Fortsetzung "Kästner ... "
Ich habe nochmals an unseren
Chat gestern zurückgedacht. Es war das erste mal, dass wir wirklich Zeit
hatten und locker drangingen. Ich hätte noch stundenlang plaudern
können und ich war fast ein bisschen froh, dass uns das System geholfen
hat, aufzuhören. Ich hätte von mir aus fast nicht gewagt, einen
Schlusspunkt zu setzen. Ich habe immer gedacht, wenn ich vorschlage,
dass wir Schluss machen, dann bereue ich es 2 Minuten später und würde
gerne fortsetzen. Vielleicht hattest du ein ähnliches Gefühl, als du
vorgeschlagen hast, dass wir uns in einer Stunde wieder treffen könnten.
Stell dir vor, du würdest in Zürich wohnen. Oder sagen wir in Genf, mit
deiner romanischen Zunge. Wir hätten ein echt unruhiges Leben. Wir
müssten ständig irgendwie chatten oder telefonieren oder sogar zusammen
einen Kaffee trinken in Lausanne, in Fribourg oder in Bern. Es wäre
absolut nervenaufreibend und unmöglich. Danken wir Gott, dass wir so
weit voneinander sind. Ich habe überigens während der Ostern einmal die
Karte angeschaut. Es sind nicht 3000 km von Basel bis Stockholm. Es sind
ungefähr die Hälfte, etwa 1500 km. Für 3000 könnte man schon ganz schön
Kurven machen und Pirouetten drehen, wie beim Eiskunstlauf. Und Hamburg
ist ungefähr die Mitte, habe ich sinnigerweise auch herausgefunden.
Doch dazu will ich mich jetzt nicht weiter äussern.
(---)
Gestern am Chat hast du mich gefragt, ob ich
etwas kenne, du hast zitiert, war es nicht "Mon seule homme...."?. Ich
war ein bisschen ironisch und habe gesagt, das klinge sehr monogam.
Kannst du mir das nochmals sagen was es war? Ich war im Chat nicht in
der Lage, näher darauf einzugehen. Aber ich möchte schon gerne von dir
hören, was du gerne magst. Im Übrigen, "monogam" klingt gut, wenn man
selbst der Auserwählte ist. Wenn man das nicht ist, klingt es ein
bisschen exklusiv, so also ob man über die erste Liga diskutiert, wo man
doch selbst bloss in der zweiten spielt. Ich weiss noch heute nicht
genau, was du gemeint hast, als du gesagt hast, du seist monogam? Ich
glaube, du hast präzisiert: nur einen Ehemann, nur einen Mausfreund und
noch irgendwas? Das musst du mir mal erklären, meine Liebe. Genauso, wie
du mir aus deiner Studienzeit erzählen musst. Das hast du mir schon
lange versprochen, erinnerst du dich?
So lass ich dich für heute,
ma petite amie souris. Hast du das gestern im Chat verstanden. Ich
sagte, ich könne kaum mit dir in Französisch chatten, so gerne ich das
tun würde. Ich könnte es allenfalls auf der Basis von baisers. Du weißt
schon, mit dem Französischen verbinden wir Deutschsprachler viel mit
Erotik, Liebe, Sex, Charme und all die Dinge. Nun ja, das wird ja für
euch Schweden nicht viel anders sein. Sie sind die absoluten
Spezialisten in der Liebe, die Franzosen. Das muss man ihnen lassen.
