Dienstag, 18. April 2023

Religionen im Iran

 

Subject:  Religionen im Iran

Liebe Marlena
Danke dir für das Gewitter-Mail. Das hört sich alles sehr sommerlich an mit Gewitter, Blitzen und Baden im See.
Ja, ich will dir meine Daten geben, damit du genau weißt, wann mit mir wieder zu rechnen ist. Am 13. Juli fliegen wir ab und am 14. August sind wir wieder zurück. Du hast recht, es ist nicht Ende, es ist Mitte August. Dann fangen unsere Schulen mit dem Unterricht wieder an. Und Marlena, Kopf hoch, ich werde dich nicht vergessen. Wir haben doch soviele schöne Erlebnisse im Gedächtnis, mit denen wir die Zeit überbrücken können. Viel weniger würden dafür auch schon genügen. Bestimmt werde ich meine Marlena nicht vergessen. Habe doch noch keinen Altzheimer.

Lass mich dir noch etwas über Persien erzählen, auch wenn du bald nach Norrland, und nicht in den vordren Orient reisen wirst. Seit Jahrtausenden sind im Iran, oder früher Persien, Staat und Religion miteinander gekoppelt. Schon der 1. Sasanidische Herrscher gab im 3. Jahrhundert nach Chr. Shapur im Testament den Rat, die Religion zur Grundlage seiner Herrschft zu machen, und die Herrschft als Hüterin der Religion einzusetzen.
Die Religion Zarathurstras ist ja vor allem auch durch Nietzsches Schrift "Also sprach Zarathurstra" bekannt geworden, wo er den Propheten zu Wort kommen lässt. Das ist in der europäischen Kulturgeschichte natürlich eine revolutionäre Schrift, weil er darin sagt: Gott ist tot.
Im Iran existiert dieser Glaube seit den Achämeniden bis heute. Sie heissen Zoroastrier, vom Griechischen Zoroaster, werden aber auch Parsen genannt. Pars oder Fars ist die Provinz, von der sich die Religion ausgebreitet hat. Der zentrale Gott der Zoroastrier heisst Ahura Mazda, deshalb auch die Bezeichnung Mazdaismus. Avesta ist ihr heiliges Buch. Es ist nur noch in Teilen vorhanden, 3/4 davon sind bei Eroberungen durch die Griechen, die Araber oder die Mongolen verloren gegangen. Das Original enthielt wortgetreu die Aussagen Zarathustras. Ein anderer Teil beschreibt das altirnische Götterpantheon. Shapur II (309-379)liess die Gesetze und rituellen neu bearbeiten.
Im altiranischen Götterpantheon war Mithras oberster Gott Dazu gehören Ahura Mazda und die Göttin Anahita. In der Lehre Zarathustras wurde Ahura Mazda zum alleinigen Gott, allwessendem Schöpfer und Herr der Weisheit. Das Grundprinzip ist der Gegensatz zwischen Gut und Böse, Licht und Finsternis. Der Gegenpol zu Ahura Mazda ist Ahriman. Der Mensch kann zwischen Gut und Schlecht entscheiden. Auf dem Weg des Guten kommt er nach dem Tod ins Paradies, wählt er das Böse, droht ihm die Hölle. Das Ziel ist die Reinheit des Sagens, Handelns und Denkens.
Feuer Erde Wasser und Luft wurden als heilig angeschaut. Das Feuer ist ein Symbol des Guten, des Lichts, der Reinheit. Deshalb nannte man die Zoroastrier auch Sonnenanbeter. In den Tempeln brannte das ewige Licht. Es darf nie erlöschen. Die kultischen Handlungen um das Feuer obliegen den Priestern.
Die Pflicht, die 4 Elemente rein und heilig zu halten, ist auf den Totenkult zurückzuführen. Die Leichen der Toten sind unrein. Sie dürfen nicht mit Erde oder Wasser vermischt noch verbrannt werden. In vorislamischer Zeit wurden Würdenträger in Steinsarkophagen beerdigt. Man brachte sie in eine Gruft an hochgelegenen Stellen im Felsen.
Die Aussenseite wurde mit geschmückten Fassaden verziert. Ab islamischer Zeit setzte man die Leichen auf Türmen ausserhalb der Stadt den Geiern aus. Die sauberen Gebeine wurden dann mit Wachs behandelt und in kleine, in den Felsen eingelassene Höhlungen (Studan) gelegt. Dies Bestattungsart wurde bis in die Gegenwart gepflegt. Erst 1970 verbot der Schah es aus hygienischen Gründen. Seither begraben die Zoroastrier ihre Toten in Betonsärgen.
Mithraskult
Mithras (neupersisch Mehr) meint Vertrag, Respekt. Mithras war der Gott des Lichts und der Sonne, der höchste Got des altiranischen Pantheons. Er galt als Schirmherr der Verträge, der Erde, der Wahrheit. Er ist auch der Schutzgott der Krieger, und er geleitete sie nach ihrem Tod in die Gefild der Seligen (Champs 'Elysées).
Er unterstützte Ahura Mazda im Kampf gegen das Böse. Er besiegt den Urstier, aus dessen Tod neues Leben entstand. Darum war ithras auch für Regen, Wachstum und Fruchtbarkeit zuständig. Mithras soll am 25. Dezember in einer Grotte aus dem Fels geboren sein. Grotten Höhlen und Felsen sind ihm heilig. Nachweisbar ist der Mithraskult seit den Achämeniden. Seit da verbreitete er sich über den vorderen Orient bis Griechenland und Indien. Mit den Römern kam er als Soldatengott nach Mittel- und Westeuropa und wurde 307 n.Chr. zum obersten römischen Reichsgeott erhoben.
Die Heiligtümer des Kults waren meist in Felsgrossen und Katakomben. Nachdem im 4. Jahrhundert das Christentum im Römischen Reich als Staatsreligion eingeführt worden war, errichtete man oft auf unterirdischen alten Heiligtümern die ersten christlichen Kirchen. In Europa hat man Architekturreste der alten Heiligtümer gefunden. Im Iran selbst ist bisher eine einzige Ruine entdeckt worden.
Anahitakult geht auf die Göttin Anahita (Neupersisch Nahid) zurück. Sie ist die einzige weibliche Göttin im altpersischen Pantheon. Sie ist die Herrin des Herdes und des Hofes, die Göttin der Fruchtbarkeit, des Wassers und der Pflanzen.
Der achämenidische König Xerxes I (486-465 v.Chr.) hob die babylonischen Gottheiten auf und übertrug die Verehrung der Liebe und des Krieges auf Anahita. Sie wird als schönes und kräftiges Mädchen beschrieben. Vielleicht werden in ihrer Folge eine Reihe von sasanidischen Denkmälern mit dem persischen Wort dokhtar (Persisch = Mädchen wie deutsch Tochter) bezeichnet.
Der Islam ist die letzte Religion, die nach Persien kam. Islam bedeutet wörtlich Hingabe zu Gott. Die Gläubigen nennen sich Muslime, dh der Mensch, der sich Gott hingibt. Der Begriff Mohamedaner wird als abwertend empfunden. Nicht Mohammed, sondern Gott dh. Allah steht im Zentrum.
Das religiöse Leben ist harmonisch und ausgeglichen und überall präsent. Es verbindet die materielle und die spirituelle Welt. Die materielle Welt ist Teil des göttlichen Konzepts der Schöpfung. Das Leben zu geniessen ist ein Teil des Weges zu Gott. Die Religion wird integriert ins tägliche Leben und in die Freuden der Welt. Es gibt keine Trennung zwischen profan und sakral, zwischen Staat und Religion. Die Vorschriften aus dem heiligen Buch, dem Koran, gelten auch für den Alltag.
Der Islam ist ja durch die Arabische Herrschaft im 7. Jahrhundert nach Persien gekommen. Viele arabische Wörter sind ins Persische eingeflossen und ebenso die arabische Schrift. Im Grunde aber ist Persisch, das Farsi, eine Indogermanische Sprache. Und die Schrift eignet sich gar nicht besonders. Denn die arabische Schrift schreibt keine Konsonanten, und ist geeignet für kurze Wörter.

