Donnerstag, 17. April 2025

Kleines Erlebnis in Wien

 

 Hotel Sacher

                                                                            
Liebe Malou,
Ich muss dir ein kleines Erlebnis aus Wien erzählen. Vor vielen Jahren fuhren S und ich um Ostern nach Wien. Es war eine unendlich lange Autoreise und es fing sogar an zu schneien. Ich war noch Student und wir wollten billig reisen. Deshalb klingelte ich an etlichen Türen, um ein Privatzimmer für eine Nacht zu mieten. Aber kein Mensch öffnete die Türe. So gingen wir schliesslich doch ins Hotel. Wir waren dann in Wien im Hotel Berger, etwas ausserhalb, ganz ok. Und eines abends wollten wir Wien by night geniessen und spazierten die Ringstrasse entlang zum Hotel Sacher. Im Café Sacher, so hatten wir beschlossen, eine Sachertorte zu essen. Das war auch alles sehr schön und schick und k&k, du weißt ja schon.

Im Sacher sassen wenige Gäste, lasen Zeitung, tratschten und genossen die Zeit. Gegenüber setzte sich ein rundlicher Herr. Er wünschte zu Essen und studierte fachmännisch und in Windeseile die Karte. Und nach einiger Zeit kam auch schon der Kellner mit einer riesigen Suppenschüssel, zugedeckt, elegant auf einem Tablett. Und er arrangierte eine grosse Zeremonie und legte das Gedeck bereit und das Glas an die richtige Stelle und scharwänzelte um diesen dicklichen Gast herum, dass es eine Freude und ein Vergnügen war. Und zum Schluss hob der eifrige Kellner mit abgespreizten Finger, also mit gekonnter Preziosität und einem kleinen Bückling den Deckel von diesem grossen Topf.

Und natürlich sassen wir armes Studentenehepaar gegenüber, sahen eine kleine Duftwolke entweichen, schluckten leer und trocken und waren hungriger Neugierde, welches schöne Menue der kleine Herr nun auf seinen Teller garniert erhalten würde. Und schliesslich hievte der Ober, die Umständlichkeit in Person, hievte der Ober mit der langen weissen Schürze feierlich und überaus vorsichtig ein Paar Wienerwürstchen aus dem Topf und legte sie mit einer gewissen Zärtlichkeit und Ehrfurcht auf den Teller, so wie man ein zartes Stück Wild auf den Teller platzieren würde. Dazu gab´s Brot und Senf, na ja, so, wie man Wienerli eben zu essen pflegt.




Mittwoch, 16. April 2025

Fortsetzung: Wetter, Politik und Virginia Woolf



Gestern habe ich die kleine Biographie über Virginia Woolf zu Ende gelesen. Wie könnte man sie zusammenfassen? Ich glaube, der Film the Hours trifft den Grundton ziemlich gut. Das Schreiben war für V. als Medizin gegen ihre drohende Erkrankung gedacht. Ihr Ehemann war stets sehr bemüht, dass sie beschäftigt, vor allem auch mit Handarbeiten beschäftigt war. Auch die kleine Druckerei, die Hogarth Press, hatten sie nur aus therapeutischen Gründen eingerichtet. Sie haben damit einen kleinen Verlag geführt und unter anderem russische Autoren, sogar auch Rilke in England verlegt. Der letzte Brief, den V. geschrieben haben soll, ist offentsichtlich authentisch, ein rührendes Dokument der Liebe zwischen dem kinderlosen Ehepaar. Offenbar hat auch Virginia W. ihren Roman zuerst the Hours genannt, und erst später Mrs Dalloway. In jenem Roman ist Clarissas Freund nicht an Aids, sondern an einer Psychose erkrankt. Er stürzt sich aus dem Fenster, weil er der Einlieferung in eine Klinik verhindern will. Insgesamt scheint die Atmosphäre am Beginn des neuen Jahrhunderts ziemlich revolutionär gewesen sein. Die jungen Leute wollten alte Konventionen von sich werfen. Der Bloomsbury-Kreis der Stephens war dafür ein gutes Beispiel. Es gab auch Bewegungen wie jene von Monte Verità im Tessin, von der Hesse angezogen war. Andere waren die Expressionisten wie jene der Brücke, zumeist nicht professionelle Maler sondern Architekten. Es ist merkwürdig, wie jene Zeit jetzt plötzlich auftaucht in den Rückblicken. Wir hatten gerade eine kleine Expressionistenausstellung im Kunstmuseum Basel. Man hört zur Zeit viel über Kirchner. Der erwähnte Film ist ein weiteres Beispiel. Dazu gehören auch Nietzsche und Rilke. Ich glaube, wir liegen enorm gut im Trend, Marlena, mit unseren rückgewandten Interessen. Das war die Zeit unserer Grosseltern. Und heisst es nicht: wenn du aus einem Mädchen eine Lady machen willst, beginne mit seiner Grossmutter. Drei Generationen, das scheint die überblickbare Grösse. Was früher liegt, ist nicht mehr Gegenwart im engeren Sinne.
*
Morgen, so höre ich gerade, soll es wieder sonniger werden. Lass uns darauf hoffen.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lieben Grüssen
...




