Freitag, 8. Mai 2026

Der Brief von Albert Camus

 



in English:

Dear Monsieur Germain,
I let the commotion around me these days subside a bit before speaking to you from the bottom of my heart. I have just been given far too great an honour, one I neither sought nor solicited.
But when I heard the news, my first thought, after my mother, was of you. Without you, without the affectionate hand you extended to the small poor child that I was, without your teaching and example, none of all this would have happened.
I don’t make too much of this sort of honour. But at least it gives me the opportunity to tell you what you have been and still are for me, and to assure you that your efforts, your work, and the generous heart you put into it still live in one of your little schoolboys who, despite the years, has never stopped being your grateful pupil. I embrace you with all my heart.
Albert Camus


et en français  

Cher Monsieur Germain,

J’ai laissé s’éteindre un peu le bruit qui m’a entouré tous ces jours-ci avant de venir vous parler un peu de tout mon cœur. On vient de me faire un bien trop grand honneur, que je n’ai ni recherché ni sollicité. Mais quand j’ai appris la nouvelle, ma première pensée, après ma mère, a été pour vous. Sans vous, sans cette main affectueuse que vous avez tendue au petit enfant pauvre que j’étais, sans votre enseignement, et votre exemple, rien de tout cela ne serait arrivé. Je ne me fais pas un monde de cette sorte d’honneur mais celui-là est du moins une occasion pour vous dire ce que vous avez été, et êtes toujours pour moi, et pour vous assurer que vos efforts, votre travail et le cœur généreux que vous y mettiez sont toujours vivants chez un de vos petits écoliers qui, malgré l’âge, n’a pas cessé d’être votre reconnaissant élève.

Je vous embrasse, de toutes mes forces.

Albert Camus 

 

Montag, 4. Mai 2026

Frage - ein Brief


Liebe Marlena
Hier habe ich einen Brief kopiert. Kannst du herausfinden, von wem er stammt? Ich glaube, du kannst das schon erraten. Er war Nobel-Preisträger. Und nachdem er den Preis erhalten hat, hat er diesen Brief an seinen alten Lehrer der Grundschule geschrieben. Das ist eine wirklich rührende Situation, und gelegentlich und gerne zitiere ich ihn, um zu zeigen, wie sehr Lehrer das Leben ihrer jungen Menschen prägen können. Lehrer-Arbeit ist Zukunft-Arbeit. Die Schule ist eine Zukunfts-Fabrik. Das ist meine Wort-Erfindung und ich habe hier in der Schweiz praktisch das copy-right. Du kannst es dir für Schweden sichern, Marlena ;----) Ich schenke es dir. Ich finde, es ist ein Ausdruck, der viele Leute verblüfft und gleichzeitig die Bedeutung der Schule darstellt.

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19. November 1957
Lieber Herr G.
Ich habe den Lärm sich etwas legen lassen, der in diesen Tagen um mich war, ehe ich mich ganz herzlich an Sie wende. Man hat mir eine viel zu grosse Ehre erwiesen, die ich weder erstrebt noch erbeten habe. Doch als ich die Nachricht erhielt, galt mein erster Gedanke, nach meiner Mutter, Ihnen. Ohne Sie, ohne Ihre liebevolle Hand, die Sie dem armen kleinen Kind, das ich war, gereicht haben, ohne Ihre Unterweisung und Ihr Beispiel wäre nichts von alldem geschehen.
Ich mache um diese Art Ehrung nicht viel Aufhebens. Aber diese ist zumindest eine Gelegenheit, Ihnen zu sagen, was Sie für mich waren und noch immer sind, und um Ihnen zu versichern, dass Ihre Mühen die Arbeit und Grossherzigkeit, die Sie eingesetzt haben, immer lebendig sind bei einem Ihrer kleinen Zöglinge, der trotz seines Alters nicht aufgehört hat, Ihr dankbarer Schüler zu sein. Ich umarme Sie von ganzem Herzen.

Signatur

Samstag, 2. Mai 2026

Interessantes Thema?

 

Liebe Marlena

...

