde mit seinen Rotary-Kollegen. Und anschliessend pflegte ich am Kiosk beim Bahnhof die Zeitung zu kaufen, und in meinem Zimmer die Weltwoche zu lesen und dazu Radio zu hören. Manchmal kamen wohl noch etwas Hausaufgaben für die Schule dazu. Wenn ich aber auf dem Weg zum Bahnhof einen Kollegen angetroffen hatte, dann wurde wohl aus der Zeitungslektüre nichts. Wir diskutierten dann auf der Strasse, schlenderten herum, schauten den Mädchen nach und tranken vielleicht irgendwo ein Bier und waren die Faulenzer im Dienst. Wir lebten damals sehr bescheiden und ohne grosse Ansprüche. Das war einerseits die damalige Zeit, andererseits lag es auch an diesem eher armen Bergkanton Wallis, wo alle Leute noch heute ziemlich bescheiden sind. Und wir vertrödelten als Jugendliche unendlich viel Zeit, das muss ich auch sagen, wenn ich es mit meinen Töchtern vergleiche.
Freitag, 10. Dezember 2010
gegen Langeweile
Liebe Marlena
Du schreibst wundervolle Briefe, wenn du Zeit hast, Marlena. Ich habe dein Schreiben vom Samstag sehr genossen. So bekommst du in meiner Vorstellung Blut und Leben. So wirst du schön, meine Liebe.
Mit Begeisterung habe ich von deiner Jugend gehört in einem Haus, wo viele Leute ein und ausgingen. Das muss ja etwas ganz Besonderes gewesen sein. Ich kann mir die zwei Mädchen vorstellen, wie sie durch den Türspalt die Gesellschaft erforschen mit den extravaganten und originellen Figuren. Das muss ein wirklich weltläufiges Haus gewesen sein, wo du aufgewachsen bist.
Meine Frau ist auch in einem grossen Haus aufgewachsen. Ihr Vater hat immer gerne Gäste gehabt und hat sie sehr grosszügig bewirtet. Seine Hochzeit soll eine ganze Woche gedauert haben, erzählt man sich noch heute. Und da gab es ein besonderes Fest jedes Jahr, wozu er eigentlich verpflichtet war. Das kam so: Als die Eltern meines Schwiegervaters sich ein Kind erhofften, konnte seine Mutter nicht schwanger werden. Und so gab sie das Gelübde ab, dass sie, falls sie eine erfolgreiche Geburt erleben könnte, jährlich ein Essen für die armen Leute geben würde. Und schliesslich wurde der Vater meiner Frau geboren und ab diesem Zeitpunkt sollte jedes Jahr dieses gelobte Fest stattfinden. Man hatte spezielles Geschirr, womit die Armen und Verwandten, die davon wussten, womit sie die Mahlzeit zu sich heimnehmen konnten. Und als S's Vater als ältester Oberhaupt der Familie geworden war und gleichzeitig auch Vorsteher der Stadt wurde, da musste er selbst dieses jährliche Festessen organisieren. Ich habe es einmal erlebt während eines Sommers, da ich in Teheran war. Man hatte speziell einen Koch und eine Köchin angestellt, und den ganzen Tag waren sie damit beschäftigt, das Schaffleisch zuzubereiten, das Gemüse zu rüsten und eine Art Gulasch kochen zu lassen. Dazu gab es kiloweise Reis, wirklich eine riesige Menge, in in diesen modernen Kantinen. Und jeder konnte kommen und wurde bedient. Es war eine Grosszügigkeit, wie man sie in Europa nicht mehr finden kann. Aber es ist natürlich auch die Familienehre, um die es geht, und der Respekt der Leute, die von einer solchen Wohltätigkeit profitieren, ist der Familie sicher. Heute ist S's Vater tot, und ihre Mutter führt diese Tradition weiter. Und später wird es ihr ältester Bruder tun müssen.
Damit will ich sagen, dass es ausserordentlich ist, in einer solchen Familie zu leben, so wie du sie auch gehabt hast. Daraus solltest du das Gefühl gewinnen, eine ganz spezielle und und einmalige Jugend gehabt zu haben. Und daher kommt auch das Gefühl, ein einzigartiger Mensch zu sein.
Du darfst nicht sagen, dein Leben sei zeitweise nicht interessant. Das ist ein Vergehen gegen das Leben, meine Liebe. Also, ich weiss natürlich, wie du das meinst, und gelegentlich sage ich von mir dasselbe. Aber...
