Mittwoch, 10. November 2010

Re: Glück?



Date: Wed, 7 May 2003 08:22:21 +0200

Liebe Marlena
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Ich glaube, das schliesst genau an unsere kleine Diskussion des
Lebensglückes, die Dir erscheint wie ein Gespräch zwischen Schüler und
Lehrer. Letztere Aussage hat mich übrigens erstaunt, und eigentlich hat sie
mir auch nicht gefallen. Weshalb Lehrer und Schüler? Könnte ich Dir irgend
etwas beibringen? Nein, das ist niemals so. Wenn meine Sätze vielleicht
etwas lehrerhaft klingen, dann deshalb, weil ich mich selbst zu überzeugen
suche. Ich suche doch Erkenntnisse, oder zumindest Aussagen, die
einigermassen hinhalten. Und dann mag es ein wenig klingen wie in einer
Lektion. Aber es ist, streng genommen, eine Auto-Lektion.
Ich glaube, die beiden Aspekte, die Du erwähnst, sind wirklich sehr
zutreffend. Einerseits wählen wir den Filter nicht ganz alleine. Aber, und
das behaupte ich einfach so in die frische Morgenluft hinaus, ohne beweisen
zu können, ich behaupte, dass man sich anstrengen sollte, den Filter selbst
zu wählen. Das gilt gerade für Menschen, die vielleicht bei Geburt eine
leicht dunkle Variante in die Hand gedrückt bekommen haben. Wir sind
vielleicht nicht ganz frei. Aber wenn irgendwo noch eine kleine Wahlchance
besteht, dann doch hier und dann muss man sie nutzen. Und wenn das
gelingt, dann ist es so, wie wenn man beim Gehen mit einem Fuss einen
leicht kräftigeren Schritt tut als mit dem anderen. Das ändert die
Gehrichtung nur ganz wenig, wirklich nur minimal , vielleicht 1 oder 2°.
Aber nach 20km ist man dennoch an einem völlig anderen Ort als wenn
man das nicht getan hätte. Man muss doch als Mensch nach diesen kleinen
Lücken der individuellen Freiheit Ausschau halten, vor allem in Zeiten, da
sie einem in einem Genom, in einem 'Buch des Lebens' - wie sie sagen -
festschreiben wollen.
Und Dein zweites Argument ist jenes, dass es vielleicht genügte, 'nicht
unglücklich' zu sein, damit die schönen Momente eine Chance haben. Das
finde ich sehr feinsinnig gedacht. Der Gedanke gefällt mir überaus gut. Ich
glaube, ich habe so was ähnliches bei John Stuart Mill gelesen, der sich
Gedanken gemacht hat, was das Ziel des Staates sei. Und, wenn ich mich
richtig erinnere, war sein formuliertes Ziel das möglichst grosse Glück für
möglichst viele. Und das Glück besteht für Mill in der Vermeidung von
Unglück. Oder so ähnlich. Mill war im Leben ein Langweiler, aber in seinen
Gedanken war er exzellent. Nein, jetzt erinnere ich mich genauer, ich habe
es bei einem antiken Römer gelesen. Der Name kommt mir im Moment
nicht. Aber ich war erstaunt gewesen, weil das Image dieses römischen
Lebensphilosophen eigentlich ziemlich ruiniert war unter heutigen
Menschen. Man hält ihn für einen puren Lustmenschen, während er doch
eigentlich ein sehr vernünftiger Unglückvermeider war. Seine Anhänger
wurden Schweinchen genannt, und ich glaube, es war vor allem die
Katholische Kirche, die ihn schlecht gemacht und alles Negative angedichtet
hat.
Du entpuppst Dich als Millianerin. Ja, nicht unglücklich zu sein,
bedeutet ja eine Art von Freiheit. Und in dieser Freiheit ist man offen, für
die schönen und glücklichen Momente des Lebens. Das ist wirklich die
Philosophie, die ich in meinem fiktiven Roman vertreten würde. Brauchte
man dazu zwei Figuren, die eine, die das schafft und die andere, der es
misslingt.
*

Montag, 8. November 2010

Glück?



