Donnerstag, 10. April 2025

Ostern in Sicht



Marylin Monroe


Ämne: osterninsicht.. Ja...bald

Liebe Malou
Ja, Lammbraten an Ostern ist goldrichtig. Ich glaube, das ist etwas vom besten, passt wunderbar. Und dazu, wie gesagt, Bärlauch-Pesto und ein paar Gewürze, die an den Süden erinnern. Das ist perfekt, wenn man dazu noch einen feurigen Pinot Noir findet. Ach, bei einem solchen Gedeck, da wäre ich bereit, mich nochmals zu verlieben.

Hier haben wir Aprilwetter, wie es im traurigsten Buche steht. Vor einer halben Stunde war es noch sonnig, und jetzt regnet es bereits wieder und der Wind treibt durch die Strassen. Ich habe soeben eine Biographie von Marilyn Monroe rezensiert. Ich weiss gar nicht, wie ich dazu gekommen bin. Na ja, eigentlich liegt der Grund darin, dass derselbe Autor bereits eine Biographie über Mozart geschrieben hat. Und so wollte ich sehen, wie er die Monroe abhandelt. Er schreibt in ich-form. Das fand ich schon mal merkwürdig. Besonders zu Beginn des Buches, wo die Marilyn sozusagen als Dreijährige Spricht. Später löst sich das Problem auf, und ich glaube, es ist nicht so schlecht geworden. Sie hatte ein absolut wechselvolles Leben. Und natürlich findet man in der zweiten Hälfte des Buches jede Menge berühmter Namen. Allerdings bin ich in diesem Gefilde nicht so sehr bewandert. Ich war nie ein besonders eifriger Kinogänger. Na ja, damals, als ich in Zürich studierte, und als der französische Film seine Glanzzeiten feierte, haben wir einige gesehen. Aber sie haben mich selten so sehr beeindruckt, dass ich sie nicht vergessen hätte.

Ich habe heute fast den ganzen Morgen im Büro gezeichnet und gemalt. Das war wundervoll. wenngleich vielleicht für einen Chef ein bisschen merkwürdig. Zu Beginn hatte ich Probleme mit dem Computer. Daraus wurde ich ganz wild und ungeduldig. Aber ich glaube, fürs Zeichnen ist die Stimmung gut. Dann geht man forsch voran und hält sich nicht mit kleinen Details auf. Ich glaube, das ist wirklich mein Geheimtipp. Ich muss mich aggressiv machen, wenn ich malen oder zeichnen will. Ich will dann einfach durch und damit basta. Und das sieht dann schliesslich aus wie Art brut, wenn Du verstehst, was ich meine.

Und jetzt fahre ich heim und lege mich aufs Ohr. Ach, ich bin wirklich faul geworden.
Nun, so ist es eben.
Mit einem lieben vorosterlichen Gruss
...

Montag, 7. April 2025

Noch nicht ...

Liebe Marlena

(---)

Kennst du Jean Piaget? Wahrscheinlich hast du von ihm gehört. Er war vielleicht der grösste Psychologe neben Sigmund Freud. Er hat die kognitive (nicht emotionale, wie Freud) die kognitive menschliche Entwicklung untersucht mit seiner Forschung. Seine Theorien sind absolut interessant, aber auch nicht ganz leicht bis ins Letzte zu begreifen. Ich zumindest habe das nie ganz geschafft. Piaget war ein Genie, schon früh in der Schule hatte man das bemerkt. Und er war aus Neuchàatel, also ein Welschschweizer. Worauf ich aber hinaus will: als er schon ziemlich alt war gab es im Fernsehen ein Porträt über unseren Jean Piaget. Man konnte ihn sehen mit seinem weissen Haar und wie er an seiner Tabakpfeiffe herumfingerte und in alter Manier diskutierte und argumentierte. Interessant, ja frappant für mich war nicht der alte Piaget, sondern sein Büro. Es war das absolute Chaos, voller Papier auf den Regalen, Papier auf dem Pult und - wenn ich mich recht erinnere - sogar Papier am Boden. In meinem Bild-Gedächtnis sehe ich den alten Piaget, wie er in einer Flut von Papieren versinkt und ertrinkt. Ich glaube, er war schon ein bisschen senil.