Politik - damals...

 ...

Dagegen sieht man im Irak das Licht am Ende des Tunnels. Die Amerikaner sind jetzt doch bereit, der UNO eine wichtigere Rolle im Wiederaufbau einzuräumen, als es früher schien. Vielleicht hat Blair auf Bush doch einen guten Einfluss gehabt. Trotzdem ist hässlich, dass jetzt schon Milliardenverträge mit Ölgesellschaften abgeschlossen werden. Das ist eine Mafia, zu der offensichtlich die Bushs dazugehören und die wesentlich die Wahlkampagne des kleinen Bush finanziert hatte.
Ich bin dafür, dass wir Europäer so rasch wie möglich einen eigenen Block bilden und uns von diesen Amis absetzen. Die Amis sind vielleicht nicht ganz so schlecht, wie sie uns im Moment erscheinen. Aber letztlich missbrauchen sie ihre Stärke. Man hört, dass in den Irak bereits wieder Waffen geliefert werden.
Erstaunlich bei der ganzen Geschichte, wie ruhig Russland und Putin geblieben sind. Zwar hat sich Putin leicht von den USA distanziert, um diese ominöse Achse des Alten Europa zwischen Paris-Berlin-Moskau-Peking zu bilden. Aber er konnte wohl nicht völlig vergessen, wie inniglich er damals vom kleinen Bush geküsst worden war. Denn er hat ja immer noch Tschetschenien am Hals.
*
Haben wir keine besseren Themen?




Montag, 14. April 2025

Mittwoch Morgen

 

Subject: mimo
Date: Wed, 9 Apr 08:51

Liebe Marlena
Nun ja, trotzdem finde ich unsere detaillierten Wetterdurchsagen etwas merkwürdig. Aber ich muss zugeben, sie sind ein gutes Aufputschmittel. Weißt Du, was ein Aufputschmittel ist. Zwei oder drei kräftige Expressi sind beispielsweise ein Aufputschmittel. Das treibt den Puls in die Höhe und macht wach. Die Wetterprognosen erlauben es, schon anfangen zu schreiben, auch wenn man noch nicht weiss, was man schreiben sollte oder könnte. Sie sind, wie die Engländer bestens wissen, ein unverfängliches, gemeinsames Thema. Aber das funktioniert eigentlich nur, solange man gemeinsames Wetter hat. Und wir haben nicht mal gemeinsames Wetter. Ich meine, wir in der Schweiz sind hier im Vorzimmer des Südens. Und ihr dort oben, ihr seid doch mindestens im Hinterzimmer des Nordens. Na ja, vielleicht sind sie nicht Aufputschmittel, sondern préludes, Vorspiele, bevor man zum todernsten Hauptakt schreitet.
*
Schicke mir mal die Tabuliste, Marlena. Ich werde sie dann ergänzen mit meinen eigenen Punkten. Ist mir bisher gar nicht bewusst gewesen, dass wir allzu viele abgesperrte Tabubereiche hätten. Und was mich selbst betrifft, so lebe ich auch sehr klösterlich und klosterbrüderlich. Ich hoffe nicht, dass ich schliesslich irgend welche Escapaden und Abenteuer erfinden muss, damit ich Dir nicht nachstehe. Auf jeden Fall bin ich wirklich sehr gespannt, was eine solche Tabuliste sein könnte. Vielleicht im Geheimen Schokolade naschen? Fingernägel kauen? Die Zeitung des Nachbars lesen und in den Briefkasten zurückstecken? Schwarzfahren in der Strassenbahn? Zur Abendlektüre Likör trinken? Ach, ich kann mir wirklich nichts Umwerfendes vorstellen. Du möchtest also weiterhin als Engel erscheinen? Das finde ich lustig. Ich hatte immer den Eindruck, Du kannst bei weitem nicht über alles in Deinem leben schreiben, was Dich echt beschäftigt oder berührt. Ich hatte immer wieder den Eindruck eines gewissen Doppellebens, das Du führst. Du bist einfach der Typ dazu. Vielleicht neigen Frauen ohnehin mehr dazu als Männer. Und manchmal, in stillen und unbeobachteten Momenten, kommt es gar soweit, dass Du das zugibst.