Ämne: Glück?
Datum: den 6 maj 2003 22:22

Lieber ..,
"Mit seinem selbstgewählten Farbfilter..." sagst du. Vielleicht ist es so, aber ich glaube nicht dass wir das Filter ganz frei wählen. Es ist eingebaut in unsere Genen. Und wie du so richtig sagst, schon bei kleinen Kindern kann man sehen ob sie eine glückliche oder traurige Veranlagung haben. Ich liebe das Leben wenn es ruhig fliesst. Wenn ich Zeit habe Schritt zu halten mit meiner Seele. Und das, was wir Glück, oder besser gesagt "Glücksgefühl" nennen, kommt ungerufen. Es braucht keine grossen Anlässe dazu. Plötzlich ist es nur da, das herrliche Gefühl zu leben, vielleicht ausgelöst durch etwas Schönes, was man betrachtet oder von einem Musikstück.. Vielleicht könnte man Glück besser definieren als "nicht unglücklich", oder zumindest nicht so unglücklich, dass die kleinen schönen Augenblicke keine Chance haben.
In Kriegszeiten kommen sich die Leute näher. Sie fühlen eine grosse Gemeinschaft in ihrem Kampf im Alltag. Der Kampf zu überleben lässt ihnen auch keine Zeit zum Grübeln. Auch gibt es kaum Langeweile. Für so was hat man ganz einfach keine Zeit. Ich verstehe die Leute, die sich gern an solche Zeiten erinnern. Sagt man nicht auch, dass viele psychisch kranke Leute in Kriegszeiten plötzlich gesund werden?
Ach, chéri, ich komme mir vor wie ein kleines Kind, das versucht es dem Lehrer recht zu machen. Soll ich es besser wieder deleten?

Ich habe einen langen Tag hinter mir. Hatte noch eine Konfernz am Ende des Tages. Man hat nun so wenig Geld in den Kommunen, dass man die Arbeitspflicht der Lehrer um ca 4,5 % erhöhen will. Und neben den aktuellen Schlagwörtern wie z.B. Qualitätssicherung sagt man plötzlich, dass man eine Qualitätsverschlechterung (?) akzeptieren muss. Ich glaube, ich brauche nicht mehr zu sagen.
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Ich wünsche dir einen schönen Mittwoch und
grüsse dich lieb,
Marlena

über Glück und seine Rezepte...