Nun ja, so sieht es um mich herum ja dank meiner S und aus vielleicht ein paar anderen Gründen noch nicht gerade aus. Aber ich bin auf gutem Weg dazu (zum Chaos, nicht zur Senilität)!

Immer wieder finde ich neue interessante Artikel, die ich lesen möchte und zur Seite lege. Auf der andern Seite sollte ich periodisch wieder aufräumen und die alten Sachen wegräumen, die ich nicht mehr brauche. Und alles in allem müsste zwischen diesen beiden Prozessen eine Balance sein. Du verstehst was ich meine? Im Büro sage ich meinen Mitarbeitern (zum Spass mehr als im Ernst): Jeder der zu mir ins Büro kommt und Papier mitbringt, ist verantwortlich, dass er ebensoviel Papier wieder hinaus- und mitnimmt. Unwichtig was es ist, es muss gleichviel sein. Sonst ersaufe ich hier in meinem Büro!

Und so ein Samstag Abend ist ideal, ein bisschen Papier aufzuräumen und dieses und jenes durchzuschauen. Und weißt du, wie das schliesslich geendet hat? Ich habe zwei alte Artikel gefunden und sie (nochmals) gelesen. Der eine war über...

À propos Unordnung.

Lieber ... 

Als Anna klein war hatte ich ein Spiel erfunden (eigentlich waren es beide). Das Spiel hiess "Ska-den-vara-där?-leken"
Du schaust dir einen Gegenstand an, irgendetwas in deiner Nähe, und fragst: Soll das dort sein? Und wenn die Antwort "nein" ist (was in 90 % der Fälle passiert ;-) so fragt man weiter: "Wohin gehört es?" Und wenn man es dann an den rechten Platz gestellt hat, bekommt man Punkte dafür.
Du kannst dir garnicht vorstellen wie viele Dinge in Windeseile ihren richtigen Platz gefunden haben und wir haben um die Punkte gewettet und hatten einen riesen Spass dabei. Natürlich hat sie mit der Zeit meine geheime Absicht bemerkt  ...
Versuchst du es mal mit deinem Büro? Du kannst dabei Zeit nehmen und zählen wie viel du in 5 Minuten finden wirst. Und nachher wirst du dich wundern, wie schnell so viel richtig gelandet ist. Naja, dein Büro sieht sicher nicht aus, wie es hier damals und manchmal auch noch heute  aussieht. Wie du manchmal sagst, man könnte darin schwimmen.*

Weisst du, ... Wir schreiben uns nun schon so lange und es kommt sicher immer öfter vor, dass ich dir wieder von etwas erzähle, was du eigentlich schon weisst. Dann schäme ich mich ein wenig über mein schlechtes Gedächtnis. Aber wie du ja ind deinem heutigen Mail sagst: man kann es immer wieder erzählen. Das tröstet mich ein wenig.
*
Nun lasse ich dich wieder, an diesem grauen regnerischen Tag und wünsche dir alles Gute,
Mit lieben Grüssen
Marlena

RE:

Skadenvaradär, das Spiel scheint ja auf den ersten Anblick sehr überzeugend. Und man ist geneigt, es auszuprobieren. Aber - das zumindest war mein erster Gedanke - aber es ist ein Spiel, das von ordentlichen Erwachsenen erfunden worden ist. Es setzt voraus, dass man weiss, dass ein Ding nicht hierher, sondern richtigerweise dorthin gehörte. Es setzt also ein Gefühl für Ordnung voraus. Was aber, wenn man das nicht hat. Was tut einer wie ich, der ein Ding in der Hand hat und eben gar nicht weiss, wohin er es tun sollte.

Natürlich gibt es eine intuititve Topologie im Raum. Und ich kann sagen, wo meine neuen Bücher sind, die ich rezensieren muss, wo meine Wörterbücher stehen, wo die Dinge liegen, die ich in der Dokumentation verstauen sollte. Aber es gibt soviele Papiere und Dinge, die sich nicht für einen bestimmten Platz entscheiden können. Sie schweben sozusagen im Raum wie helle, nach Waschpulver riechende Leintuchgespenster. Vor allem will ich sie nicht zu gut verstauen, weil ich sie sonst vergessen würde. Deshalb erhalten sie vielleicht einen Platz, der etwas zu prominent ist. Die mangelnde Ordnung hängt also wohl damit zusammen, dass die vielen Dinge der Erledigung harren. Erledigte Dinge lassen sich in der Regel sehr einfach versorgen.
Ich glaube, Du siehst meine Probleme. Und ich fühle mich hier dem genialen Jean Piaget artverwandt.



