Dienstag, 22. Oktober 2024

Paris und andere Träume

Liebe Malou 

(--)

Ach, ich habe solch schöne Erinnerungen an Paris. Und natürlich weiss ich, dass sie immer auch von diesem Mythos der Stadt geprägt waren. Wir hatten mal ein Hotelzimmer gleich unter dem Dach, mit einem riesigen schrägen Dachfenster. Man konnte über die Dächer hinwegsehen. Das Hotel lag gleich neben der Sorbonne. Das war wirklich sehr romantisch. Und abends haben wir am kleinen Tisch Brot und Oliven und Tomaten und Käse gegessen, und aus diesem Fenster in die alte Dachlandschaft geschaut. Ich glaube, das Quartier Latin mag ich am meisten. Es gibt dort viele Buchläden, die nur so überquellen von dicken Büchern und Papier. Keine Nation liest so dicke Bücher wie die Franzosen. Und natürlich die Cafés überall, nicht bloss die grossen touristischen, auch die kleinen mit der lokalen Kundschaft. Und der Jardin de Luxembourg! Wirklich grossartig. Ein kleines Eden. Man könnte sich gleich wieder verlieben. Oder das Musée de Cluny, so ähnlich heisst es, mit den mittelalterlichen Objekten auch in der Nähe der Sorbonne! Ich habe mich mal in eine wunderschöne alte Bibliothek eingeschlichen und ein paar Fotos gemacht. Ich glaube, sie liegt in nächster Nähe des Panthéon und heisst Ste Geniviève (wenn ich mich nicht irre). Sie hat auf mich einen sehr romantischen Eindruck gemacht. Man sollte in Paris eine Zweitwohnung haben. Und in Rom eine dritte, nicht wahr, und dann vielleicht in NY die vierte? Ich muss mal meinen Bruder fragen, ob sowas nicht möglich wäre.  ---

Ja, die Impressionisten sind jetzt im Musée d'Orsay ausgestellt. Fand ich zwar nicht so intim und bürgernah wie früher. Aber das Jeux de Paumes (schreibt sich das so?) war zu unsicher geworden. Das waren ja wirklich mehr oder weniger leichte skandinavische Ferienhäuschen, die die Unmenge an Besuchern kaum mehr schlucken konnten. Ich finde, der neue Ort ist ein bisschen schwer für diese leichten und sensitiven Impressionisten. Aber wenn man die Bilder sieht, vergisst man die Umgebung leicht. Und natürlich ist das neue Museum riesengross, und zeigt auch andere Maler der Moderne.
Ach, du hast es schön Malou. Reisepläne nach Paris. Was gibt es besseres? Ich gehe bloss nach Eden! Ja ich habe mir denselben Gedanken gemacht wie du. Organisatorisch war das nicht ganz auf der Höhe! ...

Ich muss gehen, Malou. Wünsche dir eine gute Zeit.  Und vergiss nicht: 

Vorfreude ist die beste Freude.

G+K

...

Nur so ...

  Lieber ...,

Sonntag, 20. Oktober 2024

Maman bozorg!

 