Ich war rasch im Städtli, wie wir sagen, und dabei habe ich meinen Chef getroffen. Wir begegnen uns wie eher flüchtig Bekannte. Er grüsst freundlich, nicht mehr, ich auch, nicht mehr. Wir hatten beide einen grossen Hut auf, er einen schnittigen und geformten, ich so eher eine existenzialistische Filzbeule. Aber wir haben beide den Hut nicht abgenommen beim Gruss. Ich habe wenigstens die Hand gehoben, weil ich dachte, ich müsste doch irgendwie ... die Kopfbedeckung lüften. So einen lauen Hitlergruss habe ich gemacht. Nein, es ist nicht die richtige Bezeichnung, aber Du weißt jetzt vielleicht, was ich meine. Er hat sein schnittiges Möbel auf dem Kopf nicht bewegt. Und ich habe mir gedacht, wie man denn einen solchen Hut tragen kann, wenn man nicht mit ihm umzugehen weiss.

*

Doch das ist kein interessantes Thema.

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Re:

Lieber ... ,


Freitag, 1. Mai 2026

Freitag Abend

 

Liebe Marlena

Freitag Abend, der Höhepunkt der Woche, wenn man es leicht nehmen will. Am Fernsehen diskutieren die Schweizer Parlamentarier ...  Sie wiederholen zumeist Gedanken, die man schon x-mal gehört hat. Sie kochen schwer mit Wasser, unsere Politiker. Und die ganze Sache ist eigentlich längst gelaufen, es geht nur noch darum, die Sache mit Worten zu garnieren. Dazu waren Politiker seit der Antike prädestiniert.

*

Ich lasse also meinen Geist schweifen, um ihn ein bisschen ruhen zu lassen. Du vergibst mir? Durch das Glas der Kommode sehe ich im Moment nicht auf den Fernseher, sondern hinüber zum Flügel, auf dem zwei kleine weisse Figuren stehen. Es sind Porträtbüsten von meinen kleinen zwei Töchtern, die ich vor vielleicht 10 Jahren mit Ton modelliert habe. Ich war immer sehr stolz darauf. Ich habe sie mit weisser Malerfarbe angemalt, so dass sie aussehen wie Porzellan. Nun ja, nicht gerade Porzellan, der würde ja glänzen. Aber immerhin weiss, wenn auch matt. Die B. trägt eine Casquette, etwas schräg aufgesetzt, was sehr kokett aussieht. Und A.hatte immer eine Haarlocke schräg beinahe in ihre Augen hinein. Das wirkte absolut naturwüchsig und lässig. S möchte die beiden Statuetten in Metall giessen lassen. Aber ich glaube, sie sind nicht genügend professionell gemacht, um soviel Geld zu investieren. Aber sie sind eine hübsche Erinnerung an die Zeit, als die Mädchen noch rundum süss und anhänglich waren. War eine tolle Zeit und manchmal sehne ich mich danach zurück. Ich erinnere mich der kleinen Händchen in meiner Hand, wenn wir zusammen in L ins Städtchen gingen. B hatte eine sehr rundliche Hand, mit etwas stumpfen Fingern, die sie nicht schonte, sondern mit denen sie schonungslos die Welt erkundete. Und A's Hände waren viel dünner, die Finger lange. Sie kam mit den Dingen niemals so intensiv in Kontakt wie ihre kleinere Schwester. Wenn A mit zwei Fingern zupft, dann langt B richtig zu.
Und dahinter stehen einige Silberobjekte aus dem Tibet, zwei Butterlampen und eine wunderschöne Kanne. Letztere sieht fast Chinesisch aus. Die Verzierungen sind reich, zeigen einen Drachen als Handgriff, und der Mund vorne ist auch ein Tierkopf, ich würde sagen ein ähnliches Ungeheuer. Die tierischen Formen gehen fliessend in organische über. Und der Deckel ist reich verziert ebenso mit organischen Mustern. Sie ist wirklich sehr schön, diese Kanne. Und ich frage mich, ob wir nicht die Hausratversicherung erhöhen müssten!