Bei mir ist es wohl anders. Natürlich schreibe ich nicht über gewisse Dinge. Aber sie sind nicht etwas total anderes, als man erwarten würde. Es ist nicht ein Doppelleben, sondern es ist vielleicht einfach der Teil des Eisberges, der unter dem Wasser liegt. Aber es ist immerhin derselbe Eisberg. Und wenn Du den oberen Teil des Eisblocks gut anschaust, kannst Du ungefähr erraten, was unter dem Wasser noch übrig sein kann. Ich bin also, wenn vielleicht kein echter Engel, so doch mindestens kurz vor der Heiligsprechung! Das Problem ist bloss, dass der Vatikan so schleppend vorwärts macht.
*
Und dann bist Du auch sehr ambivalent. Schon damals, als Du eine höhere Etage der Offenheit vorgeschlagen hattest, ist mir aufgefallen, wie sehr Du es eigentlich auch nicht willst. Wobei ich, wie gesagt, niemals so genau wusste, was 'es' eigentlich sei. Ja, die Hypnose, ist im Grunde ein ureigenes Gebiet der Psychologie, aber wohl in der akademischen Ausbildung vernachlässigt. Freud hatte - von Charcot angeregt - mit Hypnose angefangen. Seine ersten Handauflegungen haben schliesslich zur Psychoanalytischen Kur geführt, wie er es zu nennen pflegte. Und ich erinnere mich, wie wir ganz zu Beginn des Studiums eine Lektüre zu bearbeiten hatten, bei der es um Hypnose und ähnliche Phänomene ging. Aber es wurden eben nur theoretische Aspekte behandelt. Niemals wäre Hypnose demonstriert worden. Jener Trainer, der Ende Mai in die Schweiz kommen wird, ist ein NLP Spezialist. Ich glaube, er hat bei Milton Ericson studiert, einem der grossen amerikanischen Kenner der Hypnose. Die Oesterreicher haben - nebenbei gesagt - die höhere Affinität zur H. als wir nüchternen Schweizer. Wir haben auch falsche Vorstellungen von Hypnose, weil man ab und zu spektakuläre Demonstrationen am Fernsehen sieht. Das sind aber ziemliche Übertreibungen, die auch durch Masseneffekte zustande kommen. Es ist bei weitem nicht so, dass man in der Hypnose Geheimnisse erzählt, die man eigentlich nicht erzählen will. Kommt dazu, dass man in der Klinik oft nicht eigentlich die Hypnose braucht, sondern viel eher vor-hypnotische Zustände. Das sind mentale Zustände, wie man sie zB. beim Einschlafen erlebt, hypnagoge und hypnopompe Bereiche also, die nichts Aussergewöhnliches an sich haben. Und ich bin sicher, dass sie sehr nützlich sein können in der Medizin, in der Zahnmedizin und eben auch in der psychologischen Beratung. Aber sie sind, das muss ich zugeben, in unserer rationalen und nüchternen Zeit eher etwas zauber- und oft auch rätselhaft. Ich bin vor allem daran interessiert, meine Fähigkeiten zu trainieren, solch prä-hypnotische Zustände zu induzieren. Das erfordert sehr viel Sensiblität und Einspielung auf den Organismus des Gegenübers. Und die habe ich, so scheint mir, in den letzten Jahren der Arbeit etwas verloren.