Subject: Maman bozorg !
Date: Thu, 17 Aug

Liebe Marlena
Du bist so hart realistisch. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich dir Brasilien ausgeredet habe. Nun ja, es gibt darin zwei Momente. Einerseits fand ich es fein und verbindend, dass du manchmal auch von einem fernen Ort träumst, wo alles anders sein könnte. Es ist eine Art profanes Paradies, ein nicht in jeder Beziehung realistischer Wunsch, eine Art Utopie. Deine Vorstellung, die du einmal erwähnt hattest, war mir wirklich sehr willkommen. Sie gab mir doch das Gefühl, dass ich nicht der einzige Spinner sei auf dieser Welt.
Und andererseits sind es genau die Gründe, die du sagst. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, ist man nicht mehr so flexibel, und man hängt an gewissen Dingen, die es dann dort eben nicht mehr gibt. Und man vermisst den Hausarzt und den guten Kaffee und die herbstlichen Bummel durch die Stadt und natürlich die Freunde. Ich glaube auch, dass keine Freundschaften mehr so tief gehen wie jene, die man in der Jugend gemacht hatte
*.
Es ist süss, was du über die Maman bozorg gesagt hast, dh. wie du das sagst. Du siehst das ziemlich exakt und scharfsinnig, wie ich denke. Ich habe gerade gestern mit den Sekretärinnen über solche Aspekte diskutiert. Und dabei ist mir aufgegangen, warum die Tatsache, dass Eltern für den Sohn eine Frau suchen, dort irgendwie fast nahtlos ins kulturelle Schema passt. Wenn man sich vorstellt, dass die Tochter ihre eigene Familie verlassen muss und in jene ihres Mannes zieht, dann ist klar: sie kommt direkt unter die Fuchtel eben dieser maman bozorg. Wir waren in Sidjan, in jenem Dorf im Elburz, wo Howeisy wohnt. Es war Freitagnachmittag und die Leute hatten ihre spärliche Freizeit. Unten an der Strasse standen die Männer beisammen, einzelne in Gruppen, ein paar Alte eher isoliert, einzelne ganz allein, irgend auf einem Steinhaufen oder so. Und oben im Dorf sassen die Frauen, junge und alte. Das bedeutet, dass auch in der freien Zeit die Banden innerhalb der Geschlechter fast stärker sind als diejenigen zwischen Mann und Frau.
Das heisst eigentlich, die maman bozorg (also eigentlich die Schwiegermutter) ist für die junge Frau die wichtigste Bezugsperson, wichtiger als ihre Ehe und ihr Mann. Sie muss sich der Schwiegermutter unterordnen, muss sich mit ihr arrangieren, muss ihr den Tee servieren und ihr beim Essen den Vortritt lassen. Darum sucht sich eine konservative persische Mutter in erster Linie eine Schwiegertochter für den eigenen Haushalt, und dann auch noch eine Frau für ihren Sohn. So kann man es doch verstehen, diese merkwürdige Institution der vermittelten Heirat. Und das ist natürlich alles weit entfernt von der romantischen Liebe, die wir hier in Europa hochhalten.
In meiner kleinen Arbeit über die moderne Familie habe ich herusgefunden, dass sich die Kleinfamilie tendentiell im Nordwesten Europas herausentwickelt hat. Bedingungen dazu waren relativ späteres Heiratsalter der Frau, was dann konsequenterweise zur geringeren Kinderzahl führt (das Heiratsalter der Frau ist geschichtlich die Geburtenkontrolle, nach Epidemien und grosser Sterbilichkeit ist das Heiratsalter jeweils gesunken), relativ geringer Altersunterschied der Ehepartner, Gründung eines eigenen Hausstandes zusammen mit ökonomisch relativ gesicherter Stellung des neuverheirateten Paares. Das sind Bedingungen der Individualisierung, der Kleinfamilie und in gewissem Sinne auch schon der Emanzipation der Frau. Im Osten Europas gab es in der Neuzeit immer die Grossfamilie, der Familienclan, den grossen Altersunterschied der Ehepartner, und die Integration des neuvermählten Paares in den Clan. Das hing zusammen mit der oekonomischen Situation. In den feudalistischen Verhältnissen musste der Grossgrundbesitzer die Ehe bewilligen. Und er war daran interessiert, dass die Familien gross waren, denn sie erhöhten die Produktivität seines Arbeitspotentiales.

