Ämne: Lazy saturday morning..
Datum: den 1 september 2001 13:04
Lieber ...,
Es
ist Samstagmorgen. Neben mir auf dem Sofa liegt ein Haufen Bügelwäsche.
Soll sie tun. Zuerst will ich mich ein wenig mit einem Mail an dich
”verlusten” (heisst es so?).
Gestern war ein schöner sonniger
Nachmittag. Freitags komme ich erst spät nach Hause (sogar nach K und A)
und bin meistens ziemlich erschöpft. Anna und K dagegen schienen in
prima Form zu sein und beschlossen noch schnell vor dem Essen einen
Waldlauf zu machen. Und dann kamen sie mit einem schönen grossen
”blomkålssvamp” nach Hause.
Das ist eine Leckerheit die wir
alle sehr schätzen und damit hatten wir auch eine gute Vorspeise zu
unserer wie immer köstlichen Mahlzeit. Ja, in unserer Familie halten wir
fest an den gemeinsamen Mahlzeiten schon deshalb weil wir uns ja nur am
Wochenende sehen. Und weisst du, ich glaube es ist ein Grund dafür dass
Anna eine grosse Allgemeinbildung besitzt. Vielleicht ist es was den
heutigen Kindern fehlt. Der Kontakt mit Leuten die etwas mehr wissen als
sie selbst. Man spricht oft im Radio darüber dass die Eltern allzu
wenig mit ihren Kindern reden. Ein paar arme Minuten am Tag hat man
ausgerechnet und man rät ihnen sogar gemeinsame Mahlzeiten einzuführen.
Ich beneide manchmal die Kultur der Juden. Sie haben noch solche gemeinsame Traditionen wo alle um den Tisch versammelt sind.
Bei
uns essen wir immer im Wohnzimmer bei Kerzenlicht und klassischer
Musik. Und wir unterhalten uns über die Geschehnisse der vergangenen
Woche. Es ist ein schöner Moment.
Dann veschwindet jeder in seine
private Sphäre. Ganz privat wird sie leider nicht. K liebt es seine CDs
zu hören (und hören zu lassen). Er hat wirklich alles was man sich
wünschen kann. Ich höre sie ja auch gern aber nicht immer. ;-)
*
Heute
habe ich ”satsat på hästar” (auf Pferdegesetzt?) Und diese kleine
Zeitspanne zwischen Hoffnung und Enttäuschung träume ich davon eine
Riesensumme zu gewinnen. Dann weiss ich dass ich mal nach Visp fahren
würde um mir diese merkwürdige Stadt anzusehen. Ich glaube ich habe mich
etwas falsch ausgedrückt im letzten Mail. Pierro wird nicht verstimmt
weil ich mit dir maile - im Gegenteil glaube ich dass es meinen ”Status”
bei ihm um einiges erhöht.. *lacht* aber er ärgert sich eben jedesmal
dass er nicht wissen darf wer dieser fantastische Mensch ist der auch
seine Heimat so gut kennt. Nun ja, ihr habt nicht in demselben Milieu
gelebt. Ein blouson noir und ein blouson doré treffen sich kaum. Aber
ihr kennt dieselben Personen (Visp war sicher damals ziemlich klein) und
als ich ihn lesen liess was du von dem Scherenschleifer geschrieben
hattest dann weiss ich dass seine Nostalgie gigantisch war.
*
Du
hast mir erklärt was dich beschäftigt. Ich verstehe dass man sich in
deinem Beruf sehr à jour halten muss um richtig beurteilen zu können was
einem Kind fehlt. Aber weisst du, dass ein Familienleben heute
wesentlich anders sei als früher das ist übertrieben. In unserem
Deutschbuch steht: ”Früher hatten Eltern viele Kinder, heute haben
Kinder viele Eltern”. Das finden die Schüler lustig und gut ausgedrückt.
Und das ist wohl das neue. Natürlich ist es das Ende der Familie von
der du sprichst aber gleichzeitig auch der Beginn einer neuen Familie wo
sich wie ich hoffe die Eltern lieben. Und das ist was Kinder am
wichtigsten finden, dass die Eltern einander lieben. Ich glaube eine
warme, liebe Atmosphäre zwischen den Erwachsenen ist die wichtigste
äussere Bedingung für ein glückliches Kind. Aber ich glaube auch dass
das Erbe eine sehr grosse Rolle spielt, dass wir irgendwie programmiert
sind, dass unsere Gefühle mehr mit unseren Genen zu tun haben als mit
der s.g. Realität.
Eigentlich sollte ich nicht über solche Dinge
schreiben. Ich könnte mich locker mit dir darüber unterhalten aber so
schwarz auf weiss klingt alles so definitiv. Ach ja, ich würde mich für
mein Leben gern mit dir unterhalten. Sag warum tun wir es nicht wieder
einmal im ST? Es war doch ab und zu wirklich schön ...
*
Aujourd’hui
je vais téléphoner à la soeur de mon oncle qui habite à Paris pour lui
demander l’adresse e-mail de sa fille en Amérique. Malheuresement j’ai
perdu le contact avec elle. Nous avons passé des étés merveilleux
ensemble à Paris (quand nous étions jeunes) et je la regarde presque
comme une petite soeur. Il faut que je fasse quelque chose pour ne pas
oublier le français. Un peu d’exercise pour m’aider à m’exprimer plus
facilement.
Devant moi je vois la carte avec les deux élans qui s’embrassent tendrement. Elle me fait penser à toi.
Je t’embrasse aussi et te souhaite une bonne journée,
Marlena


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