The Hours

(Mail wiedergefunden)



To: "'marlena..@hotmail.com'"
Date: Tue, 1 Apr  08:49

Liebe Marlena
Aber ich wünsche mir die Tage gleich golden, nicht bloss goldumrandet. Richtig überflutet mit Gold.
*
Ich habe Dich geschlagen. Echt, Du bist auf den zweiten Platz verwiesen! Darin hast Du die Nase nicht vorne! ;--)) Du wirst es auch kaum erraten, was ich hier meine. Es ist vielleicht auch nicht so wichtig, wie ich es jetzt mache. Aber ich habe gestern abend, kurzentschlossen und aus dem Bauch heraus, den Film The Hours gesehen. Und ich bin in der Tat begeistert. Die Verknüpfung dreier Frauenschicksale - alle sind sie Frauen von diesem hellen, anglosächsischen Typ - ist wirklich gut gemacht, sehr abwechslungsreich und höchst komplex. Am meisten liebte ich Meryl Streep (so heisst sie doch?) als Mrs Dalloway 'im besten Alter' Sie ist herrlich, wenn sie mit ihren grünen Handschuhen in Küche und Stube herumfuchtelt. Und ist bis zu den Ohren voller Gefühle, Hoffnungen ebenso wie Enttäuschungen. Virginia Woolf im 19. Jahrhundert, die mit ihrem Mann in Richmond England lebt, ist wirklich so eckig und ein bisschen fremd wie eine schizoide Person. Man hat Mitleid mit ihrem Mann, der sich einsam für sie aufopfert. Aber die Situationen im Haus, auf dem alten Bahnhof, in den Strassen oder bloss im Garten sind hinreissend schön. Das scheint wirklich altes englisches Pflaster zu sein! Und die dritte Frau lebt einen langweiligen American Way of Life, liest Woolfs Roman und ist ein bisschen verloren in dieser künstlichen Vorstadtwelt der kleinen Einfamilienhäuschen im Süden Amerikas. Später stellt sich heraus, dass ihr kleiner Sohn, dem sie auch etwas hilflos und linkisch begegnet, der grosse preisgekrönte und aidskranke Schriftsteller war. Mit anderen Worten, die drei Frauen leben zu verschiedenen Zeiten. Doch ihre Schicksale berühren sich immer wieder.

Ich bin noch ganz begeistert von den schönen Bildern und der Komplexität, die zum Denken anregt. Ich werde auch S. empfehlen, hinzugehen. Ich habe mir ja den Montagabend ausgesucht. Das Kino war bloss zu einem Viertel besetzt, aber zumeist mit jungen, Popcorn knackenden und kichernden jungen Mädchen. Offenbar ist der Film jugendfrei. Und das ist er ja wirklich. Ich glaube, dass Du ihn rasch auch sehen solltest. Wenn Du mir dann erzählst, was Du gesehen hast, dann kann ich ihn ein zweites Mal durchgehen. Vielleicht kannst Du auch herausfinden, woher der Titel stammt. Hours, was ist damit gemeint? Einmal liegt Meryl Streep mit ihrer Tochter auf dem Bett und sinniert über ihre Vergangenheit. Sie redet über das Glück im Leben und stellt fest, dass es ein Moment war. Es war ein Moment, wo man meint, jetzt ist das Glück da und es werde immer mehr. Aber das Glück war nur dieser eine Moment. Ich glaube, das ist sehr gut beobachtet. Ist nicht der ganze Film eine Frage nach dem Lebensglück und was wir uns gegenseitig dafür bedeuten können? Wir leben für den anderen, damit der andere nicht stirbt. Na ja, Du musst es Dir selbst anschauen.

Heute werde ich über Mittag nach Basel fahren. Ich hoffe, es sei dann etwas wärmer als morgens, da ich auf dem kleinen Bahnhöflein ziemlich gefroren hatte.

Ich wünsche Dir einen goldüberlaufenen Tag
Mit einem lieben Gruss
...

