Mittwoch, 4. Mai 2011
weiter..
...
Aber diese Sicht ist nicht mehr eine romantische Sicht der Gefühle.
Die Romantik sieht die Gefühle noch als Pathos, als ein Erleiden. Die
neue Sicht ist die, dass man Gefühle suchen und aufsuchen muss, um
damit dieses oder jenes zu erreichen.
Ach, Marlena, das ist eine Diskussion. Ich stelle mir vor, wir sitzen
an einem kleinen Tischlein mit einer weissen Tischdecke, die fast bis
zum Boden reicht, wir trinken einen starken Espresso und wir
diskutieren zusammen. Und wir vergessen alles rundum, das romantsiche
Café, etwas alt, aber mit Stil. Die paar Menschen an den anderen
Tischen. Ach, wie wäre es schön, mit dir zu diskutieren, und zu hören,
wie du denkst, wie du mich auf dieses oder jenes aufmerksam machst,
das ich übersehen oder vergessen habe, wie wir unser Denken und die
Gefühle gegenseitig ins Reine bringen. Es ist wunderschön, Marlena,
für dich Mails zu schreiben. Aber manchmal fehlt mir deine Antwort,
deine Bemerkung, vielleicht auch nur ein kleines Lächeln auf deinen
Lippen, ein Augenzwinkern. Und du darfst nicht denken, dass ich immer
allein reden will. Ich könnte ebenso lange dir zuhören, ohne viel zu
sagen, einfach deinen Gedanken folgen, schauen wie du sie mit deinen
Gesten begleitest und unterstreichst, wie du sie wahr machst mit
deiner Präsenz.
Du hast recht, das Leben ist wunderschön, und das Glück ist von kurzer
Dauer, aber das Glück kommt immer wieder, auch wenn man manchmal nicht
mehr daran glaubt. Vielleicht sind das Glück kleine Inseln im Ozean
des Lebens. Nicht das ganze Leben kann Glück sein, aber einzelne
Phasen oder Momente. Und ich kann das gut verstehen, dass es so sein
muss. Es hängt mit der Sättigung des Menschen zusammen. Wenn er immer
Kaviar isst, dann hat er schliesslich genug Kaviar gehabt. Er wird
dessen überdrüssig. Das Unglück ist das Kontrastmittel, damit wir
überhaupt unser Glück empfinden und erleben können. So wie der Tod.
Stell dir vor, wir würden ewig leben. Ach, das wäre sowas von monoton,
diese Monotonie wäre geradezu tödlich. Weil das Leben begrenzt ist,
müssen wir uns anstrengen, ein schönes Leben daraus zu machen. Wir
müssen daraus ein Kunstwerk machen. Und jeder muss das selbst machen.
Jeder ist sein eigener Künstler..
*
Gestern hatten wir Kaviar, by the way. Ich hätte dir gern ein Brötchen serviert.
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