Mittwoch, 3. März 2010

Ganz verrückt :-D

Subject: Ganz verrückt :-D
Date: Tue, 09 May 2000 22:13:31 +0000


Doch, mein lieber Mausfreund,

ich glaube es wäre der richtige Augenblick für dich nach Prag zu reisen. Denn siehst du, eine Stadt durch Maladi gesehen ist etwas ganz anderes als sie nur als Tourist zu betrachten. Man ist ganz offen für alle Eindrücke und all das schöne dringt tief in dein Bewusstsein.. on ne voit bien qu'avec le coeur ... das gilt sogar einer Stadt.

Was ich dir noch von Prag sagen wollte und was mich nicht aus dem Staunen liess waren gerade die Häuserfassaden. Ich konnte mich nicht satt sehen daran. Normal schaut man sich die berühmten Gebäude ein bisschen extra an, aber hier konntest du jederzeit den Blick heben und mit Genuss ein gewöhnliches Wohnhaus betrachten. Und dann waren da auch die Strassen, ich meine das Pflaster auf den Strassen. Diese Kopfsteinpflaster, manchmal mit so kleinen Steinen dass es mehr war wie ein Mosaik, und die durch die Jahrhunderte so geschliffen waren dass man meinte auf Edelsteinen zu wandern. M hat mich darauf aufmerksam gemacht dass dies im Winter ein Problem sein muss, denn es war schon so glatt genug. Und dann kamen wir auf die Idee dass wir gerne im Winter den Vaclavplats runterrodeln würden.. stell dir das vor ;-) zwei Oberstudienräte in respektablem Alter auf einem "tefat" (weiss nicht auf Deutsch) diesen schönen Platz runterflitzen zu sehen..

Ich habe an deine Worte gedacht dass ich versuchen sollte A.von ihren Architektplänen abzubringen. Aber, Schatz, wenn du diese Pläne verhindern willst dann kannst du sie doch nicht nach Prag fahren lassen. Eine mehr stimulierende Umgebung für einen Architekten kann ich mir kaum vorstellen.

*
Gelacht habe ich heute über den Satz: ".. die Leute hier würden sich wundern wie der liebe Gott mit seinem Abfall umgeht", aber deinen Brief an den lieben Herrgott habe ich ernst genommen obwohl er auch mit etwas Humor geschrieben war. Ich habe ihn am Abend in meinem Hotelbett gelesen und er hat mich zu Tränen gerührt. Wenn ich ehrlich sein soll waren es mehr als ein paar Tränen ..

Natürlich habe ich auch, in einem langen Gespräch mit Gott, versucht einige Dinge aus deinem Brief zurechtzulegen. Aber es war bestimmt nicht notwendig, denn er weiss schon alles, nur fehlt ihm eben manchmal die Zeit in meine Richtung zu schaun. Darum finde ich es eigentlich sehr gut, deine Idee mit dem Mail. So kann er sich damit befassen wenn ihm mal ein bisschen Zeit übrig bleibt und ich brauche nicht ein schlechtes Gewissen zu haben weil ich ihn von wichtigeren Dingen ablenke.

Spass beiseite, Liebling, es war eine wunderschöne Art mir einige wichtige Dinge zu sagen die du mir nicht so schonungsvoll direkt hättest sagen können. Ich bin dir dankbar dafür.

*
Kennst du den Witz von der alten Frau die man fragte "Was denken sie denn davon?" und die antwortete: "Wie soll ich wissen können was ich denke bevor ich gehört habe was ich sage?" Manchmal geht es mir fast so. Ich bin sehr spontan. Was ich sage kommt direkt vom Herzen und ich denke nicht immer nach was es für Konsekvenzen haben kann. Wenn ich sage dass ich ein Mail schreiben werde dann ist es weil ich wirklich die Absicht habe eins zu schreiben. Wenn mich dann irgendetwas daran hindert bin ich genauso traurig wie du.Ich kalkuliere selten, was ich möglicherweise manchmal tun sollte. Vielleicht bin ich nur zu faul dazu. Es ist schön sich selbst zu sein und nicht eine Rolle spielen zu müssen.

