Dienstag, 22. Januar 2019

Sempé





Liebe Marlena
Ja, Du hast ein strenges Leben. Und die Hektik des Alltages
wirft Dich förmlich aus der kontemplativen Position der
Studienrätin am Feierabend in die Turbulenzen dieser
wilden Welt. Aber sei getrost, Marlena, wir kennen das
alles auch.

Ich bin froh, dass Du Sempé kennst, und wäre sehr
verwundert gewesen, wenn Du bloss Fragezeichen in
die Luft gekuckt hättest. Ich habe mal ein Büchlein, eine
Ausgabe von Der kleine Nick rezensiert, das er zusammen
mit dem Astérix-Autor Goscinny gestaltet hat. Das ist nicht
so lange her. Und ich hatte der Eindruck, er sei schon etwas
alt geworden, der gute Sempé.
Diese Zeichnungen aus der Schule von damals sind ganz
der alte Stil. Sie sind zwar süss, mit Charme, aber eigentlich
eben doch Wiederholung dessen, was wir längst von ihm
kennen, und ohne die neuen Ideen, mit denen er uns früher
doch immer wieder überrascht hatte. Aber Sempé ist ein
schönes Andenken des 20. Jahrhunderts vor den Pariser
Architektur-Kulissen des 19. Jahrhunderts und einem
immer noch in der Luft schwebenden, hartnäckigen
Geist des 18. Jahrhunderts. Also fast ewig! Und das ist
doch schon etwas.
Ich habe mir immer vorgestellt, dass er die Zeichnungen,
zumindest die Ideenskizzen bei einem Glas Rotwein in
einem der berühmten Pariser Cafés zeichnet. Und dazu
natürlich Gauloises raucht. Da siehst Du, wie sehr ich
von Klischees lebe. Na ja, vielleicht tut er es ja mit einem
Pastis. Und raucht dazu Gitanes meinetwegen. Wenn er
sowas mit 70 noch erträgt.
Allerdings konnte ich mir nie vorstellen, dass er schon
70 wäre. Seine Zeichnungen wirken irgendwie jung. Und
wenn man ab und zu ein Porträtfoto sieht, so würde man
ihm auch noch keine 70 geben. Da sieht man, wie Rotwein
jung hält, und gegen den Herzinfarkt schützt, wie man
immer wieder hört.
Eine der Zeichnungen Sempés, die mir am besten gefällt,
stellt die Situation mitten auf einer Kreuzung eines grossen
Pariser Boulevards dar. Ein Flic, ein französischer Polizist
hält gerade einem Autofahrer eine Standpauke. Weil der
arme Kerl mit seiner Begleitung aber in einem kleinen
2-CV sitzt, und diese Büchschen - wie man weiss - 
besonders weich gefedert sind, neigt sich das winzige
Gefährt vom Polizisten weg auf die andere Seite wie ein
scheues, ängstliches Tier. Das ist alles so gut und
sympathisch gesehen in der Perspektive des
stattlichen Boulevards, dass man dabei an nicht
 anderes als an Paris denken kann. Ich glaube, das
Bild war das Umschlagbild des Bandes "Rien n'est facile ..."
War ja doch auch ein patenter Titel!
*
Momentan beschäftigt mich die Biographie Stendhals. ...




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