Erste Liga eben. Ich habe mal ein Jugendbuch rezensiert von einer
Französin, in Deutscher Übersetzung. Ich glaube, sie war auch
Studienrätin. Warte, ich hole es, jetzt, wo ich all die Bücher in der
Nähe hab. Es ist aus der Sicht des Mädchens geschrieben, sehr einfühlsam
fand ich, die erste Liebe. Es heisst "Je ne t'aime pas, Paulus" 1991
von Agnès Desarthe bei l'Ecole des loisirs, Paris. Ich habe es damals
nur wegen meiner Töchter genommen und habe nur mit halbem Herzen
angefangen zu lesen. Aber zum Schluss war ich ganz begeistert. Über die
Autorin heisst es auf dem Deckel: "Agnès Desarthe wurde 1956 in Paris
geboren. Bereits mit 22 Jahren veröffentlichte sie ihr erstes
Jugendbuch. Die ausgebildete Gymnasiallehrerin brachte 5 Romane, 4
Bilderbücher und einen Sohn - in dieser Reihenfolge - zur Welt. Mit
gleicher Energie unterrichtet Agnès Desarthe Englisch, kocht gern und
widmet sich ihrer Familie, froh über jeden Vorwand, nicht am
Schreibtisch sitzen zu müssen". Hier ein Auszug, zufälligerweise:
"Inzwischen
sprach er nicht mehr von Scheidung, sondern von Selbstmord, und von der
hohen Lebensversicherungsprämie, die wir als seine Familie in diesem
Fall bekämen. So sagte er einmal während des Essens - als er sich wie
immer reichlich Butter nehmen wollte, dann aber unter Mutters tadelndem
Blick sein Messer wieder zurückzog -: "Eigentlich könnte ich ruhig
sterben. Das wäre sowieso besser - für jeden von uns." Unsere Reaktion
darauf kann man sich vorstellen: Judith heulte laut los, Mama nagte an
ihrer Unterlippe und sagte: "Aber Schatz, wie kannst du nur so etwas
Schreckliches sagen?", und ich dachte wütend: Dann krepier doch, du
Idiot! - natürlich in der Hoffnung, Gott würde mich nicht hören, und
wenn, dann wenigstens nicht erhören. Was mich so wütend machte, war
folgendes: Ein Vater hat nicht das Recht, vor seinen Kindern zu sagen,
er wolle sterben - ähnlich wie ein Kapitän auch in der
ausssichtslosesten Lage sein Schiff und seine Mannschaft nicht verlassen
darf. Schliesslich muss es jemanden geben, der sich für die anderen
verantwortlich fühlt und die nötige innere Kraft dazu hat, sonst können
sich die andern gleich mit umbringen. Ich war so sauer auf Papa, dass
ich zwei Wochen lang kein Wort mehr mit ihm sprach, aber er bemerkte es
nicht mal."
Du siehst, es ist sehr gut geschrieben, lebendig und
mit einigem Witz. Ich mochte es sehr, obwohl ich davon ausgegangen war,
das sei eigentlich nur für pubertierende Mädchen.
So, für heute habe ich echt genug zitiert.
Ich schicke dir meine lieben Grüsse
...
Freitag, 29. April 2016
Dienstag, 26. April 2016
Kästner nochmals und viele Zitate
Subject: Kästner nochmals und viele Zitate
Date: Thu, 27 Apr 09:32:00
Liebe Marlena
Beim Umzug meiner Bücher habe ich ein paar Sachen gefunden, die ich kürzlich gesucht hatte. Beispielsweise das kleine Bändchen Erich Kästner "Briefe an die Doppelschätze".
In einem Hinweis steht zum Schluss: "Am 15. Dezember 1957 wurde Friedel Sieberts und Erich Kästners Sohn Thomas in München geboren. Im Januar 1962 muss Erich Kästner das Lungensanatorium in Agra aufsuchen. In den Jahren 1962 und 1963 entstand das Kinderbuch "Der kleine Mann", das die "Gute-Nacht-Geschichten" enthält, welche Erich Kästner seinem Sohn Thomas erzählt hatte. 1962-63 lebte Friedel Siebert mit Thomas in Küsnacht bei Zürich. Im Jahre 1963 erschien das Buch "Der kleine Mann". Im September 1963 kann Erich Kästner nach München zurückkehren, und im Januar 1964 zieht es auch Friedel Siebert mit ihrem Sohn dorthin. Vom Januar bis August 1964 kommt Erich Kästner zum zweitenmal nach Agra. Im Herbst 1964 zieht Friedel Siebert mit Thomas nach Berlin. Anfangts 1966 muss Erich Känstner noch einmal zur Kontrolle nach Agra. Ende April 1966 kehrt er nach München zurück."
