Montag, 19. Mai 2025

Wartet ab, wir werden sehen...

 Liebe Marlena

Du kennst die chinesische Geschichte…?

Ein Bauer kam aus dem Haus und erzählte, dass ihm seine Stute davongelaufen sei. Die Leute des Dorfes wollten ihm ihr Mitleid zeigen, aber er sagte: wartet ab, wir werden sehen.

Bald darauf kam er wieder und meldete, dass die Stute zurückgekehrt sei, und dass hinter ihr gleich ein Hengst nachgefolgt sei.

Die Leute des Dorfes wollten ihm gratulieren, aber er sagte: wartet ab, wir werden sehen.

In nächster Zeit kam der Bauer wieder ins Dorf und erzählte, dass sein Sohn vom Hengst gefallen sei und sich das Bein gebrochen habe.

Die Leute wollten ihn bemitleiden, doch er meinte: wartet ab, wir werden sehen.

Bald darauf kamen Beamte ins Dorf, um junge Männer für die Armee zu rekrutieren. Der Sohn des Bauern aber lag verletzt darnieder.

Die Leute wollten ihn wieder beglückwünschen, doch er meinte: wartet ab, wir werden sehen. ..

Was ist Glück oder Unglück? Man kann es nur für sich selbst beantworten. Und es ist weit besser, man interpretiert sein Glück anstelle des Unglückes.


RE: 

 
Lieber ... ,

I've learned.... that we should be glad God
doesn't give us everything we ask for.

Es passt gut zu deiner Geschichte. Man weiss nicht ob etwas gut ist... vielleicht einen kleinen Moment aber dann? Und umgekehrt.
Ich glaube ich habe gelernt, das Leben zu nehmen wie es kommt. In unglücklichen Zeiten weiss ich, dass nach Regen Sonne folgt und in glücklichen Zeiten - vergesse ich meistens, dass es anders werden kann. So bin ich, könnte man doch sagen, ein ziemlich glücklicher Mensch.

Sonntag, 18. Mai 2025

RE: Hallåååååå....§§§%%&**'?/

 Lieber ...

(---)

Ich musste lachen über deine Überschrift. Du hast dich wirklich bemüht mir die schönen åååå 's nachzumachen.. und dabei ist es geworden, als hätte sich ein Teufel die Zehe verbrannt.

Sag, wie lange muss ich es noch aushalten, dass du mich wegen deinen Persern versäumst? Warum ist die Vergangenheit immer so viel wichtiger als die Gegenwart? Wird man sich in Zukunft Fotos von dem Irakkrieg genau so ansehen wie du dir heute die "Alexanderschlacht" ansiehst?

(---)

Das mit dem Wort vor dem Gedanken hat man wirklich im Ernst gemeint. "Nun endlich ist es bewiesen, dass..." begann man in unseren wissenschaftlichen Kurznachrichten, die man jeden morgen um 6.45 sendet. Und ich finde es nicht so ganz komisch. "Ich bin müde" denke ich, weil ich weiss dass es diese Wörter gibt und finde dass sie zu meinem Zustand passen. Und ich versuche meinen Zustand in diese Worte hineinzuklemmen. Aber falls es sie nicht gäbe, würde ich vielleicht ganz anders über meine Müdigkeit denken.. sie ganz anders interprätieren und fühlen.

Ach ja, spielt auch keine Rolle... es ist wie es ist. Da gibt es ein so lustiges kleines Gedicht von einem unserer grössten Humoristen (leider vorzeitig gestorben).

Det var som det var
tills det blev som det blev.
Det blir som det blir
när det är som det är.
Det är som det är
tills det blir som det blir.
Faran är att det blir som det var.

Alf Henrikson

Das Gedicht endet mit den Worten:  Das Risiko ist, dass es wird wie es war.


