Freitag, 10. September 2021

11-12 September 2001

 

Ämne: Ach ...
Datum: den 11 september 2001 17:20

hast du die schrecklichen Nachrichten schon gehört???
Ich habe wirklich Angst, auch wegen deiner Reise...
Gruss
Marlena
Lass von dir hören wenn es möglich ist, bitte!  


Ämne: ach ach
Datum: den 12 september 2001 11:20


Liebe Marlena
Ja, Du hast recht. Ich bin gestern abend frühzeitig vom Büro weg. Ich hatte Auto und Koffer hierhin mitgenommen, so dass ich dann gleich von der Arbeit zum Flughafen fahren könnte. Das habe ich auch so gemacht, mit viel Zeitreserve, damit ich ja nicht in Zeitnot käme. Im Zug habe ich noch einen Amerikaner aus Philadelphia getroffen. Er hat mich gefragt, ob ich gehört hätte, was in Amerika passiert sei. Ich wusste allerdings nicht viel. meine Sekretärin hatte erzählt, dass ein Anschlag auf das World-Trade-Center geschehen sei, aber sie sei während der Information am Radio durch ein Telefon unterbrochen worden. So fuhr ich nichtsahnend hinaus zum Flughafen. Ich war so früh, dass ich meinen De Crecenzo hervor nahm, um mich in der Lektüre zu vertiefen. Bald kamen Crista und Robert, der Zahnarzt. Sie war käsebleich. Sie hatten kein Gepäck, das fiel mir sofort auf. Die ersten Worte waren, dass sie nicht mitkommen würden. Ich dachte, etwas Schreckliches wäre in ihrer Familie geschehen, ein Todesfall oder so. Erst allmählich begriff ich, weshalb sie nicht reisen wollten. Sie hatten sich schon mit den übrigen Teilnehmern abgesprochen. Und einzig mich hatten sie telefonisch nicht mehr erreicht. Alle kamen, alle kamen ohne Koffer. Nur Violette blieb zuhause. Sie war immer eine der änstlichsten gewesen, schon wenn es um Kleiderfragen im Iran ging. So blieb mir nur die Entscheidung, ob ich allein reisen sollte oder nicht. Und ich entschied mich, auch nicht zu reisen.
Wir wollten sehen, wie sich die politische Situation entwickeln würde. Das ganze hörte sich an wie Krieg. Und wenn die Perser, die ja mit den palästinensischen Terroristen offenbar verfilzt sind, daran beteiligt wären, würden wir dort in des Teufels Küche geraten. Ich für mich allein wäre sehr wohl gereist. Aber meine Kameraden sind alle älter, im Pensionsalter und haben natürlich ein grosses Sicherheitsbedürfnis.
Noch vom Flughafen habe ich A in Teheran erreicht und ihr die Situation erklärt. Sie konnte es nicht glauben. S war gerade unterwegs. Sie hat Früchte eingekauft und in die Hotelzimmer gebracht, damit die Gäste einen schönen Empfang hätten. Später habe ich dann S erreicht. Sie hat nicht viel gesagt. Aber ich weiss, was sie gedacht hat. Sie denkt, was soll denn diese Geschichte mit Teheran zu tun haben. In Teheran ist es absolut still und normaler Alltag. Allerdings hatte sie erst in den Abendnachrichten von den Ereignissen gehört.
Ich hatte Schlüssel und Auto im Büro gelassen, konnte also abends nicht mehr heim, denn B war auch unterwegs. So habe ich bei R+C übernachtet. Sie haben sich viel Mühe gegeben und wir haben ein einfaches Nachtessen gehabt mit langen Diskussionen. Natürlich war auch ihr Eisschrank leer. Aber es war gut, Brot, Fleisch und Käse mit einem Schluck roten Weines. Und jetzt bin ich wieder im Büro, habe das Reisebüro informiert und gehe bald heim.
Wie sagte Kästner: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Es ist schade, S hat sich soviel Mühe gegeben und alles perfekt organisiert. Die Freunde sagen, wenn die Situation sicher ist, könnten wir am Sonntag vielleicht abfliegen. Aber man denkt hier, dass vielleicht Afghanistan von diesem Terrorkrieg betroffen sein wird, vielleicht auch Teheran. Man weiss eben nicht viel Genaues. Allerdings wird es sonntags wohl kaum mehr freie Plätze haben im Swissairflug nach Teheran. Es ist wirklich jammerschade für all dieArbeit.

Das ist das Neueste. Ich werde mir jetzt ein paar Sachen zum Essen einkaufen. Die letzten Kartoffeln und Zwiebeln hatte ich montags meinen Nachbarn gegeben.

Whatever will be will be.
Mit einem schönen Gruss

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