Montag, 13. Oktober 2025

Mein Vollmondblues

  

Date: Wed, 17 May 14:54

Liebste Marlena

Du bist eine echte Lehrerin. Du bist kommunikativ sehr bewusst und kontrolliert. Du weißt, worüber du sprechen sollst und worüber sich besser schweigen lässt. Dessen muss man sich im Unterricht wohl immer ziemlich genau bewusst sein. Man kann nicht halbwegs über etwas sprechen und dann die Diskussion wieder abbrechen. Ich glaube, du hast darin die weit klarere Linie als ich sie habe. Ich bin gewohnt, private Gespräche zu machen. Da gibt es viele Zwischentöne und angefangene Sätze und Versprecher und Fragezeichen. Da macht man Kurven und Schlingen und Stops. Zwei oder drei Personen sind leicht zu steuern. Aber eine ganze Klasse, das ist wie ein Hochseedampfer; der hat einen sehr langen Bremsweg. Man muss weit in die Ferne sehen und wie ein Kapitän vorausdenken und mit feiner Hand steuern.

Und du bist Oberstudienrätin, das habe ich indirekt von dir vernommen! Das hast du mir anfangs nicht gesagt, du hast bloss Studienrätin gesagt. Ist das vor allem eine Frage der Erfahrung, wann man von der Studienrätin zur Oberstudienrätin avanciert? Oder muss man dazu vom Vorgesetzten vorgeschlagen werden? Meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind lohnmässig gleich gestellt wie Studienräte, dh. wie Gymnasiallehrkräfte. Ich selbst und meine zwei Leiter sind ein bisschen höher angesetzt, so dass sich unsere grossen Sorgen auch ein bisschen auszahlen.

Und noch etwas würde mich aus deiner Schule sehr interessieren. (ich muss ja wohl ein paar Fragen zur Schule stellen, wenn ich später behaupten werde, ich hätte in der Arbeitszeit mit einer schwedischen Schule Fachgespräche geführt). Ich behaupte immer wieder, wir hätten in der Schweiz die besten Schulen der Welt! Ich behaupte das einfach in die blaue Luft hinaus, weil hier in der Schweiz die Schule von allen Seiten kritisiert wird. Jeder meint, er könnte es besser machen. Ich bin auch der Meinung, dass man vieles besser oder anders machen könnte. Aber man muss sich immer bewusst sein, in welcher sportlichen Liga man diskutiert. Und wir sind in der Liga der Weltspitze. Und Schweden ist es sicherlich auch. Meine Tochter  A. war in Spanien - Andalusien, in Ungarn und in Südamerika zur Schule gegangen. Und wenn ich mir das anhöre, wie Schule dort funktioniert, dann muss ich sagen, wir sind meilenweit davon entfernt. Ungarische Schüler sind zwar sehr fleissig. Sie lernen aber auch noch viel auswendig, wie sie erzählt hat. Und die spanisch sprechenden Schulen sind mit den unseren kaum zu vergleichen.

Seid ihr im Schulsystem ähnlich wie Deutschland, oder England, oder Amerika? Wie läuft es bei euch in Schweden, Marlena? Habt ihr einen grossen Prozentsatz pro Jahrgang, der ins Gymnasium übertritt? In der Schweiz sind es wenige, ich glaube bei 15 -20%, bin aber nicht sicher. Und es gibt Stimmen, die laut behaupten, dass die zukünftige Dienstleistungsgesellschaft mehr AkademikerInnen brauchen wird.

Was ist die Stärke des Schwedischen Bildungssystems? Habt ihr auch das duale System der Lehre, der praktischen Berufsbildung, dh. Schule einerseits, praktische Arbeit andererseits?

Du hast mir gesagt, dass euer König ein Legastheniker sei. Habt ihr spezielle Therapien in der Schule für Kinder mit legasthenischen Problemen? Gibt es am Gymnasium auch Legastheniker, so dass ihr zum Beispiel dann die Noten in der Rechtschreibung weniger gewichten würdet?

Es sind viele Fragen, Marlena. Ich habe sie gestellt, damit ich behaupten kann, ich hätte sie gestellt. Wenn du keine Lust hast, sie zu beantworten, dann sag mir was Liebes. Das höre ich noch viel lieber von dir als irgend etwas anderes!

Und hast du mir nicht vor 400 Jahren versprochen, du würdest mir von deinem Studium in Uppsala erzählen, hast du das nicht?

