Montag, 25. November 2024

Langeweile - Vergehen gegen das Leben

 

Liebe Marlena

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Du darfst nicht sagen, dein Leben sei zeitweise nicht interessant. Das ist ein Vergehen gegen das Leben, meine Liebe. Also, ich weiss natürlich, wie du das meinst, und gelegentlich sage ich von mir dasselbe. Aber es ist im Grunde genommen sehr ungeschickt, sein eigenes Leben so anzuschauen. Man muss es sofort ändern. SOFORT! Ich finde, wir haben die Aufgabe, unser Leben schön und lebendig und attraktiv zu machen. Jeder tut das auf seine Weise. Der eine mag es sehr ruhig, der andere rennt ständig in der Gegend herum. Ich selbst mag eher die Ruhe, die stillen Abende bei der Lektüre unter dem Lichtkegel der Lampe. Meine Frauen zuhause reklamieren gelegentlich, weil ich abends stets zuhause sitze und nicht gerne mehr unterwegs bin. Ich glaube, dass meine interessanten Dinge vor allem in meinem Kopf abgehen.
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Ich glaube, das ist es, was das Leben voll macht. Vor allem müssen wir es selbst machen. Das Leben an sich ist noch gar nichts, ist bloss eine biologische Tatsache, monoton wie der Herzschlag, eingleisig wie der Gang der Ernährung, unspektakulär wie ein Hickauf, voller unangenehmer und langweiliger Pflichten, voller Sorgen und Unannehmlichkeiten. Man könnte gut und gerne darauf verzichten.
Also, meine liebe Marlena, der langen Rede kurzer Sinn: wenn man in einer solchen Familie aufgewachsen ist, wie du sie mir - allerdings nur sehr kurz und skizzenhaft, erzähl mir mehr davon, ich bitte dich - wie du sie schilderst, da KANN man kein zeitweise langweiliges Leben führen. Das ist ganz und gar unmöglich, oder anders gesagt VERBOTEN. Du bist ein aussergewöhnlicher Mensch. Das widerspricht doch der Langeweile um 180°. Es ist das pure Gegenteil. Es ist wie Wasser und Feuer, meine Liebe.
Ich muss aufpassen, ich werde zu pädagogisch, dh. lehrerhaft. Das ist immer schlecht, nicht wahr, meine sympathische Frau Studienrätin.
Ich behaupte also steif und fest, ob ein Leben interessant und aufregend und wundervoll und spannend und auch schmerzvoll vielleicht ist, das entscheidet sich in erster Linie im Kopf, und nicht sosehr im Leben selbst. Natürlich ist der Kopf auch ein Teil des Lebens, nicht ganz unabhängig davon. Er kann nicht völlig autonom entscheiden. Aber er kann entscheiden.
Ach meine liebe Marlena, was erzähle ich dir hier so lange und so kompliziert und so umständlich. Ich finde mein Leben gelegentlich totlangweilig, einfach öde und die Monotonie in Reinkultur, kurz und gut das ALLERLETZTE.
*
Aber von Dir einen Brief zu erhalten, stellt alles auf den Kopf, das inspiriert mich, das beflügelt mich, das ist so ein kleiner Edelstein im Bodenpflaster des Lebens. Da bist du eben doch meine heimliche Geliebte und meine Muse! Du bist ein besonderer Mensch, sonst würde ich niemals mit dir korrespondieren. Du sprichst von einem Tag Paris. Ich bitte dich, es war von EINER Woche die Rede! Darunter gehe ich nicht, nie und nimmer. 7 Tage ist das Minimum für Paris, sonst beleidigen wir die gute alte Stadt. Und wenn ich dazu noch den Arm um deine Schulter legen darf (möglicherweise um eine Stütze zu erhalten, wie du sagst; das ist sehr samariterlich gedacht, für diese wohlwollende und unschuldige Fantasie geb ich dir einen speziellen diskreten Kuss - unter 4 Augen, versteht sich, nicht gleich auf der Champs Élysées), dann weiss ich nicht, ob auch 7 Tage genügen würden.

Ich muss noch etwas zum Bild von Visp sagen, das du beigelegt hast. Es ist ja fast ...

 

Samstag, 23. November 2024

Fauler Fernsehabend


date 31 October 
subject Re: So...