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Morgen ist, soviel ich weiss, schönes Wetter angesagt. Allerdings muss ich noch meine Sitzung vom Montag vorbereiten. Ich hatte heute Nachmittag nicht mehr die Energie, das zu tun. Am Morgen hatten wir die Sitzung auf der Direktion. Da gab es einige Neuigkeiten, wenn auch nicht zuviele. Und nachmittags war dann reserviert für leichtere Büroarbeit. Die Zeit geht so viel zu schnell, und natürlich konnte ich nicht wirklich alles zu Ende bringen.

Weißt Du, was ich feststelle. Ich habe nie in meinem Leben gelernt, mich mit der Arbeit nach der Zeit zu richten. Niemals habe ich mir vor einer Arbeit vorgenommen, in dieser oder jener Zeit dieses oder jenes zu tun. Nicht mal für grose Examen habe ich das wirklich gemacht. Ich habe immer bloss die Zeit grob geschätzt, wenn es absolut unumgänglich war. Aber sonst hat mich die Zeit nicht interessiert. So habe ich wohl endlos Zeit verschwendet in meinem Leben. Und ich hatte wirklich auch lange Zeit den Eindruck, die mir zur Verfügung stehende Zeit sei unendlich.

Das ist falsch. Nur die Knappheit führt zur Gestaltung, nur der Mangel führt zur Erfindung, zu Innovation, vielleicht zur Kunst. Habe ich sehr spät bemerkt in meinem Leben.

Erst in diesen Jahren, da sie alles in Geld umrechnen, sehe ich mich genötigt, meine Zeit einzuteilen. Sie haben mich in der Tat aus dem Paradies vertrieben.

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Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende mit Deiner Familie

Mit lieben Grüssen
...

Varlin

  


Liebe Marlena

Gestern Abend habe ich im Fernsehen einen Film über Varlin gesehen. Das ist einer meiner lieben Maler, ein Schweizer aus Zürich. Ich habe Dir schon mal von meinem Varlin erzählt. Er hatte mit bürgerlichem Namen eigentlich Willy Guggenheim geheissen. Doch sein Händler hat ihm geraten, sich ein Pseudonym zuzulegen, denn Guggenheim werde zu sehr mit Geld und amerikanischem Judentum in Verbindung gebracht. Das war ein schöner Film. Ich habe erstmals seine Tochter Patricia gesehen, die er noch oft gemalt hatte als kleines, rundliches Monster, einmal hoch zu Ross auf einem weissen Karussel-Pferd thronend. Sie ist eine bescheidene Frau, gleicht ihrer Mutter, und hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Nachlass ihres Vaters zu verwalten. Deshalb hat sie Kunstgeschichte studiert.
Aber dieser Varlin war bis etwa 60 jährig fast ohne finanzielle Mittel. Er hat in seinen letzten Jahren Erfolg gehabt und viele Berühmtheiten porträtiert. Aber das war wirklich erst, als er nicht mehr jung war. Und doch hat er sein Leben lang hart an seinen Bildern gearbeitet, immer wieder. Es war eine Art Sisyphus-Arbeit. Und er hat diese Vergeblichkeit auch irgendwie in den Bildern zum Ausdruck gebracht. Er war einer der letzten romantischen Künstlernaturen in der Schweiz. Die heutigen Maler sind nicht mehr romantisch. Sie machen ihre Bilder wie business. Er hat noch seine ganze Existenz hineingeworfen.
Ich hätte immer gerne ein Bild von Varlin gehabt. Aber damals, vor etwa 30 Jahren, als in Aarau die grosse Ausstellung war, da hatte ich bloss meinen ersten Lohn. Und ein Bild wäre etwa drei Monatssaläre gewesen. Das konnte ich damals nun doch nicht. Schade.
Varlin hat ja mit ungefähr 60 eine Frau aus den Bergen geheiratet, die junge Franca aus Bondo im Bergell. Und schliesslich ist er mit ihr dort hinauf gegangen und ist dort oben, abseits von Zürich und der Welt, gestorben. Die grossen wie Dürrenmatt, Frisch oder Loetscher haben ihn dort oben besucht. Seine Tochter hat im Film erzählt, dass er das Leben im Dorf sehr genossen habe, obwohl es ihm keiner zugetraut hätte, denn nach Berlin, nach Paris und nach Zürich war Bondo wohl ein absolut verlorenes Nest.
Und sie hat noch etwas sehr schönes über ihren Vater gesagt. Sie meinte, sie hätte ihn nie als alten Vater erlebt. Er war um die 60, als sie geboren wurde. Aber er habe mit ihr gespielt und Blödsinn gemacht, wie alle anderen Väter. Und er habe später, als er krank war, nie etwas davon gezeigt. Irgendwie war er ein Lebenskünstler. Hat sich sein Leben lang darum bemüht, gute Bilder zu machen. Und war lange Zeit der einzige, der sie als gut befunden hat. Nein, nicht einmal das. Er konnte auf kleinste Kritiken reagieren und seine Bilder wieder ändern. Er hat auf Unsicherheit gebaut, hat Loetscher im Film gesagt.