Ich habe mal von einer Tante von S ein 1. Klass-Schulbuch bekommen und angefangen, lesen zu lernen. Aber ich habe es rasch wieder aufgegeben. A und B können ziemlich viel Farsi. Ich kann ungefähr sagen, worüber diskutiert wird, aber das ist auch schon alles. Persisch ist auch eine blumige Sprache, sie haben viele euphemistische Umschreibungen und Redensarten.
Ich war mal mit einem Unoexperten in Dörfern der Wüste. Der Experte war Deutscher und hatte einen irnanischen Dolmetscher mitgenommen. Er wollte sich über den Zustand des Bewässerungssystem informieren. Und so trafen wir uns mit den Oberhäuptern der jeweiligen Dörfern. So passierte es, dass der Dolmetscher lange mit ihnen sprach, vielleicht 5 Minuten oder so, und schliesslich alles in einem einzigen Satz übersetzte. Und der Deutsche war sehr verärgert, weil er glaubte, der Dolmetscher unterschlage ihm gewisse Aussagen. Ich musste den Streit praktisch schlichten. Aber der Dolmetscher verwarf immer hilflos die Arme und beteuerte, sie hätten eben wirklich nicht mehr gesagt.
Auch mir ging es oft so, dass in Gesprächen die Leute mir Dinge gesagt haben, von denen ich dachte, warum erzählen sie sie mir. Aber mit der Zeit kapierte ich, dass es eben nicht um Information, sondern bloss um Kontakt ging. Man sagt sich Nettigkeiten, man ist sehr höflich, man wiederholt Dinge immer wieder, man hat Redensrituale, die den Kontakt ermöglichen. Das ist so wie die Engländer, die über das Wetter reden. Seit in Europa die Kommunikation so subjektiviert worden ist, dass jeder über seine innersten Gefühle reden, seither reden die Leute im öffentlichen Raum nicht mehr. Sie haben keine Maske mehr, um sich dahinter zu verstecken. Die Geselligkeit ist auf die Maske angewiesen. Das habe ich lange nicht gewusst.
Soweit die Religionen Irans. Es gibt ja dann noch ein paar andere, wie die armenischen Christen, die Juden, auch eine andere, an deren Namen ich mich jetzt nicht erinnere.
Das wichtige an allem finde ich diese Schwarz-Weiss-Philosophie des Guten und des Bösen. Ich glaube, das kommt heute noch im Islam zum Vorschein. Und dazu die Erlaubnis, das Leben geniessen zu dürfen. Wir europäischen Christen sind da ein bischen mehr gebremst.
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Meine Liebste, ich schicke dir jetzt mein Mail. Und dazu die liebsten Grüsse von deinem Mauspartner, der nun bald von Persien nach Norrland sehnsuchen wird.
Mit Liebe
Dein ..



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