*
Ich muss dir noch von dem Abend erzählen, als ich glaubte A. zu sehen. Wir hatten irgendwo im Zentrum gegessen und es war schon ziemlich spät als M plötzlich sagte: Gehen wir einmal sehen ob das Mädchen aus der Schweiz antreffbar ist. Ich hielt den Atem an denn ich hatte mich schon lange danach gesehnt das tun zu können. Wir kannten schon die Adresse, die Nummer 9 mit dem Portal der zu einem kleinen Innenhof führte. Als wir schon ganz in der Nähe waren begegnete uns eine Gruppe von jungen Leuten die, wie ich meinte, sich auf Schweizerdeutsch unterhielten. Ich suchte nach A's Zügen unter ihnen.. aber sie war nicht dabei. Neben dem Eingang stand noch eine Gruppe von Mädchen. Sie sahen so aus wie eben Mädchen oft aussehen in dem Alter wenn sie sich etwas extra zurecht gemacht haben. Und dann entdeckte ich SIE. Ein einsames Mädchen, das auf der Strasse ganz vor dem Portal stand. Sie war nicht dieselbe Sorte."Das könnte sie sein", sagte ich zu M und er kam mir im Augenblick vor wie ein Agent mit geheimem Auftrag.

Das Mädchen stand ganz allein dort aber sah keineswegs verlassen aus. Irgendwie schien sie mir, in ihrer dezenten Kleidung, eine Klasse eleganter als die anderen. Auch wirkte sie natürlich unbeschwert. Ich dachte mein Gott, wenn dieses liebe Wesen dort ..'s Tochter ist ... Aber warum steht sie dort allein? Auf wen wartet sie? Ich war immer noch nicht sicher dass es A. war aber ich wünschte es mir sehr.

So gingen wir rüber auf ihre Seite. Ich sprach sie auf Englisch an und fragte ob hier
...

Nun sehe ich dich vor mir. Du lachst dass du fast vom Stuhl fällst ... Ich lache auch, denn jetzt finde ich die Situation ganz verrückt. Ich habe mir zu Hause noch einmal das Bild von A.angeschaut.. und natürlich kann sie es nicht gewesen sein. Wieso sollte sie auch sagen dass sie nicht den Namen ihrer Pension kennt.. Aber die Einbildung kann sehr stark sein und vielleicht projizierte ich für einen Augenblick alle meine schönen Gefühle für dich auf dieses "dein Kind".- Was hätte ich selbst getan wenn sie "ja" gesagt hätte? Natürlich hätte ich sie gefragt ob sie A. kennt u.s.w.

*
Was ganz anderes.
Ich glaube wie du, dass es besser gewesen wäre die Rede von D. zu hören als zu lesen. Die Artikulierung war sicher dabei nicht unwichtig und ein (wie bei mir) langsames durchlesen lässt sie nicht richtig zur Geltung kommen.
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Verzeih mir, wenn ich manchmal Worte aus dem "real-life" verwende, die ich laut §5 nicht gebrauchen sollte. Wir haben doch unser schönes Wort "Maladi" was eigentlich viel besser sagt worum es geht ;-) Auch das Wort "sehnsuchen" finde ich so wunderschön. Man müsste es in die Deutsche Sprache einführen und alle Liebenden würden es gebrauchen. :-)
*
Ach, bitte mein lieber Mausfreund, modelliere dich nicht. Das schöne mit unserem Mailen ist doch dass wir ganz offen und unverstellt sein können. Dein Horoskop ist schön und wie gern würde ich herausfinden wollen ob es stimmt ;-) "Herausfinden" ist wohl nicht das richtige Wort, denn eigentlich weiss ich schon, dass es so ist.
*
Es ist schon wieder spät geworden und ich muss schliessen für heute. Lass uns morgen wieder unseren Espresso zusammen trinken, ja :-)

Ich umarme dich
Marlena

Dienstag, 2. März 2010

Du mein Feuerwerk !

Subject: Du mein Feuerwerk !
Date: Tue, 09 May 2000 13:28:35 GMT


Liebe Marlena

Ach meine Liebste, du überschüttest mich mit Mails, dass ich da stehe wie ein Geburtstagskind voller Glanz in den Augen. Ist das jetzt die Folge davon, dass ich dem lieben Gott mein Leid geklagt habe? Nun ja, vielleicht hat er mich wirklich erhört und ein bisschen Mitleid gehabt mit dem armen Kerl. Hat er dir etwas zugeflüstert? Doch meine Liebe, es war nicht bloss Humor, es war auch etwas Not darin. Na ja, das gehört zum Humor. Es ist wirklich wunderbar, soviel von dir zu hören. Du bist so lebendig wie nie zuvor, jetzt im Moment wirklich lebendig. Und das ist fast wie in den Flitterwochen ;---)) (Was bedeuten zwei Münder )) ? ). Hoffentlich positiv mit ein bisschen Augenzwinkern!

Aber höre, meine Liebe, ich möchte nicht dass du dich zusehr stressen lässt. Ich möchte nicht, dass du bis in den Morgen hinein Mails schreibst. Und ich will absolut nicht, dass du mit Medikamenten nachhelfen musst. Das wäre das allerletzte. Und meine Liebe, Tabletten und Alkohol zu kombinieren, das ist doch wohl Gift. Da hast du dein Mail ja praktisch mit Blut geschrieben. Ach, meine Liebe, soweit darfst du nicht gehen.