...


Re:

Lieber ...,
Ich habe ein wenig im Internet herumgesucht und schau hier, was ich gefunden habe. Von diesem Film hast du mir doch gerade erzählt, oder?
...

Varlin

Varlin, der Clown, Varlin, der zornige Kerl, Varlin der Querschläger. Varlin, der Vagabund, der es mit knapp zwanzig Jahren nicht mehr aushält in der Schweiz, der nach Berlin und Paris geht, um Maler zu werden, später dann lange Jahre in Zürich lebt und arbeitet, ohne sich zugehörig zu fühlen. Varlin, der im Alter erst zur Ruhe und aus den finanziellen Nöten kommt. In VARLIN porträtiert Friedrich Kappeler, der sich mit Dokumentarfilmen wie «Der schöne Augenblick», «Adolf Dietrich, Kunstmaler» und «Gerhard Meier Die Ballade vom Schreiben» den Ruf eines begnadeten Dokumentar-Porträtisten holte, den Schweizer Maler, dessen Bilder von zurückgehaltener Energie bisweilen zu zerplatzen scheinen. Die gutbürgerlich geprägte Schweizer Kunstszene kann zu Lebzeiten des Künstlers mit dem figurativ malenden Juden, der zudem noch freche Sprüche klopft, nicht viel anfangen. Freunde findet er vor allem unter Aussenseitern und Schriftstellern. In den Nachkriegsjahren macht sich Varlin, stets malend, auf ausgedehnte Reisen. Der Zürcher Szene immer überdrüssiger werdend, wird nach seiner Heirat mit Franca Giovanoli das Dorf Bondo im bündnerischen Bergell zum bevorzugten Wohnsitz. Hier schafft Varlin von 1963-1977 sein qualitativ und quantitativ herausragendes Spätwerk.

In seinem Film VARLIN lässt Regisseur Friedrich Kappeler den 1900 geborenen und 1977 verstorbenen Maler in Begegnungen mit dessen Bekannten und Verwandten, in seinen Bildern und Schriften wieder zu Wort kommen. Und was man da nebst bekannten Werken wie «Die Heilsarmee» und den Porträts von Hulda Zumsteg, Max Frisch, Hugo Loetscher oder Friedrich Dürrenmatt entdeckt, ist ein Mann voller Widersprüche. Ein mutiger und scharf denkender Künstler einerseits, ein unsicherer und verletzlicher Gefühlsmensch andererseits ein Maler, der mit Pinsel und Farbe die Pracht von Alltagsgegenständen, aber auch die Brüchigkeit der menschlichen Existenz einfing.

*

In Dürrenmatts unmittelbarer künstlerischer Nähe gab es eine prominente Inspirationsfigur, die ihn in seinen eigenen dunklen Visionen bestärkte: der Künstlerfreund Varlin, dessen böse Bilder und Abbilder der Gesellschaft (so z. B. "Die Völlerei" und "Die Heilsarmee") zweifelsfrei ihre - schwarzen - Spuren in Dürrenmatts Malerei hinterliessen.