Und als Einfrührung gibt es im Büchlein einen kleinen Kommentar von Horst Lemke. Ich glaube, das war der Illustrator seiner Bücher, nachdem der berühmte Walter Trier in der Hitler-Ära nach Kanada emigriert war, wo er genauso viel Erfolg hatte wie in Europa. Von dort illustrierte er noch einige Bücher für Kästner, das letzte war das Bilderbuch "Die Konferenz der Tiere". Dann starb er unerwartet. Lemke schreibt etwa über Kästner:
"Er liebte seine gewohnte Umgebung, sein Haus, seinen Platz am Fenster mit dem Blick in seinen Garten, die Schreibmaschine vor sich auf dem Fensterbrett, sein Café (ich glaube, es war das Café "Leopold"), in dem er jeden Tag zur gleichen Zeit erschien, um seine Korrespondenz zu diktieren, seine Taxifahrer, seine Nacht-Clubs."
"Kästner war ein stiller, ja ein schweigsamer Mensch, und es war nicht einfach, ihm näherzukommen oder gar seine Freundschaft zu gewinnen. Und je gefeierter er wurde und je mehr ihn Journalisten und durchreisende Bewunderer belästigten, desto zurückgezogener wurde er."
"Kästner furh nicht Auto, hat auch nie eines besessen, und als ich mir Sorgen machte, wie er zu unseren Treffpunkten kam, meinte er, ich solle mir mal keine Sorgen machen, bisher sei er immer noch dahin gekommen, wo er hinwollte. Und da er ein Gentleman war, immer sehr gepflegt angezogen und immer einen Homburg trug, und sehr grosszügig war, werden sich die Taxifahrer und Kellner von Lugano noch deutlich an ihn erinnern."
"Sein Café in Lugano, in dem er eigentlich jeden Tag erschien, las und schrieb, war merkwürdigerweise der Kursaal.
Merkwürdig, weil es ein besonders altmodisches Café war, im Stil der alten Grand-Hotels, mit einer grossen Terrasse und innen so gross wie eine besonders geräumige Bahnhofhalle. E.K. sass immer drinnen. Aber es hatte etwas von der alten Pracht der Côte d'Azur, wahrscheinlich liebte er das daran.
Den Kellnern war er in kürzester Frist vertraut, nicht nur wegen seiner Persönlichkeit, sondern auch wegen seiner fürstlichen Trinkgelder.
Ohne zu bestellen, wurde ihm ein Whisky im Teeglas serviert. Der Whisky war ihm wohl vom Doktor untersagt, aber er dachte gar nicht daran, von der liebgewordenen Gewohnheit abzugehen, genauso wenig wie er zu bewegen gewesen wäre, auf eine seiner starken Camel-Zigaretten zu verzichten".
"Wenige Jahre vorher hatte ihm seine Freundin einen Sohn geboren. Für ihn schrieb er dieses Buch, für ihn erfand er Mäxchen Pichelsteiner. Dass Mäxchen klein war, so klein sogar, dass er in einer Streichholzschachtel schlafen konnte, war auch kein Zufall: Kästner war auch klein, und er hat bei vielen Gelegenheiten betont, dass die meisten grossen Männer, Alexander der Grosse, Cäsar, Friedrich der Grosse, Napoleon, nur als Beispiele, klein von Statur waren."
"Unsere Treffen beendeten wir meistens in dem Café Ristorante San Gottardo, hundert Meter vor dem Sanatorium, das häuptsächlich von Patienten und Besuchern bevorzugt wurde. Dort war am Abend munteres Treiben, und es war schön mitanzusehen, wie beliebt Kästner bei allen Patienten war, trotz seiner stillen, zurückhaltenden Art. Und da waren sicher auch Leute darunter, die sonst nicht seine Kragenweite gewesen wären, aber er war zu allen freundlich. Und wenn er sich zu einem Gespräch nicht äussern wollte, pflegte er nur ein gedehntes "na - ja" zu sagen, und für ihn war der Fall erledigt, und er nahm noch einen kleinen Schluck aus der Whisky-Teetasse".