Ich lasse dich, mein lieber Mausgeliebter. Weisst du, dass du das bist? OK, das ist eine rhetorische Frage. Ich kenne die Antwort.
Und ich wünsche dir einen schönen Tag morgen,
Malou






Dienstag, 13. Mai 2025

Die Kunsthalle Basel


... das einfachere Bistro

 Wir haben am Donnerstag Abend in Basel gegessen. Ich glaube, das habe ich Dir schon erzählt. Ich hatte mit B zusammen einen riesigen Barsch, d.h. die Hälfte, vielleicht die untere, oder die linke vielmehr. Er hat wunderbar geschmeckt, besonders die Haut. Ich bin ein grosser Liebhaber von knuspriger Fischhaut. Deshalb esse ich Fische auch meist gebraten, nicht in einem Sud gekocht. Letzteres finde ich etwas fade, obwohl es alle Gesundheitsapostel empfehlen. A und ihr Freund waren dabei. Sie haben ein ausgewachsenes Chataubriand (wie schreibt man so was?) bestellt, und dazu einen spanischen Wein. Und auch S. hat sich dem angeschlossen, aber ohne Wein. Die Kunsthalle, das habe ich schon angedeutet, ist ein echt bürgerliches Restaurant. Da kannst Du die bessere Hälfte Basels treffen, ich meine, nicht die absoluten Trophäen, die mit der Chemie zu Millionären geworden sind, aber die Oberen und die, die meinen, dazu zu gehören. Man kann sich die Kunsthalle vorstellen wie ein recht grosser Saal. In der Mitte ist er geteilt durch eine Wand, die mit einigen Bogen durchbrochen ist. So kann man von der bürgerlichen Seite hinüber sehen in das einfachere Bistro. Dieses ist dunkel und die Wände sind bemalt mit barocken Bildern von nackten Jungfrauen, die wohl den Durst anheizen sollten, und von wilder Vegetation. Wenn man dort drüben sitzt, fühlt man sich wie in der Studentenzeit, und man schaut sich zwischendurch nach irgendwelchen hübschen Figuren um. Aber wir waren ja, wie Du weißt, jenseits des Acheron, und haben brav Fisch gekaut. Die bürgerliche Seite ist ein langer Raum mit einer hellen Fensterfront. Und in dessen Mitte steht auf dem langen Tisch ein riesiger Blumenstrauss. Er ist grösser als Blumensträusse, die man da und dort sieht. Er ist wirklich olympisch gross und voll. S. behauptet, sie würde nur wegen des wundervollen Strausses dorthin gehen, um zu essen. Und ein bisschen glaube ich ihr das.


Basel - ein absolutes Kultur-Konzentrat

Liebe Malou

Es ist eine prima Idee nach Berlin zu fahren! Dort ist bestimmt einiges los. Aber es gibt natürlich noch viele andere hübsche Städte.  ...