Nochmals Filme

Subject: mimo

Date: Wed, 2 Apr

Liebe Marlena
Es ist dunkel draussen und regnerisch. Hat die ganze Nacht mehr oder weniger gestürmt. Ich nehme an, bei Euch oben schneit es jetzt, und Ihr seid bestimmt um Wochen zurückgeworfen in den Winter. Gestern abend war es noch ziemlich mild gewesen. Aber man konnte schnuppern, dass etwas in der Luft lag.
*
Ja, da sieht man, wieviel Konsens über die Beliebtheit von Filmen herrscht. Es ist ja nicht ohne, dass man mit diesen Awards die öffentliche Aufmerksamkeit auf einzelne Stücke und Schauspieler lenkt. Gehört mit zum Geschäft. Und wenn ein Film gut ankommt, so ist er wohl immer so gut eingelegt im Zeitgeist wie die Gurke im Essig. Es gibt Filme, die kann man heute kaum mehr anschauen, obwohl sie damals grosse Erfolge waren. Und schliesslich gibt es so etwas, was man Kultfilm nennt. Sie sind wohl die Spitzen der Eisberge, die über einer Periode stehen und irgendwie repräsentativ für eben diesen Zeitgeist stehen. Denke an 'Der blaue Engel' (1930), 'Casablanca' (1942), 'High Noon' (1952), 'Bonnie and Clyde' (1967), 'Le Charme discret de la Bourgeoisie' (1972), 'Le dernier Tango à Paris' (1972), 'Schindler's List' (1993). *

Ich erinnere mich, wie wir im Gymnasium einmal über einen damals aktuellen Film diskutiert haben, und dies zwar in einer regulären Deutschstunde. Im einzigen Kino in Visp - genannt La Poste - war der Film 'Wem die Nachtigall schlägt' mit Grant als charismatischer Anwalt gelaufen, der einen Schwarzen zu verteidigen hatte. Doch die Diskussion war sehr mager, und heute denke ich, dass wir damals sehr wenig geübt waren, mit Geschichten umzugehen. Das ist eigentlich schade, und es ist auch erstaunlich, wo doch die meisten Lehrer Priester waren, und die katholische Kirche ein wahres Freudenhaus voller illustrer Geschichten darstellt. Es ist wirklich schade. Ich liebe Personen über alles, die mit Geschichten umgehen können, die erzählen und wiedererzählen, und vor allem, die gut erzählen. Meine Schwiegermutter ist so, ein Naturtalent. Sie stammt natürlich aus einer Zeit und Kultur, wo Geschichten das pure Leben sind. Leben ist dort nichts anderes als diese Geschichten, die dauernd erzählt und wiedererzählt werden. Wenn die Geschichten abbrechen würden, könnten die Menschen nicht mehr weiterleben. Sie leben in Geschichten wie die Fische im Wasser. Natürlich haben die Lehrer als katholische Priester da und dort eine Legende, eine Heiligengeschichte oder so was erzählt. Aber heute muss ich sagen, sie haben es nicht mit grossem Selbstbewusstsein getan. Auch sie haben schon gelebt unter diesem Eindruck, dass diese Geschichten doch eigentlich nicht sonderlich wahr sind, mindestens nicht wahr in unserem modernen Sinne, und dass es heute neuerdings viel Informationen gibt, die für junge Leute weitsaus wichtiger sind. Man hatte auch schon an unserer Schule Geschichten mit Informationen oder mit Nachrichten ersetzt. Ich denke, ich habe an dieser Schule eine sehr gute sprachliche Ausbildung genossen. Das merke ich noch heute, wenn ich mit Schülern bis hinauf ins Gymnasium über ihre sprachlichen Fertigkeiten und Kenntnisse spreche. Allein die Kenntnisse der Grammatik aus dem Lateinunterricht ist ein solides Fundament. Aber die Semantik der Sprachen, die Bedeutungen, damit haben wir uns nicht ganz so intensiv mit beschäftigt.
*
Was kann ich Dir noch erzählen von meinem kargen Leben? Vielleicht, dass ich im Moment Mühe habe mit meiner Arbeit. Ich muss mich zwingen, dieses oder jenes zu tun, warte bis im letzten Moment, bis ich nicht mehr ausweichen kann. Es geht immer einigermassen, aber ich lebe irgendwie mit einem schlechten Gefühl, mit einem diffusen Hintergrund an Schuldgefühlen, nicht mehr zu tun, alles nicht schneller zu tun. Ich glaube, es fehlt mir an der Energie und der Kraft. Man sollte doch, wenn möglich, nicht mit Druck, sondern mit Zug leben. Man sollte, mit anderen Worten, sich die Ziele in den schönsten Farben und Formen ausmalen, so dass man geradezu automatisch dazu verführt wird, sie zu realisieren. Es wäre eine Lust, diesen Zielen näher zu kommen und man könnte kaum darauf warten, die Resultate zu geniessen. Aber dieses Ausmalen braucht viel Optimismus, und Optimismus braucht Kraft, und Kraft braucht eine gute physische Konstitution. So lasse ich mich zur Zeit vom Termindruck und von den Zwängen voranstossen. Stossen bewirkt immer sehr viel Reibung und Energieverlust. Man sollte segeln, nicht rudern, hat mal jemand gesagt. Zum Segeln bedarf es den weiten Blick, das Sensorium für Athmosphärisches und Metereologisches, die behenden Berechnungen zum Nutzen des Augenblicks. Rudern ist eine völlig andere Strategie des Vorankommens. Es erfordert bloss einen starren Blick vor sich hin (Indiz für einen sturen Willen) und zwei beträchtliche Dinge namens Biceps. Das genügt vollauf.
*
Ich wünsche Dir einen schön verschneiten Frühlingstag
Mit einem lieben Gruss
...


