Dienstag, 31. Januar 2012

Veränderte Welt

Ämne:  Identität ????
Datum: den 14 juni 2001 08:27

Liebe Marlena
Dein Brief klingt so unbeschwert und frei, wie man sie nur in sonnigen Ferientagen niederschreiben kann. Du bist beneidenswert. Und Du packst Deine Koffer und suchst nach passender Sommerlektüre. Ach, Du bist wirklich zu beneiden.
Ich bin noch nicht so weit.
...
Ich suche meine Identität? Und das Zeichen eigener Identität sei, dass man sich nicht von anderen beeinflussen lässt? Ach, das glaube ich beides nicht, meine Liebe. Was soll ich dazu sagen. Du ziehst Deine Schlüsse aus meiner Lektüre: Epikur und "Männer" von Schwanitz? Nun ja, das Schwanitz Buch hätte ich nie gekauft, wenn ich ihn nicht selbst im TV gehört hätte. Den Titel hatte ich nämlich schon oft gesehen. Und im Prinzip mag ich sie nicht, diese Ratgeber Bücher für Frauen oder für Männer. Aber seine Argumentation in diesem Fernsehinterview fand ich doch recht eigenwillig. Eigentlich soziobiologisch. Nun, da ich die ersten Kapitel gelesen habe, muss ich mein Lob etwas herunterschrauben. Es ist ein wenig sehr populärwissenschaftlich geschrieben. Aber das ist wohl sein Rezept für Erfolg. Das andere Buch "Bildung" fand ich anspruchsvoller.
Und mein lieber Herr Epikur. Ich muss präzisieren, dass ich nicht Epikur selbst gelesen habe. Es gibt auch nicht viel zu lesen. Der grosse Teil seiner Ideen ist durch Lukrez in seinem De rerum naturae überliefert. Was ich also studiert habe ist ein Büchlein über den alten Hedonisten. Und ich war eben erstaunt, wieviel Diszipliniertheit er empfohlen hat, während wir doch unter Hedonismus ein mehr oder weniger ausgelassenes Leben verstehen. Das ist die Folge der kristlichen Kirche, die sich Epikur als Feindbild ausgesucht hat.
Und nun Deine prinzipiellste Frage: ob ich meine Identität suche? Ach, die Frage zielt ins Herz, Marlena, oder in den Kopf, oder in beides.
Ich will Dir die Frage etwas prägnant, vielleicht übertrieben beantworten. Dann wird das, was ich sagen will, am deutlichsten.
Also höre: seit etwa 10 oder 15 Jahren erschrecke ich, wie schnell und grundsätzlich die Welt verändert. Es war ein ziemlicher Schock, als ich es erstmals feststellte, obwohl sich ja die Weltveränderung sicherlich nicht plötzlich eingestellt hat, sondern kontinuierlich und gemächlich vor sich geht. Aber es ist vielleicht auch wie bei den Lawinen. Im Untergrund und in den diskreten statischen Verhältnissen gibt es feine und viele Kleine Verlagerungen und Verschieben, die man von Aussen kaum sieht. Und das geht soweit, bis schliesslich - synergetisch - das ganze Feld losbricht und den Hang hinunterdonnert.
Schau Dir die Familie an. Kinderzahl, Arbeitstätigkeit der Frau, Disharmonien, Freizeitverhalten, Wohnverhältnisse: seit dem 19. Jahrhundert kleine demographische Verhältnisse. An sich interessant, aber wichtig? Doch mittlerweile, sagen wir seit dem zweiten Weltkrieg, ist die traditionelle bürgerliche Familie so ziemlich zusammengebrochen. Liquidiert, pulverisiert. Heute müssen wir Regel und Ausnahme neu beschreiben.
So geht es mit vielen Lebensbereichen: Mobilität, Arbeitssituation, Wissensexplosion, Globalisierung, Vernetzung, Digitalisierung. Alle diese Tendenzen sind - für sich allein betrachtet - interessante neue Aspekte in der Welt. Aber revolutionär? Revolutionär und umwerfend sind sie wirklich in der Kombination, in der Menge, wie sie auftauchen. Wie in Goethes Zauberlehrling sehen wir der Entwicklung etwas ratlos zu.

Und was sagt sich der kluge Psychologe namens --  --? Er sagt: in dieser Veränderung und in der veränderten Welt kann man nicht mehr leben wie früher. Der exponentielle Anstieg an neuen Möglichkeiten bringt existentielle neue Probleme. Deshalb beispielslweise hat mich Epikur interessiert. Das Bild der Welt in seiner Zeit des Hellenismus hatte wohl einige Ähnlichkeiten mit unseren turbulenten Zeiten. Die Frage ist, wie muss das Individuum sein in dieser unordentlichen Welt?
Ich suche also nicht meine Identität, sondern ich bin am Umbau. Ich möbliere neu! Ich bin überzeugt, dass es ziemlich viel Arbeit bedeutet, die alten Konzepte im Kopf über Bord zu werfen. Das ist nicht so einfach. Das geht eigentlich nur, indem man anstelle der alten neue Konzepte konstruiert. Die jungen Menschen brauchen das nicht zu tun. Sie sehen die Welt und wissen intiuitiv meist, was hier los ist. Wir gesetzten Semester haben hier zusätzliche Aufgaben.
Neben meiner nostalgischen Trauer um die alte Welt der Moderne bin ich fasziniert und überaus erregt über die allerneuste Welt mit ihren Veränderungen und ihren Ungeheuerlichkeiten. Und ich weiss, dass ich jungen Leuten nicht einfach alte Ideale predigen kann. Damit werden sie im Dschungel der Zukunft nicht überleben. Sie brauchen neue Ideale und neue Konzepte. Und sie, diese fantastischen Erfindungen, versuche ich, zu erkämpfen. Zum Beispiel mit Epikur, zum Beispiel mit Schwanitz. Ich versuche, mir die Stichworte der Zeit zu erhaschen. Ich versuche mit eine Lebensphilosophie für die Zeit nach der Postmoderne zu konstruieren. Das ist einfach deshalb anstrengend und aufreibend, weil in unserem Alter alles durch den Kopf geht.
Teil dieser neuen Welt ist ein neues Subjekt. Wie denn muss ein neues Subjekt sein, um erfolgreich sein zu können? Und was denn könnte Erfolg sein? Kann Identität des Subjektes dasselbe sein wie es in der Stabilität der Industriegesellschaft war? Das glaube ich nicht. Doch wie das neue Subjekt aussehen muss, das erzähle ich Dir morgen. Wie denn denkst Du, dass es sein sollte? Welches sind beispielsweise die menschlichen Eigenschaften, die für die Zukunft besonders wichtig sind? Was denkst Du? Etwa die Fähigkeit, sich selbst treu zu sein, wie es der Begriff der Identität voraussetzt?
Ich wünsche Dir eine gute Zeit
Mit einem lieben Gruss
...

1 Kommentar:

  1. Intressant - nu börjar jag förstå att du arbetar med filosofi.
    Sich selbst treu zu sein - ja.

    Men av alla dessa frågor mellan tider och världar tror jag också att man finner sig själv i en annan, i fältet-mellan (inte när som helst och inte med vem som helst, men ändå med tillräckligt många).

    Människan är en relation; oavsett medeltid eller cybertid - och det finns säkert någon annan (filosof) som formulerat det ungefär så, man minns bara inte
    och särskilt inte jag...

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