Donnerstag, 18. Februar 2010

frühe Morgenstund

Ämne: Samstag zu früher Morgenstund..
Datum: den 30 augusti 2003 06:46


Lieber ...,
Schau dir das mal an. Die Uhrzeit meine ich. Schon um 6 Uhr früh
bin ich aufgestanden um nach einem Mail von dir zu schauen. Und
natürlich habe ich auch gehofft, dass K noch fest schläft und ich dir
schnell ein paar Zeilen schreiben kann.
Ach, wie schade, dass du eine Erkältung hast. In Gedanken eile ich
zu deinem Bett mit einem warmen Tee mit Honig und auch etwas
Cognac drin. Hoffentlich hast du auch selbst etwas vorbeugen
können. Ist ja doch gut, dass es nicht am Anfang deiner NY-Zeit
passiert ist. Du hast die Tage wirklich gut ausgenützt und mit viel
Erlebnissen gefüllt. Ich glaube sogar, du hattest dir das ganze vorher
nicht so fantastisch vorgestellt, wie es war. Und ich geniesse wieder
in vollen Züge deine Schilderungen. Ein Fremdenführer, voll mit
kleinen persönlichen Betrachtungen, die das ganze so lebendig
machen, dass ich ganz dabei sein kann. Es ist ganz einfach herrlich!
*
Ja doch, unser kleiner "nimmt sich" wie wir hier sagen würden.
-1.7 47.8 47.9 ABB Ltd 47.8 Er ist tüchtig gewachsen seit ich für 39
gekauft habe. Mehr als 20 %. Und ich habe sie nur wegen dir gekauft.
Sende dir einen dankbaren Gedanken.
*
Heute um 11.00 Uhr hole ich Anna vom Bahnhof ab. Es ist das
erste mal seit mehreren Wochen, dass ich sie habe nach Hause
locken können. Sie ist froh, denn sie hat die Prüfungen neulich
gut bestanden. Mit so viel Willen und Energie schafft man auch
das Unmögliche, scheint es mir.

Heute abend werden wir ein kleines Krebsfest hier machen. Und K
hat sich schon eine Menge gute Speisen ausgedacht mit denen er sie
verwöhnen und mästen wird. Ich habe einige eingefroren, die sie
dann mitnehmen kann.

Es ist bewölkt.. Hoffentlich regnet es nicht heute. Wir wollten auch
eine kleine Tour in den Wald machen um noch ein wenig lingon
(Preiselbeeren) zu pflücken. Du weisst schon, diese wertvollen
Beeren, die dich von innen konservieren und jung halten. *s*
Wird bald notwendig..

Ich schicke dies nun ab, denn man hört sicher dass ich hier schreibe.

Ich umarme dich und küsse dich, mein geliebter Mausfreund.
Werde bald wieder ganz gesund.
Marlena

ABB

Ämne: 2. Service
Datum: den 30 augusti 2003 03:55


Liebe Marlena
hast Du bemerkt, wie unser ABBaby in diesen 14 Tagen gewachsen
ist. Ist ja irre. Ich habe jetzt lange nicht mehr in die Kursliste
geschaut. Normalerweise schaue ich morgens rasch via NZZ. Ich
hoffe, der kleine wird nicht adipoes, ich meine auf Deutsch "zu dick".
Das mag ich nicht. Aber normalerweise schnellen die Kurse hinauf
und sinken dann wieder. Das geschieht, soviel ich verstehe, durch die
groessen Haendler, die nicht an der Aktie, sondern nur am Gewinn
interessiert sind. Sie kaufen viel aufs Mal, lassen die Aktie steigen,
und springen dann nach ein paar Prozent wieder ab. Du siehst, es ist
gefaehrlich, die Aktien sosehr als Baby zu personalisieren. Vielleicht
bringst Du es dann nicht im rechten Moment uebers Herz, sie wieder
abzustossen. Waere ja purer Kindsmord.
Aber Du must zugeben, sie sind tuechtig gesprungen in den letzten
Tagen. Und auch die anderen laufen nicht so schlecht.
Morgen werde ich wieder mal in die Zeitung hineinschauen. Ich
habe nur heute rasch von einem grossen Bombenanschlag in Nadjaf
gehoert. Das ist vielleicht der irakische Widerstand, der die Leute gegen
die Amerikaner aufhetzen will? Diese Brutalitaet waere ihm zuzutrauen.
In diesem Durcheinander versteht keiner mehr, was los ist.