*
Mit Vergnügen habe ich also von eurem Valborgismässoafton gehört. Das kennen wir nicht hier in Mitteleuropa. Ist das die Walburgisnacht, die auch im Faust eine Rolle spielt, wo die Hexen tätig sind? Es ist schön zu hören, welch gute Erinnerungen du an diesen schönen Brauch hast. Und ich stelle mir die Männerchöre mit den weissen Mützen vor, und die Feuer. Und dann der Majmiddag, das muss unser DIES ACADEMICUS sein, der Tag, an dem die Universität feiert und die Ehrendoktoren ernennt und im Münster einen Gottesdienst zelebriert, all die Professoren im klassischen Ornat. Wir haben in unserem Club zwei Professoren, und beide sind sie jeweils dabei. Es ist wirklich lustig, sie anzusehen. Doch ich habe sie bloss auf Fotos gesehen. Ich habe wenig Beziehung zur Universität Basel, weil ich ja nun in Zürich studiert habe.
*
Es ist gut, dass du mir die Situation vor deiner Abfahrt geschildert hast. Ich habe dir schon alles vergeben. Nun, eigentlich gibt es nichts zu vergeben. Das muss ja ein echt hartes Gedränge gewesen sein, die Packerei, die Feierlichkeiten, deine Familie. Es tut mir sehr leid für dich. Aber du verstehst mich vielleicht auch ein bisschen. Weißt du, ich kann ziemlich gut vergessen und vergeben. Mindestens habe ich diesen Eindruck von mir. Wenn ich dann wieder was von dir höre, ist alles vergessen und vorbei und ich bin nicht mehr böse oder enttäuscht. Aber tief unten akkumulieren sich die kleinen Quantchen an Unzufriedenheit. Mindestens diese Erfahrung habe ich bei mir in den letzten - sagen wir 30 - Jahren gemacht. Deshalb muss ich etwas Sorge tragen, damit unsere Balance hinhält.

Doch Marlena, das sollst du auch wissen. Ich habe mir wirklich vorgenommen, etwas ruhiger zu sein, nicht sosehr zu drängen. Ich habe ja auch gehört jetzt, dass die Skorpione so fordernd sind. Aber ich will mich nicht zurücklehnen und dem Skorpion freie Bahn geben, ich will mich auch etwas modellieren. Und wir sind beide erwachsene Personen und wir sollen uns so nehmen und akzeptieren, wie wir sind. Vielleicht merke ich mit der Zeit, dass du in wenigen Worten mehr schreibst als ich in vielen Sätzen. Und ich lerne dabei gelassen zu sein, was ja ein kleiner Schritt in Richtung Weisheit wäre. Ich versuche wirklich auch, für mich daraus zu lernen.

Wenn du mir am Sonntag von deiner knappen Zeit etwas geesagt hättest, so wäre ich zu dir gekommen und hätte dir mit den Kleidern im Schlachtfeld geholfen. Ich wäre vielleicht mit einer Rot-Kreuz-Binde am Arm herumgehüpft und hätte dich ein bisschen moralisch unterstützt und Infusionen verabreicht. Wenn nicht in der Tat so doch in der Moral. Und S hätte sich echt gewundert, denn ihr helfe ich kaum mit Kleidern und Packerei. Aber sie ist ja auch nicht berufstätig. So, siehst du, sind die Männer. Nun ja, ich will mich nicht zuviel verraten, sonst sinkt mein Stern bei dir am Himmel. Und das wäre doch schade.

Ach, ich hätte so gerne am Sonntag mit dir einen Abschiedschat gehabt. Nun, das hatten wir eigentlich, nur war es so plötzlich vorbei. Das hat mich sehr frustriert. Und dich sicherlich auch.

*
Ich habe eine Überraschung für dich, Marlena, aber ich sag sie dir erst, wenn wir uns mal im Chat treffen. OK ? Du musst dich leider gedulden. Aber es wird schon kommen, meine Liebe. Und mittlerweile lache ich wie ein Maienkäfer.

*
Für die Art, wie du in Prag angekommen bist nach 30 Stunden Busfahrt und unausgeschlafen. Man kann sagen "ich war gerädert", oder "ich war wie gerädert". Das bezieht sich zwar auf eine mittelalterliche Art der Marter, als man die Schuldigen (oder Unschuldigen) auf ein grosses Rad gebunden und ihnen dabei die Glieder gebrochen hat. Das passt an sich gut, weil beide Male das Rad die Causa gewesen ist.