 
Die Völlerei

 
Dürrenmatt lernte Willy Guggenheim, genannt Varlin, 1961 in der Zürcher "Kronenhalle" kennen und blieb ihm bis zu dessen Tod 1977 freundschaftlich verbunden. Künstlerisch verkörperte Varlin für ihn den Typus des hartnäckig um und mit Realität ringenden figurativen Malers, der die Welt so (finster) sah, wie er sie porträtierte. Nicht weniger wichtig war für Dürrenmatt die Art und Weise der materiellen Realisation der Varlinschen Porträts und Geschichten auf dem Bildträger: wilde, zuweilen pastos-zerklüftete, zuweilen weiche, flächige Bildhäute; beschränkte Tonvariationen, dominiert von Schwarz, das seinen Schatten auch auf alle anderen Farben wirft - alles in allem die totale Absage an jegliche Ästhetik und Vollkommenheit.

Varlins Malerbrief aus Neapel aus dem Jahr 1963 beginnt mit einer Hymne auf die Farbe Schwarz als Zeichen für moderne, ungeschminkte Wirklichkeit:

"Schwarz, diese noble Farbe, die schon seit Plato Erkennen und Vergessen bedeutet, wurde von den modernen Malern in Reaktion auf sinnlich verlogene bourgeoise Farbensymphonien zur führenden Farbe erhoben. Ganz Kühne vermischen auf unpräparierten Kohlensäcken mit der Farbe noch Schutt und Dreck. Wundert man sich da, dass ausländische Maler im patinalosen Zürich nur zum Inkasso erscheinen und nach ein paar Gesprächen in der "Kronenhalle" sofort wieder verschwinden?"

 

 

Donnerstag, 30. April 2026

Uppsala - anno dazumal




Ämne: Rückblick..

Lieber ...,
Hier passiert nicht so viel im Moment (sonst ja eigentlich auch nicht ). Aber da mir im Augenblick nichts anderes einfällt, werde ich versuchen, dir ein wenig von meiner Zeit in Uppsala zu erzählen.

Uppsala ist die Universitätsstadt par préférence und ich hatte das grosse Glück, dass meine Eltern gerade im richtigen Moment dorthin zogen. Ich hatte im Frühjahr das Abitur gemacht und war eigentlich noch nicht ganz sicher, was ich studieren wollte. Ein wenig dachte ich an eine Dolmetscherschule in der Schweiz. Ja, du hast richtig gehört :-) Aber da ich mich nun mitten im akademischen Zentrum von Schweden befand, war es natürlich, dass ich dort anfing zu studieren.

Uppsala ist eine kleine gemütliche Stadt ungefähr eine Stunde von Stockholm. Das Zentrum ist ziemlich klein, nur zwei sich kreuzende Strassen und mittendurch fliesst ein kleiner Bach (Fluss?). Es sieht ein wenig altertümlich aus und romantisch. Die dominierenden Gebäude sind der Dom (siehe Bild), die schöne Universität, das grosse Schloss und die Universitätsbibliothek "Carolina Rediviva" wo man die Silberbibel, den "Codex Argenteus" findet (nach dem 30-jährigen Krieg von den grausamen Schweden von Prag als Beute heimgeführt ). Man sagt oft aus Spass: Alles Sehenswerte, was es bei uns gibt, ist gestohlen. ;-)

Wie du schon weißt wohnten wir zuerst in einer Mietwohnung ein paar Kilometer vom Zentrum. Es war bequem, aber auch etwas schwierig, weil wir ja unsere beiden Katzen mitgebracht hatten. Es gab mehrere Hochhäuser ganz in der Nähe, in denen viele Studentenwohnungen eingeräumt waren, aber unser Haus grenzte an ein Villenviertel mit schönen Gärten. So konnte ich von meinem Schreibtisch aus die Natur betrachten und die Jahreszeiten verfolgen.Wir hatten unsere Freunde in Stockholm mit Umgebung zurückgelassen, aber es dauerte nicht lange, bevor Tante sowohl wie Onkel (meine Eltern) wieder neue Freunde gefunden hatten, und wie es sich eben gehörte, originelle oder vornehme, manchmal sogar beides in derselben Person.