*

Zur Tatsache, dass man in Rom auf seine Handtasche sehr acht geben muss, habe ich einen kleinen Witz.

Drei Piloten diskutieren, wie man in Europa bei Nebel am besten landen kann. Der Pilot der British Airways sagt: "Well boys, landing in London ist very easy, even when it is foggy. Du fliegst immer straight on. Und wenn du den Big Ben hörst, du stichst down and there you are!". Da kommt der quirlige Franzose von der Air France: "Et pour arriver à Paris, das is facile, mon dieu, très facile, du älst das main gauche hmm den linghe And, , aus dem Coquepite, und wenn tu sens das Tour Eiffel, dann du bist à Paris, définitivement!" Und zum Schluss kommt dann noch Giovanni, der Kleine von der Alitalia: "Allora amici, in Roma zu landen e molto facile, tu älstä il mano sinistra, die linke Andä aus das Cockpitä und wenn die Uhrä ist wegä, Madonna mia, è certo, du bisä a Roma.

*

Ich bin einfach ziemlich blue, wenn du weißt, was ich meine. Ich bin über Mittag rasch im Städtchen gewesen, um frische Luft zu schnappen. Normalerweise bleibe ich im Büro. Ich muss versuchen, mich abzulenken. Es ist richtig, was du sagst. Stell dir vor, wo wir angefangen haben! Du bist die Champs Élysées auf der rechten Strassenseite hinaufspaziert und ich auf der linken Seite hinunter. Und in der Hälfte haben wir uns kurz gesehen, flüchtig und nur zwischen anderen Menschen. So was von unschuldig! Und heute? Deine Küsse sind so süss. Ich darf sie mir nur in Schwarz-Weiss und mit Untertiteln vorstellen! Keinesfalls farbig und keinesfalls synchronisiert. Das wäre zu lebensecht und zu intensiv!   
...
Ach, es gibt soviele Frauen hier in der Schweiz, blonde, blauäugige, schöne blasse Wesen. Ich weiss bloss nicht, warum wir es uns so schwer machen müssen? Wieso so weit, Marlena, kannst du mir das sagen? Wie überhaupt kommst du dazu, im ST herumzuwandern, zu flanieren, und noch dazu im all zu plaudern? Du könntest dich doch in Deutschland umschauen, oder in Frankreich? Warum in aller Welt gerade in der Schweiz? Und dann diese Liebesgedichte Rilkes und und all die schwersüssen Zeilen! Ach, Marlena, sag nicht ich hätte dich verführt! Ich hab mir nichts weiter vorgestellt als einen kleinen Chat. Nichts Weitergehendes. Ich habe mir unter Marlena auch nicht so ein Wesen gedacht, wie du jetzt hervorgetreten bist, aus der Schaumkrone, wie Venus bei Botticelli. Wie konnte ich wissen, dass sich ein Mensch wie du im ST herumtreibt?

Du siehst, ich bin wirklich blue und ein bisschen bekloppt! Ich schreibe auch ziemlich ironisch, das merkst du sicher. Ich möchte nicht, dass du das ernst nimmst und persönlich. Es ist ironische gemeint. Du kannst es gleich abtropfen lassen.

*
Gerade lese ich einen Artikel, dass die Zeit der IRONIE vorbei sei. Soll ich ein bisschen ausholen? Das lenkt uns vielleicht ab.  ...

Die Zeit der Ironie

 

Peter Handke  

...einer der wenigen Anti-Ironiker, 2019 mit dem Nobelpreis  ausgezeichnet

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Gerade lese ich einen Artikel, dass die Zeit der IRONIE vorbei sei. Soll ich ein bisschen ausholen? Das lenkt uns vielleicht ab.

Ironie und Moderne gehören zusammen. Sie sind ein Zwillingspaar. Es gibt im 20. Jahrhundert kaum einen Schriftsteller von Rang, der sich als unironisch bezeichnen liesse. Das vergangene Jahrhundert hat bombastische, hybride und teilweise verheerende Weltveränderungen gebracht. Aber im Geistigen war es in einer diametral entgegengesetzten Tonart. Es war ein Zeitalter der Verstellung, der Untertreibung, der Verkleinerung, kurz: der Ironie. Den programmatischen Auftakt bildete 1903 die Novelle von Thomas Mann "Tonio Kröger". Für das Adjektiv unironisch findet der junge Autor ein ganzes Arsenal von Synonymen: pathetisch, sentimental, schwerfällig, täppisch-ernst, unbeherrscht, ungewürzt, langweilig, banal. Er nennt 9 Ausdrücke für das Unironische, und das Unironische selbst steht in der Mitte zwischen unbeherrscht und ungewürzt. Die Kette ist aufgebaut nach einer Art Antiklimax, vom Pathetischen herabstürzend zum Banalen.

