Subject: weekend
Date: Fri, 9 May 08:11
Feuerwehr oder Schwemme
Liebe Marlena
Drei Mails, womit habe ich das verdient? Ist das der Frühling oder gibt es noch andere Gründe? Und dazu hast Du noch ein langes und zähes Mail gar nicht geschickt, sondern zum Teufel gejagt? Das ist nicht leicht zu verstehen. Manchmal bist Du geradezu wortkarg, dh. wohl überbeschäftigt mit anderen Dingen. Und nun dieses!
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Aber es freut mich natürlich, dass Du Dir soviel Zeit nehmen kannst. Und ich muss zusehen, dass meine Reaktionen entsprechend sind. Sonst bist Du enttäuscht, weil Du denkst, ich würde das alles gar nicht so genau lesen. Du siehst, Marlena, ich bin in Stimmung wie in einer Schulprüfung. Das ist mich gar keine schlimme Situation. Ich kann nicht behaupten, dass ich Prüfungen liebte, dass ich sie mir gerne selbst verschrieben hätte. Aber wenn es sie gab, dann hab ich diese leichte Anspannung geliebt, diese Situation: jetzt wollen wir mal sehen, was daraus wird.
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Den langen Lebenslauf von Alva Myrdal habe ich kurz überflogen. Er ist wirklich sehr lang und sie scheint eine ausserordentliche Frau gewesen zu sein. Ein aussergewöhnliches Paar muss man wohl sagen. Sartre und Beauvoir sind mir in den Sinn gekommen. Was an ihrem Leben auffallend ist, dass sie viele Stationen hat. Und immer wieder hat sie für einige Zeit studieren können. Das muss sehr bereichernd sein. Das Studium in Genf hängt bestimmt mit Piaget zusammen. Er war in seiner Zeit der grösste Psychologe, durchaus vergleichbar mit Sigmund Freud (der ja nun, wie wir wissen, eigentlich kein Psychologe war). Und im Alter ihr Einsatz für den Frieden, für den sie offenbar auch den Preis bekommen hat. Das war ein erfülltes Leben. Und ich bin beeindruckt, dass Du Dir eine solche Frau als Beispiel vorgenommen hast. Es ist schön und gut, einen solchen Stern zu haben.
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Und dann kommt das Buch des Sohnes heraus .... Missgeburt finde ich ein hartes Wort. Ich sage immer, die Kinder sind die Achillessehne der Familie, respektive der Eltern vielleicht sogar. Es gibt doch Lebensarrangements, die viel verstecken können, die hinter einer wunderbaren Fassade offenbar blendend vorankommen. Die Kinder zeigen aber, wenn etwas fehlt, wenn Verzerrungen vorhanden sind. Man kann nicht sagen, dass die Kinder die Wahrheit darstellen, denn die Wahrheit ist vielleicht das Ganze. Aber sie zeigen eine Korrektur, eine Reaktion, oder wie man das immer nennen will. Dass das Gesamtarrangement jedem Mitglied der Familie die ihm eigenen Möglichkeiten lässt, das ist eben das Wichtige. Gut möglich, dass die Reaktion des Sohnes mit der Enttäuschung des Vaters einhergeht. Deshalb finde ich wichtig, dass auch die Eltern von ihren Kindern lernen. Das gesamte System muss eine Balance haben, dann können einzelne Mitglieder durchaus ein bisschen ins Extreme abgleiten. Aber vielleicht spreche ich da von einer Zeit, als die Familie noch unser Lebensmittelpunkt war. Heute ist das nicht mehr für alle Menschen der Fall, denke ich. Oder man nimmt die Freundschaften von diesen modernen Singles sozusagen als eine imaginäre Familie. Das ist nicht undenkbar. Und auch der Gedanke, dass Singles nicht asozial, sondern besonders sozial seien, ist nicht ohne. Ihre sozialen Beziehungen sind alle bewusst gewählt und nicht einfach standesmässig per Geburt entstanden. Das ist natürlich an sich modern. Bestimmt ist es ziemlich schwer, sehr