Nun, meine liebe Reisebegleiterin, wenn ich M gewesen wäre, dann wärst du bestimmt nicht so gerädert gewesen, dann hätte ich dich auf Federn gebettet. Dann hättest du in den 30 Stunden sicherlich an meiner Schulter etwas geschlafen, oder wir hätten uns sonst ein bisschen zusammen gekuschelt und in die Nacht hinaus geschaut. Und wir wären erstaunt gewesen, wie kurz die Fahrt gedauert haben würde. Und wir hätten uns am Dienstag Morgen gewünscht, gleich weiter zu fahren nach Wien oder so, ohne Ende, einfach, um mal zu schauen, ob die Welt wirklich rund sei, wie es immer behauptet wird. Das waren echte Strapazen, die du hast durchstehen müssen. Hauptsache, es hat sich ausbezahlt, das alles auf sich zu nehmen. Wie bist du überhaupt zu deiner Gunst gekommen. Hat man dich gefragt oder hast du dich gemeldet? Es war ja nicht eigentlich deine eigene Klasse, nicht wahr? Und ich hatte den Eindruck, dass du auch gar nicht viel darüber informiert warst vorher? Ich hatte in Erinnerung, als ob ihr da und dorthin reisen würdet. Und ich hatte auch geglaubt, du hättest mir gesagt, sie seien jünger, deine Reisebegleiter.

A. war beeindruckt, wie sauber es in Prag war, und wie unfreundlich die Einheimischen. Ich glaube, das habe ich schon gesagt. Aber ich kenne diese Unfreundlichkeit von den Leuten aus Zermatt, was ja auch ein grosser Touristenort ist. Wenn man das ganze Jahr bezahlende Gäste um sich hat, wird man ein bisschen verwöhnt. Entweder gehen sie einem auf den Wecker, weil man nicht direkt etwas an ihnen verdient. Oder man verdient an ihnen, aber dann fahren sie ja ohnehin dann wieder weg. Es ist besser, momentan zu verdienen als längerfristig mit ihnen was aufzubauen.

Im Café Kafka wäre ich natürlich gerne gesessen und wir hätten an einem Mélange geschlürft. Doch wir hätten lieber über andere Dinge gesprochen als über Kafka. Er ist ja sowas von absurd und hoffnungslos. Da wünschte ich mir optimistischere Themen. Wir hätten zum Beispiel über den Neid der Schweden sprechen können. Das hat mich amusiert, wie du das erzählt hast. Mein erster Gedanke dabei war nämlich, eine Schweizerin aus der Schweiz hätte genau dasselbe von den Schweizerkollegen gesagt. Die Menschen sind sich überall ziemlich ähnlich. Und ihr dürft euch dort oben nicht in Sicherheit wiegen, ihr wärt die besseren Neider. Das seid ihr bestimmt nicht. Da gibt es andernorts auch gute Weltmeister. Neid, davon bin ich überzeugt, er ist ziemlich gut verteilt auf dieser Welt. Darauf beruht schliesslich unser Wirtschaftssystem, ist sozusagen der Motor der Welt. Und du willst doch nicht etwa Malrena, du willst doch nicht den Motor des Weltkraftfahrzeuges einfach abstellen und die Karre so im Dreck stehen lassen?? Das willst du doch nicht im Ernst!

Da kommt mir gerade wieder unser Dürrenmatt in den Sinn. Ich weiss, die Rede ist nicht so leicht zu verstehen und auch ein bisschen lang. Ich habe bloss gedacht, vielleicht kannst du mal einen Teil im Unterricht verwenden oder vielleicht auch bloss für dich, in einer ruhigen Stunde, die ja nun, wie ich weiss, selten sind. Immerhin redet Dürrenmatt über die Schweiz und die Schweizer, allerdings mit sehr kritischem Unterton. Auf jeden Fall fand ich es lustig, dass er auch gerade mit unserer Metapher, dem Gefängnis, operiert. Und ich bin diesmal seinen Gedankengängen sehr aufmerksam gefolgt, als ob er mich nachgeahmt hätte, der gute alte Dürrenmatt, und ich wollte schauen, wie gut er das tut. Ich hatte den Eindruck, er fantasiert ganz ähnlich wie ich, oder ich wie er, ist vielleicht bescheidener gesagt. Und er kommt auch zu so komischen Schlüssen und Formulierungen. Was würdest du sagen, Marlena, er erreicht beinahe mein Niveau, der gute Friedrich, oder etwa nicht? Auf jeden Fall weiss ich noch, als ich zum ersten mal von dieser Rede gehört hatte. Ich war begeistert, sie war für mich wie eine Bombe. Heute, nachdem ich sie kopiert, und damit ziemlich detailliert und langsam nochmals gelesen habe, fand ich sie nicht mehr in jeder Hinsicht überzeugend. Aber immer noch lustig und ironisch, wie Dürrenmatt eben war. Er war schon ein grosser metaphysischer Denker. Und dazu hat er auch noch ein bisschen gemalt. Und viel Wein getrunken. Irgendwie stehe ich ihm nahe.