Sonntag, 6. April 2025

Wo bleibst Du ???


Subject: Wüste!
Date: Tue, 01 Apr 23:57  (Fwd: 07 Apr)

Lieber ...,
Goldüberlaufen war dieser Tag absolut nicht. Schon früh am Morgen habe ich vergebens nach dem Wässerchen, meinem "Eau de Vie" gesucht aber alles war ganz trocken. Und dann, am Nachmittag und Abend konnte ich nicht von zu Hause ins Internet gehen. Telenordia hatte scheinbar grosse Probleme, denn nicht einmal via Telefonlinie hat es geklappt. Als ich jetzt am Abend wieder reinkam, fand ich immer noch nichts von meinem untreuen Mausfreund. Bis mir schliesslich der Gedanke kam, in der alten Mailadresse (eine Hotmail) nachzusehen. Und voilà! Da lag endlich etwas gegen den Durst.
*
Ja, du hast mich übertroffen in Geschwindigkeit. Hätte ich gar nicht von dir gedacht, da du doch sagst, dass du kaum mehr ins Kino gehst. Aber du warst auch nicht an erster Stelle.
Am Nachmittag hat Gudrun, eine liebe Kollegin, angerufen und sich bedankt für meine Gratulation. Ich hatte ihr eine Geburtstagskarte auf den Schreibtisch gelegt mit einer Kinokarte drin und dem Versprechen von Eskort zum Kino. Sie hat kein Auto und die öffentlichen Verkehrsmittel passen nicht immer so gut. Deshalb ist sie froh, wenn ich sie mitnehmen kann.

Nun, jedenfalls hatte sie sich ein paar Tage frei genommen, um in Stockholm mit ihren Geschwistern ihren Geburtstag zu feiern. U.a. war sie auch im Kino gewesen und hat, ja du rätst es schon, "Hours" gesehen. Sie war ebenfalls begeistert. Der beste Film, den sie je gesehen habe. So bin ich nun schon doppelt neugierig. ..

Der Regen schmettert gegen die Fensterscheiben. Ich hatte fast vergessen, wie das ist. Und den ganzen Tag hat es ziemlich gestürmt. Man sagt uns sogar Schnee voraus. Ein richtiges Aprilwetter also.



Meryl and Clint

Ja, Meryl Streep ist wunderbar. Ich denke besonders an einen Film mit ihr, der mir sehr gefallen hat. "Bridges of Madison County". Er schildert eine kurze Liebesgeschichte zwischen einem alternden Fotografen (Clint Eastwood) und einer verheirateten Frau mit einem langweiligen American Way of Life, wie du es nennst. Oh, du würdest den Film lieben. Vielleicht hast du ihn gesehen?
*
Es ist spät und ich sage dir gute Nacht. Komme morgen wieder, wenn ich nicht müde bin.
Wünsche dir einen goldenen Tag.
Marlena

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Auf Deinen Wortschwall ...