Ich glaube, das ist es, was das Leben voll macht. Vor allem müssen wir es selbst machen. Das Leben an sich ist noch gar nichts, ist bloss eine biologische Tatsache, monoton wie der Herzschlag, eingleisig wie der Gang der Ernährung, unspektakulär wie ein Hickauf, voller unangenehmer und langweiliger Pflichten, voller Sorgen und Unannehmlichkeiten. Man könnte gut und gerne darauf verzichten.
Also, meine liebe Marlena, der langen Rede kurzer Sinn: wenn man in einer solchen Familie aufgewachsen ist, wie du sie mir - allerdings nur sehr kurz und skizzenhaft, erzähl mir mehr davon, ich bitte dich - wie du sie schilderst, da KANN man kein zeitweise langweiliges Leben führen. Das ist ganz und gar unmöglich, oder anders gesagt VERBOTEN. Du bist ein aussergewöhnlicher Mensch. Das widerspricht doch der Langeweile um 180°. Es ist das pure Gegenteil. Es ist wie Wasser und Feuer, meine Liebe.
Ich muss aufpassen, ich werde zu pädagogisch, dh. lehrerhaft. Das ist immer schlecht, nicht wahr, meine sympathische Frau Studienrätin.
Ich behaupte also steif und fest, ob ein Leben interessant und aufregend und wundervoll und spannend und auch schmerzvoll vielleicht ist, das entscheidet sich in erster Linie im Kopf, und nicht sosehr im Leben selbst. Natürlich ist der Kopf auch ein Teil des Lebens, nicht ganz unabhängig davon. Er kann nicht völlig autonom entscheiden. Aber er kann entscheiden.
Ach meine liebe Marlena, was erzähle ich dir hier so lange und so kompliziert und so umständlich. Ich finde mein Leben gelegentlich totlangweilig, einfach öde und die Monotonie in Reinkultur, kurz und gut das ALLERLETZTE.
*
Aber von Dir ...
Du schreibst wundervolle Briefe, wenn du Zeit hast, Marlena. Ich habe dein Schreiben vom Samstag sehr genossen. So bekommst du in meiner Vorstellung Blut und Leben. So wirst du schön, meine Liebe.
Mit Begeisterung habe ich von deiner Jugend gehört in einem Haus, wo viele Leute ein und ausgingen. Das muss ja etwas ganz Besonderes gewesen sein. Ich kann mir die zwei Mädchen vorstellen, wie sie durch den Türspalt die Gesellschaft erforschen mit den extravaganten und originellen Figuren. Das muss ein wirklich weltläufiges Haus gewesen sein, wo du aufgewachsen bist.
Meine Frau ist auch in einem grossen Haus aufgewachsen. Ihr Vater hat immer gerne Gäste gehabt und hat sie sehr grosszügig bewirtet. Seine Hochzeit soll eine ganze Woche gedauert haben, erzählt man sich noch heute. Und da gab es ein besonderes Fest jedes Jahr, wozu er eigentlich verpflichtet war. Das kam so: Als die Eltern meines Schwiegervaters sich ein Kind erhofften, konnte seine Mutter nicht schwanger werden. Und so gab sie das Gelübde ab, dass sie, falls sie eine erfolgreiche Geburt erleben könnte, jährlich ein Essen für die armen Leute geben würde. Und schliesslich wurde der Vater meiner Frau geboren und ab diesem Zeitpunkt sollte jedes Jahr dieses gelobte Fest stattfinden. Man hatte spezielles Geschirr, womit die Armen und Verwandten, die davon wussten, womit sie die Mahlzeit zu sich heimnehmen konnten. Und als S's Vater als ältester Oberhaupt der Familie geworden war und gleichzeitig auch Vorsteher der Stadt wurde, da musste er selbst dieses jährliche Festessen organisieren. Ich habe es einmal erlebt während eines Sommers, da ich in Teheran war. Man hatte speziell einen Koch und eine Köchin angestellt, und den ganzen Tag waren sie damit beschäftigt, das Schaffleisch zuzubereiten, das Gemüse zu rüsten und eine Art Gulasch kochen zu lassen. Dazu gab es kiloweise Reis, wirklich eine riesige Menge, in in diesen modernen Kantinen. Und jeder konnte kommen und wurde bedient. Es war eine Grosszügigkeit, wie man sie in Europa nicht mehr finden kann. Aber es ist natürlich auch die Familienehre, um die es geht, und der Respekt der Leute, die von einer solchen Wohltätigkeit profitieren, ist der Familie sicher. Heute ist S's Vater tot, und ihre Mutter führt diese Tradition weiter. Und später wird es ihr ältester Bruder tun müssen.