Liebe Marlena
Ja, das Glück, wer es unbedingt haben will, der hat es schon verloren. Und wer vielleicht gar nicht daran denkt, dem fällt es zu. Ist Glück nicht einfach eine Konstruktion.
Glück ist sozusagen eine Kategorie der Geschichtsschreibung, oder Biographie-Schreibung, müsste ich hier sagen. Ich werde nicht müde, an die alten Leute zu denken, die noch den Krieg erlebt haben, und die über diese alten Zeiten so begeistert und mit Hingabe erzählen, als ob es das grösste Glück gewesen sei. Sie erzählen strahlend, wie sie gehungert haben, wie sie sich gegenseitig aufeinander verlassen mussten, welche Mühen das Leben mit sich gebracht hatte und so weiter und so fort. Es gibt für uns Jüngere nichts, woraus wir schliessen könnten, dass das Leben damals besser oder positiver gewesen sein könnte. Es liegt alles nur in der Erzählung jener älteren Leute.
So heisst das doch, das Glück sei sozusagen die Sauce ihrer Erzählung, das Beigemischte, das Bindemittel, das Dressing würde man vielleicht auf Englisch sagen. Während das Leben gut oder schlecht, positiv oder negativ sein kann, so ist es jeder Mensch, der das alles schliesslich in die Hand nimmt und zu seinem Vorteile mit seinem selbst gewählten Farbfilter anschaut. Und dann kommt es so heraus, dass Optimisten Glückskinder sind und Pessimisten Pechvögel. Ist das nicht so? Ist es vielleicht zu sehr psychologisch interpretiert?
Wenn es denn so wäre, müsste man sagen, das Glück liege nicht im Leben, sondern im Blut. Und es ist doch wirklich nicht ganz ohne, zu behaupten, man würde schon den Kindern bis zu einem gewissen Grade ansehen können, ob sie glückliche oder unglückliche Menschen würden. Klar, vielleicht ist das Blut noch nicht ganz fertig. In der Pubertät gibt es noch starke Veränderungen. Die kindliche Naivität und Fröhlichkeit verschwindet plötzlich und es kommen Hemmungen zum Vorschein und Sorgen über irgendwelche Dinge.
Aber ich halte daran fest, dass das Glück eine Sache des Dressing sei. Es gibt französisches, italienisches und jenes mit Knoblauch. ;--) Und vielleicht ist es ja auch etwas vermessen, gleich das grosse Glück zu wollen. Vielleicht müssen wir uns damit begnügen, zufrieden zu sein. Wie die Mrs Dalloway auf dem Bett liegend zu ihrer Tochter sagt: Glück ist eine Sache von Momenten. Und in diesem Glücks- Moment durchdringt es die ganze Zukunft. Aber wirklich dauert es nur einen kurzen Moment. Die Mächtigkeit hat das Glück, indem es in diesem Moment die ganze Vergangenheit und Zukunft überstrahlt. Es ist wie ein Infrarot-Strahler, der im Moment angestellt ist. Aber sobald du den Schalter drehst, ist alles wieder ganz normal und - von Weitem besehen - grau in grau.
Ich habe einen Philosophen gefunden, der sich mit der Lebensphilosophie auskennt und sich dort spezialisiert hat. Ich habe auch schon mit ihm gemailt. Er lebt in Berlin und hat viel Michel Foucault studiert. Sein Buch ist zwar nicht sehr lebendig und erlebnismässig, sondern eher eine Systematik. Aber ich habe sie sehr gerne gelesen. Zumindest habe ich bei ihm erkannt, wie sehr zum Glück das Unglück gehört.
Vor 5 Jahren habe ich nicht gewusst, dass Unglück, die negativen Seiten, das
Leiden im Leben so wichtig sein kann. Wenn man es sich unvoreingenommen anschaut, kann man sagen, das Leben sei eine Wellenbewegung. Mal fühlt man sich oben im Glück, mal unten im Pech. Und die grosse Frage ist, wie Du über diese Wellenfahrt erzählst. Erzählst Du von den Höhen und Spitzen, oder kostest Du die Tiefen und Pechsträhnen aus? Aber die Wellenberge sind nur möglich, weil es dazuwischen auch Wellentäler gegeben hat. Wenn es eine steife Linie gewesen wäre, könntest Du weder über Glück noch über Unglück reden. Du wüsstest nicht, was das ist. Aber die Wellen sind es. Sie sind wie Sonnen- und Regentage. Jeden Tag Sonne, das ist schon fast grauenhaft, auf jeden Fall ist es nicht einmal ein Gesprächsthema. Perser können nicht über Sonnenwetter reden. Höchstens im Winter, wenn sie etwas Schnee haben.
Unglück ist also, wenn man es so anschaut, reculer pour mieux sauter, der Anlauf für das Glück. Und je tiefer du durch musstest, desto höher wird später das Glücksgefühl sein.
Wer das so zu betrachten vermag, und darin liegt vielleicht das Paradox, der wechselt förmlich seine Perspektive und meint schliesslich, das eigentlich Glück im Leben sei das Pech. Das Pech erlaubt mir erst, Glück zu erleben, an vergangenem Glück zu freuen, oder mich auf das neue Glück vorzubereiten.
Habe ich Dir nicht kürzlich erzählt, dass man das Glück sogar empirisch erfragt hat bei zwei Extremgruppen: bei durch irgend einen Unfall Körpergelähmten und bei Lottogewinnern? Und das Resultat: beide sind nach einem halben Jahr ungefähr gleich glücklich oder unglücklich. Lottogewinner mit ihrem Geld haben nach der Gewöhnung mehr die Sorgen, die sie spüren. Und Gelähmte können im Rollstuhl genauso glücklich sein wie wir alle.