Aber das Ironische war schon zu Manns Zeiten ein alter Hut, gut hundert Jahre alt. Und bei Tonio Kröger fehlt der Begriff "unmodern". Denn Moderne und Ironie gehören zusammen. Ironie ist nach der Französischen Revolution in Mode gekommen. Sie war als methodisches Instrument und geistige Haltung natürlich viel älter. Wurzeln gehen zurück bis Sokrates, Cervantes, Diderot, Sterne und vielen anderen. Aber erst mit der Wende zum 19. Jahrhundert wurde Ironie zur privilegierten und beliebten Ausdrucksform der Elite. Es gab auch Skeptiker. Nietzsche meint, sie verderbe den Charakter, sie gleiche einem bissigen Hund, "der noch das Lachen gelernt hat, ausser dem Beissen". Und Kiergegaard nennt sie ein "Niezuendekommen in negativer Freieit" ein "Herumirren im Nichts". Kundera nennt den Roman als die ironische Kunst schlechthin. Und er Zitiert Sciascia: "Nichts, was schwieriger zu verstehen wäre, nichts, was weniger zu entziffern ist als Ironie". Doch jeder monderne roman zeichnet sich aus durch seine "ihm wesensgemässe Ironie". Das ist die offizielle Lesart der klassischen Moderne, von Mann über Kafka, Musil, Broch bis zu Green, Brodkey. Es ist eine Cheflinie, eine Geisteshaltung einer bildungsbürgerlichen Elite. Doch mittlerweile ist sie in die Defensive geraten. Das junge Feuilleton spricht geradezu veräntlich vom "Ironiekult", dem endlich ein Ende gemacht werden müsse.

Schön und gut, doch was ist das Gegenteil von Ironie? Man hat sich in der begrifflichen Not auf das "Pathetische" geeinigt. Sie steht bei Thomas Mann auf Platz eins. Das Pathetische, der sogenannte hohe Ton, scheint seit Schiller ziemlich ausgestorben. Das Pathetische und das Ironische unterscheiden sich vor allem in ihrem Verhältnis zum Schmerz.

Einer der wenigen Anti-Ironiker ist Peter Handke. Er hat sich in den 80er Jahren notiert: "Vermeide das Ironische; es zeigt deine Verletztheit (...) suche den Ernst". Denn Ironie ist ein Mittel, Abstand zu schaffen, sich zu verstecken, Schmerz und Verletztheit zu leugnen. Und nach handkes Dialektik zeigt man eine Wunde gerade dadurch, dass man sie geflissentlich zu verstecken sucht.

Zur Leidenschaft hat der moderne Mensch ein gebrochenes Verhältnis. Er stellt sich gönnerhaft neben sie, belächelt sie milde: das ist eine klassische Thomas Mann Attitüde. Dessen Antipode ist Kafka. Martin Walser erkennt bei ihm das Begriffspaar "Mitleid und Furcht". Bei Kafka vermischen sich pathetische und ironische Elemente auf brisante Weise. Sie provozieren Reaktionen von Lachen, Heulen bis Zähneknirschen.

"Eine unheimliche Begleiterscheinung des ironistischen Zeitalters des menschlichen Selbstverständnisses besteht darin, dass in ihm die Menschen verlernt haben, zu weinen", sagt Hermann Schmitz. Weinen befreit. Es ist in erster Linie ein physiologischer Affekt, weniger eine geistige Tat.

Lachen befreit auch. Und einer der Endzwecke der Ironie ist gerade das Lachen. Aber Ironie irritiert.

Wenn also Pathos, Ernst - im Sinne Handkes - die Nachfolge von Ironie antreten würde, wäre das nicht die schlimmstmögliche Wendung. Pathos und Ernst könnten auch Gegengifte sein gegen die Infantilisierung durch ubiquitäre Entertainment in der Gesellschaft.

...