Als "gute" Katholiken gingen wir Sonntags in die Messe, in eine kleine Kapelle, die immer voll besetzt war. Es war wohl mehr ein soziales Verhalten als Religion, obwohl meine Eltern das nie zugegeben hätten. Nach der Messe stand man ziemlich lange vor der Kirche und unterhielt sich mit den anderen Kirchenbesuchern. Ich sehe sie noch vor mir, meine liebe Tante. Gross und elegant schien sie irgendwie der Mittelpunkt zu sein. Es war fast wie eine grosse Familie. Und natürlich liess mein Onkel seinen Charme auch über die Nonnen fliessen. ;-) Ein paar Patres und Nonnen waren auch immer dabei. Sie wohnten alle im selben Haus und die Nonnen führten den Patern den Haushalt. Ich musste meine Vorstellung von Nonnen damals sehr revidieren. Sie schweben nicht in den Wolken (wie ich geglaubt hatte), sondern stehen alle fest mit den Beinen auf der Erde.

Dadurch dass ich zu Hause wohnen konnte, war ich nicht so sehr auf die anderen angewiesen. Ich hatte bald ein paar neue Freunde unter den anderen Studenten, aber vor allem in der Gruppe von katholischen Akademikern. Sie waren sehr verschieden. Manche wie ich, manche warm religiös und dann noch die Konvertiten, die mir immer ein wenig überspannt vorkamen, weil sie alles so ernst nahmen. Ich war dann auch Sekretärin im katholischen Akademikerverein (AC) und wir arrangierten Vorträge, Veranstaltungen und Feste. Ausserdem hatten wir jeden Sonntagabend "Open House" für die Studenten. Man diskutierte viel über Gott und die Welt (meist über die Welt) und vielleicht kamen einige doch mehr wegen der schönen Mädchen ... Kurz gesagt, wir amüsierten uns köstlich. Und alles unter klerikaler Aufsicht ;-)

Dann hatte ich eine Freundin, die etwas speziell war. Ich glaube, sie war so 26 (ein schrecklich hohes Alter in meinen Augen) und mit einem bedeutend älteren Professor in Geschichte an der Uni verheiratet. Nach den Vorlesungen brachte sie mich ab und zu in ihrem Auto nach Hause und wir wurden gute Freunde. Sie war schön und fröhlich, aber sie kam mir etwas einsam vor und ich glaube, sie muss sich gelangweilt haben. Manchmal war ich zu "Damentreffen" (?) bei ihr eingeladen und ich sag dir, so langweilige Typen wie es da gab, habe ich später im Leben kaum gesehen. Schöner waren die grossen Feste, zu denen sie mich einlud. Sie fanden meist in dem Festsaal einer Studentennation statt mit hunderten von prominenten Gästen. Professoren, Regierungsmitglieder und dergleichen und dann wir junge Studenten, die wohl ihretwegen eingeladen waren. Es war ein komisches Gefühl, mit einem wilden Aussenminister zu tanzen oder sich mit einem Professor, dessen blosser Namen jedem Studenten Schreck einflösste, über Kellereinbrüche zu unterhalten. :-)

Eine andere Freundin war Pianistin und manchmal gingen wir zusammen mit einem jungen werdenden Opernsänger in eine Nation. Sie setzte sich an den Flügel und begleitete ihn, während er Schubertlieder oder irgendeine Arie sang. Ich war das begeisterte Publikum.
Ach, es war wirklich schön.

Und vielleicht muss ich dir auch von Peter erzählen. Er war Mathematikstudent und wohnte bei einer alten (uralten!) Majorin. Er gab oft schöne Feste bei sich zu Hause. Bei solchen Gelegenheiten durfte er ihren grossen schönen Salon verwenden. Die Mädchen beklagten sich, dass sie ihn nie am Telefon erreichen konnten, weil die Majorin immer sagte, er sei nicht zu Hause. Aber wenn sie sagten, sie seien Marlena, holte sie ihn sofort ans Telefon. Er bekam ständig Anrufe von Marlena, aber nie von mir. :-) Du hattest recht. Ich war ein "Schwiegermuttertraum" ;-)

Damals gab es noch keinen Computer, aber die Schneckenpost funktionierte ausgezeichnet.
Doch darüber ein anderes Mal.
Ich muss zurück in die Gegenwart.
KKK
Marlena

PS Danke für das gute Frühstück.. ich habe es sehr genossen.

Happy Birthday!

 

Heute feiern wir auch unseren 

König Carl Gustaf 


beliebt von gross und klein


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