Liebe Marlena, Du siehst, Du hast mich an einem Thema erwischt, welches mich brennend interessiert. Und wenn ich ein Schriftsteller wäre, ich würde darüber einen Roman schreiben, nämlich den Menschen zu zeigen, dass Glück eine ganz persönliche Konstruktion ist. Jeder ist für sein Glück selbst verantwortlich. Glück gehört dem Tüchtigen, sagt man auch, und meint dasselbe. Aber wir modernen Menschen, die wir vom teuren Sozialstaat verwöhnt sind, erwarten das Glück oft von aussen, als ein Geschenk. Und dagegen müsste man beten, dass uns die Vorsehung vor dem Pech schützen möge, einen Hauptgewinn im Lotto zu machen.
Lotto ist ja für viele Menschen die Glücksagentur. Wenn sie Glück erwarten, dann von dort. Und dabei würde ein Mensch, wie er Anfang des letzten Jahrhunderts gelebt hatte, bei einem Durchschnittseinkommen von heute wie ein König leben.

Lustig, gerade gestern habe ich ein kleines Büchlein aus meinen Büchern geholt: De vita beata von einem gewissen Seneca, von dem Du bestimmt auch schon gehört hast. Er war der Hausphilosoph und Erzieher Neros, hatte also jede Menge Gelegenheiten, unglücklich zu sein, und hat sich auch selbst schliesslich umgebracht, urrömisch und urmännlich im Bade, wenn ich richtig informiert bin. Bestimmt würde er heute sagen, wenn er mitreden könnte, dass er sich glücklich wähne, dass sein damaliger Suizid so gut geglückt sei.
"Über das glückliche Leben". Es ist zwar ein wenig umständlich geschrieben, und - verständlicherweise - nicht in jeder Beziehung so, wie wir heute denken. Aber es sind ein paar interessante Überlegungen und Gesichtspunkte in. Und natürlich mag ich es, wenn ich neben dem deutschen Zitat noch das lateinische habe. Manchmal klingen die Lateiner ja so kurz und so gut und prägnant, wie man es heute mit unseren Sprachen nicht mehr sagen kann.

Kurz und gut: Marlena, soll ich alles in allem sagen, Glück sei die erste und die wichtigste Lebenslüge? So vielleicht würde es Nietzsche formulieren, mit seiner Neigung zur Entlarvung. Aber eine solche Aussage verleitet schon wieder zum Unglücklichsein. Wir brauchen eine Definition, die selbst mithilft, glücklich zu sein. Deshalb finde ich den Begriff des Dressings, den ich oben gefunden hatte, gar nicht schlecht. Er klingt pragmatisch und ein bisschen kulinarisch. Das versteht jeder Mensch.

Das also war die Familiensparpackung über das Glück, seine Rezepte und
dessen vier Seiten. Ich hoffe ...