Liebe Malou
Ich glaube, ich habe einen kleinen Moment Zeit für ein paar Zeilen. Wir haben hier nochmals Glück, ähnlich wie letztes Wochenende. Der Himmel hat gestern aufgehellt und heute ist es recht sonnig. Der Kastanienbaum gegenüber auf dem Platz ist gelb bis rostrot. Das weckt einen Schwarm von sinnlichen Erinnerungen, Brückenerinnerungen sozusagen. Man hat immer noch die Wärme des Sommers im Blut, wittert aber schon von ferne einen kalten, schneereichen Winter. Als Frischlinge erlebten wir diese Momente stärker als heute, da wir als Spätlinge tagelang hinter verschlossenen Fenstern in klimatisierten Räumen warmen Kaffee trinken.

Ich bin noch ziemlich stark unter dem Eindruck eines faulen Fernsehabends gestern. Zuerst war ich an einen Film über Amerika und Haloween geraten, der aber schliesslich jene Zeit um 68 wieder aufleben liess, da Bob Kennedy im Wahlkampf ermordet worden war. Ich hatte mich damals wirklich stark mit diesem Kennedy identifiziert, und die Walliser waren natürlich ganz und gar auf der Seite des katholischen Clans. Im Wesentlichen hat der Film auch hier behauptet, wie doch schon beim Mord an JF. Kennedy, der palästinensische Mörder Shirhan sei nicht wirklich der Täter und die Polizei hätte nachträglich alle Indizien und Spuren verschwinden lassen. Aber dieser Teil der Geschichte interessierte mich weniger. Ich denke, das sei ein Problem der Amis, und nicht das unsere.
Ich glaube, die Kennedys haben echt gut mit den Medien gespielt. Die Fotos die kursieren, sind dazu angetan, die Liebe der Oeffentlichkeit zu entflammen. Und wenn man denkt, das J.F. Kennedy eigentlich ein sehr kranker Mann war, der ständig Medikamente benötigte, und wenn man dabei sieht, wie viril und munter er auf den Pressefotos zur Darstellung kommt, dann muss man da doch eine grosse Kluft feststellen. Na ja, wiederum, das ist das Problem der Amis. Sie sollen endlich ihre Hausaufgaben machen! 
Vielleicht könnte ich aus all dem behaupten, sie hätten auch mich erwischt mit ihren Fotos und Fernsehbildern. Ich bin ihnen auch nachgelaufen, diesem Mythos der Kennedys und des amerikanischen Traums. Ich hatte da hinein auch meine Hoffnungen gesteckt. Ich kann mich noch sehr gut an jenen Schultag nach dem Tode J.F. Kennedys erinnern. Wir Schüler waren alle empört, dass die Lehrer zu den Lektionen und zum courant normale übergingen, während wir doch diskutieren und vielleicht irgendwie trauern oder aber die Welt verfluchen wollten.

Und um 23h dann sah ich noch meinen Truffaut Film. Das war meine eigentlich Absicht des Abends, obwohl er doch schon sehr spät im Programm platziert war. Er hat mir gut gefallen, obwohl ich schon müde war, und obwohl er zur Zeit des 2. Weltkrieges gespielt hatte. Er heisst „Die letzte Metro" oder ähnlich. Und die Deneuve war schön wie immer. Depardieu hatte noch nicht seine Figurprobleme. Der Film spielt in einem Theater. Deneuve hat die Leitung des Theaters übernommen, weil ihr Mann, ein Jude, verschwinden musste. Aber in der Tat hauste er im Keller und konnte durch ein altes Röhrensystem an den Proben und Vorstellungen oben auf der Bühne teilhaben und abends seiner Frau die Anweisungen geben. Das ist doch insgesamt eine gelungenes Szenario für eine gute Geschichte, nicht wahr? Und über dem Ganzen schwebte dieser französische Hauch, den wir an unseren westlichen Nachbarn so sehr lieben.

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Freitag, 22. November 2024

Re:

 



Ämne: Vollard


Lieber ...,
Ach, es tut mir leid um Onkelchen. Hoffentlich geht es ihm bald wieder besser. Es ist schön, dass du Vertrauen hast zu seinem Arzt. Dann weiss man, dass unsere Lieben in guten Händen sind.
*

A large, gruff, boorish fellow-who was once described as"looking like a giant ape"-he nevertheless inspired his artist friends:Picasso did a cubist study of him, Bonnard painted him as a genial host, and Renoir portrayed him as a toreador."The most beautiful woman who ever lived," Picasso said,"never had her portrait painted, drawn, or engraved more often than Vollard."