Weshalb macht Ihr Euren Ausflug nicht nach Basel? Seit Donalds Bildervortrag weiss ich, dass die Stadt ein absolutes Kultur-Konzentrat darstellt. Sie haben innerhalb von 27 Quadratkilimeter 30 Museen. Stell Dir das vor! Es gibt Museen wie Pfützen. Und es gibt eine feine Altstadt, die im Moment auch mit einem Weihnachtsmarkt überfüllt ist. Es gibt um die 5 oder 6 Buchläden. Na ja, das sind die, die ich kenne. Es gibt in der Umgebung mehr, zB. jenes nette kleine Buchlädelchen in Arlesheim, wo sie alles haben und wo du eine allerbeste Beratung bekommst, wenn du willst. Es gibt das hübsche Münster ob dem Rhein, mit dem Ausblick auf Kleinbasel und den Rhein. Dort oben spielt ein Teil meines Romans, den ich im Kopf habe. Na ja, halbwegs im Kopf. Es gibt das hübsche Café Schiesser, von dem man so gemütlich auf den alten Marktplatz hinunter sehen kann. Dort trinke ich eine Schokolade zur Lektüre der NZZ am Wochenende. Und es gibt das neue Theater, das der Stadt die Millionen weg frisst. Ach, man kann sich in Basel bestimmt wunderbar die Zeit vertreiben und in irgendwelchen romantischen Altstadtgässchen verloren gehen. Und wenn ihr im Radisson, in unserem Club-Hotel, wohnt, dann ist das bestimmt keine schlechte Absteige. Es gibt sogar ein Bad im Haus. Aber das Essen, wie Du Dich bestimmt erinnerst, ist nicht grossartig. Essen müsstet ihr in der Kunsthalle, Ss Lokal. Sie haben einen exzellenten bürgerlichen Service, lange schwere Tischtücher und einen riesigen Blumenstrauss in der Mitte auf dem Tisch. Man fühlt sich dort ein bisschen wie in jenen Restaurants, die man auf impressionistischen Bildern des 19. Jahrhunderts sieht. Und es liegt alles gleich neben dem berühmten Tingueli-Brunnen, diesem lebendigsten aller Brunnen, der gleich neben dem Theater dahinspritzt und -schleudert und -plätschert und immer viele Besucher anzieht. Wenn er im Winter eingefroren ist, gibt er bei Sonnenschein ein märchenhaftes Bild ab. Da müsstest Du Deine Kamera zücken. Natürlich könntet Ihr auch im Drei Könige übernachten, dem noblen Hotel am Rhein, in dem schon Napoleon und auch Goethe übernachtet haben sollen. Aber dort ist es noch eine Idee teurer und das Essen, was wir mal mit dem Club dort hatten, war nicht umwerfend. Zoe Jenny, die junge Basler Nachwuchsautorin, soll ab und zu dort eine Suite gemietet haben, um schreiben zu können. Sie ist ziemlich bekannt und ziemlich jung. Ich kann sie ein bisschen verstehen, dass sie sich mit aussergewöhnlichen Atmosphären aufzuputschen versucht. Vielleicht wiegt sich immer noch das Bücherschiff im Rhein, das gleich vor dem 3-Könige anzulegen pflegt. Auf diesem Schiff macht die Bibliothek, für die ich rezensiere, jährlich eine Ausstellung mit Kinder- und Jugendbüchern für Jugendliche, Kinder und Schulklassen. Es gibt dabei Reden, Vorträge, Wettbewerbe, kleine Theaterspiele und vieles mehr. Gar nicht zu sprechen von der hübschen Umgebung Basels … etwa den wunderschönen Rokoko-Dom in Arlesheim, mein Lieblingsstück, so süss, dass ich mir echte Caries geholt habe, die römischen Ausgrabungen in Augst, die netten Dörfer im Elsass, wo man schon französische Ambiance schnuppert und einen prima Gewürztraminer trinken kann.

Ach, ich bin sicher, Ihr würdet Euren Aufenthalt noch verlängern. Ich glaube nicht, dass ihr nach 3 oder 4 Tagen wieder in den kalten Norden heimkehren würdet. Ihr würdet bestimmt zusätzlichen Urlaub eingeben, um noch mehr von dieser Brise in der Nordwestecke der Schweiz zu bekommen. Aber dafür könnte ich natürlich keine Verantwortung übernehmen.
*
Ich muss los und wünsche Dir alles, was Du willst.
G+K  


Re:

Lieber ...

Ach, wie schön du Basel beschrieben hast. Einmal werde ich es besuchen. Das habe ich mir versprochen. Aber wann und wie.. das weiss ich noch nicht. Wir hatten früher ein herrliches Videoprogramm, in dem man den Rhein von seiner Quelle hoch oben in den Bergen bis ans Meer verfolgen konnte. Ich habe es leider damals nicht gekauft für die Schule, was ich heute sehr bereue. Hoch oben auf der Alp sah man bauern, die Rätoromanisch sprachen. Es hatte einen schönen eigenartigen Klang. Dann sah man, wie sich der Rhein, wie ein wilder Teenager austobte um später im Bodensee wieder Ruhe zu finden. Man kam  auch nach Basel. Da erinnere ich mich noch an die Wasserkunst und die schönen Häuser. Ich würde es sehr gern wieder ansehen, jetzt wo Basel etwas ganz besonderes für mich bedeutet. Die Stadt, auf deren Strassen mein Mausgeliebter herumflaniert. 