Soweit also Lemke, in seinem einführenden Kommentar. Und das ein Briefbeispiel Kästners vom 12. 4. 62 aus Agra:
"Meine Doppelschätze, mein Wiesengrund, verehrter Herr Napfkuchen (damit meint er spielerisch seien Sohn Thomas), liebe Frau Venusbruuust,
ich sitze beim Toni und denk an Euch. Und screib ein paar Zeilen. Den Brief, mit einem Schein beschwert, werf ich dann am Nachmitag in den Briefkasten beim Vanini (Piazza di Riforma). Anschliessend spazier ich zu den Zitronenbäumchen im Kurpark. Dann setz ich mich in den Kursaal und mach Notizen, da stört mich die Kapelle überhaupt nicht. Na ja, und gegen 19h greif ich mir ein Taxi und rutsch wieder nach oben. Venedey ist noch krank. Stattdessen macht der Chefarzt, der "steile Erich", Visite, mit seinem vor lauter Hemmungen strengen Gesicht.
Heute war Badetag, und ich bin aufs zweckloseste sauber wie ein frisch ins Bett gebreitetes Frottiertuch.
Wenn ich mir die Notizen anschaue, die ich in den letzten Tagen gemacht habe, stell ich fest, dass man das nie im Leben drucken kann! Nun, ich mach sie trotzdem. In Stenografie. Zur Pflege des Gedächtnisses.
So. Jetzt hops ich auf den Balkon und spiele Liegekurfürst.
Viele Küsse
Euer Erich
Und Papa
Anbei
1 Himmelschlüssel
1 Leberblümchen
1 Veilchen
1 Gänseblümchen
1Vergissmeinnicht
-------------------------
5 mal Bücken"
Oder am 8.5.63 aus Agra:
"Liebe Friedel,
in den Schokoladenläden Luganos bemerkte ich süsse Hinweise darauf, dass am Sonntag die Muttertagsglocken läuten werden. Damit Dir Thomas ein paar hübsche Blumen oder ein Taschentuch schenken kann, lege ich ihm 20 sfr in dieses Kuvert, und ausserdem 100 Franken, die du so verwenden wirst, als sei es kein Geld, sondern ein kleines Geschenk von mir. Für die Mama oder Euch beide.
Herzliche Grüsse und Küsse
Euer Muttertagsvater
Und Dein Erich"
+
Alle Briefe sind ungefähr so, witzig und eloquent, mit Hinweisen auf das Geld, das er den beiden schickt. Na ja, 20 sfr waren damals, 1963 mindestens soviel wie heute 100, also doch eine kleine Summe.
Überigens 1929 ist sein berühmtestes Buch "Emil und die Detektive" erschienen. Er hatte viele Reaktionen von Lesern, die ihm geschrieben haben. Seiner Mutter, der er täglich schrieb, erzählt er von einem kleinen Jungen, der das Buch gelesen habe, und der ihm mitgeteilt hat, dass er sich unverzüglich auf den Weg machte, die diversen Schauplätze des Romans in Berlin zu inspizieren. "Ist er nicht reizend, der kleine Kerl? Ist überall rumgelaufen - Kaiserallee, Trautenaustrasse, Nollendorfplatz und so weiter - und hat sich die Gegend, in der der Emil spielt, genau angeschaut. Rührend!". Kästner tippt den originellen Leserbrief ab und schickt seiner Mutter die Abschrift mit; das Original bekommt der Verlag, dort denkt man daran, ihn zu vervielfältigen und für Reklamezwecke einzusetzen.
*
So, meine Liebe, das ist genug Kästner. Er ist ja ein Kinderbuchautor. Und das ist nicht dein besonderes Interesse. Für mich ist er von Interesse, weil ich diese Kinderbücher rezensiere. Das ist alles. Und vielleicht habe ich auch so ein bisschen Esprit in meinen Briefen wie er. Das hoffe ich wenigstens. Zu deinen Gusten, Marlena.
*
Ich habe nochmals an unseren Chat gestern zurückgedacht. Es war das erste mal, dass wir ...