Das kann wohl stimmen. Ich lege dir ein paar Bilder in Fotofolder rein.
Ich denke du musst wohl diesen Vollard meinen, oder?

Mit lieben Grüssen,
Malou

Biographische Schriften Ungerers

Ämne: Verschneiter Montag Morgen ..


Liebe Malou
Ich war nicht ganz im Strumpf während des Wochenendes. Wir waren nur kurz nach Aarau gefahren, um Onkelchen zu besuchen. Er liegt dort im Spital, war bei seinen Nachbarn hingefallen und hat den Arm gebrochen. Er ist auch etwas durcheinander im Kopf, hat uns zwar erkannt, aber doch von seiner Elisabeth gesprochen, als ob sie noch leben würde. Am meisten hat er sich Sorgen gemacht, dass sie im Spital kein Closomat hätten. Das sind diese WCs, die dir den Hintern automatisch waschen. Seine Frau hatte damals in seiner Villa so ein Ding einbauen lassen, und jetzt scheint er davon abhängig zu sein. Aber er versteht sich gut mit dem Arzt, der ein dezidierter Typ aus dem Oberland ist. War mir auch auf Anhieb sympathisch und hat uns alle Umstände erklärt.

Und sonst habe ich viel geschlafen und geruht, ein oder zwei Tabletten geschluckt, damit ich nicht am Montag Morgen in einer veritablen Grippe aufwachen würde. So hatte ich auch Gelegenheit, die biographischen Schriften Ungerers zu Ende zu lesen. Das erste kleine Büchlein betraf seine Jugend im Elsass, wie ich schon erwähnt hatte, mit den Kriegsjahren und unter den Fittichen seiner gescheiten Mutter, die manch heikle Situation mit der Besatzung meistern konnte.
Dieses zweite Büchlein betraf seine 10 Jahre in New Scottland mit seiner Yvonne. Das liegt nicht ganz so weit im Norden wie Schweden nahe beim Ausfluss des St. Laurence-Stromes, scheint aber doch ziemlich wild und vom Wetter gepeitscht zu sein. Ungerer war, wie er erzählt, von einem Tag auf den andern aus NY abgehauen und hatte Zuflucht in der halben Wildnis in einem kleinen Fischerort gefunden. Er hat einen lakonischen Stil zu erzählen, ohne viel Sentimentalität. Und er hat Freude, die Leute ein bisschen zu schockieren. Er erzählt viel über die vielen Tiere, die sie dort in der Wildnis hatten und von denen sie schliesslich lebten. Minutiös erklärt er, wie man ein Schwein schlachtet. Und man glaubt ihm durchaus, dass das zu Beginn keine leichte Sache gewesen sein kann. Er scheint, seine weissen Gänse besonders geliebt zu haben. Sie hätten stechend scharfe, blaue Augen und sie nähmen alle im Kreis teil, wenn sich zwei Tiere paaren. In lauter Begleitung beobachten sie den Akt und klatschen - nach dem genau beobachteten Erfolg - zum Schluss begeistert mit den Flügeln. Ja, die guten Tiere lebten lebenslang in Monogamie, deshalb müsse man beim Schlachten darauf achten, dass man nicht ein Paar trenne. Er machte vieler solcher Beobachtungen und erzählt sie in kurzen, unverschnörkelten Abschnitten. Auch sein Schweizer Verleger Daniel Keel war bei ihm zu Besuch, um ein paar Fotos zu machen. Er sei ein paar Schritte rückwärts gegangen, um mit seiner Kamera einen besseren Ausschnitt zu erhalten, und so in die Wassertonne gefallen, die mit einer feinen Schneeschicht bedeckt, nicht zu sehen gewesen sei. Ja, ich glaube das macht seinen lakonischen Stil aus, dass er so unvermittelt, ohne Einleitung, ohne erklärende Umschweife kurz und bündig erzählt. Ungefähr so, wie ein Schüler der 5. Klasse die Dinge erzählt. Aber Ungerer hat daneben viele hübsche Vergleiche, die seine Schilderungen plastisch machen.