Damit will ich sagen, dass es ausserordentlich ist, in einer solchen Familie zu leben, so wie du sie auch gehabt hast. Daraus solltest du das Gefühl gewinnen, eine ganz spezielle und und einmalige Jugend gehabt zu haben. Und daher kommt auch das Gefühl, ein einzigartiger Mensch zu sein.
Du darfst nicht sagen, dein Leben sei zeitweise nicht interessant. Das ist ein Vergehen gegen das Leben, meine Liebe. Also, ich weiss natürlich, wie du das meinst, und gelegentlich sage ich von mir dasselbe. Aber...
Ich glaube, das ist es, was das Leben voll macht. Vor allem müssen wir es selbst machen. Das Leben an sich ist noch gar nichts, ist bloss eine biologische Tatsache, monoton wie der Herzschlag, eingleisig wie der Gang der Ernährung, unspektakulär wie ein Hickauf, voller unangenehmer und langweiliger Pflichten, voller Sorgen und Unannehmlichkeiten. Man könnte gut und gerne darauf verzichten.
Also, meine liebe Marlena, der langen Rede kurzer Sinn: wenn man in einer solchen Familie aufgewachsen ist, wie du sie mir - allerdings nur sehr kurz und skizzenhaft, erzähl mir mehr davon, ich bitte dich - wie du sie schilderst, da KANN man kein zeitweise langweiliges Leben führen. Das ist ganz und gar unmöglich, oder anders gesagt VERBOTEN. Du bist ein aussergewöhnlicher Mensch. Das widerspricht doch der Langeweile um 180°. Es ist das pure Gegenteil. Es ist wie Wasser und Feuer, meine Liebe.
Ich muss aufpassen, ich werde zu pädagogisch, dh. lehrerhaft. Das ist immer schlecht, nicht wahr, meine sympathische Frau Studienrätin.
Ich behaupte also steif und fest, ob ein Leben interessant und aufregend und wundervoll und spannend und auch schmerzvoll vielleicht ist, das entscheidet sich in erster Linie im Kopf, und nicht sosehr im Leben selbst. Natürlich ist der Kopf auch ein Teil des Lebens, nicht ganz unabhängig davon. Er kann nicht völlig autonom entscheiden. Aber er kann entscheiden.
Ach meine liebe Marlena, was erzähle ich dir hier so lange und so kompliziert und so umständlich. Ich finde mein Leben gelegentlich totlangweilig, einfach öde und die Monotonie in Reinkultur, kurz und gut das ALLERLETZTE.
*
Aber von Dir ...
Epistel (6)
...
Was könnte ich dir sonst noch erzählen? Mein Leben ist zeitweise ziemlich uninteressant und manchmal träume ich davon es radikal zu ändern. Möchte eine Zeit in die Welt hinaus, neue Milieus erleben... aber ich habe einen "husband" (dieses komische Wort :-), der mich ans Haus bindet und so werde ich wohl alle diese Träume weiterhin nur in meiner Fantasie ausleben können. Manchmal stelle ich mir einen Tag mit dir in Paris vor und was wir alles tun würden. Natürlich gehen wir auf derselben Strassenseite. Du legst sogar dabei deinen Arm um meine Schulter (vielleicht nur weil du von dem vielen Wandern müde geworden bist und mich als Stütze benutzen willst ;-) Aber es ist trotzdem schön und du erzählst mir so viel von dem ich noch nichts gewusst habe. Ich werde fast krank vor Sehnsucht wenn ich daran denke.... Ich liebe Paris. Es ist mit meiner Jugend verbunden genau wie das Wallis mit deiner.