Sonntag, 24. April 2016
Unser Garten - ein Casus Belli
fortsetzung
*
Jetzt möchte ich gerne euren Garten sehen. Er muss schon ganz und gar bereit sein für den richtigen Frühling, also die vierte Jahreszeit. Habt ihr auch einen Gemüseteil, oder ist es vor allem ein Ziergarten für Blumen? Ach ja, ich erinnere mich, du hast von Beeren gesprochen, für die du zuständig bist. Wir haben bei uns auch beides, Gemüse und Blumen, und einige Fruchtbäume. Deine Bemerkung über die Verteilung unserer Gartenarbeit kürzlich verrät deine feine Nase. Und mein erster Gedanke war: fehlt nur noch, dass sich Marlena auf die Seite von S stellt! ;-)) (Dieses Metazeichen ;-) ist hier sehr nützlich, denn das ist wirklich eine komplexe Situation). In der Tat ist der Garten einer unserer CASUS BELLI, wie die Juristen so schön sagen. S hat völlig andere Vorstellungen von einem Garten als ich und wir können uns leidenschaftlich darüber streiten. Doch da möchte ich nun im Moment lieber nicht in die Details gehen.
Du tust weise, den Garten nicht als Arbeit, sondern als Hobby anzusehen. Das vergrössert die Beerenernte, lässt die Salate wachsen und verschönert die Sommerblumen. Als Kinder mussten wir gelegentlich Unkraut jäten. Damals habe ich den Garten in den höchsten Tönen und den schlimmsten Wörtern verflucht. Ich war zu jener Zeit nicht so begabt wie Tom Sawyers, und stellte mir stattdessen vor, was meine Freunde in dieser Zeit, da ich arbeiten musste, alles Schöne erleben könnten: Tischtennis spielen, Baden, Fussballspiel, im Dorf eine Runde drehen und tratschen und nach den Mädchen sehen, hinter dem Fluss nach Abenteuer suchen oder was immer. -- Aber ich glaube, meine Erinnerungen sind nicht sehr gut synchronisiert. Wir mussten im Garten arbeiten, als wir kleiner waren, und die Vergnügungen, die ich aufgezählt habe, stammen aus den späteren Jahren. Man bringt doch einiges durcheinander in der Erinnerung, und versucht einen nachträglichen Sinn zu konstruieren.
Doch dein Bild, mit dir zusammen unter einem schattigen Baum im Garten zu sitzen und ein Buch zu lesen und darüber zu diskutieren, das habe ich nicht vergessen. Das wäre wirklich sehr schön und bereits der Vorgarten des Paradieses. So etwas kann ich mir sehr gut vorstellen in einem Garten, der nich perfekt und hochgestylt ist, sondern der der Natur viel Eigenleben gewährt. Hörst du mich? Ein Garten, "der der Natur viel Eigenleben gewährt"! S würde das gleiche Flecklein Land einen Urwald unter chaotischen Verhältnissen nennen. Das nun ist in der Tat der Unterschied zwischen rechter und linker Politik, so wie sich diese Begriffe seit der Französischen Revolution herausgebildet haben. Ich bin hier eindeutig links und für mehr Demokratie. Ich lasse auch den Löwenzahn mit seinem grossen Maul zu Wort kommen. Und sogar den Winden, diesem unseligen Gewächs, will ich eine Chance lassen. Nicht alle Chancen, aber eine. Man soll die Natur nicht unterdrücken, das führt zu nichts. Das ist widernatürlich. Man soll sie mit einfühlsamem Wissen lenken und steuern, so gut das geht. S dagegen ist Royalistin und vertritt im Garten eine rechte Politik, die ich schon eher reaktionär nenne. Sie will dem Garten diktieren, sie will ihm befehlen. Sie spricht streng zu den Pflanzen, wo diese doch ein gutes Wort brauchen könnten. Sie betrachtet die Vegetation als Untertanen und die Schnecken als Feinde. Nun ja, sie ist die Tochter eines Grossgrundbesitzers, der wahrscheinlich seine vielen Ländereien einstmals beinache wie ein König verwaltet und überwacht hat.
Du siehst, bei uns gibt es cultural gaps, wie die Soziologen sagen würden. Doch ich wollte ja nicht ins Dickicht der Details geraten. Beinahe bin ich es!