...



Montag, 12. Mai 2025

Re: Warnung vor dem Hund


Ämne: Re: Warnung vor dem Hund
Datum: den 18 januari  (Jahr 2)

Mon cher ami

Mille fois merci de m'avoir avertie du grand danger qui me menaçait. Je serais probablement devenue infidèle à mes amours comme Rilke, Rimbaud, Verlaine etc. et même à mon dernier grand amour. ;-) Bien sûr j'ai entendu parler de Heidegger. J'avais des camarades à l'université qui étudiaient la philosophie. Mais je ne savais pas à quel point ses textes étaient difficiles à comprendre. Il me semble aussi qu'ils sont faits pour être discutés "en fumant des gauloises" comme tu dis. ;-) Ils nous font penser et chercher en nous-mêmes la solution des questions de vie. J'ai découvert l'existentialisme surtout à travers les textes de Sartre et de Camus. Ce Camus que nous estimons tous les deux pour son humanisme. J'aime ces mots: "Je continue à croire que ce monde n'a pas de sens supérieur. Mais je sais que quelque chose en lui a du sens, et c'est l'homme, parce qu'il est le seul être à exiger d'en avoir".
Je dois donc chercher un sens dans la vie pour rester humaine.
Oh là là, quels mots!! ;-)

*

Ach, mein Schatz, (bist du das noch?) du hast mir einen so wunderbaren Brief geschrieben und am liebsten hätte ich ihn umgehend beantwortet. Aber gestern entdeckte plötzlich K dass er den grossen Koffer, den er mitgenommen hatte am besten durch einen kleineren ersetzen sollte, den er mitnehmen kann im Flugzeug um nicht zu lange bei der Bagage-auslieferung warten zu müssen (Annas Theorie: Die Herren brauchen Platz für ihre Kisten mit Whisky) und so ist er am Nachmittag nach Hause gekommen und wir haben zusammen noch zu Abend gegessen. Ich hatte Rentierfleisch gemacht. Es wird immer beliebter, jetzt wo man nicht mehr so gern Rindfleisch kaufen will. Ich finde es wichtig (jedenfalls bei uns), die Mahlzeiten zusammen zu essen. Dann erst habe ich das Gefühl, dass wir wirklich eine Familie sind. Es ist gut finde ich, dass du B auch am Tisch haben willst. Du weißt, wie gefährlich es sein kann, wenn ein Mädchen zu intensiv Diät hält. Ich habe schon Fälle gehabt, die dann im Krankenhaus lagen, weil sie gar nichts mehr hinuntergebracht haben. Unsere Victoria war ja auch ziemlich schlimm daran eine Zeitlang.
*
K ist also schon unterwegs nach London mit ein paar Kollegen. Er träumt davon, im Hyde Park die Frühlingsblumen zu sehen, wie das vorige Mal, als er auch im Januar dort war. Aber ich denke, es ist noch ziemlich kalt dort dieses Jahr. Dann geht er natürlich auch zum Speakers Corner wo er letztes Mal einen Mann sprechen hörte über das Thema "Die Frau zurück an den Ofen" und der damit die umstehenden weiblichen Personen zum Wahnsinn trieb aber auch zu Gelächter, denn er besass sehr viel Humor . Und dabei denke ich natürlich auch an meinen Schatz, der doch seine grosse Liebe gerade dort zum ersten Mal gesehen hat, war es nicht so?

So, ich muss leider nun wieder los zur Arbeit. Es ist schön so eine Weile mitten am Tag mit Dir zu verbringen und ich hoffe, dass ich bald wieder ein kleines rotes Dreieck vor deinem Namen sehe.
Mit vielen lieben Grüssen
auch K und S

Marlena

PS: Danke für den Text von H. den du mir gezeigt hast. Er hat mich wirklich abgeschreckt. ;-)


Sonntag, 11. Mai 2025

und das zweite Buch?