Sonntag, 7. November 2010

Novembergeist

Ämne : Novembergeist
Datum : Wed, 7 Nov 2001 08:57:46 +0100

Liebe Marlena
Ich habe ihn überlebt!!! Meinen Geburtstag, meine ich. Ich bin froh, dass die Leute nicht allzu viel Aufhebens gemacht haben. Das mag ich nämlich gar nicht besonders. Nun ja, ich habe einige nette Telefonate gehabt. Und abends sind wir - dh unsere Familie - zusammen in der Nähe essen gegangen. Es war klein und bescheiden, wie es sich in meiner Altersklasse gehört.
Deine Glückwünsche haben mich sehr gefreut. Und - um es klar und deutlich zu sagen - sie waren die ersten, die ich am Morgen empfangen hatte. Alle anderen Küsse und Wünsche und Glücksbeteuerungen kamen viel später an. Die roten schwedischen Rosen waren wirklich knallrot, und haben etwas lasziv hin- und hergewackelt. Ich danke Dir, Marlena, und ich bewundere, wie Du daran denken konntest. Ich vergesse leider solche Geburtstage allzu gerne.
Als S mir vor einer Woche sagte, ich solle den Dienstag abend reservieren, wir hätten da etwas vor, da habe ich bei weitem nicht an meinen Geburtstag gedacht.
Und schliesslich habe ich am späteren Morgen im Städtchen noch einen ehemaligen Mitarbeiter angetroffen. Er ist schon über 60 und arbeitet zu 80% oder vielleicht 60%. Auf jeden Fall hat er Zeit, mitten an einem Werktag mit einer grossen Tasche durch die Strassen zu schlendern und seine Kommissionen zu tätigen. Auf seine Einladung sind wir in einem kleinen Café verschwunden (etwas, was ich sonst hier absolut nie tue, weil ich vermeiden muss, dass die Leute reden und behaupten, die Beamten arbeiteten nichts und sässen bloss tageweise in den Restaurants herum), und er hat mir geklagt, wie sehr er unglücklich sei mit seiner heutigen Arbeit und wie gerne er zu uns zurückkommen würde. Nun ja, was soll man dazu sagen? Doch man hat in seinem Gesicht schon von weitem gesehen, dass er nicht glücklich ist. Er schien leidend. Mein erster Gedanke galt seinem Rücken. Ich glaube, bei physischen Schmerzen altert man schnell. Und er hat mir um die 10 Kameraden und Altersgenossen aufgezählt, die an Parkinson, an Prostatakrebs, an schweren Depressionen und leichter Impotenz oder an anderen fürchterlichen Krankheiten leiden. Kurz und gut, ich verliess das Café mit einem übermütigen kleinen Sprung über die Schwelle im himmlischen Gefühl, absolut jung und frisch, spritzig und gesund zu sein. Man fühlt sich selten so gut wie im Altersheim. Und das ist die Moral der trüben Geschichte.
Na ja, nebenbei habe ich einen alten weisshaarigen Kameraden gleich aus diesem Café treten sehen, der vor einem oder zwei Monaten pensioniert worden ist. Und ich hatte den penetranten Eindruck, dass er gelangweilt schon zeitig an trüben Novembermorgen in den Restaurants herumhänge, vielleicht gar zum Alkoholismus neige. Er schien mir sehr gelangweilt und mit leerem Blick, als ob er der Arbeit wie einer rassigen und langhaarigen südlichen Geliebten nachweine.
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Und draussen vor dem Fenster hat der November Einzug gehalten. Die Stühle und Tische unten im Cafè sind zusammengestellt. Die Blätter der Bäume bedecken den Boden. Es nieselt und ist kühl. Nicht kalt, aber kühl. Und der Wind bringt eine gewisse Unruhe in die ganze Szenierie. Die Leute eilen vorbei und schauen kaum um. Die schönen, warmen, und wie man sie genannt hat "goldenen" Oktobertage sind endgültig vorbei. Man kann im Städtchen wieder heisse Marroni kaufen. Kennt ihr sowas in Schweden? Es sind diese, auf offener Kohle gegrillten Edelkastanien, die bei diesem Wetter heiss so gut schmecken. Sie sind in den letzten Jahren wieder in Mode gekommen, während es in meiner Jugend ein Arme-Leute-Geschäft war, sowas zu verkaufen.
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Ich danke Dir für Deine Wünsche. Sie wackeln immer noch knallrot vor meinen Augen. Und ich bin sicher, sie werden mich im kommenden Winter wie ein Antidepressivum begleiten und zu grossen Taten wie die oben erwähnten Schwellensprünge antreiben.
Mit einem Novembergruss
...

Samstag, 6. November 2010

Prost!