Ich habe mich in diesen Ostertagen sooft nach meinem Büro zurückgesehnt, wie ich das früher kaum erlebt habe. Ich wollte einfach gerne wieder mal etwas von Marlena hören. Und ich bin immer noch gespannt darauf.
Mit Liebe, dh. IM
...
Samstag, 23. April 2016
.. aber ich will nicht
Meine Mausliebe
Es ist wunderbar, wieder von dir zu hören. Und du bist lieb, noch rasch vor der Arbeit ein Lebenszeichen zu geben. Ich habe sehr darauf gebrannt, und deine Worte haben mich erlöst. Es tut wohl, sie wieder zu lesen und ich habe mich sehr auf diesen kleinen Moment gefreut. Manchmal finde ich es geradezu ein bisschen kindlich, dass ich mich sosehr von dir gefangen nehmen lasse. Ich könnte mich schon dagegen wehren. Ich könnte mich etwas unempfindlicher machen, wenn es denn sein müsste. Aber ich will es nicht. Ich geniesse es so, wie es ist. Man sucht die Freiheit und gerät unversehens in neue Gefangenschaften! Ach, wie das Leben so spielt! Ich kann es kaum verstehen. Ich habe dir ziemlich am Anfang unserer Mausfreundschaft gesagt, dass ich dich gewinnen möchte. Aber ich habe natürlich nicht an eine solch verrückte maladi gedacht, was ich damals ja noch gar nicht konnte. Ich habe einfach gehofft, wir würden schon irgendwie ein Thema finden, über das wir uns unterhalten könnten. Zwei intelligente Menschen finden immer irgendwie ein Thema. Und mittlerweile haben wir ja etliche gefunden. Manchmal kommt mir bei unserer maladi der Begriff der Seelenverwandtschaft in den Sinn. Das ist auf jeden Fall der schönere Ausdruck als zu sagen, wir hätten dieselbe Software, wie ich das schon getan habe. Und gelegentlich, wenn ich für dich ins Schwärmen komme, so dass du fast ein bisschen abwehren musst, dann fürchte ich, du könntest mich für einen frustrierten Typen halten, der hier in Basel nicht auf seine Rechnung kommt. Aber ich glaube nicht, dass ich das bin. Ich komme hier schon auf meine Rechnung, von oben bis unten sozusagen, wenn es sein muss. Es ist vielmehr diese sublime Übereinstimmung in vielen Dingen, die ich mit dir so zauberhaft finde. Vielleicht überschätze ich sie auch, diese Übereinstimmung, das weiss ich möglicherweise nicht so genau. Aber es kann natürlich nicht ausschliesslich Übereinstimmung geben. Du wirst sicherlich viele unterschiedliche Meinungen haben, die sich von den meinen unterscheiden. Und ich möchte auch gerne von dir so viel wie möglich lernen. Ich glaube, da habe ich ziemlich viel Potential.
Ich habe dir aus dem Süden ein bisschen Sonne mitgebracht und viele Blüten, die dort jetzt zur Frühlingspracht beitragen. Es war schön, und die Tessiner sind ein bisschen wie die Italiener: kommunikativ, fröhlich, laut und sehr emotional. Das kann nur die Sonne ausmachen. ...
*
Jetzt möchte ich gerne euren Garten sehen. Er muss schon ganz ...
Dienstag, 19. April 2016
Post scriptum - mein drittes Auge
den 25 april 23:34
Liebe Marlena
Bei mir hat es in der Tat gewirkt! Es funktioniert! Du schaust mich mit fragenden Augen an?
Unser §2 wirkt wie ein Depotpräparat, das der Arzt unter die Haut setzt und das seine Wirkung langsam abgiebt. Unsere maladi gibt mir tatsächlich eine gewisse innere Zufriedenheit und ein Gefühl der Heiterkeit. Es ist, wie wenn du einen kleinen Schatz mit dir herumträgst. Und wenn dich etwas enervieren will, so merkst du bald, dass das nicht so schnell läuft, weil es doch daneben Dinge und Werte gibt, die viel wichtiger sind und die viel dauerhafter hinhalten. Also bei mir hat es gewirkt, meine Liebe, und ich glaube, dafür muss ich mich bei dir bedanken. Wie denn kann ich das tun?