*
Jetzt muss in ran an meinen Tag.
Mit lieben Grüssen
...

Re: Mittwoch Morgen

Date: Wed, 09 Apr 10:25

Lieber ..

Prélude:

Die Sonne scheint von einem fast ganz blauen Himmel aber die Luft ist noch kühl. Ich habe heute keine Stunden, und werde mich hier zu Hause beschäftigen. Das Haus ein bisschen österlich (?) machen. Dann später, wenn es etwas wärmer geworden ist, werde ich mich eine Weile, gut emballiert, auf die Terrasse setzen. Lichttherapie, wenn du es so nennen willst.

Todernster Hauptakt:

Eine Tabuliste möchtest du? Die hast du doch schon. Du warst doch sogar derjenige, der am eifrigsten darauf bestanden hat, wenn ich mich richtig erinnere. Unsere §§§ ! Das ist unsere Tabuliste. Was man darf und nicht darf. Du denkst vielleicht es gibt Dinge, die ich dir verheimlichen muss. Nein, auch ich führe ein anständiges, sogar "klösterliches" Leben, wie du es nennst. Es fällt mir auch gar nicht schwer, so zu leben.   ---   Es bleibt einiges hängen von unserer Erziehung. Manchmal ist man sich dessen gar nicht bewusst. Das gilt wohl auch für dich.. Ein katholischer Muslim aus evangelischem Haus. Ich glaube du hast dich immer schon über die Grenzen bewegt. :-) Oder willst du nun protestieren?              

Nachspiel:

Gestern war ich beim Zahnarzt. Hatte schon gefürchtet, dass der gute Mann sich eine Behandlung ausdenken würde, die mich ruiniert hätte, so wie es einem Kollegen kürzlich passiert ist. Aber nicht ein einziges Loch hat er gefunden und ich kam aus seiner Praxis mit einem strahlend weissen Lächeln. Der Zahnarzt kommt aus dem Iran oder sogar Irak (habe vergessen) und immer wieder fragt er nach K und ob er wirklich nicht hier wohnt, sondern nur am Wochenende zu Hause ist. Er kann das irgendwie nicht schmelzen.

Aber was ich sagen wollte: mein erster Schritt nach dem Zahnarztbesuch ging ins Kaufhaus, wo ich mir u.a. drei Tafeln dunkle Schokolade gekauft habe. Ich meine, so ein Glück muss man doch feiern. :-)

Möchtest du auch ein Stück davon? Ein kleines Liebessubstitut?
Ach, mein lieber Mausfreund, es ist so schön mit dir plaudern zu können. Wenn du Zeit findest, schreib mir noch ein paar Zeilen. Ich habe Zeit heute dir gleich zu antworten.