Und weil ich mal so im Lesen war, habe ich mir gleich noch ein zweites Büchlein vorgenommen, das ich schon seit längerer Zeit auf meiner Beige habe. Es sind auch Lebenserinnerungen von einem gewissen Herr Vollard. Kennst Du ihn? Ich werde Dir später davon erzählen.

Heute Morgen war es um 6.00h schon ziemlich hell draussen. Ein milchiges Licht drang durch die Fenster. Und so war ich nicht sehr erstaunt, heute morgen in den Schnee hinaus zu treten. Es liegen etwa 5cm, und es schneit jetzt - um 8.00h - immer noch. Aber der Schnee ist doch eher feucht und ich glaube, während des Tages wird es bestimmt noch zu regnen beginnen. Schade für die Kinder, die heute ihren ersten Ferientag haben und bestimmt am Schnee ihre grosse Freude hätten.

Jetzt gehe ich an die Arbeit. Du hast vielleicht recht, wenn Du sagst, die faulen Stunden seien vielleicht im Leben die wichtigeren als die fleissigen. Das mag schon sein, aber die faulen sind doch vielleicht nur eine Frucht der fleissigen, wenn man das so sagen kann. Das ist - das gebe ich gerne zu - bloss angelernt. Aber was denn ist auf dieser Welt nicht angelernt??

Ich wünsche Dir eine fleissige Woche
Mit lieben gees und kaas
...



Donnerstag, 21. November 2024

Du, Nachbar Gott ...

 (---)

Hör mal an, Rilke hat mich erstaunt:

Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manchesmal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, -
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiss: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
Ich horche immer. Gieb ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.
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Ich finde das ganz enorm. Hörst du, er tröstet ihn, er möchte ihm helfen, er will bereit sein, im Dunkeln einen Drink zu reichen, hörst du das? Er sieht noch eine kleine Überlegenheit seines Nachbars, aber es ist doch ein Nachbar, der Gott heisst, fast schon auf gleicher Ebene. Beinahe mit ihm angestossen hat er. Und das war mindestens vor 100 Jahren geschrieben. Grossartige Brüderschaft!

Mit einem allerliebsten Gruss

Mittwoch, 20. November 2024

Rilke und die Duineser Elegien

 (R)


Kirche von Raron von oben


Liebe Marlena
...
Lass mich dir etwas über Rilke und die Duineser Elegien sagen. Es wäre zwar schöner, das gerade ans Gespräch über das Gedicht "Nachbar Gott" anzuhängen. Ich stelle mir dazu einen Winterabend vor, vielleicht im Wallis, in einem alten Raum mit einem Holzofen. An den kleinen Fenstern glitzern die Eisblumen, weil es draussen kalt ist und der Schnee liegt. Aber hier ist es warm, und wir haben einen goldgelben Schluck Malvoisier, dazu ein paar Nüsse und Käse vielleicht. Ach, ich könnte dir auch einen Marc anbieten, aber das ist vielleicht nicht so dein Geschmack, diese starken Wasser.

Also, meine Liebe, wir waren bei Rilke. Im Dezember 1909 lernte Rilke in Paris die Fürstin Marie von Thurn und Taxis, eine geborene Prinzessin Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst (wow!) kennen. Sie hatte ihn zum Tee eingeladen. Und im Frühjahr 1910 weilte Rilke als Gast der Fürstin auf dem Adria-Schloss in Duino bei Triest. Rilke hatte in Marie von Thurn und Taxis nach der Fertigstellung seines Romans die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge eine hilfreiche Freundin gefunden, die seiner Unruhe, Heimatlosigkeit und Einsamkeit zeitweise ein Asyl bieten konnte. 1911 erhielt er nach einem bewegten und verzettelten Jahr erneut eine Einladung nach Duino. Er antwortete im September 1911: "Welcher Segen, dass Sie mich in Duino verbergen wollen: als ein Flüchtling, wie unter fremdem Namen, will ich mich dort aufhalten, nur Sie sollen wissen, dass ichs bin".