Jetzt gehe ich ins Bett. Ich muss meine beginnende Erkaeltung
kurieren. Sonst bin ich bis Sonntag Abend hier zuhause. Das waere
schade.
Ich wuensche Dir einen schoenen Samstag.
Mit lieben gruessen und Kuessen
...

Mittwoch, 17. Februar 2010

30 augusti 01:38

Ämne: guten Morgen
Datum: den 30 augusti 2003 01:38


Liebe Marlena
Jetzt ist der Kurs vorueber und - Du wirst staunen - ich habe ihn
bestanden. Es gibt ein schoenes Zertifikat des Institutes hier in
New York. Allein das ist eine Reise wert. Und wie es nach einem
Kurs so ist, alle sind ein bisschen aufgeweicht und versprechen sich
ewige Liebe und Freundschaft. Na ja, es hatte ein paar nette Leute,
und frueher oder spaeter werde ich mit einigen per Mail Kontakt
aufnehmen. Aber ich kann meinen Adressenkreis nicht beliebig
erweitern. Meine Kapazitaeten kommen langsam an ihre Grenzen.
Der letzte Tag war gefuellt mit Uebungen. Und es ist interessant,
wie man in diese Art von Sprache hineingeraet, die automatisch in
die Trance fuehrt. Natuerlich kann man bei diesen Leuten, die hier
waren, im Moment mit den Fingern schnalzen, und alle sind weg.
Na ja, sie sind nicht weg, sie sind in Trance. Sie sind es so gewohnt.
Aber das aendert sich in den naechsten zwei oder drei Wochen.

Heute habe ich irgendwie eine kleine Erkaeltung. Ich weiss nicht,
woher sie stammt. Gestern war es keineswegs kalt. Es gab ein
MTW Konzert in Rockefeller Center. Und wir haben gesehen, wie
die Saenger eingefahren ist. Du weisst sicherlich, wie das ist. Ich
kann mich erinnern, dass ich sowas erstmals im den 70er Jahren
in England am Fernsehen gesehen habe. Die Stars waren die Beatles
und die Rolling Stones. Soviele junge Leute hatte man vorher in der
Geschichte wohl niemals gesehen Und das Fernsehen zeigte sie in
den Hauptnachrichten, die vielen jungen Maedchen, die kreischten,
ausser sich waren, die Fassung verloren und manchmal ohnmaechtig
hinsanken. Ich erinnere mich, wie sehr ich sprachlos war, und wie
sehr ich auch das Gefuehl hatte, ich gehoere zu dieser Jugend. Es war
schoen damals, jung zu sein. Und es gab eine Aufbruchstimmung
ueber die Musik, die die alten ueberhaupt nicht verstanden. Es war
sozusagen ein Angriff der Jugend von hinten. Aber weil es soviele
Leute gab, konnte man nichts sehen. Auch die einzelnen, die ihre
Digitalkamera in die Hoehe hielten, um im Display etwas zu sehen,
auch das half nichts. So sind wir im Kaufhaus in den 4.Stock gefahren
und haben heruntergeschaut. Da konnte man - von weitem - ein
bisschen was sehen. Dann sind wir ueber Times Square zurueck-
gekehrt. Dort sind die Theater, wo die vielen Musicals laufen.
Aber ich habe mich nicht entschliessen koennen, in ein Musical zu
sitzten. Mit der W bin ich dann zurueckgekehrt und habe noch mein
Pensum geschrieben.
Ich habe gestern auch erstmals ein Sandwich gegessen, Corned Beef
Sandwich, wenn ich mich nicht irre. Das war eine ganze Platte mit
viel Fleisch, oben und unten eine scheue, weisse Brotscheibe, und
dazu French Potatoes. Hatten die Amis nicht beschlossen, die French
Potatoes umzubenennen? Also wenn sie die Dinger umbenennen,
schadet das absolut nichts. Das waren keine Frites, sondern Kartoffel-
streifen von der Konsistenz verkochter Pasti. Weich und lahm waren
sie. Man haette genauso Pellkartoffeln beigeben koennen, das waere
besser gewesen. Aber ich habe mir gesagt, man muss alles probieren,
und so habe ich fast den ganzen Teller gegessen. Eine lange Tranche
saure Gurke war auch noch drauf. Sie war aber nicht sauer, sondern
vor allem salzig. Na ja, es war alles gut gemeint, und ich bin sicher,
jeder normale Theaterbesucher haette diesen Teller in hoechstem
Masse genossen. Ich habe dem Barmann ein gutes Trinkgeld gegeben,
so wie man ueberall in den Touristenfuehrern angewiesen wird. Und
er hatte mich angeschaut, als waere er Europaer. Vielleicht Tscheche
oder sowas?
Es ist schoen, bei diesem milden Klima abends, wenn es dunkel ist, zu
Fuss heimzuschlendern. Im Village ist ohnehin noch viel los. Und man
sieht soviele Dinge. Aber wiederum habe ich meine Tuere verpasst
und bis bis zur 1. Avenue gegangen.