Samstag, 11. Oktober 2025

Give me one reason

 


Subject: Torsdag = Donnerstag

Tor, ein altnordischer Gott (in Deutschland bekannt unter dem Namen Do'nar)

Lieber ...,
Ein herrlicher Herbsttag, so wie du sie am liebsten magst. Alles wäre so schön, wenn mich nicht plötzlich die mail-abstinenz plagen würde. Ich betrachte sie klinisch und wundere mich über ihre Kraft. So muss sich ein Alkoholiker fühlen, der keinen Alkohol findet, ein Raucher, der versucht von seiner Last frei zu werden. Doch dieser Letztere hat den Vorteil zu seiner Sucht zurückkehren zu können, wenn es ihm beliebt.

Von einer CD höre ich Tracy Chapman. Das ist wie ein Lutschbonbon gegen Grippe. Ich meine es schmeckt zwar gut, hilft aber kaum. Doch man kann seine Gedanken damit betäuben.
"Give me one reason".  

Nächste Woche schon wirst du vielleicht deine Reise nach Rom antreten. Ich glaube, es wird ein wunderbares Erlebnis werden. Vielleicht sogar noch schöner als damals New York. Und ich weiss, dass du das Beste daraus machen wirst. Wenn es schon keinen guten interessanten Reiseführer gibt, samle doch Material für einen eigenen. Jetzt hast du eine gute Digitalkamera und das photographische Auge fehlt dir auch nicht. Ich wünsche dir wunderbares Spätsommerwetter.

Soll ich? Soll ich nicht? Ich denke falls du krank zu Hause liegst brauchst du etwas Ermunterung.. vielleicht drücke ich auf die Taste "send".

OK.

Mit einem lieben Gruss,
Malou

2 KOMMENTARE:

  1. Liebe Malou,

    seit langer Zeit bin ich wieder einmal hier auf dieser geheimnisvollen Seite gelandet. Weil ich traurig war, bin ich durch das Netz geirrt - und zum Glück für mich bald in diesem Blog gelandet. Die Mischung aus Alltag, Geheimnis und Spannung hat mich aufgeheitert. Als Antwort auf all das, was ich von diesen Dialogen hier mitbekommen habe, schicke ich dir einen Link auf ein Gedicht, dass ich Anfang des Jahres geschrieben habe.

    Wo ich bin, hat die Nacht begonnen. Du hingegen stehst bald auf.
    Ich wünsche dir einen wunderschönen Morgen und weiter viel Spaß beim Schreiben.

    Herzlich
    Jorge D.R., Kitchener-Waterloo, Ontario, Canada

    http://traumtuch.blogspot.ca/2016/02/hier-und-dort.html
    SvaraRadera

  2. Lieber Jorge,

    Wie schön, dass dieser Blog einen so guten Einfluss auf dich hat. Das Gedicht von dir ist wunderschön.

    "Spass beim Schreiben" wünschst du mir. Aber es ist nur Veröffentlichen.

    Herzliche Grüsse
    Malou


Freitag, 10. Oktober 2025

Ein Büffel meldet sich

 (R)


Stockholm



Ämne: Ein Büffel meldet sich
Datum: den 9 oktober  10:40


Lieber ..,

Ich wollte eigentlich erst ein wenig Ordnung ins Haus bringen, bevor ich mich zu dir setze, aber nun habe ich deinen Brief nochmals durchgelesen und kann es nicht so lange aufschieben. Am schönsten wäre es, wir könnten einander gegenüber sitzen und uns unterhalten. Wir würden wohl bis spät in der Nacht beschäftigt sein.

