Ämne: Weiss nicht was...
Datum: den 4 januari
Lieber ...,
Es ist Mittwoch Abend. Ein ganz stiller Abend an dem wir uns alle ausruhen. Anna sitzt unten am PC und macht irgendetwas Privates bei dem ich nicht stören darf. K sieht sich eine Sendung im Fernsehen an und ich habe ein bisschen Zeit vertrödelt hier oben am PC. Nun, vertrödelt ist vielleicht nicht das beste Wort. Es ist eine Art von ausruhen wenn man nur so planlos tut was einem gerade einfällt. Ja, ich habe noch zwei Wochentage frei. Die Gedanken an die Arbeit sind zwar schon wieder in meinem Kopf aber ich versuche sie noch eine Zeit von mir fern zu halten.
Um mich herum sieht es schön aus. Keine Berge von Papieren die mich stressen wenn ich sie liegen sehe (ich habe sie nämlich ganz einfach in ein anderes Zimmer getragen wo ich sie nicht ständig sehen muss ;-). Bald muss ich sie sowieso wieder hervorholen.
Vor mir auf dem PC-Möbel steht ein Becher aus Keramik. Ich habe meine Bleistifte hineingesteckt. Vielleicht ist es das Geschenk über das ich mich am meisten gefreut habe. Er trägt ein paar chinesische Zeichen und fühlt sich so herrlich weich an dass ich es nicht sein lassen kann ihn ab und zu anzufassen. Nun, was ich eigentlich sagen wollte. Wir schenken uns nicht so viel zu Weihnachten, aber wir haben bei uns die Sitte zu jedem Paket einen kleinen Reim zu schreiben mit dessen Hilfe man eventuell erraten kann was drin ist. Auf diesem kleinen Päckchen von Anna stand:
”Serietillverkad kann man tycka,
kanske ändå bringar lycka.”
(=Serieerzeugt kann man denken, bringt aber vielleicht trotzdem Glück). Moment, ich erkläre es dir: Also, jeden Tag nach der Schule koche ich Mittagessen für uns beide. Es ist Fleisch oder Fisch mit verschiedenen Zutaten. Eben ein richtiges Essen. (Ich glaube in Deutschland isst man meistens nur Brot oder etwas aufgewärmtes am Abend). Manchmal wenn ich spät und hungrig nach Hause komme nach einer Konferenz und zu müde oder zu faul bin um zu kochen mache ich nur eine Suppe mit chinesischen Nudeln. Das braucht nur ein paar Minuten. Irgendwo in einem Roman hatte ich einmal gelesen dass man in China den verschiedenen Zutaten besondere Eigenschaften verleiht. Das eine bringt Glück, das andere Erfolg u.s.w. und man wählt die verschiedenen Zutaten mit grosser Sorgfalt aus. Wenn wir also dieses frugale Süppchen zu uns nehmen dann schlürfen wir in Gedanken ein wenig Glück und es wird wie eine kleine geheime Zeremonie daraus an die sich Anna vielleicht später im Leben mit Freude erinnern wird (wie mir ihr Geschenk andeutete :-)
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Es tut mir leid, dass ich dich vor Weihnachten mit meinem Stress belästigt habe. Es war schon eine schlimme Zeit. Am Tag nach den Klassengesprächen ging der Direktor in die Klasse (so erzählte mir eine erschreckte Kuratorin später) und wollte hören wie es abgelaufen sei und die Klasse hat ihn gebeten ”abzuhauen”, vielleicht nicht gerade mit diesem Wort aber in dem Sinn. Sag, könnte sowas in der Schweiz passieren? ... und ich dachte dass er mir ein wenig leid tat, denn eine Schule ist ein miniertes Feld für einen neuen Direktor...
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Es ist spät gewoden und ich schreibe dir morgen weiter.
Gute Nacht, chéri!
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Donnerstag 4/1-01
Ich habe gerade dein kleines Mail gesehen und es macht mich traurig. Traurig weil ich dich froh und glücklich sehen möchte und weil ich mich ganz machtlos fühle. Ich hatte gehofft du würdest sagen: Schreib mir an die andere Adresse, ein Mail würde mich freuen. Aber du sagst etwas ganz anderes. Du hast recht mit dem was du von der Mailerei sagst. Man kann falsch verstehen. Das Wort ”brutal” war ein wenig im Scherz gesagt.
Weisst du .., eigentlich glaube ich dass du Kummer hast von dem du nicht sprechen willst und ich wage nicht zu fragen. Vielleicht tust du es später einmal von selbst. Es gibt Dinge über die man nicht so leicht sprechen kann. Das weiss ich sehr gut, Dinge von denen man hofft dass sie nicht existieren solange man sie nicht bei Namen nennt. Und darum schweige ich auch manchmal obwohl mein grösster Wunsch ist dass ich jemandem meine Sorgen anvertrauen könnte.
Dies ist ein ganz anderes Mail geworden als ich beabsichtigt hatte. Es sollte ursprünglich eine Art Tagebuch sein über die letzten Wochen aber ich bin vor Weihnachten hängengeblieben. Ich werde weiterschreiben wenn ich wieder etwas froher gestimmt bin.
Bis dahin: Kopf hoch, Schatz! Alles Schwere geht vorüber. Und du hast mir doch einmal gesagt: Gott gibt jedem nur so viel Leid wie er ihm zumutet tragen zu können. So war es doch. Ich denke manchmal an diese Worte aber gleichzeitig denke ich auch dass er mich ein wenig überschätzt haben muss.
Bis nächstes mal
alles Liebe und Gute
Marlena
Mittwoch, 4. Januar 2012
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