Und heute morgen bin ich via Washington Square zum Kurs
gegangen. Auch dort haben sie ein Gaertchen, fuer die Hunde. Und
schon morgens frueh - natuerlich vor der Arbeit - sitzen sie dort mit
ihren Vierbeinern und lassen sie austoben. Und weiter unten hatte
es Tische mit einem eingearbeiteten Schachbrettmuster. Bereits drei
Typen sassen da, als ob sie dort uebernachtet hatten, hatten schon
die Steine aufgestellt und einer forderte mich in morgenlichem
Uebermut auf, mit ihm eine Partie zu machen. Ich glaube, sie
machen das gegen Bezahlung. Auch vor der Public Library gab es
solche Spieler. Idealerweise melden sich zwei, die spielen wollen.
Wenn nur einer kommt, muessen sie den Sparringpartner abgeben.
Dort oben hatten sie auch Backgammon gespielt. Hier aber war kurz
nach 8h, und kein vernuenftiger Mensch spielt morgens um 8 im
Washington Square auf einem kalten und eher etwas schmutzigen
Steintisch eine Partie Schach. Ausser vielleicht eines dieser
Hoernchen. Die waren schon auf und hatten ihre grosse Zeit. Sie
pfluegen sich wirklich zu Dutzenden durch das Gras. Und auf
einer anderen Grasflaeche hatte ein Schwarm Tauben ihre
Fruehmesse. Sie haten sich getrennt voneinander, die Tiere,
denn sie lieben die Ordnung. Und dann kam ich wieder zu einem
hohen Gitter, dreimal so hoch wie jenes, worin die Hunde spielen.
Das ist fuer die kleinen Kinder. Dort drin wie in einem Raubtierkaefig
stehen die Muetter und sehen zu, wie lange es dauert, bis die kleine
Sally genug geschaukelt hat. Der Boden ist geteert, aber dort, wo die
Kinder meist herumtollen, ist der Teer mit einer Gummimatte
bedeckt. Es sieht einfach komisch aus, die kleinen Kinder hinter
diesen grossen Gittern. Man denkt natuerlich - oder vielleicht denken
wir Europaer so - das Gitter soll uns vor den Kindern schuetzen. In
Wirklichkeit denken die Amerikaner wohl, das Gitter soll die Kinder
vor den Homophilen schuetzen. Ich kann mir keinen anderen Grund
vorstellen. Hier die kleinen Kinder, dort drueben die Hunde. Einziger
Unterschied: beim Hundezwinger gibt es noch eine Schleuse, dh einen
kleinen Vorraum, wohl um dem Tier die Leine umzuhaengen oder zu
loesen. Das ist aufwendig, aber praktisch gedacht. Wenn du also einen
Wunsch hast, in NY, dann waehle Hund und besser nicht Kind zu sein.
Ich ueberquere jeden Tag den Broadway, um zum University Place
zu kommen. Allein das ist ein gutes Gefuehl, obwohl der Broadway
eigentlich hier eine ganz gewoehnliche Strasse ist. Sie ist sogar ein
bisschen enger, hat aber einen gepflegteren Gehsteig.
*
Ich bin gerade unterbrochen worden. Ch. ist mit ihrer japanischen
Freundin gekommen. Japaner, so habe ich festgestellt, sind sehr nett.
Sie machen eine nette Konversation. Das einzige Problem liegt darin,
dass man sie schlecht versteht. Sie haben eine Aussprache, die vom
Englischen wirklich weit entfernt scheint. So muss ich meist vieles
erraten. Aber so genau muss man die Dinge meist auch gar nicht
verstehen. In einem small talk genueben ein paar Stichworte. Darin
aehnelt der Small Talk der Trance.
*
Jetzt muss ich mir rasch ein Alkaseltzer + Cold holen. Ich fuehle,
dass etwas im Anzug ist. Und vielleicht ist es besser vorzubeugen,
bevor es richtig einschlaegt und ich im Flugzeug von einer Stewardess
individuell gepflegt werden muss.