*
So möchte ich dir nochmals sagen, meine Liebste. Ich mag jedes deiner Mails. Ich bin wirklich sehr gierig nach ihnen. Ich höre gerne von dir. Es sind für mich viele Anregungen drin und auch Neuigkeiten, die ich noch nicht gehört hatte, und natürlich sind sie voller Maladi, das ist wie der Krokant, das gewisse Etwas. Es ist ja schliesslich alles, was ich von dir habe, diese maladischen Mails.Sie sind sozusagen mein Futter über die Woche hinweg. Aber du sollst dich auch nicht stressen und übernehmen damit, ich bitte dich Marlena. Wenn du keine Zeit hast, dann schick einen kleinen Gruss, wie du es ja bisher netterweise gemacht hast. Und wenn du nicht sicher bist, versprich sie nicht. Es ist leichter für mich. Meine Vermutung ist richtig, nicht wahr, dass du sie mir versprichst, weil du sie machen möchtest und mich glücklich sehen wolltest, aber dann am nächsten Tag oder so reicht die Zeit doch nicht? So müsste es doch etwa laufen? Ich glaube, bei einem oder zwei längeren Mails pro Woche bin ich schon sehr glücklich. Ich etwarte niemals, dass du so viel schreibst wie ich. Es wäre ja auch verrückt, und für soviel Unsinn hättest du gar nicht die Kapazität.

Ich danke dir, mein Liebes, und ich danke dir vor allem für diese Mausfreundschaft, die du nur mit Kopfwehtabletten zu durchstehen scheinst. Sei ein bisschen nachsichtig mit mir, aber ohne Tabletten, bitte.

Mit unzähligen Ks und Gs und mit M
...

Keine Null..

Subject: Keine Null diesmal :-)
Date: Tue, 09 May 2000 08:47:50 CEST


Lieber Mausfreund,

Ich muss dich schnell noch ein wenig aufklären. Gestern hatte ich schreckliche Kopfschmerzen und auch im übrigen Körper.. war wie der Anfang einer Grippe. Ausserdem ein wenig Real-life-problems die mich traurig machten.
Also habe ich Alvedon genommen gegen die körperlichen Schmerzen und ein Glas von K's Whisky gegen die Unlust. Das spätere tue ich sonst nie. Schlimmer war es nicht.
Viele um mich herum haben Halsschmerzen und sollten eigentlich im Bett liegen (auch Anna). Ich dachte vielleicht haben sie mich schon angesteckt..

Eigentlich schreibe ich dir dieses Mail nur damit du nicht den lieben Gott blamierst.. ;-) Wie habe ich wieder herzlich gelacht über deinen Humor.

Bis später
Love
Marlena

PS Werde dir noch ein wenig von Prag erzählen später heute.

Noch eine Tasse..

Subject: Noch eine Tasse, vielleicht
Date: Tue, 09 May 2000 05:54:32 +0000

Liebster Mausfreund,

Mit deinem lieben Brief in meinen Gedanken, beginne ich den neuen Tag. Es geht mir schon wieder besser..
wie könnte es auch anders sein. Weisst du, ich glaube Maladi schütz gegen alle möglichen bösen Dinge.

Jetzt möchte ich noch schnell eine Tasse Kaffee mit dir trinken bevor ich das Haus verlasse.

Wieder ist es so unendlich schön hier draussen im Garten. Das Paradis kann doch nicht schöner sein :-)

In Eile und Maladi

Marlena

PS

Die Tschechen sind wirklich sprachbegabt ;-)))
Schau mal hier, was sie mir von A. heute schreiben:

Subject: http://web.telecom.cz/
Date: Tue, 9 May 2000 08:19:30 +0200


Dear Marlena, I know, that you are leave on reception picture-card for here lady's. The young lady here however I won't let no news to you. Is me power sorrow.
...

Karlsbrücke, Prag


A la très belle..

Subject: A la très belle, à la très bonne, à la très chère
Date: Tue, 09 May 2000 05:17:13 GMT


Liebe Marlena
Es war wundervoll, dein Mail, eine wirkliche Familiensparpackung, wundervoll. Und dazu noch ein kleiner Apéro, so dass man vor soviel Appetit ganz wahnsinnig wird. Ich danke dir herzlich und ich weiss, dass du dir die Zeit von deinem Schlaf hast stehlen müssen. Nicht bloss umarmen würde ich dich jetzt!