Alles Liebe,
Marlena


Subject: 2

Date: Wed, 9 Apr 11:04

Liebe Marlena
Glückspilz Du, kannst zuhause herumsitzen und den Tag vor Dich herschieben.
Eigentlich sollten dann Deine Mails gegen 10 Seiten erreichen. Oder seien
wir gnädig, sagen wir 8.
*
Ach, Du meinst unsere §§ seien die Tabuzone. Na ja, das sind eigentlich keine Tabus, das sind Verbote. Es scheint mir, Du wolltest rasch aufräumen mit der Tabuliste. Ich akzeptiere aber, dass es persönliche oder intime Dinge gibt, über die man nicht per 'Postkarten' - wie es das Mail eigentlich ist - palavern sollte. Die totale Transparenz bringt mehr oder weniger Unglück. Das sollte man sich nicht antun. Es ist eine enorme menschliche Fähigkeit, von sich selbst Abstand nehmen zu können. Das Exzentrische beim Menschen, das ist das Menschliche. Es wird sichtbar beim Lachen und beim Weinen, wie Plessner behauptet. Nur die Jungverliebten wollen die Grenze zwischen sich und dem anderen total aufheben, wollen einen freien Grenzverkehr ohne Wenn und Aber. Doch die Jungverliebten haben auch noch nichts zu verbergen. Sie sind -sozusagen- eben erst auf die Welt gekommen. Auch die Babies ermahnen wir nicht, sie sollen nicht lügen. Sie können es gar nicht. Dieses Mimikry haben sie noch nicht entdeckt.
*
Und gleich noch zweite Glückssträhne: beim Zahnarzt ohne Loch. Dieses Ereignis würde ich auch mit einer Schokoladen-Orgie feiern. Kein Zweifel. Ich habe, um meine Ehrlichkeit auf die Spitze zu treiben, heute morgen auch Schokolade gegessen. Das spricht für eine Phase des frustrierten Ungücklichseins.
*
Übrigens bin ich weder Katholik noch eingefleischter Protestant, schon gar nicht Muslim. Ich bin Darwinist, praktizierend um genau zu sein. So wenigstens pflege ich mich in diesen und ähnlichen Diskussionen aus der Affäre zu ziehen.
*
Zur Zeit lese ich gerade ein Jugendbuch über Gentechnologie. Es ist anspruchsvoll und nicht unkompliziert. Eigentlich bin ich daran, das Buch zu rezensieren. Die meisten Bücher, die ich rezensiere, lese ich nicht von vorne bis hinten. Das erforderte viel zuviel Zeit. Aber dieses ist wieder mal ein Büchlein, dessen Lektüre sich auszahlt. Ich finde es fantastisch, welch gute Bücher für junge Leute heute bestehen. Und eigentlich sind sie auch für uns Erwachsene. Denn wo sonst sollte man sich über eine solche Frage informieren? Die meisten Leute fühlen sich rasch überfordert. Aber in einem Jugendbuch, da geht alles sehr bequem.
Ich wünsche Dir einen schönen Nachmittag
Gruss
...




Ja, ein Glückspilz :)


Ämne: Ja, ein Glückspilz
Datum: den 9 april 16:01

Lieber...,
Ja, ich gebe es zu. Es ist ein Luxus, plötzlich einen freien Tag vor sich zu haben und damit ich ihn nicht nur so durch die Finger rinnen lasse, habe ich dann meine Nachbarin und Freundin seit jungen Jahren  mitgelockt zu einem Spaziergang im Wald. Es stürmt heute sehr und dies war die einzige Möglichkeit überhaupt an die Luft zu kommen. Ich wollte mir auch etwas Osterreisig holen. Mit solchem schmückt man bei uns das Haus zu Ostern. Man schmückt es mit bunten Federn. Glaube das tut man nicht unten am Kontinent, oder? Und dann habe ich mir auch einen Strauss Heidelbeerreisig mitgebracht. Es ist so wunderschön, wenn es anfängt zu blühen.
*
Du bist lieb. Und auch klug und hast viel Lebenserfahrung, schon durch deinen Beruf, denke ich. Aber Darwinist? Da hast du es nicht allzu leicht mit der modernen Wissenschaft. Soweit ich weiss, entfernt sie sich doch vom Darwinismus, oder? Aber als Ausrede finde ich das Wort nicht schlecht. Sicher setzt du damit leicht Punkt für viele unnötige Diskussionen.
*
Längere Mails willst du nun auch haben? Ich weiss nicht richtig, was ich dazu sagen soll. Denke mir, wenn ich ein kurzes schreibe, dann liest du es vielleicht ordentlich aber bei einem langen schnupperst du nur ein wenig daran, wie an den Büchern die du rezensierst. Und dann habe ich mich umsonst angestrengt schöne deutsche Sätze zu konstruieren. ;-) Aber ich frage mich auch, was wichtig ist dabei. Dass ich mir was vom Herzen schreibe oder dass du es liest.
*
Wir hören täglich Rapporte von Bagdad und im Fernsehen werden sie immer von einer hübschen jungen norwegischen Journalistin vermittelt. Und man kann es kaum fassen. Da steht diese hübsche junge Frau mitten im Kugelregen und den Bomben und berichtet vom Krieg. Und wenn heftig geschossen wird um sie herum, dann duckt sie. Einmal verschwand sie eine kleine Weile, um schnell wieder zurückzukommen mit den Worten: "Wenn die anderen laufen, dann laufe ich auch." Sie ist eine fantastische Reporterin und ich glaube, ich werde sie vermissen.