erfolgreiche Eltern zu haben. Kinder wollen doch ihre Eltern erreichen, wenn nicht überholen. >Was mich betrifft, so bin ich mit meinen Kindern durchaus zufrieden. Gut, ich hätte mit ihnen gerne Latein gelernt und alte Autoren nochmals übersetzt. Aber dieser Wunsch war doch wohl etwas egoistisch. Damit hätte ich mir gerne alte Erinnerungen zurückgeholt. Aber dennoch: gestern Abend habe ich 4 Lernhefte von Duden rezensiert über Grammatik und Syntax mit all den Bezeichnungen sind mir noch ziemlich präsent. Ich glaube Strukturen qua Texte, dass man damit viel von Sprache im allgemeinen mitbekommt. Manchmal denke ich, ich hätte Linguistik lernen sollen. Das hätte mir auch gut gefallen.Und in anderen Aspekten weiss ich, dass meine Töchter viel mehr können als ich es konnte. Sie kennen sich im Leben viel besser auch, als ich es je getan hatte. Und sie arbeiten schon mit ihren 16 bis 20 Jahren, wie ich es wohl kaum je gemacht hatte. Natürlich hat S viel geleistet. Sie ist ein Mensch, der mehr vom Können als vom Wissen ausgeht. Sie hat die Devise: alles ist möglich. Und alles, was man will, soll man ausprobieren und sich nicht mit zuviel Wissen oder eben Unwissen verunsichern lassen.
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Meine Morgenmails kommen wahrscheinlich aus der linken Hirnhälfte, und jene am Abend kämen von rechts. So lautet die offizielle Theorie, oder nicht? Ich glaube nicht so sehr daran, obwohl ich manchmal auch von diesen Vorstellungen rede. Aber vielleicht sind sie eine Möglichkeit, sich mit diesem hochabstrakten Gebilde, wie das Gehirn eines ist, zu beschäftigen. Es sind so gewissermassen Trends, davon zu reden. Wer ein Buch über Lerntechniken redet, der muss diese Ideen berücksichtigen. Vielleicht ist das auch nur eine Reaktion, um die Nachteile der Linkshänder zu korrigieren, so wie man vor Jahren die Devise aufgebracht hatte: Black is beautiful, oder small is great oder so ähnlich. Man will einen Wechsel der Optik herbeiführen, einen Paradigmawechsel, wie man heute sagen würde. Aber die Ideen wirken natürlich auch, wenn man nicht daran glaubt .... Ich habe mich selbst immer für einen Ambitexter gehalten, also schliesslich einen, der beide Hirnhälften in Bewegung bringen kann. Aber das habe ich allermeist an meine Vorliebe für Malen und Zeichnen und Bilder im allgemeinen geknüpft. Auf jeden Fall war ich nicht einseitig wie viele junge Menschen heute, die entweder mathematisch-technische Fächer lieben oder dann sprachliche. Ich war erstaunt, als ich kürzlich mein Maturazeugnis wieder angeschaut hatte, dass ich doch in sprachlichen Fächern leicht besser war. Von meinem Selbstverständnis her, und wahrscheinlich auch vom Einfluss meines Vaters, hatte ich mich damals für einen homo technicus genommen. Ich liebte Latein, Englisch, Sprachen, Kunstgeschichte, aber das waren nur kleine Hobbies. In meiner Vorstellung waren Mathematik, Geometrie, Physik die eigentlichen Aufgaben des Lebens. Aber was wir in Biologie beispielsweise lernten, war lächerlich. Und Chemie habe ich nie begriffen. Wirklich nicht begriffen.
Ja, bohemisch ist ein gutes Wort. Obwohl wir das im Deutschen kaum hören. Gibt es das Wort überhaupt? Aber es sagt genau das Richtige. Das ist ein hübsches Wort für die Unordnung, die oft damit zusammenhängt. Ich schlafe im Fernsehraum unter dem Dach. Das ist nicht das Wohnzimmer. Wäre doch wohl etwas krass, wenn ich im Wohnzimmer schlafen würde. Das wäre zu absolutistisch, vor allem in unserem offenen Haus, wo alles durch das Wohnzimmer geht.