Ich bin erstaunt, dass du die ganze Zeit in Prag gewesen bist. Ich habe gedacht, ihr reist kreuz und quer durch Europa, und für Prag würde es dann einen oder zwei Tage reichen. Und sogar unter diesen Umständen hatte ich gehofft, du würdest A. sehen. Ach, weißt du, sie hat das kaum wahrgenommen. Sie war so beschäftigt mit Prag und ihrer Klasse, sie hat mir bloss nebenbei erzählt, dass sie keinen Anruf bekommen habe. Ich muss dir auch sagen, dass sie mein Mail aus der Schweiz auch nicht bekommen hat. In der Tat haben sie das Hotel morgens um etwa 10h verlassen und sind dann erst abends spät wirder zurückgekommen. Weißt du, meine Liebe, ich habe vielleicht deine kurze Notiz etwas missverstanden. Ich habe herausgehört, dass du dir überlegst, ob du sie überhaupt aufsuchen sollst oder nicht. Du hast gesagt, ein bisschen fehle dir der Mut oder ähnlich. Und darum wurde ich ganz ungeduldig und wollte dich unbedingt dazu bewegen, es doch zu tun. Wenn ich gewusst hätte, dass du es schon so oft versucht hast, dann wäre meine Reaktion eine andere gewesen. Ich konnte dich im Moment überhaupt nicht verstehen. Ich habe mich gefragt: ist sie so scheu? Geniert sie sich vor meiner Tochter? Möchte sie das kleine Geschenklein nicht annehmen? Geniert sie sich vor ihren Kollegen? Es sind mir hundert Gedanken durch den Kopf. Und ich konnte die Welt nicht mehr verstehen.

Ach, ich glaube nicht, dass es eine gute Idee wäre für mich, jetzt nach Prag zu reisen. Ich würde dich überall vermissen. Das wäre eine verlorene Situation, die ich mir lieber nicht zumute. Nein, das könnte ich wirklich nicht. Deine Schüler mit dem Jahrgang 81 waren überigens genau gleich alt wie diejenigen von ... Die unseren waren vielleicht etwas mehr geführt. Sie hatten am Vormittag eine Führung und konnten jeweils den Nachmittag allein verbringen. Die einzige Bedingung war, dass sie mindestens zu Dritt zusammenbleiben. Das finde ich, war ein gutes Arrangement. A. war natürlich immer mit ihrer Freundin zusammen. Sie verstehen sich gut und fühlen sich in der Klasse als etwas Besonderes. Die übrigen Schüler hätten nur schulische Interessen, seien Streber, während sie - nun ja - sozusagen ein bisschen mehr vom Leben verstünden, so redet sie.

Für A. war das verpasste Treffen überhaupt kein Problem, da mach dir keine Sorgen. Es war es nur für mich, und ich habe mir auch etwas Vorwürfe gemacht, warum ich denn daraus eine solch grosse Geschichte mache. Aber es wäre für mich ein kleines Künststücklein gewesen, wenn es zustande gekommen wäre, habe ich immer gedacht. Und wir hätten beide im Leben immer an diesen Moment zurückdenken können, und meine Tochter als Go-between, ohne genau zu wissen, was sie da tut. Das wäre doch eine enorm romantische Konstruktion gewesen Ach, es hat eben nicht sollen sein! (Redensweise, nicht perfektes Deutsch). Nun ja, wir können trotzdem daran zurückdenken, aber der Moment hat eine etwas andere Koloratur. Irgendwie hasse ich es, wenn etwas nicht gelingt. Und hier hatte ich den Eindruck, es müsste doch gelingen, es sei doch nicht eine so schwierige Sache. Und so habe ich an dir gezweifelt, dass es dir überhaupt ernst sei, und dass du vielleicht wirklich jeden Kontakt mit dem real-life meiden wolltest und was das überhaupt alles soll! Es tut mir leid, Marlena, aber es hängt natürlich damit zusammen, dass ich dich als Person nicht so rundum kenne.

Du kannst dir schon ausmalen, wie das zustande kommt. Wenn ich mit einer Person spreche, so überprüfe ich im Verhalten, wie ich das Gesprochene zu interpretieren habe. Einige Menschen übertreiben viel, andere untertreiben, die einen flunkern, die andern meinen alles sehr ernst und 100% wahrheitsgemäss, und wieder andere sind wechselhaft, reden mal so und mal so. Bei dir hatte ich festgestellt, dass du manchmal etwas versprichst, was du nicht halten kannst oder nicht willst oder wie auch immer. Verstehst du, es ist einfach schwer zu interpretieren. Ich weiss, es können die Umstände sein, es kann die momentane Stimmung sein, es kann so vieles bedeuten. Aus einem Brief ist es einfach nicht zu interpretieren. Und das macht mich dann ziemlich verrückt, und ich versuche, die leeren Stellen mit meiner Fantasie auszufüllen. Ich nehme es dir auch nicht übel, wenn ich weiss, dass es so ist und warum es so ist. Aber anfangs war ich manchmal sehr enttäuscht, wenn du ein Mail versprochen hast und dann ist keines bei mir angekommen. Verstehst du, ich habe mir auch versucht zu erklären, dass etwas dazuwischen gekommen ist, dass du keine Zeit mehr hattest, dass du zum Schluss vielleicht zu müde warst und so weiter und so fort. Ich kenne das Leben doch auch. Und trotzdem ist man enttäuscht und fängt an, an der Person zu zweifeln. Jetzt bin ich vielleicht schon etwas vorsichtiger geworden. Wenn du mir sagst, du würdest morgen ein Mail schreiben, dann denke ich, nun ja, wir werden sehen.