*

Ich will dass du mein mail noch vor dem heimgehen bekommst. Darum sende ich es nun gleich ab.
Ich grüsse dich nochmals lieb an disem stürmigen Mittwoch,
Marlena

Sonntag, 13. April 2025

Re: 2. Momo-Portion

 .



Ämne: Re: 2. Momo-Portion
Datum: den 8 april 19:17

Lieber ...,
Birder? Welch ein lustiger Name. Vogelschauer bei uns. Und du hast ganz recht. Früher, als wir noch nicht so bequem waren, sind wir immer um diese Jahreszeit an den ... gefahren. Das ist ein grosser bekannter Vogelsee in unserer Region und dort rasten tausende von Zugvögeln um diese Zeit. Eigentlich muss ich dir gestehen, dass ich nie begriffen habe, was z.B. junge Männer an einen solchen See treibt. Ich meine, es müsste doch interessantere Objekte für sie geben. Aber für mich war es so etwas wie ein Sonntagsspaziergang in meiner Jugend. Ein nicht allzu verlockendes Vorhaben, das aber meistens doch schöne Erinnerungen hinterliess. Die Sonne und die Bewegung waren wichtiger als der Anblick der Vögel. Auch Anna haben wir immer mitgenommen. Das erste mal war sie kaum drei Wochen alt und lag in ein Fell eingewickelt in meinen Armen. Aber das letzte Jahr am Gymnasium hat sie ihre Spezialarbeit über diesen See geschrieben und seitdem hat sie genug davon, wie sie meint.
Aber ich glaube doch, dass sie immer noch gern einen Frühlingsausflug dorthin macht, besonders wenn wir bei der Gelegenheit auch noch Brennesseln pflücken. Das ist bei uns Sitte geworden: an einem der Osterfeiertage eine Brennnesselsuppe mit einem Ei drin als Vorspeise zu haben.