Ach mein verrückter Liebling, als einen Saurier oder Büffel siehst du mich im Augenblick? Das ist ja schrecklich wo ich doch eine moderne junge Frau im 21. Jahrhundert bin. Nun ist "jung" vielleicht etwas übertrieben, aber meine Kolleginnen meinen, ich sehe mehr aus wie ein Teenager als eine Frau in meinem Alter.
(---)
Ich erinnere mich als ich am Flughafen in Zürich sass und auf den Flug nach Wien wartete. Neben mir sass ein Mann, vielleicht so in deinem Alter. Er war ganz in seinen Laptop versunken und ich betrachtete ihn im geheimen und dachte, dass er vielleicht auch eine Marlena irgendwo hatte. Einen kleinen Augenblick spielte ich mit dem Gedanken dass es du seist und ich versichere dir dass es nichts mittelalterliches in dieser Situation gab Übrigens wunderte es mich wie klein solche Laptops sind und du tatst mir ein bisschen Leid dass du deine Mails auf einem so kleinen Ding schreiben musst, ganz zu schweigen vom Chatten.
*
Anna schläft noch. Sie kommt immer so spät ins Bett und es ist gut, dass sie einmal richtig ausschlafen kann. Ja, du hast recht. Ich glaube, ich hätte das Wort "ödla" mit Echse übersetzen sollen. Es war nicht schön gemeint.
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Du hast mir wieder einmal aus deiner Kindheit erzählt und immer wenn du das tust, fühle ich mich sehr nahe bei dir. Ich sehe ihn vor mir, den armen kleinen Jungen, der sich so fremd fühlt und ich kann mir schon denken, wie es war, die Einheimischen hinter sich her zu haben. Für ein Kind in dem Alter, kann das schrecklich sein und sicher vergisst man es nie.
Es freut mich auch sehr, dass du die Möglichkeit hattest, das Leben auf dem Lande zu geniessen. Ich wünschte, jedes Kind könnte es einmal erleben. Als Anna die 7. Klasse begann (neue Schule), bekam sie  eine Freundin, die auf dem Lande wohnte. Sie war öfters bei ihr am Wochenende und sie hatte ihren grossen Spass. Vor allem wenn sie den Stierkälbern das "Hochspringen" beibringen wollten.. Sie bauten eine Hinderbahn und dann ging's los.Die vorbeifahrenden Autos bremsten oft ein. Sicher trauten sie nicht ihren Augen :-)

Auch ich hatte als Kind die Möglichkeit, auf dem Lande zu sein und ich glaube, ich trage diese schönen Erinnerungen und das Gefühl, ganz mit der Natur verbunden zu sein, noch heute in mir. Ich wusste nicht richtig, was ich tun sollte, um auch Anna das mal erleben zu lassen, und dann kam eben diese Chance wie ein Geschenk vom Himmel.
*
Nein, ich bin nicht in Uppsala aufgewachsen, sondern in Stockholm. Das Zentrum von Stockholm war mein "Revier" und dort bin ich auch 7 Jahre lang zur Schule gegangen. Zuerst in die Realschule, ganz in der Nähe vom Hauptbahnhof. Dieses Stadtviertel hat man dann abgerissen, um dem Verkehr Raum zu geben. Man sieht es heute fast als eine kriminelle Handlung, denn damit hat Stockholm ein Stück seiner Seele verloren. Es war das "Klaravietel" wo die grossen Zeitungen ihre Redaktionen hatten, wo es enge Strassen gab mit gemütlichen kleinen Restaurants wo wir manchmal Sonntags essen gingen nachdem wir in der grossen Markthalle eingekauft hatten, wo ich dann später vom Schulhof aus die leichte Garde beobachten konnte die sich mit ihren Kunden oder Zuhältern ziemlich laut stritten (denn es war auch ein sündiges Viertel :-) und wo "Jocke" mit einem Kasten auf dem Bauch vor dem Schultor stand (wie ein Wurstverkäufer) und Süssigkeiten an uns Schüler verkaufte. Der liebe alte Jocke, wenn er wüsste, wie er uns das Leben süss gemacht hat.
Dann mit 16 kam ich aufs Gymnasium. ...  Und später habe ich noch eine Zeit in einem staatlichen Amt gearbeitet. Es hat mir  gute Einblicke in die Beamtenwelt gegeben und ich möchte nicht ohne diese Erfahrung sein.
Erst als ich so 20 Jahre alt war, zogen wir, die ganze Familie, nach Uppsala und ich begann meine akademischen Studien. Zuerst Germanistik und dann Romanistik (heisst es so?) Uppsala hat die beste Universität von Schweden, obwohl Lund auch immer um diesen Titel kämpft. Aber dieser schönen Stadt werde ich ein eigenes Kapitel widmen.
*
Die schönste Zeit des Herbstes ist nun schon vorbei und die Bäume haben schon die meisten Blätter verloren. Aber auch diese Zeit ist schön. Etwas traurig vielleicht, weil sie unsere Gedanken an Vergänglichkeit führt. Nun wird es auch schon ziemlich früh dunkel. Doch das macht mir nicht viel aus  denn es ist um so schöner in der wohligen Wärme im Haus zu sein.

Ich sende dir nun dies. Vielleicht kannst du es schon in der Mittagspause lesen. Etwas zum Kauen zu deiner frugalen Suppe. ;-)

Lass bald von dir hören, mein lieber Mausfreund
Ich sehne mich immer nach deinen Mails
In Liebe
Marlena

PS Ich lege dir ein Bild bei. Es ist vom Rathaus aufgenommen, hinüber zur Altstadt. In dem weissen Haus in der Mitte habe ich gearbeitet.