 

Subject: auf Deinen Wortschwall ...
Date: Sat, 5 Apr 10:46

Liebe Marlena
Da bist Du aber ziemlich wortkarg, nach Deinem Filmbesuch. Na ja, vielleicht ist es nicht gut, wenn man zu früh zuviel Lob hört. Und vielleicht hat wirklich das Popcorn gefehlt!

Und nun möchtest Du nochmals wissen, was mir dabei gefallen hat? Soll ich mich wirklich wiederholen?

Wenn ich nochmals über meine Erinnerung gehe, nach einer Woche, so könnte ich sagen:

1. Die Gesamtkomposition hat mir gut gefallen. Ich meine damit diese Verqickung dreier biographischer Szenen aus drei verschiedenen Zeiten von drei verschiedenen Orten verbunden durch eine literarische Quelle. Am Anfang des Filmes gibt es diese dramatischen Schnitte, mit denen über die drei Zeiten und Orte hin und her gehüpft wurde. Das ist ein gutes Spannungsmoment. Anders gesagt: die Erzählweise ist komplex. Es ist dieselbe Technik, die der tschechische Schriftsteller in seinen Romanen braucht. Die Kombination von verschiedenen Erzählsträngen ergibt neue Aussagen, die man mit einer Geschichte allein nicht machen kann. Der Zuschauer wird so nicht durch Identifikationen in den Strudel der Handlung hereingerissen, sondern bleibt in einer Metaposition. Er bekommt geradezu eine Sicht sub specie aeternitatis, eine göttliche Position mit einem Überblick über Orte, Zeiten und Handlungen. Und das ist, wie mir scheint, eine eigentlich literarische Position.

2. Ich glaube, dass es diese komplexe Gesamtkomposition erlaubt, die einzelnen Szenen völlig sinnlich und ohne allzu tiefsinnigen Text zu gestalten. Der Tiefsinn entsteht durch die Schnitte und die Kombinationen. So haben mir die vielen romantischen Szenen gefallen, der hübsche englische Bahnhof, der Park, jene wunderbare enge Gassenkurve in Richmont. Aber auch die New Yorker Szenen hatten viel Cachet. Stell Dir jenen Blumenladen vor, wo Meryl Streep ihre Sträusse für die Party holt. Sowas findest Du heute nur noch in Teheran.

3. Und wahrscheinlich hat mich dieses Thema der gegenseitigen Aufopferung berührt, der These also, dass wir Menschen uns gegenseitig opfern und hingeben können, dass das Leben eigentlich zwischen den Menschen ist, nicht in ihnen. Das ist eine Antithese zum modernen Individualismus und vielleicht ein Versuch auf die Frage: was ist ein glückliches Leben! Das Glück ist dann wohl eigentlich jenes unfassbare 'Dazwischen'. Und es ist bloss die Rückseite des Leides.

Na ja, man kann viel darüber spekulieren. Und um genauer zu interpretieren, müsste man den Film gleich nochmals sehen. Wie ich Dir gesagt habe, hat mich Meryl Streep mit den Küchenhandschuhen und ihrem wackeligen Hintern sehr gut gefallen. Ihr Gesicht hat die Geheimnisse eines halben Lebens angedeutet.
£*£
Und so sitze ich im Moment an diesem Samstagmorgen in meinem Büro. Klarer blauer Himmel, kühle Luft, die Bäume for dem Café gegenüber spriessen zartgrün, und die Leute sind wohl daran, ihre Osterhasten einzukaufen. Ich muss einige Sachen machen heute. Kann Dir gar nicht alle schildern. Es sind einige unangenehme dabei. Ich versuche, auf die Zähne zu beissen und unten durch.
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B. hat von Kreta geschrieben. Der Grundton scheint mir Allegro. Also durchaus optimistisch, so das nicht zu erwarten ist, dass sie gleich wieder zurückkehrt. Das wäre bei A. schon möglich, wenn ihr etwas ganz und gar nicht zusagt. Sie macht manchmal ziemlich absolute und endgültige Urteile. Nun ja, das ist das Privileg der Jugend, während wir Frühpensionisten hin und her denken und in einer Sauce von Kompromissen rühren.
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Nach all dieser Zeit bin ich zum Schluss gekommen, dass Du Marlena eine gute buchhalterische Ader hast. Und dazu gehört Skadenvadär sicherlich auch. Ich glaube, darin sind wir verschieden. Ich denke, dass Du im Geheimen oft rechnest und ordnest. Stimmt's? Und das ist sicherlich ein realistisches Moment in der heutigen Welt. Ich bin dagegen oft sehr fantasieverloren, träumerisch, eben, wie Du gesagt hast, nicht auf diesem Steinboden der Schweizeralpen. Ach ja, das ist ein bisschen Gerede.
Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende
Mit lieben Grüssen
...