Im Oktober verliess Rilke Paris. Das Auto der Fürstin brachte ihn über die Provence und Norditalien nach Duino. Er war vom 22. Oktober bis zum 9. Mai 1912 ihr Gast. Nach der Abreise der Fürstin blieb er mit wenigen Dienstboten im Schloss, das auf einem steilen Karstfelsen über der Adria steht. Er zog sich einsam zurück und spielte unentschlossen mit dem Gedanken, sich einer Psychoanalyse zu unterziehen. In diesen Tagen des Januars 1912 ergriff ihn ein Zustand, den er später gern als Offenbarung darstellte. Dieses Ergriffenwerden und Inspiriertsein ist nicht nach dem Eros des willentlich und nüchtern betriebenen Arbeitsprozesses verstanden, sondern nach alter platonischer Vorstellung einer göttlichen Sendung des Dichters. Rilke soll auf dem Schloss, wo angeblich schon Dante verweilt hatte, aus dem Brausen des Sturmes die offenbarende Stimme gehört haben:
"Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?"...

Die Fürstin schildert, dass er das Notizbuch, das er stets mit sich führte, hervornahm und die Worte niederschrieb. Und am Abend soll er die ganze erste Elegie niedergeschrieben haben, erinnert sich die Gastgeberin, und ein Brief Rilkes vom 21 Januar 1912 bestätigt es: "Da kommt endlich, liebe Fürstin, um Ihnen immer zu bleiben, das kleine grüne Buch zu Ihnen zurück, höchst eigenmächtig vollgeschrieben mit der ersten duineser Arbeit - für die es genau gemacht war".

Das war der Durchbruch zu einem neuen Werk. Und es führte dazu, dass er dem Arzt seiner Frau, Freiherr Emil von Gebsattel mitteilte, dass er von einer psychoanalytischen Behandlung wieder Abstand nehme. Er wird seine Arbeit als Selbstbehandlung verstehen.
Die schreibende Selbstanalyse schreitet recht erfolgreich voran. Jetzt ist es nicht mehr bloss Eingebung oder Offenbarung, sondern planmässig vorangetriebene Schreibarbeit. Doch der hohe und verpflichtende Stil der gewählten Gattung Elegie als grosser Klagegesang hat inhaltlich noch kein Ziel. Die Preisung und Rühmung der Welt ist noch kein absolutes Thema.

Mit der ersten Elegie hat Rilke die grosse Metapher des "Engels" gesetzt. In dessen Zeichen und Schatten werden die Grundbedingungen des menschlichen Daseins ausgebreitet. Mit der zweiten Elegie tritt der Engel ganz ins Blickfeld. Er grenzt sich gegen die menschlichen Möglichkeiten am Beispiel der Liebe oder unter Erfahrung der Vergänglichkeit und des Todes von dessen Existenz aus. Der Engel bleibt lange das zentrale Medium der Elegien und der Masstab, mit dem Mensch und Welt vermessen wird.
Für seine Aufgabe hat Rilke mit grosser Freiheit an den Traditionen der deutschen Literatur angeknüpft, die von Klopstock und Hölderlin begründet wurden. Die Elegie als eine Form der hohen Lyrik ist bei ihm losgelöst von alten Formkriterien. Er sucht einen wehmutvoll klagenden Grundton in weiten, gelegentlich abgebrochenen Satzbögen, einen Kult der Langzeilen, von denen jede als ein subtiler Balanceakt gelten darf. Die eigenwilligen Schwingungen, die freie Rhythmik und die kühn verschränkten sprachlichen Neubildungen, Bilder und Metaphern schafft Rilke nicht zuletzt durch ein formales Mittel, das er meisterhaft einzusetzen weiss: das Enjambement. Gegen alle Tradition verwendet er den sogenannten Zeilensprung - sonst eher die Ausnahme - das Hinüberführen des Sinn- und Satzzusammenhangs auf exzessive, ja fast provokante Weise. Satz- und Versende fallen selten zusammen, und der Zeilensprung findet sich selbst am Ende einer Strophe, wobei die strophische Gliederung und der Strophenabschluss ihrerseits ausserhalb der Konventionen erfolgen. Rilkes Klagegesang wird so zum Medium der Reflexion.

Im Spätherbst 1913 kam Rilkes Arbeitsphase am Zyklus zu einem Stillstand. Und erst 1921, als er in Schloss Muzot einzog, konnte er die Elegien endlich fortsetzen und vollenden. 1922 im Januar schrieb er an Marie von Thurn und Taxis: "Meine theuere Fürstin, so steht, mit Ihrem gütigen Neujahrs-Gruss, wieder einmal Duino vor mir, während ich hier beschäftigt bin, den dortigen Erinnerungen so nah als möglich zu kommen, in meiner Einsamkeit, an sie anzuschliessen, sie fortzusetzen - , das Verlorene mindestens in mir wieder aufzubauen!".