Liebe Marlena

Da siehst Du, wie mir die Erinnerungen hoch kommen. Das Stichwort "Heidegger" genügt. Und das zweite Buch, nun ja, die Lateingrammatik, ich wollte dazu nur sagen, dass ich ebenso viel Zeit über jenem Buch verbracht hatte. Das war ein reiner Einfluss auf mein Verhalten, eine Kontrolle sozusagen. Da ist viel Energie und Lebenszeit hineingeflossen. Sie wollten wirklich Jesuiten aus uns machen. Unsere Schule war eine ehemalige Jesuitenschule, und das Studententheater hatte - in guter jesuitischer Tradition - eine lange Geschichte. Und man hörte Gerüchte, dass die Studenten der Schule vor 20 Jahren noch verpflichten gewesen waren, während der Pausen miteinander Latein zu reden. Stell Dir mal vor, Marlena! Sicherlich haben sie es nicht immer und überall getan. Aber wenn sie erwischt wurden, hatten sie mit einer Strafe zu rechnen. Man kann sich kaum vorstellen, wie sehr sich die Welt verändert hat. Aber ich muss doch sagen, dass ich mit diesem intensiven Lateinunterricht zwei Dinge gelernt habe: ich habe Deutsch gelernt. Und ich habe gelernt, was ein Text ist. Damit meine ich, ich habe ein Gefühl dafür bekommen, wie Sprache daher kommt, und worauf man achtet, wenn man sie übersetzen muss. Ich galt immer als guter Übersetzer. Und ich glaube, ich war es bloss, weil ich oft die Wörter nicht kannte und einfach raten musste. So habe ich immer ein wenig spekuliert und "grosszügig" übersetzt. Und jene, die Wort für Wort dran gingen, haben bloss eine hölzige und oft nichtssagende Version zustande gebracht. Dafür habe ich mich wohl auch ab und zu richtig verrannt und dem Autor völlig abwegige Gedanken unterschoben. Wir hatten in den späteren Jahren einen ausgezeichneten Lateinlehrer, mit dem wir viele Texte übersetzt haben. Er konnte das Gefühl vermitteln, dass Übersetzen ein Abenteuer, eine Entdeckungsreise sei. Er zeigte uns, wie man Hypothesen einsetzt, wie man die ganze eigene Fantasie und natürlich die Lateinkenntnisse ins Spiel bringt, um den Sinn des Textes hervorzuzaubern. Er zeigte uns, dass es nicht eine 1 zu 1 Entsprechung sein kann, sondern bloss eine Annäherung, ein Erraten, eine Neukomposition. Ich glaube, damals habe ich sehr viel gelernt, und Franz Halters Lektionen fand ich so spannend und unterhaltsam, wie ich sie in der Schule selten mehr erlebt hatte. Es ist gar nicht so lange her, da habe ich ihm in einem Brief meine positive Einschätzung seines damaligen Unterrichtes mitgeteilt. Und er war ganz gerührt und - -- wohl auch ein bisschen scheu. Er stammt aus einer angesehenen Visper Familie. Eine seiner Schwestern war Klavierlehrerin, und mein Bruder Peter ging jahrelang zu ihr in den Unterricht. Er selbst war katholischer Priester, nicht gleich Jesuit, aber doch in schwarzer Kleidung. Allerdings habe ich ihn nie in einer Soutane gesehen. Ich habe als Junge ihm in Visp oft beim Tennisspiel zugesehen. Und dort hatte ich immer den Eindruck, er hätte zuwenig Siegeswillen und Mut und Durchhaltevermögen. Dort wirkte er etwas schwächlich. Das war er vielleicht auch körperlich. Aber im Unterricht zeigte er sich mir als wunderbar, unser Franz Halter.
*
Ich muss jetzt von Dir lassen, meine Liebe. Die Arbeit wartet auf mich, und ich ergehe mich in meinen schönen Jugenderinnerungen. Doch die Pflicht ruft. Sie ruft nicht nur, sie schreit. Also muss ich wohl ...
Ich küsse Dich

...

Ende des Studiums

... 