Verstehst du mich richtig? Es ist nicht oft vorgekommen, dass ein versprochenes Mail nicht gekommen ist. Ich will es nicht übertreiben. Aber ich bin sehr empfindlich, weil ich wirklich mit Sehnsucht darauf warte. Du weißt, wie das ist, wenn man das Inbox öffnet und oben steht: "Mail 0". Man könnte den Laptop zum Fenster raus werfen und die Leute hier würden staunen, wie der liebe Gott heutzutage mit seinem Abfall umgeht.

Ach, Marlena, ich will ja nicht, dass wir mehr Probleme als Freuden haben in unserer Mausfreundschaft. Aber ich möchte, dass sich nicht zuviele Probleme und Zweifel akkumulieren. Das ist das einzige, was ich will, damit unsere Mailfreundschaft eine gesunde Basis hat.

Eigentlich nur zusammen mit der physischen Präsenz kann ich das Gesagte einigermassen interpretieren. Das ist der Grund, warum ich so schnell auf die Idee gekommen bin, dich treffen zu wollen. Ich habe mir gedacht, wenn ich weiss, wie sie ist, welches Temperament sie hat, wie sie mit ihren Gefühlen umgeht, wie genau sie meint, was sie sagt und all das, so habe ich mir gedacht, würde ich deine Briefe wohl besser verstehen. Manchmal gibst du für mich mehr Fragen auf als Antworten. Und ich kann mir daraus einfach keinen Reim machen. Auch in diesem schönen langen Mail machst du anfangs Andeutungen, dass es dir nicht gut ginge, dass es dir sogar miserabel gehe, dass du Tabletten "und anderes" brauchst. Aber meine liebe Marlena, wie kannst du mir so etwas schreiben!!! Das macht mich doch wahnsinnig. Entweder musst du genau schreiben, was es ist und woher es kommt. Oder du musst darüber schweigen. So wie du es machst, ist es unmöglich. Es macht mich verrückt. Ich mache mir Sorgen. Ich frage mich, ob ich das Problem verursache? Was es ist? Ob es langandauernd oder kurz ist? Ob ich etwas dagegen tun kann? Verstehst du, der Kopf fängt an zu arbeiten und arbeiten und er kommt zu keinem Schluss, einfach weil die Informationen fehlen.

Siehst du, meine liebe Mausfreundin, das ist eben mein Problem. Es ist es immer ein bisschen gewesen. Aber ich wollte auch nicht immer davon reden. Das wäre auch sehr anstrengend, in den Mails stets an dieser Frage herumzudiskutieren. Deshalb kommen meine Zweifel vielleicht periodisch. Und darum wohl habe ich beim lieben Gott Hilfe gesucht!

Zurück nach Prag. A. sagt, was sie erstaunt hat, war, wie sauber die Stadt und wie unfreundlich die Prager seien. Das hänge wohl mit den vielen Touristen zusammen. Und doch, in Florenz hätte es auch viele Touristen, doch die Florentiner seien freundlicher. Und sie war überrascht von den vielen Stilarten der Häuser. Das hatte sie wohl besonders bemerkt, weil sie momentan eine Arbeit über Architektur schreibt.
*
Liebste Marlena, ich muss jetzt mit dem Auto weg, es ist gleich 0715h. Aber mein Brief ist noch nicht zu Ende. Eigentlich müsste ich ihn bis abends beiseite legen. Aber ich möchte doch auch, dass du heute morgen was kleines zum Kaffee hast. So sende ich dieses Bruchstück.

Ich danke Dir für dein liebes Mail. Es war wirklich ein guter Schluck Feuchtigkeit. Und es hat mir enorm wohl getan. Und ich habe absichtlich während der Lektüre nochmals Barbara laufen lassen, obwohl sie mir schon bald mal ein bisschen nachläuft.

Ich wünsche Dir einen wunderschönen Tag unter all diesen blühenden Bäumen, wie du sie beschrieben hast.