Während er also daran ging, die Elegien fortzusetzen, werden ihm unverhofft - so seine Formulierung - durch göttliche Inspiration, die Sonette an Orpheus geschenkt. Bis im Februar 1922 hat er die gesamte Elegiendichtung beendet. Und im Glück der Vollendung sieht er auch für sich selbst, wie im Werk, die Balance zwischen Klage und Jubel gefunden - gelungene Selbsttherapie. So sind die Duineser Elegien ein Balanceakt hohen Stils am Beginn der Moderne. Sie erscheinen 1923 in einer Vorzugs- und einer allgemeinen Ausgabe. 1925 verfasst Rilke in Muzot sein Testament. Am 4. Dezember, zu seinem 50. Geburtstag, ist er allein in Muzot. Am 29. Dezember 1926 stirbt er an Leukämie. Der Arzt der Klinik Val-Mont Dr. Haemmerli: "A 3 heures 30, il levait légèrement la tête les yeux grands ouverts et retombait mort dans mes bras. Il y avait Mme Wunderly et la garde..." Im Sarg wird Rilke aus der Klinik getragen und mit einem Schlitten in eine Kapelle gebracht,wo man ihn aufbahrt, bis er nach Raron überführt wird. Eine totenmaske wird nicht abgenommen, er wird auch nicht gezeichnet oder photographiert. Am 2. Januar: In eisiger Kälte wird Rilke auf dem Bergfriedhof von Raron beigesetzt, wie er es bestimmt hatte. In der Kirche, an deren Aussenmauer das Grab liegt, wird eine stille Messe gelesen. Alma Moodie spielt Bach. Es spricht für den Schweizerischen Schriftstellerverein und die Schweizerische Schillerstiftung Eduard Korrodi: "Ein paar Menschen nur stehen wir am Grab des doch von ungezählten Menschen geliebten Dichters.." Für die Freunde aus der französischen Schweiz ruft René Morax über das offene Grab: "Adieu, grand poète!". Später lässt die Fürstin Taxis durch Freunde einen Lorbeerkranz am Grabe niederlegen: "Au poète incomparable, au cher et fidèle ami".

Lieb wie du bist, hast du mir ein Foto der Kirche von Raron geschickt. Ich glaube, wir hatten genau dieses alte Bild in unserem Literaturbuch im Gymnasium. Es ist schon sehr alt, wie man am Vordergrund sehen kann. Man sieht an die Wand der Kirche, die zum Tal liegt. Das Rilke Grab ist ungefähr zwischen diesen beiden Kirchenfenstern, die man sieht. Es ist ganz einfach, eine Steintafel und ich glaube, ein Rosenstrauch. Ich habe ein schönes Foto vom Grab. Das will ich dir mal schicken, zusammen mit meiner Aufnahme von Muzot.
Vor dieser Mauer ist ein kleiner Hof. Und von dort sieht man hinunter ins Tal. Ich glaube, diesen Ausblick hat Rilke veranlasst, sein Grab dort oben zu wünschen. Der Ausblick ist nämlich wunderbar, zum Beispiel in die Abendsonne hinein, also gegen das Licht. Heute ist zwar das Tal ziemlich überbaut mit Häuser und Strassen. Aber ein bisschen kann man noch ahnen, wie es gewesen sein könnte. Es ist wirklich ein schöner Punkt, und es gibt oft ziemlich Wind dort oben. Liebe Marlena, du wirst deine Haare etwas binden müssen! Ach es ist schön im Wallis. Das Klima warm, die Menschen, diese Provenzalen so lieb und loyal und lebenslustig, und alles ist so nah beisammen in diesem Tal. In der Nacht siehst du rundum Lichter der Dörfer an den Berghängen. Du fühlst dich eingebettet wie in einem grossen Zimmer.
*
Vielleicht wartest du auf mein Mail. Vielleicht auch noch nicht. Ich bin froh, dass wir diesen Rilke haben. Er ist ein Kapitel der maladi. Und es ist mir eine schöne Gelegenheit, dieses und jenes wieder einmal nachzulesen.
Ich wünsche dir eine schöne Zeit mit deinen Lieben.
G&K