Habe ich Dir das mal erzählt? Ich habe ja meine Lizentiatsarbeit mit einer Zeichnung geschmückt. Thema war: Spiel und Geschichten als Konzepte der psychologischen Diagnostik. Natürlich verrät die Themenwahl schon irgendwie die Nähe zum existenzialphilosophischen Denken. Schon das hat Uslar gefallen. Und die Zeichnung stellte einen Psychologen dar, der mit einem schweren Aktenkoffer ins Spielcasino geht. Und das Spielcasino habe ich - meiner Vorliebe entsprechend - etwas barock gestaltet. Von Uslar aber, der offenbar in Dresden aufgewachsen war, war ganz angetan von dieser Zeichnung und vom Gebäude, von dem er sagte, es erinnere ihn an den Dresdner Zwinger. Als ich später in Büchern nachprüfte, musste ich zugeben, dass meine Zeichnung mit dem Zwinger in Dresden wirklich viel gemeinsam hatte. Uslar hatte unendlich viele Studenten und immer, wenn ich mit ihm einen Termin hatte, erinnerte er sich sofort an mich als denjenigen mit der Zeichnung. Ich glaube, das hat mir viel geholfen in meinem Studienabschluss.
Übrigens, auch das ist lustig, hat mich Uslar damals an einem Wochenende plötzlich sorgenvoll angerufen. Wir lebten damals schon in Olten, also 80km von Zürich entfernt. Und so hatte ich von der Universität mittlerweile auch eine psychische Distanz. Ich war schockiert, dass der Herr Professor solcherart in mein Privatleben hereinstürzt und dachte, etwas wäre nun wirklich absolut schief gelaufen. Ich fürchtete, er würde mich durchfallen lassen oder er könnte meine Arbeit, nachdem er sie endlich gelesen hatte, nicht annehmen oder was weiss Gott. Aber der gute Herr Professor war nur besorgt, weil er dachte, ich hätte meine Zeichnung in alle Exemplare meiner Lizentiatsarbeit abgedruckt. Das wäre ihm dann vielleicht doch etwas unwissenschaftlich und boulevard-haft erschienen. Aber ich konnte ihn beruhigen, dass ich das nur in seinem Exemplar getan hatte. Und er war ganz zufrieden und hatte wohl das Gefühl, dass wir uns blendend verstehen würden.
*
Ach, es ist ein kleines Vergnügen, wie die Erinnerungen an jene Zeit wieder hochkommen. Es war wirklich eine schöne Zeit, das Ende des Studiums. Ich kann mich noch blendend erinnern, als ich nach meinen letzten Prüfungen ganz allein und leicht schwebend durch das Zürcher Niederdorf schlenderte. Das Niederdorf ist Zürichs Soho, oder die Reeperbahn, wie Du willst. Ich glaube, noch nie habe ich die Welt so lebendig und farbig wahrgenommen. Es war ein sonniger Tag. Vor den Fenstern der Häuser blühten die Geranien. Und aus den Restaurants hörte man vergnügte Stimmen. Es war wirklich ein sehr schwebender Moment.



 Und dann ging ich ins Malatesta, jene spanische Bar, die den besten Kaffee Zürichs servierte, und feierte mit Patricia und Franco, mit denen zusammen ich mich auf die mündlichen Prüfungen vorbereitet hatte, bei einem kleinen Essen. Die Tischtücher waren so blütenweiss und lang und die Kellner so nett, wie ich sie im Leben nie mehr gesehen habe. Nur S  war etwas enttäuscht, dass ich das so für mich allein feiere, und nicht in einem grossen Familienfest. Das Doktorat haben wir dann zusammen zelebriert, mit einem Essen in einem Pub (damals eine chicke Novität in Zürich). Und R eine liebe Freundin, die gerade ihr Liz gemacht hatte, haben wir auch mitgenommen. Sie hat die Übergabe ihres Lizentiates auch ganz allein und ohne Freund und Familie erlebt. S konnte nie begreifen, dass die Europäer so einzelgängerisch sein können. Wenn man in Persien ein Zeugnis entgegennimmt, ist die ganze Sippe anwesend und will daraus ein schönes Fest machen.
*
Da siehst Du, wie ...