Montag, 21. Januar 2019

Gedanken über das Lebensglück



Liebe Marlena

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Tut mir leid um Deinen kleinen Vogel. Ja, sowas erinnert uns
immer an die Vergänglichkeit und an die Tatsache, dass wir nicht
ewig leben. Das ist, wie die Philosophen sagen, der Skandal
unseres Lebens. Was sollen wir tun? DieLebenskunst scheint eine
angemessene Antwort auf diese Anforderung zu sein, das Bemühen
also, aus dem Leben das meiste an Möglichkeiten und Erleben zu
gewinnen. Ach, das versuchen wir ja doch mit allen Mitteln.
Ich habe kürzlich ein paar interessante Gedanken über das
Lebensglück gelesen. Ich weiss nicht mehr, wo es war. Aber es
hat mich doch verblüfft. Man hat Menschen befragt über ihre
Zufriedenheit im Leben. Und zwar hat man  zwei Menschengruppen
verglichen. Die einen hatten durch einen schweren Unfall ein hartes
Schicksal zu tragen. Sie waren querschnittgelähmt und damit behindert,
wie wir sagen würden. Die anderen Menschen waren Glückspilze,
hatten kürzlich einen grossen Gewinn an einer Lotterie gemacht.
Und verblüffend dabei ist, dass die beiden Gruppen sich nach einer
gewissen Zeit (nach dem Unfall, nach dem Lottogewinn) sich in ihrer
Lebenszufriedenheit nicht mehr wesentlich unterscheiden. Mit anderen
Worten: ein Lottogewinn macht nicht glücklich, ein schwerer Unfall
mit Lebensbehinderung macht nicht unglücklich. Der Mensch ist sehr
flexibel, sein Schicksal zu bewerten. Und er kann sich in einer relativ
kurzen Zeit an einen Zustand gewöhnen, und ihn als normal empfinden.
Jede Abweichung davon ist dann erst ein Glücks- oder ein
Unglücksmoment.

Und es gibt doch dieses hübsche Gedicht von Theodor Storm, wenn
ich mich nicht irre, welches als Gebet gestaltet ist, wo er Gott bittet
"ihn mit Freuden und mit Leiden nicht zu überschütten ... sondern in
der Mitten liegt holdes Bescheiden". Hat mir in meiner Jugend immer
imponiert, dieser Wunsch nach einem bescheidenen Durchschnitt.
Später habe ich diese Einstellung als Quintessenz bürgerlicher
Lebensphilosophie genommen. Ich glaube wirklich, dass darin eine
tiefe Lebenserkenntnis der europäischen Kultur liegt. Und ich glaube
nicht, dass S auch so denken würde. Ich glaube, dass die persische
Oberschicht wirklich denkt, oder immer gedacht hat, dass sie das
Recht auf ein Maximum an Glück hätten. Es gelingt zwar nicht,
aber das Recht ist unbestritten. Nun ja, sie führen ihre Verhandlungen
ja auch nicht mit dem lieben Gott, sondern mit Allah. Und sie haben
es nicht mit der Erbsünde zu tun, die uns Europäern alle am Rücken
klebt. Sie haben wirklich keinen Grund, Schuldgefühle mit sich
herumzutragen. Und damit sind sie uns in Sachen Lebensglück doch
einen Schritt voraus. Und dies alles bloss, weil damals diese Eva
einen Apfel angebissen hatte. Ich stelle mir diesen Paradiesapfel
überigens als Granatapfel vor, also diese merkwürdige Frucht,
die es im Iran gibt, mit vielen kleinen Beeren im Innern. Hier bei
uns gibt es davon einen Sirup. Und als Gymnasiasten haben wir
oft ein Bier grénadine bestellt, ein rot leuchtendes Bier, das ziemlich
süss war, und welches den Alkohol praktisch verdoppelte.

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