Ein zweites habe ich bemerkt. Es ist soetwas wie ein "drittes Auge", das einen begleitet. Ich habe oft Dinge gesehen, beispielsweise in der Natur, von der ich weiss, dass du dich ihr nah fühlst, und ich hatte den spontanen Wunsch, sie dir zu zeigen, zu wissen, wie die sie sehen würdest. Morgens um halb sechs hat eine Amsel im Garten so laut und künstlerisch gesungen, dass ich nur an dich denken konnte. Ich glaube, vor einem Jahr hätte ich sie überhaupt nicht gehört. Oder aber, ich war mir nicht sicher, welche Vogelart denn so singt. So habe ich mit Peter darüber geprochen und er hat mir bestätigt, dass das eine Amsel sei. Eigentlich wusste ich schon, wie sich eine Amsel anhört. Aber ich hatte während Jahren nicht mehr darauf geachtet.In diesem Zusammenhang kommt mir meine gute Grossmutter ins Gedächtnis, die Frau Direktor, wie man sie hier in L. nannte. Wenn immer sie bei uns in Visp zu Besuch war, hat sie während der ersten Tage darüber geklagt, dass sie so schlecht schlafen könne, weil bei uns die ganze Nacht eine Nachtigall ihre Liebeslieder singt. In der Tat hatten wir in unserem grossen Garten eine Nachtigall. Und leider habe ich in meinem damaligen Alter sehr schlecht darauf geachtet, denn sie lag nicht wirklich im Horizont meiner Interessen. Doch heute gäbe ich einiges darum, mich erinnern zu können, wie sie wirklich geklungen hat. Und wenn ich eine Amsel höre, denke ich stets, es muss der Nachtigall sehr ähnlich gewesen sein. Kennst du ich in Vogelstimmen aus? Oder weiss Anna es? Sind Nachtigall und Amsel nicht vielleicht verwandt? Beide schlagen irgendwie, ihr Pfeiffen purzelt auf eine Art durch die Luft, es ist mehr ein Schlagen als ein in die Länge ziehen. Also, ich kann es nicht besser beschreiben.
So warst du mein drittes Auge. Und ich glaube, man schaut oft genauer hin, man merkt sich die Dinge, die man erlebt, anders, wenn ein drittes Auge mit dabei ist. Das ist für mich irgendwie eine neue Erfahrung. Vielleicht habe ich sie früher in meinem Leben auch schon gehabt, aber ich habe sie nicht gewusst.
(---)
Morgen muss ich wieder arbeiten. Heute abend bin ich noch rasch ins Büro gekommen, um die Post durchzuschauen (unter uns gesagt, eigentlich die Mails). Na ja, ich musste auch noch Benzin tanken. Und als ich ins Büro kam, war ich angenehm überrascht, dass das Büchergestell immer noch da steht. Ich hatte die Umstellung während der paar freien Tage schon wieder vergessen.
Mit einem lieben Gruss
IM
...
Montag, 18. April 2016
Liebste Mausfreundin
den 25 april
back in town
Liebste Mausfreundin
I am back in town. Ja, es waren schöne, knapp vier Tage. Zwei davon hatten wir wunderbares Wetter. An einem hat es geregnet. Aber wir hatten es lustig zusammen und haben und mit Essen und Trinken und lustigen Sprüchen verwöhnt. Ich werden dir später näher darüber erzählen. Auf jeden Fall weiss ich jetzt, wie du Recht hast mit den Kilometermails. Es ging mir viel von dem durch den Kopf, was du mir gesagt und erzählt hast. Und es entsteht im eigenen Kopf eine Art von Zwiegespräch, so dass ich am Schluss nicht mehr sicher war, was ich dir schon erzählt habe und was noch nicht. Vor allem wenn man mit Tätigkeiten beschäftigt ist, wo der Kopf frei ist, geschieht das gerne. Normalerweise habe ich während der Arbeit nicht soviel Möglichkeit, meine Gedanken spazieren zu lassen. Aber beim Rasenmähen am Freitag, oder beim Packen, oder bei ähnlichen Dingen geschieht das leicht. Das er gibt die Kilometermails, die nie geschrieben werden. Ich kann mir vorstellen, dass es bei dir die Hausarbeiten sind, wo so etwas geschieht.