Gustav Adolf Gebäck

Ämne: Prost!
Datum: den 6 november 2002 19:35

Lieber ...,
Ich weiss nicht ob du meine musikalische Huldigung erhalten hast. Ein "Happy birthday", gesungen von Giraffen ist gerade genug originell für einen Mann wie du. Ein bisschen enttäuscht war ich doch darüber dass man es nicht hören konnte. Aber uns fehlt ja nicht die Fantasie ;-)
...
Ach!? In aller Welt hat man dich gefeiert heute? Du bist wirklich ein Glückspilz. Ich bin froh wenn sich die allernächste Verwandschaft an meine grossen Geburtstage erinnert. Aber wenn ich ehrlich sein soll so muss ich sagen dass auch ich mich nur um die Geburtstage in der Familie kümmere, d.h. von Mann, Kind und ..  Ein bisschen schäme ich mich natürlich dass ich nicht so bin wie meine verstorbene Cousine, die sich immer an alle Verwandten erinnerte und auch mir ständig die unmöglichsten Dinge schickte. Ach, wie sehr ich sie vermisse!

Ich hab wieder auf die webcam geschaut und auch festgestellt dass Petrus wahrhaftig an dich gedacht hat. Und endlich hatte man die roten Fahnen entfernt, die so lange das schöne Gässchen verdeckt haben. Bei uns dagegen flaggt man heute überall - wegen dir und wegen Gustav II Adolf. Die richtigen Patrioten essen sogar an diesem Tag ein spezielles Gebäck zu seinem Andenken.

Sag wie ist es denn mit den Uhrzeiten bei euch? Die Uhr auf der webcam hatte man nicht eine Stunde zurückgestellt wie wir es neulich hier getan haben. Bei euch war es noch hellichter Tag während es hier schon ganz dunkel war.

Gern würde ich jetzt mit einem guten Wein mit dir anstossen aber ich kann nicht eine ganze Flasche öffnen nur wegen einem Gläschen. So werde ich ein Glas Cognac oder noch besser einen Whisky trinken zu deinen Ehren. Prost, chéri!

Schau mal was man heute um 20.00 Uhr im Fernsehen (TV 2) zeigt:

Ein Dokumentarfilm: Marlenes 6 Gesichter
Ein persönlicher Dokumentarfilm von C.C. über eine kanadensische Frau mit einer multiplen Persönlichkeit. Eine emotionelle Reise von Schweden nach Kanada die mit einer Begegnung im Internet beginnt und mit Liebe endet. Wir begegnen Marlenes sechs verschiedenen Persönlichkeiten und deren verschiedene Einstellung zum Leben.

Mein Mittagessen (wir essen middag am Abend) ist nun fertig.
Wünsche dir noch einen schönen angenehmen Abend.

Mit lieben Grüssen
Marlena

Tranceübung in NY

 date 9 November 2005 08:10
subject Re: Und heute?

...
Da erinnere ich mich an eine lustige Übung, die wir damals im Kurs in NY gemacht hatten. Es galt, sich gedanklich eine Person aus dem Leben, die man kennt, vorzunehmen, um sie sich in gewissen Aspekten als Vorbild zu nehmen. Ich hatte die Aufgabe, die übung mit einem jungen Inder durchzuführen. Er war mit seinen grossen Augen und dem ständigen Lächeln im Gesicht einer der jüngsten Kursteilnehmer, und er hatte mir erzählt, dass er in London Wirtschaft studiere, wo auch sein Vater als Wirtschaftsberater tätig sei. Und so versuchte ich, so gut es ging, ihn durch diese Vorstellungen und Erlebnisse hindurch zu führen. Ich war erstaunt, wie lebhaft er reagierte. Seine Augen flackerten, wie das in der Trance oft geschieht. Aber sie flackerten so wild, dass ich den Eindruck bekam, er würde bald abheben und vom Stuhl mir gegenüber davonfliegen. Er war wirklich sehr durchwühlt und ich, wie das in diesen Tranceübungen auch üblich ist, hatte kaum Ahnung, woran er inhaltlich gerade dachte. So liess ich ihn also zum Abschluss der Übung vorsichtig wieder in unserem Raum auf diesem Stuhl landen und zu sich zurückkommen. Als er die Augen öffnete und wieder präsent war, erzählte er mir ganz begeistert, dass er die Gottheit Shiva zu sich eingeladen hatte. Donnerwetter, dachte ich mir, wenn ich gewusst hätte, welche Person er sich hier ausgewählt hat, dann wäre von meiner Seite wohl etwas mehr Respekt angebracht gewesen. Kurz und gut, ich war bloss erstaunt, dass ein Inder, auf die Aufforderung, sich eine Person vorzustellen, sich gleich eine Gottheit vornimmt. Offenbar leben sie dort mit ihren Göttern selbstverständlicher von du zu du als es hier in Europa die Christen tun.
Überigens hatte er ein andermal auch etwas Interessantes gesagt, was mir aufgefallen ist. Er meinte, dass er in diesem Kurs viel lerne. Aber er habe nicht den Eindruck, dass es neu sei. Vielmehr meinte er, er hätte dies alles schon gewusst, und der Kurs sei bloss dazu da, dies alles bei ihm wieder zu wecken. Fand ich sehr bemerkenswert, dass man Lernen so verstehen kann. Und ich glaube, dass man leichter lernt, wenn man so denkt. Es erinnert ja ein bisschen an Platons Theorie der ewigen Ideen. Auf jeden Fall hatte ich mir überlegt, dass wir Europäer für das Lernen hohe Mauern aufbauen, indem wir immer wieder betonen, wie neu das Neue sei, das wir lernen. Es gibt ja - andererseits - nichts neues unter der Sonne. Und wer in dieser Welt lebt und mit ihr verbunden ist, der ist mit allem schon irgendwie verwandt. Es ist sozusagen eine Betonung der allgemeinen Verwandtschaftlichkeit in dieser Welt. Und sie reicht bis hinauf zu den Göttern, und bestimmt auch hinunter zu den Tieren, wie wir dies von den Indern auch wissen.