Ein böser Traum

Liebster Mausfreund,

Danke für dein schönes Mail. Ich staune nur so, wenn ich es lese, denn auch ich war zu dieser Zeit heute Nacht total schlaflos. Bei mir begann es übrigens schon so um 2.00 Uhr. Vielleicht habe ich dich dann sogar mit meinen Gedanken geweckt ;-) Ja, ich habe wirklich intensiv an dich gedacht. Und dabei kam mir immerzu ein Gedicht von Rilke in den Sinn:

"Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt,
  Wie soll ich sie hinheben über dich zu andern Dingen.."

Weisst du, ich bin ganz verzaubert von deiner Art zu schreiben und manchmal denke ich, sowas kann ich doch nicht für mich allein behalten. Kein Mensch hat doch recht auf so viel.

...  und dich besitzen nur ein lächeln lang  um dich an alles zu verschenken wie einen Dank           

Und dann denke ich wiederum, dass ich dich vielleicht bald mit der Öffentlichkeit teilen muss. Oh Gott, nein! Ich werde ganz eifersüchtig bei dem Gedanken.

Dann später bin ich doch ein wenig eingeschlafen und erst um 6.45 Uhr aufgewacht. Da hatte mein Radio schon eine halbe Stunde lang gesendet, ohne dass ich davon erwacht bin. Ich hatte auch einen grausamen Traum. Plötzlich traf ich meine beiden (schon verstorbenen) nahen Kollegen und ich weinte, weil ich wusste, dass sie schon tot waren. Und dann sass ich auf einem Stein am Wegrand und weinte ganz bitterlich (glaube man tut es nie so intensiv wie in einem Traum) und das schlimme war, dass alle Leute vorbeigingen und nicht einmal zu mir her schauten, als ob es mich gar nicht gäbe.
Na ja, Träume sind Schäume, aber ein Traumdeuter würde schon etwas daraus machen wollen.
...


(Jahr 3)

Mittwoch, 8. Oktober 2025

Ämne: Sogar die NZZ...


Ämne: Sonntag Abend
Datum: den 24 augusti 2003

Lieber  ...
(---)
Ich habe den ganzen Tag hindurch (mit so 4 Stunden Intervallen) die dramatischen Sportsendungen von den Weltmeisterschaften in Paris angeschaut. Immer, wenn unsere kleine Carolina Klüft wieder dran war. Sie ist Weltmeisterin im 7-kampf geworden, obwohl sie kaum 20 Jahre alt ist und ich glaube, sie ist auch der Liebling der ganzen Welt geworden mit ihrem natürlichen Charme und ihrer Freude. Sicher wirst du ihr Bild auf allen Zeitungen sehen können. Besonders der Weitsprung war äusserst dramatisch, weil sie die ersten zwei Sprünge über das Brett getreten war und hätte sie das beim letzten Sprung auch getan, wäre sie rausgefallen. Ich glaube, die ganze Sportwelt hat den Atem angehalten in diesem Augenblick. Die Franzosen waren wohl zuerst nicht besonders froh über ihre Erfolge, weil eine Französin klare Favoritin zur Goldmedaille war aber Carolina hat mit ihrem fröhlichen Charme, auch ihre Herzen gewonnen. Tja, du siehst was du verpasst hast.. ;-))




Kinderspiel für Carolina Klüft
Schwedische Siebenkämpferin nach dem 1. Tag der Leichtathletik-WM 

Von Rod Ackermann, Paris

Im Rampenlicht zuvorderst und in der Publikumsgunst am höchsten standen am ersten Tag der IX. Leichtathletik-Weltmeisterschaften weder die schwersten Männer noch die leichtesten Frauen, obwohl die um Gold, Silber und Bronze kämpften. Wichtiger waren im Stade de France - um mit der Sport-Fachzeitung «L'Equipe» zu sprechen - la guerrière et l'enfant, die Kriegerin und das Kind. Das Heptathlon- Duell zwischen Eunice Barber, der grössten WM-Gold-Hoffnung Frankreichs, und der schwedischen Newcomerin Carolina Klüft blieb auch hinter den höchsten Erwartungen nicht zurück. Von der ersten der sieben Disziplinen an wogte heftig der Kampf um möglicherweise vorentscheidende Punkte, die heute Sonntag die Ausgangsposition beim Griff nach dem Titel einer «Königin der Leichtathletik» verbessern könnten.