Aber wir haben im Tessin viel gesehen und erlebt und da und dort hatte ich das Gefühl, ich möchte dir, oder auch euch allen dort "oben", dh. deiner ganzen Familie, das zeigen, wenn ihr es denn von eurem Hochstand herunter nicht schon längst gesehen habt. Und im Gespräch musste ich mich hin und wieder zurückhalten, dass ich nicht vom Vogelsee oder auch von andern Dingen aus Schweden erzählt habe.
Und natürlich habe ich auf dich angestossen, Marlena, mit einem exquisiten Pinot Noir von Clavien aus Sion, natürlich einem Walliser, schon 10 Jahre alt (obwohl man in der Regel die Walliser nicht so alt werden lässt). Er war wunderbar, und ich habe mich wirklich einen Moment aus dem Gespräch zurückgezogen, und habe an Euch in Schweden gedacht. Und im Ferienkatalog, den mir Norma heute gezeigt hat (sie wollte zeigen, wo sie in der Türkei in den Ferien waren) habe ich das Angebot in Schweden und die Fotos zweimal angeschaut. Aber nein, ich habe keine Pläne gemacht, Marlena. Es war nur so mein Interesse.
Ich danke dir für die nette Karte mit dem wunderschönen und feinen Schmetterling. Er passt zu dir, meine Liebe. Oft, wenn ich an dich gedacht habe, sind mir vor allem deine Feinheit und dein zarter Umgang ins Bewusstsein gestiegen.
Du hast Gelegenheit, für eine Woche zu verreisen. Dazu beglückwünsche ich dich. Es ist gut, ein bisschen Tapetenwechsel zu haben, wie wir im Deutschen sagen. Das bringt neue Energie und neue Erlebnisse. Ich werde auf dich warten, meine Liebe.
Jetzt sende ich dir diese paar Zeilen, um mich bei dir sozusagen zurückzumelden. Oder sagen wir, um mir eine kleine Umarmung zu erlauben.
Je t'embrasse ma chère amie
...
Montag, 11. April 2016
Lieber Mausfreund
Lieber Mausfreund!
Gerade als ich dir das kleine Mail gesandt hatte kam dein schöner Brief.
Riesenfreude wie immer!
Ich habe eine kleine Weile im Swisstalk gewartet, war eigentlich zu müde
auch fürs chatten heute.
Ich hatte alle Sprachlehrer versammelst am Nachmittag zu einer Konferenz.
Morgen Nachmittag ist dann die grosse Blockkonferenz für die wir die
Unterlagen brauchten.
Sorry, ich habe dich falsch verstanden und glaubte du seist seit deiner
Kindheit nicht mehr in Lenzburg gewesen. Darum die Bilder :-)
Es hat mich gefreut von den Besuchen bei dem alten Onkel zu lesen und ich
kann mir denken wie schön es sein muss sich mit ihm zu unterhalten. Ich
liebe alte Männer (lachst du nun?), wahrscheinlich weil sie mich immer an
meinen Grossvater oder Schwiegervater erinnern die mir beide sehr nahe
standen.
Bitte schreibe mir spontan wie immer. Ich liebe diese "mélange" in deinen
mails. Bald ist mein Mausleben wirklicher als mein "real life".
Ich möchte dir noch so viel schreiben aber es ist schon wieder spät und wenn
ich müde bin vergesse ich leicht den §5 und es könnte passieren dass ich
etwas unzensuriertes schreibe...
Ich hab dich so gern. Kann es manchmal kaum glauben, dass es dich wirklich
gibt.
Gute Nacht (oder guten Morgen)
wünscht dir
Marlena
Nächstes mal werde ich versuchen auch dein voriges Mail zu beantworten.
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