Du sprichst von Musik. Ich glaube Musik spielt in meinem Leben dieselbe Rolle wie die Malerei in deinem. Sie tröstet mich, begeistert mich und ich hole Kraft daraus. Ob ich selbst ein Instrument spiele? So möchte ich es nicht nennen :-) Aber Klavier und Gitarre habe ich gelernt. Mein Onkel, der Geige spielte, wollte dass ich auch dieses Instrument lernen sollte, aber es gibt Grenzen ;-) Gitarre habe ich gelernt um mich selbst beim Singen zu begleiten. Sicher sind einige der Chansons von denen du sprichst auch auf meinem Repertoire gewesen. In meiner Jugend bin ich manchmal aufgetreten und in der Schule musste ich immer solo singen bei verschiedenen Anlässen. Leider auch zu Hause in der Familie. Dabei fühlte ich mich meistens wie ein dressierter Affe ;-) und zum Schluss weigerte ich mich es zu tun.
Da neigt sich die Stunde und rührt mich an
mit klarem, metallenem Schlag:
mir zittern die Sinne. Ich fühle, ich kann -
und ich fasse den plastischen Tag
.....
Das werde ich nun auch tun.
Lass es dir gut geh'n
Love
Marlena
Was könnte ich dir sonst noch erzählen? Mein Leben ist zeitweise ziemlich uninteressant und manchmal träume ich davon es radikal zu ändern. Möchte eine Zeit in die Welt hinaus, neue Milieus erleben... aber ich habe einen "husband" (dieses komische Wort :-), der mich ans Haus bindet und so werde ich wohl alle diese Träume weiterhin nur in meiner Fantasie ausleben können. Manchmal stelle ich mir einen Tag mit dir in Paris vor und was wir alles tun würden. Natürlich gehen wir auf derselben Strassenseite. Du legst sogar dabei deinen Arm um meine Schulter (vielleicht nur weil du von dem vielen Wandern müde geworden bist und mich als Stütze benutzen willst ;-) Aber es ist trotzdem schön und du erzählst mir so viel von dem ich noch nichts gewusst habe. Ich werde fast krank vor Sehnsucht wenn ich daran denke.... Ich liebe Paris. Es ist mit meiner Jugend verbunden genau wie das Wallis mit deiner.
Du sprichst von Musik. Ich glaube Musik spielt in meinem Leben dieselbe Rolle wie die Malerei in deinem. Sie tröstet mich, begeistert mich und ich hole Kraft daraus. Ob ich selbst ein Instrument spiele? So möchte ich es nicht nennen :-) Aber Klavier und Gitarre habe ich gelernt. Mein Onkel, der Geige spielte, wollte dass ich auch dieses Instrument lernen sollte, aber es gibt Grenzen ;-) Gitarre habe ich gelernt um mich selbst beim Singen zu begleiten. Sicher sind einige der Chansons von denen du sprichst auch auf meinem Repertoire gewesen. In meiner Jugend bin ich manchmal aufgetreten und in der Schule musste ich immer solo singen bei verschiedenen Anlässen. Leider auch zu Hause in der Familie. Dabei fühlte ich mich meistens wie ein dressierter Affe ;-) und zum Schluss weigerte ich mich es zu tun.
Da neigt sich die Stunde und rührt mich an
mit klarem, metallenem Schlag:
mir zittern die Sinne. Ich fühle, ich kann -
und ich fasse den plastischen Tag
.....
Das werde ich nun auch tun.
Lass es dir gut geh'n
Love
Marlena
Epistel (5)
Thema "unheimliche Geliebte".. Diese Woche haben wir die Erlaubnis erhalten unsere Schokolade als Schokolade bezeichnen zu dürfen (obwohl sie nicht den Qualitäts-forderungen der EU entspricht). Freue dich also dass du bei dir das beste geniessen kannst.
Und schliesslich diskutiert man die Arbeitszeit. Während andere Länder diese reduzieren, ist sie bei uns in den letzten Jahren gestiegen. Auch in meinem Beruf merkt man davon. Früher hatte man 6-7 Klassen, heute 9 - 11.
*
Zu Goethes Faust möchte ich dir sagen dass ich die Gründgens-Inszenierung des Düsseldorfer Schauspielhauses ( Deutsche Grammophongesellschaft, Literarisches Archiv) besitze. Wenn du das einmal gehört hättest würde dir der Faust auch gefallen. Es ist mit Schauspielern wie Paul Hartman, Gustaf Gründgens und schliesslich Käthe Gold als Gretchen. Es ist ganz einfach einmalig. Ich habe übrigens die Universität mit dieser Vertönung bereichert (sicher zu grosser Freude aller Deutschstudierenden). Denn es nur zu lesen kann nie dasselbe sein.
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