Ich geh mal schnell zum Deli, um ein Alkasetzer zu holen.
Bis spaeter
Gruss

Freitag, 12. Februar 2010

Pilgerreise - New-York

Liebe Marlena
Mir ist ein lustiger Gedanke gekommen. Die Reise nach N.Y. ist für
mich sozusagen eine Pilgerreise. Die meisten Pilger gehen nach
Lourdes, nach Santiago, nach Rom. Das sind Orte der Vergangenheit.
Sehr schön, würde ich auch machen. Ich habe mal eine Pilgerreise nach
Meshed gemacht. Habe ich Dir davon erzählt. Es war ein eindrückliches
Erlebnis, obwohl ich nicht richtig daran glauben wollte. Und nun
möchte ich die Sache so drehen, dass ich eine Pilgerreise in die
Weltstadt des 21. Jahrhunderts mache. Dort hole ich die Inspiration
für meine nächsten Jahre.
...
Die Amis werden bestimmt erstaunt sein, wenn sie den ersten Pilger
kommen sehen! Sie werden bestimmt auf ihren Hockern in den
McDonalds einen Moment mit Kauen stoppen. Ich bin gespannt,
was sie mir zu bieten haben. Im Kurs wird es bestimmt Amis geben.
Und ich werde sie genau beobachten. Und ich werde sogar ein
bisschen mitbekommen, wie sie die Welt erleben, welche Gefühle
sie haben, wie sie mit ihrem Innenleben umgehen. Darauf bin ich
gespannt.

Donnerstag, 11. Februar 2010

Isfahan


Aber ich wollte dir über Isfahan erzählen. Es ist die schönste Stadt,
die ich überhaupt kenne. Sie übertrifft vielleicht sogar Rom, oder
Paris. Nun ja, es ist keine Schwester von ihnen, höchstens eine
Kusine zweiten Grades. Isfahan liegt auf halbem Wege von Teheran
an den Persischen Golf in einem fruchtbaren Tal der Bakhtiari-Berge.
Es ist also von Bergzügen eingefasst, und die Stadt liegt selbst am
Hang. Und wenn man abends mit dem Auto hinauffährt, und
herunterschaut, dann hat man eine schöne Aussicht auf den Fluss,
auf die alten Brücken, und auf die alte Stadt auf der anderen Seite
des Flusses. Isfahan liegt 1575 m. über Meer. Stell dir vor, das ist sehr
hoch. Es hat mehr als 2 Mio Einwohner. Man lebt hier vor allem von
Obst- und Getreideanbau, und vor allem von Kunsthandwerk. Die
ganze Stadt ist voll von diesen Werkstätten, wo sie Metalle bearbeiten,
Malen, Modellieren usw. Überall kann man stehen bleiben und
zuschauen, wie sie vorgehen. In früher Zeit gab es rund um Isfahan
auch Seiden- und Baumwollproduktion. Es gab viele Maulbeerbäume
für die Seidenraupen. Und es gab riesige Taubenschläge, gross wie
mittelalterliche Türme, um den Mist für die Bäume zu bekommen.
Seit alters gibt es in Isfahan ein Judenviertel Ums Jahr 1000 hatte
Isfahan 12 bronzebeschlagene Tore in seinen Stadtmauern, so gross,
dass selbst Elefanten durchmarschieren konnten. ...