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Ich kämpfe um stabile Gewohnheiten. Und ich fange an, sie zu beachten, bis mir wieder neue Ideen kommen. Sicher habe ich einige Konstanten in meinem Leben. Aber ich lebe eben auch sehr aus dem Bauch. Ich liebe es, in die Stadt zu gehen ohne irgendwelche genauen Pläne, einfach so. Dann lande ich in den Buchladen, beim Zeitungslesen in Café, vielleicht in einem Museum, im Basler Münster, am Rhein. Es ist nicht besonders extravagant. Aber es ist nicht geplant. Wenn ich lese, habe ich gerne zwei oder drei Bücher vor mir, damit ich auswählen kann, wonach ich gerade Lust habe. Ich bin nicht launisch. (Unter launisch verstehen wir Menschen, die gelegentlich mit schlechter Laune herumgehen, die unerträglich sind, die in solchen Momenten ohne speziellen Grund widrig anzuschauen und nicht auszuhalten sind). Aber ich brauche Abwechslung. Die reine Repetition, sogar der Gedanken daran, macht mich krank. Strenge Gewohnheiten halte ich für etwas Tierisches. Es gibt doch diese hübschen Bilder v.a. Bonnards, der seine Frau bei der Toilette gemalt hat. Diese monotonen Gewohnheiten, die jeden Tag kommen und soviel Zeit in Anspruch nehmen, ich halte sie wirklich für animalisch, ein reines Ritual mit dem eigenen Körper ohne produktiven Sinn, reine Wiederherstellung. Das macht auch den Reiz der Bonnard-Bilder aus: die Frau bei ihrer eigenen Wiederherstellung
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Und eine 4 Jahre dauernde Korrespondenz? Ist es 4 Jahre? Du jagst mir einen Schrecken ein! So lange? Nein, das glaube ich nicht. Wir haben gut drei Jahre, mehr nicht. Vier Jahre, das wäre ja bereits ein Gewohnheit! Das wäre ja schrecklich. Das wäre ja die Hölle des Alltages! Na ja, aber eben, die Abwechslung besteht darin, dass ich eine Zeitlang immer abends geschrieben hatte. Kannst Du Dich erinnern? Bestimmt waren die Mails, linkshirnisch viel romantischer. Jetzt haben wir die bläuliche Morgensonne, die das Leben eher entlarvt und nicht bloss verzaubert. Und dann wechseln wir ab mit Themen und Sujets. Im Moment haben wir die Lebensphilosophie und das Wetter, zwei Top-Themen, wenn man so will.
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Habe ich Dir erzählt, dass die Silser mir für den Artikel gedankt haben. Es waren 230 Teilnehmer. 10 haben sie ausgewählt. Mir haben sie bloss gedankt. Das ist hart. Aber mit solchen Situationen muss jeder grosse Schriftsteller leben ;----))). Ich glaube, man sucht eher junge Leute. Junge Leute wissen weniger, sehen aber mehr. Das ist gesucht in der Literatur, wie mir scheint.
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Gratulation für den Schwedischen Sieg gegen die Finnen. Ihr Schweden seid eine grosse Eishockey-Nation, das haben wir immer gewusst. Ich erinnere mich an alte Zeiten, da die Russen und die Tschechen, die Amerikaner und die Kanadier und die Schweden die Sache miteinander ausgemacht haben. Und die Schweden waren immer ein junges Team mit einem frischen Spiel. Man hat ihnen nachgesagt, sie wären erstklassige Trinker. Die Sache auf dem Eis ging mehr oder weniger nebenher. Aber das war bestimmt bloss üble Nachrede. Sie waren uns überaus sympathisch, weil sie unter den Goliaths sozusagen den David spielten
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Ja, das Post-Beruf-Leben ist auch noch ein Thema, das wir behandeln müssen. Aber das nehmen wir uns in den nächsten paar Mails vor. Das hat noch etwas Zeit.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lieben Grüssen
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