Ach nein, ich glaube nicht dass es ein schlechtes Zeichen ist, wenn wir von Wetter schreiben. Es gehört doch auch zu unserem Leben und ich bilde mir sogar ein, dass es mit dem Alter immer wichtiger wird. So sehe ich es eher als eine Alterserscheinung als einen Mangel an anderen Themen. Oh, glaube mir, ich wüsste so viele. Aber leider sind die meisten tabubelegt. ;-)
Ich habe nichts zu reklamieren an deinen Mails. Ich finde sie wunderschön und interessant zu jeder Zeit. Und kürzer sind sie auch nicht geworden. Du bist so klug, .... Hast schon früh Themen vermieden, die eigentlich nur in eine Sackgasse führen. Stattdessen blickst du in die weite Welt, wozu ich auch deine Erinnerungen zähle, und bringst mir täglich wunderbare Lektüre ins Haus. Ich kann mir nichts besseres wünschen.
Wenn du meinst, ich hätte mich verändert, so hat das nichts mit meinem Verhältnis zu dir zu tun. Manchmal fühle ich mich sehr gestresst. Irgendwie gehetzt. Dann fällt es mir nicht leicht, ein schönes ausgeglichenes Mail zu schreiben. Mir fehlt dann die innere Ruhe, so zu schreiben, wie du es gern hast und wie ich es auch möchte. Glaub mir, ich kann nichts dafür.
*
Diese Offenheit, von der wir mal geschrieben haben, ich weiss nicht, ob ich sie mir eigentlich wünsche. Immer noch möchte ich dich nur meine guten Seiten sehen lassen und wenn man sowas tut, ist man natürlich nicht zu 100% offen. Ich glaube auch nicht, dass ich deine innersten Geheimnisse kennen lernen  möchte. Doch ganz sicher bin ich auch wieder nicht. Vielleicht hätte ich gern, dass du dich bei mir beichtest. :-)
*
Gerade in diesen Tagen ist eine unserer bekanntesten Schriftstellerinnen, Kerstin Thorvall, mit einem neuen Buch erschienen. Sie hat sich einen Namen gemacht mit ihrer absoluten Aufrichtigkeit, ihrer totalen Auslieferung. Das gilt für alles in ihrem Leben. Ihre sexuellen Eskapaden u.a. Jetzt ist sie alt, 77 Jahre, und schreibt über die Erniedrigung und Einsamkeit eines alternden Menschen. Man vergleicht sie manchmal mit Simone de Beauvoir, wobei die letztere wohl kaum so schockierende Dinge zu erzählen hatte. Das Buch ist von den Kritikern sehr gut empfangen worden.
Du hast recht, es ist nicht leicht, gute Vorbilder zu finden. Aber wozu? Das Schicksal tut sowieso was es will mit uns.
*
Über das Hotel, von dem du erzählst muss ich lachen. Uns ist etwas Ähnliches passiert. Es war in Deutschland, in einem kleinen wunderschönen und biederen Städtchen. Vielleicht war es Rothenburg. Und da haben wir ein kleines Hotel (oder war es ein Pensionat) gefunden. Es sah so ordentlich aus, in einem schön geschmückten Fachwerkhaus mit einem hübschen Garten drum. Aber du hättest unsere Überraschung sehen sollen, als wir die Einrichtung sahen. Dunkelrote, dicke Teppiche und gepolsterte Türen. Ausserdem zwei nebeneinanderstehende Waschbecken im Zimmer. Alles sah sehr nach Sünde aus. Und als wir uns ins Bett legten, sahen wir oben an der Decke ein paar schwedische Worte geschrieben, die man normalerweise in öffentlichen Toiletten finden kann. Ich fand es ein bisschen widerlich und weiss noch, dass ich am nächsten Morgen das sicher garnicht schlechte Frühstücksbuffet kaum angreifen wollte.
*
Schön, dass du verreisen kannst zu Ostern. Es wird dir gut tun. Ein bisschen Wärme, schöne Natur und sicher auch liebe Freunde.
Wir bleiben wohl zu Hause. Für K ist ja "zu Hause" schon Abwechslung genug. Und Anna wird wohl auch hier sein, aber wahrscheinlich viel zu tun haben vor ihren Prüfungen. Ich wünsche mir vor allem Sonne und Wärme.
*
Deine 2. momo-portion hat mich sehr gefreut. Aber es war komisch, denn das mail kam erst am Dienstag hier an, obwohl du es doch mitten am Montag (siehe unten) abgeschickt hast. Am Montagabend, als ich dir geschrieben habe, hatte ich es noch nicht erhalten. 
*
Der Kurs in Hypnose, den du machen willst, ist das um später es selber ausüben zu können? Vielleicht willst du eine eigene Praktik öffnen? Oder bist du so mutig, dass du dich selbst hypnotisieren lässt? Das ist etwas, was ich nie wagen würde. Habe Angst davor, was ich da sagen würde. :-) Erzähl mir mehr davon. Was sagt S. dazu, wenn du dir in Zürich ein Zimmer mietest? Ist sie nicht ängstlich, was du in dem nächtlichen Zürich anstellen könntest?? ;-) Doch ich glaube, du würdest jede Stunde davon geniessen. Es ist ein ganz eigenes Gefühl, in einer Stadt, wo man als junger Mensch gewohnt hat, herumzugehen. Das merke ich, wenn ich mal nach Uppsala komme, was leider allzu selten ist.
*
Nun habe ich so lange geplaudert, dass du wirklich von Wortschwall reden könntest. Will dich nicht länger aufhalten.
So wünsche ich dir noch einen schönen Abend und einen angenehmen Tag morgen.
Mit lieben Grüssen
Marlena