Erlebnis in Isfahan


Liebe Marlena
...
Ich hatte mal ein ganz merkwürdiges Erlebnis in Isfahan. Ich hatte
allein den grossen Bazar durchstreift. Und dieser reicht bekanntlich
vom grossen, weltberühmten Platz bis hinunter zur alten Moschee.
Und im Gassengewirr gibt es auf diesem Weg etliche Karawansereien.
Ich hatte mir gedacht, dass ich einige davon entdecken könnte um
dann ein paar Bilder zu schiessen. Schliesslich landete ich aber in
einem grün bewachsenen Garten, in dem einige Mullahs plaudernd
und diskutierend herumstanden. Offenbar war es eine Theologie-
schule, und die Leute hatten offenbar gerade ihre Pause. Ich nutzte
die Gelegenheit, einige Photos zu knipsen und ein bisschen herumzu-
streichen, bis mich einer ansprach. Er zeigte sich sehr begeistert,
mich -einen Fremden zu treffen, und er lud mich ein, dass wir uns
zusammen auf eine Steinbank setzten. Er zog dabei ganz fürsorglich
einen Plastiksack aus seiner Tasche, damit ich darauf sitzen könne
und mir nicht die Hosen schmutzig zu machen brauche. Er sprach
ein einfaches und gebrochenes Englisch. Ich weiss nicht mehr genau,
worüber wir sprachen. Ich gewann allmählich den Eindruck, dass er
vielleicht der Abwart dieser Schule wäre. Manchmal klang er ein
bisschen irr. Schliesslich kam er auf die Regierung und Präsident
Chatami zu sprechen. Er kritisierte sie vage und fragte mich, was
ich denn dazu meinte. Ich erklärte, was ich in solchen Situationen
immer tue, sogar in den USA. Ich erläuterte ihm, dass ich doch hier
im Iran ein Gast wäre, und dass mir ein Urteil in dieser Sache ganz
und gar nicht zustehe. Die Situation wurde mir auch ein bisschen
ungemütlich. Ich befand mich hier in der Höhle des Löwen, und man
weiss, wie fanatisch die einfachen Menschen reagieren können,
wenn sie in einer Gruppe aufgeheizt werden. So verabschiedete ich
mich ziemlich rasch und verzog mich aus diesem 'Kloster'. Ich wusste
ja nicht einmal, ob mein Eindringen in diesen Gebäudekomplex
erlaubt war oder nicht. Kurz und gut, ich verliess den grossen Hof
und befand mich bald wieder im Ameisengewimmel der Bazargasse.
Und nach einiger Zeit, ich hatte mich schon weit von dieser
Theologischen Schule entfernt, sprach mich ein eher junger Typ an
und sagte, er hätte mich beobachtet, wie ich in dieser Schule war,
und er wollte wissen, wer ich sei und was ich dort gesucht habe. Ich
war mir nicht sicher, was der junge Typ wollte. War er ein Schnüffler?
Wollte er Kontakt mit einem Westler aus politischen Gründen? Oder
war er einfach interessiert an einem Gespräch mit einem Fremden,
wie man das im Iran so oft antrifft. Immerhin war ich erstaunt, wie
sehr man unter sovielen Leuten, in einem solchen Gedränge, das man
sich hier kaum vorstellen kann, wie man also mit scharfen Augen
beobachtet wird.
...

Flug nach Teheran

Liebe Marlena
Ich wollte dir heute abend ein bisschen von Persien erzählen. Langsam
muss ich mich ja doch geistig darauf vorbereiten.
Es ist so merkwürdig. Als wir vor ein paar Jahren via Amsterdam mit
der Dutch Airline flogen, war alles bestens. Du steigst ein und es ist
wie ein Flug von Zürich nach Istambul oder so. Natürlich hats ein
bisschen viele Männer mit schwarzem Haar und dunkeln Schnäuzen.
Klar, hat es vielleicht eine überdurchschnittlich hohen Prozentsatz
an ausdrucksstarken Frauen mit grossen schönen Augen, eleganter
Kleidung und dunkelm Teint. Aber sonst ist nichts anders. Die
blonden Stewardesses der holländischen Fluggesellschaft heben
sich stark davon ab. Aber je näher man im Flug Teheran kommt,
desto häufiger verschwindet eine Dame nach der anderen im WC
und kommt mit dunkler Kleidung und einem schwarzen Kopftuch
wieder heraus. Es wird dunkler und dunkler im Flugzeug. Das ist
sehr merkwürdig. Und du merkst sozusagen kilometerweise, wie
du dich Teheran näherst. Der Flughafen dann middle-east-chaos,
eine Hitze, ein Durcheinander, riesige Schlangen, die überhaupt
nicht vorwärts kommen, von Kundenfreundlichkeit der Beamten
keine Rede, ich meine, sie sind höflich, aber es ist nichts organisiert.
Man hat den Eindruck, sie tun ihre Arbeit heute zum ersten Mal.
Und womöglich wollen sie noch alles anschauen und kehren das
unterste zuoberst. Sie fühlen sich auch nicht verpflichtet, das alles
wieder einzuräumen. Das überlassen sie in nobler Zurückhaltung
dir selbst. Man könnte kochen. Man hat den Eindruck, sie haben
keine Ahnung von der Welt, absolut keine. Sie fühlen sich hier im
Nabel und wohl auf dem Schoss Allahs.
...