Dabei machte Klüft, das Kind, zur Enttäuschung der Franzosen unter den 56 000 Zuschauern im nahezu ausverkauften Nationalstadion von Paris-St- Denis dem Übernamen alle Ehre. Als wär's ein Kinderspiel und kein Krieg, rannte, sprang und hüpfte die lange Blonde mit dem sprudelnden Temperament von einer persönlichen Bestleistung zur nächsten - ähnlich, wie sie es im Frühjahr 2002 in Kingston (Jamaica) auf dem Weg zum WM-Titel der Juniorinnen und einige Monate später in München auf jenem zum EM-Gold getan hatte. Ausser im Hürdensprint, den Barber, die 28-jährige Kriegerin und Weltmeisterin von Sevilla 1999, eher knapp für sich entscheiden konnte, gab die 20-jährige Schwedin der aus Sierra Leone eingewanderten Französin Mal um Mal das Nachsehen und durfte schliesslich mit 194 Punkten Vorsprung übernachten. Weit im Hintertreffen lag da schon der Rest des Feldes, darunter die Olympiasiegerin von 2002 in Sydney, die Britin Denise Lewis.

Der Zweikampf der beiden vom Aussehen wie auch vom Charakter her so unterschiedlichen Kontrahentinnen stellte die restlichen Prüfungen am ersten WM-Tag klar in den Schatten. Ganz nach dem Geschmack des Heimpublikums war Barber nach den 100 m Hürden in Führung gegangen, doch replizierte Klüft bereits im Hochsprung und gab die Führung nicht mehr ab. Berauschend der Reigen ihrer persönlichen Bestleistungen: 13,18 s im Hürdensprint (bisher 13,22), 1,94 m im Hochsprung (1,92), 14,19 m im Kugelstossen (13,27) und 22,98 s über 200 Meter (23,20). Nicht minder hinreissend die Faxen und Freudentänze, mit welchen Carolina ihre stetig wachsende Anhängerschaft erfreut. Quel phénomène!

*


Montag, 6. Oktober 2025

Herbst - meine Zeit

 


Foto: Chris


Liebe Marlena
Trotz des tristen Wetters und Deiner nach Eukalyptus lechzenden Erkältung kannst Du solch ein Mail schreiben! (ein!)
Manchmal muss man Dich wirklich etwas kitzeln, damit Du aus Dir raus gehst und Deine Genialität in der Sonne zu gleissen geruhst!! (zwei!!)
Es ist schon länger her, dass ich über eines Deiner Mails so sehr geschmunzelt habe. Und das hängt nicht bloss daran, dass Du Dir dieses Mal meine Nase vorgenommen hast!!! (drei!!!)

Es ist eigentlich mehr, WIE Du schreibst. Und Du kannst es meisterhaft. Die Gedanken und Dinge nach Deiner Art in überraschende Zusammenhänge zu bringen, das ist echt zum Schmunzeln. Und manchmal klingt es ein wenig mammahaft! Auch das hat Charme.

Zumindest hat es meinen baudelairschen Weltschmerz etwas aufgehellt. Und dazu kommt das feine Herbstwetter hier. Es ist zur Zeit, wenn die Morgennebel sich verziehen, alles sehr klar und himmelblau und herbstwarm.

Es ist eine wunderbare Zeit. Ich habe stets rundum behauptet, der Herbst wäre meine Zeit. Jedes Jahr muss ich dies neu bestätigen. Und wenn dazu noch Früchte kommen, die feinen Chasselas-Trauben beispielsweise, die mein Bruder vor ein paar Tagen in einer Kartonschachtel vor die Türe gestellt hatte!
Zwetschgen liebe ich besonders. Das war nicht immer so. Aber in den letzten 10 Jahren haben sie sich zu meinen Lieblingen aufgeschwungen. Jetzt könnte man lange Jura-Wanderungen machen. Es wäre die beste Zeit. Im Wallis würden wir in die Gegend von Zeneggen hinauf wandern, um dort eine Raclette zu bereiten. Die goldleuchtenden Lärchen, der Geruch des trockenen Waldes und die gepfefferte Raclette zu ein paar Gläsern Fendant, und das alles unter dem klaren Walliser Himmel, das wäre was vom Schönsten.

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