Dienstag, 19. November 2024

Rainer Maria Rilke


Lieber ... ,

Ich habe im Internet nach Gedichten von Rilke gesucht, die ich für G haben wollte. Sie gibt nämlich einen Poesikurs und da meine ich, sollte Rilke nicht fehlen. Und dabei habe ich neue Dinge von Rilke gefunden, die mir sehr gefallen haben. Ich habe dir diejenigen geschickt, die ich besonders mit dir (oder mit uns) verknüpfe. Du musst sie langsam lesen und jede Zeile begründen und du wirst verstehen was ich meine. Ich glaube Rilke hätte gern ein Mausleben gelebt. Er weiss von ihren Gefahren und ihrer Schönheit. Er kennt unser Turmzimmer. Kein Gestern und kein Morgen, nur Gegenwart. Ich habe schon oft gedacht, dass du für mich eine Tür bist zu anderen Welten. Und du bist für mich auch derjenige, dem ich, obwohl ich dir fast täglich schreibe, am öftesten nicht geschrieben habe. Welch lustiger Einfall, es so zu formulieren. Ich liebe Rilke.
Und die Beschreibung des Kleinstädtchen, das nur einen Tag auswendig kann u.s.w. Rilke kennt die schreiende Monotonie eines Kleinstädchens..
Ich habe mich sehr gefreut über diesen Fund. Hoffentlich wird es dir auch gefallen.


Kleinstädte

Man muß sie gesehen haben, diese kleinen und ganz kleinen Städte in meiner Heimat. Sie haben einen Tag auswendig gelernt; den schreien sie immerfort wie große graue Papageien in die Sonne hinein. Nah an der Nacht aber werden sie namenlos nachdenklich. Man sieht es den Plätzen an, daß sie sich bemühen, die dunkle Frage zu lösen, die in der Luft liegt.


"...in der engsten Zahl derer, denen ich am öftesten nicht geschrieben habe..."
Mein lieber Freund,
Sie sind sicher in der engsten Zahl derer, denen ich am öftesten nicht geschrieben habe in all der Zeit, in der ich (von geschäftlichen Briefen und ganz knappen fälligen "Ja" "Nein" oder Dankworten abgesehen) gar keine Korrespondenz fortgesetzt habe, aus dem besten, aus dem endgültigen Grunde: Arbeit...

Brief an Karl von der Heydt, 12. Dezember 1908

Liebesnacht
...denn die Zeit ist eingestürzt.

Die Turmstube ist dunkel.
Aber sie leuchten sich ins Gesicht mit ihrem Lächeln. Sie tasten vor sich her wie Blinde und finden den Andern wie eine Tür. Fast wie Kinder, die sich vor der Nacht ängstigen, drängen sie sich in einander ein. Und doch fürchten sie sich nicht. Da ist nichts, was gegen sie wäre: kein Gestern, kein Morgen; denn die Zeit ist eingestürzt. Und sie blühen aus ihren Trümmern.
Er fragt nicht: »Dein Gemahl?«
Sie fragt nicht: »Dein Namen?«
Sie haben sich ja gefunden, um einander ein neues Geschlecht zu sein.
Sie werden sich hundert neue Namen geben und einander alle wieder abnehmen,
leise, wie man einen Ohrring abnimmt.

Aus der Dichtung «Cornet»

Zueignung
O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
[...]
Um jeden Gegenstand nach dem ich griff,
war Schein von deinem Scheine,
doch plötzlich ward aus ihm und meiner Hand
ein neues Ding, das bange, fast gemeine
Ding, das besitzen heißt. Und ich erschrak.


O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
Und wenn es auch zum Eigentum verführte,
noch war es keins. Noch haftete ihm nicht
mein Handeln an. Mein Mißverstehn. Mein Wollen
es solle etwas sein, was es nicht war.
Noch war es klar und klärte mein Gesicht.
Noch fiel es nicht, noch kam es nicht ins Rollen,
noch war es nicht das Ding, das widerspricht.
Da stand ich zögernd vor dem wundervollen
Uneigentum.
 Aus: Weihnachten 1914 (ein Fragment)
(1914)

Kleinstädte 
In English
You must have seen them: these small towns and tiny villages of my homeland. They have learned one day by heart and they scream it out into the sunlight over and over again like great gray parrots. Near night though they grow preternaturally pensive. You can see it in the town squares, where they struggle to solve the dark question that hangs in the air.

from a piece composed by Rilke in 1898, when he was twenty-two, and never published in his lifetime

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