Freitag, 5. November 2010

Allerheiligen

 Cimetière du Père Lachaise

date  5 November 2006 21:04
subject Nochmals..


Lieber ...,
Gestern haben wir Allerheiligen gefeiert. Schweden ist kein sehr
religiöses Land und die meisten, wenn sie überhaupt etwas sind, sind
Protestanten. Aber es ist komisch wie sehr sie auch die Gebräuche der
katholischen Kirche feiern.
An diesem Tag besuchen die Leute die Gräber ihrer Verstorbenen und
zünden dort Lichter an. Es ist eine schöne Sitte und feierlich, wenn
überall im Dunkeln diese Kerzen brennen.
Ich habe meine Verwandten weit weg von hier, sowohl Lebende wie Tote,
aber manchmal gehe ich auch hier auf den Friedhof. Drei meiner
nächsten Kollegen, mit denen ich auch gut befreundet war, liegen dort
neben einander begraben.

Was ich dir eigentlich erzählen wollte ist, dass man an diesem Tag
einen ganz wunderbaren Dokumentarfilm über den Père-Lachaise Friedhof
in Paris gezeigt hat.. Man zeigte die schönen Grabsteine und machte
kleine Interviews mit Leuten, die die Gräber besuchten. Sie erzählten
welches Verhältnis sie zu dem Toten hatten. Eine junge Japanerin und
Pianistin erzählte wie viel Chopin in ihrem Leben bedeutete und sie
stand eine gute Weile an seinem Grab in Gebet versunken. Ein
Südkoreaner war nach Paris gekommen, um das Grab von Marcel Proust zu
besuchen. Er meinte Proust hätte ihn 10 Jahre lang seelisch ernährt
und nun wollte er sich bedanken indem er ihm ein Stück Kuchen auf den
Grabstein legte. :-) Er schien ein ganz normaler freundlicher junger
Mann zu sein (falls du dich wunderst) :-)
Bei den Leuten aus unserer Zeit, wie z.B. Yves Montand und Simone
Signoret, zeigte man eine kleine Filmsequenz. Bei einer jung
verstorbenen heute unbekannten Sängerin, liess man ihre Stimme hören.
Sie war einmalig. Ich habe dabei an Barbara gedacht, die du mir mal
empfohlen hast. Ihre Stimme klang wie hauchdünnes Glas, das jeden
Moment zerspringen könnte.
Ich hätte gern diesen Friedhof besucht, als ich dort war. Aber leider,
die Zeit war zu kurz.
...