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 Re:   Auf Deinen Wortschwall ... (5. april)

Lieber ...,
Wie lieb von dir, trotz deiner Eile ein kleines Mail zu senden. So hat mein Tag gut begonnen. :-)
Bin zu Hause in der Lunchpause. Draussen sieht es warm und sonnig aus. Aber der Schein trügt. Vor allem ist es windig und das mag ich nicht besonders.

Ich glaube der Irakkrieg geht zu Ende. Jedenfalls hoffe ich, dass es bald vorüber ist und dass nicht noch mehr Menschen sterben müssen.
Und nun fangen sie an über die Nachkriegszeit zu diskutieren. Was bei dieser komischen Situation schon herauskommen wird. Blair und Bush scheinen sich nicht einig zu sein.
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G ist so erkältet, dass Åke und ich ihn gebeten haben nach Hause zu fahren. Er will am Wochenende nach London (wo seine Tochter wohnt) und muss sich so schnell wie möglich kurieren.
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Es ist Abend geworden. Bin etwas müde und lustlos heute. Weiss eigentlich nicht wieso. Aber es geht vorüber, wie alles hier in der Welt.
Du schreibst so wunderschön über den Film. Auch ich möchte ihn noch einmal sehen. Es ging alles ein bisschen schnell. Deine Gedanken zu dem Film sind interessant. Dieses sich Aufopfern für etwas oder jemanden. Vielleicht gibt es uns Existenzberechtigung. Und deine Idee, dass das Leben zwischen den Menschen ist.. natürlich ist es so. Es muss nicht einmal ein Mensch sein. Wenn du ein Gemälde betrachtest, spürst du das Leben. Es ist die Energie die dich mit diesem Objekt verbindet. Aber wo bleibt, bei deiner Theorie, die Seele eines Menschen?
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Ich habe mir ausnahmsweise eine Tasse Kaffee gemacht heute Abend. Aber sie schmeckt am besten am Morgen.
Du denkst, dass ich im Geheimen ordne und rechne? Ich habe Anna gefragt, und ich glaube nie hat sie so spontan laut gelacht. Das ist nämlich das Letzte, was man von mir sagen kann. Nur eben jetzt, in dieser Situation, wo ich nachdenken muss, ob ich überhaupt auskommen werde mit meinem Geld, falls ich früher gehen will, bin ich gezwungen etwas nachzudenken. Es würde mir nicht gefallen, wenn ich meine Spontanität oder Generosität irgendwie einschränken müsste. Gott bewahre mich davor!
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Ach, wie schön, dass du wieder einmal von Onkelchen erzählst. Und dein Kochen? Ich habe nur so gestaunt über deine Schilderung. ;-)  Fisch zu braten verlangt schon etwas können. ;-))
Ich denke eben, dass Onkelchen gern mal mit dir allein isst, weil er es sicher anstrengend findet, seine Hilflosigkeit vor einer Frau zu verbergen. Mit dir muss er das nicht tun.
Übrigens, hast du gemerkt, dass wir bei Pensionierung und Altertum gelandet sind? Wie lustig eigentlich. Denn wir sind doch wirklich noch nicht so weit, oder?
Mein Journalistfreund, den ich gefragt habe, wann er endlich seine Teenagerzeit verlassen wird, meint er ist "froh dass es noch ab und zu in seinen Gliedern zuckt, bevor er in die Kindheit mit Scheisse, Piss und Windeln zurückkehrt". Vielleicht hat ihn meine Frage beleidigt. Na ja, wahrscheinlich hat er auch die Serie, die im Altersheim spielt, gesehen. Es war deprimierend und es ist wirklich kein Dasein, nach dem man sich sehnt.
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