Ich bin für dich da.

...

Café FRANZ KAFKA


(5)
Es gab jeden Tag einen speziellen Ausflug mit dem Bus an dem man teilnehmen konnte falls man Lust hatte. Ich musste lachen als du schriebst A. könnte die Erlaubnis erhalten sich von der Gruppe zu entfernen. So war es einmal bei uns vor vielen Jahren. Jetzt hatten wir es so arrangiert dass wir den Schülern jeden Tag mitteilten was wir beiden Erwachsenen vorhatten und so konnten sie selbst bestimmen ob sie Lust hätten mitzukommen oder ob sie lieber etwas anderes machen wollten. Sie sind alle 1981 geboren und also schon volljährig. Oft sind sie erst früh am Morgen aus den Discos zurückgekehrt und M und ich waren froh wenn sie sich nach und nach zum Frühstück einfanden. Manchmal war es etwas lustig zu sehen wie die Leute schauten wenn wir mit so drei Mädchen irgendwo assen oder z.B.eine Bootfahrt unter der Karlsbrücke machten. Der "Kapitän" betrachtete sie als unsere Kinder und liess sie für den halben Preis fahren :-) andere schauten dauernd von der einen zur anderen und dann auf uns beide junge Eltern und fragten sich wohl ob nun M wirklich der Vater sein könnte..

Ich habe diesen Kollegen vorher nicht persönlich gekannt und es war sehr interessant ihn kennezulernen. Er lebt übrigens mit einer Frau aus .. zusammen. Eigentlich arbeitet er an der Universität und hat nur ein paar Stunden an unserer Schule. Sein grosses Hobby sind Boote und er schreibt auch Bücher in Navigation. Wir haben eine angenehme Woche zusammen verbracht und vor allem die Stadt aus "restaurantperspektive" genossen. In Prag kann man noch sehr billig leben was auch unsere Schüler bald entdeckten. Sie kauften sich Brot, Wurst und Schinken für fast gar kein Geld und konnten auf diese Weise ihr Geld für andere Dinge sparen.

An einem Abend gingen wir zu einem schönen Konzert in einer der vielen Kirchen. Man spielte Musik von Bach, Mozart, Vivaldi und Händel. Prag ist ja bekannt für seine guten Musiker M und ich besuchten auch einige Kunstgallerien. Eigentlich ist eine Woche viel zu kurz. Man hat den Eindruck dass man sich ein wenig orientiert.

An einem einzigen Nachmittag war ich allein in der Stadt und erst für später am Abend in einem Restaurant verabredet. Da wollte ich dir ein längeres Mail schreiben aber als ich zu dem Internetcafé kam sagte man sie hätten Problem mit den PCs und sie würden in ca zwei Tagen wieder in Ordnung sein. So musste ich ein anderes finden. Ich versuchte Leute zu fragen. Junge, modern aussehende Leute. Aber sie hatten keine Ahnung wo es das geben könnte. Schliesslich habe ich doch eines gefunden konnte aber nur kurz schreiben wie du schon weißt.

Das Café Kafka habe ich auch besucht. Es hätte dir gefallen. Fast niemand wusste von dem Kafkaplatz aber sie vermuteten es könnte ...u.s.w.

Du solltest wirklich mal eine Reise nach Prag machen, mein lieber Mausfreund. Ich bin sicher dass es dir sehr gefallen würde.

Auch ich hoffe noch einmal dorthin fahren zu können.

War das jetzt alles? Nein, noch nicht... aber es reicht sicher für dieses Mal.

Ich habe mir in deinen Briefen viel vorgestrichen was ich dir gern beantworten will. Hab Geduld mit mir. Es kommt mit der Zeit. Diese letzten drei Schulwochen sind so überfüllt von Arbeit dass ich nicht sehr viel Zeit für lange Mails haben werde. .Aber die kurzen kann ich dir jederzeit senden. Immer gibt es irgendwo eine kleine Pause in der ich dir endlich wieder sagen kann was du schon zur genüge weißt, nämlich dass ich dich überall sehnsuche. Ich weiss es ist schlimm aber ich glaube dass ich dich liebe. Und auch ich bitte zu Gott, dass es nie aufhören möchte aber auch dass er uns beiden diese Maladi erträglich macht. Ich will dich für immer in meinem Leben behalten.

Kennst du dieses schöne Gedicht von Baudelaire:

"Que diras-tu ce soir, pauvre âme solitaire,
Que diras-tu, mon coeur, coeur autrefois flétri,
A la très belle, à la très bonne, à la très chère,
Dont le regard divin t'a soudain refleuri? ..."

Damit sage ich dir gute Nacht mein lieber Mausfreund

i.M.
Marlena