Es berührt mich, meine liebste Marlena, wie du dich mit diesen persischen Verhältnissen beschäftigt hast. Du hast auch ein Buch erwähnt, das ich auch im Sinn habe, einmal zu lesen. Ich möchte auch nicht so naiv sein zu behaupten, die persische Lebensart sei besser als die europäische oder die schweizerische oder was immer. Das nun überhaupt nicht. Ich möchte einfach irgendwie verstehen oder sehen, wie es dort läuft. Und es ist faszinierend, wie es so läuft. Aber ich weiss schon, dass es tausend Dinge gibt in Persien, ob derer wir uns tödlich aufregen könnten. Ich kann Dir ein Müsterchen erzählen, das absolut haarsträubend ist.
Wir waren in Isfahan. Und dort haben wir wieder die Familie Sp besucht, jenen sympatischen älteren Teppichhändler, der ein Freund der Familie von S ist. Er ist wirklich köstlich, wie er spricht, hat viel Humor (und trägt lange Unterhosen auch sommers, wie ich nebenbei und zufällig sehen konnte;--)). Sein Sohn möchte gerne einmal Europa besuchen. Nun hat er von seinem Cousin, der in Frankreich wohnt, eine Einladung erhalten. Doch die Behörden haben ihm ein Visum verweigert, weil er nicht vrheiratet sei. Offenbar haben die Franzosen Angst, dass er nicht nach dem Iran zurückkehren würde). S und ich konnten dies nicht glauben und sagten, dass es doch eine Möglichkeit geben sollte. Er entschloss sich in der Folge, 8 Stunden mit der Bahn nach Teheran zu fahren um in der französischen Botschaft vorzusprechen. Er nahm den Nachtzug, kam um etwa 5 Uhr in Teheran an, nahm ein Taxi zur Botschaft und stellte sich dort in die Warteschlange. Die Botschaft öffnete erst um 0900h. Und er war an 37. Stelle, dh. er konnte damit rechnen, 6 bis 8 Stunden zu warten, bis er vorgelassen würde. S erklärte sich bereit, ihn zu begleiten. Ich glaube, sie fuhr etwa 2 mal dorthin, bis es endlich soweit war. Und dann schliesslich kam sie mit Tränen in den Augen zurück und erzählte, dass man sie nicht mal vorgelassen hätte. Man sagte, das Gesuch sei abgelehnt und es werde darüber nicht diskutiert. Man gab auch keine Gründe für die Ablehnung an. S war ausser sich. Sie hatte verlangt, direkt mit dem Botschafter zu sprechen. Ich bin sicher, sie hat alle ihre Waffen eigesetzt. Und sie hat etliche. Sie war wirklich aufgebracht und der Meinung, man könne doch Menschen nicht wie Tiere behandeln. So fuhr Ahmed (oder wie er heisst, ich weiss es nicht mehr) unverrichteter Dinge wieder zurück nach Isfahan.
Nun kann man sagen, das seien eigentlich die Franzosen, und nicht die Perser gewesen. Aber ich bin überzeugt, die Franzosen können sich sowas nur im persischen Milieu erlauben. In Europa wäre es unmöglich (obwohl man sich ja über die Franzosen und ihren harten Zentralismus schon ab und zu wundern kann). Der Umgang mit Behörden in Persien ist zeitraubend und frustrierend. Ach, es gibt viele Dinge, die für uns Europäer absolut ärgerlich sind. Du hast sicherlich noch einige in Mahmoodys Buch kennengelernt.
Weißt du Marlena, meine Fantasie ist auch eher wolkig ungenau. Aber irgendwie könnte ich mir bloss ein Pendeln zwischen Basel und Teheran vorstellen. Dann würde ich von beiden Kulturen jeweils das Positive herauspicken. Es ist wirklich wie Du sagst, eine süsse Fantasie, die den harten Granit des schweizerischen Alltags ein bisschen vergessen lässt.
*
Deine Geschichte mit dem Musiker aus der Gegend von Sorennt finde ich absolut romantisch. Und ich wusste gar nicht, dass du mal geträumt hast, Sängerin zu werden. Warum bist du es nicht geworden? Hast du Versuche zu einer solchen Laufbahn unternommen? Bereust du es, es nicht geworden zu sein? Ich weiss wohl, dass du eine Stimme hast wie unsere Tessinerin (wie hiess sie schon, mein Vater erwähnt sie immer; sie war wohl ein Star zu seiner Zeit; ach ja Lis Assia). Und ich würde dich fürs Leben gerne singen hören. Aber dass du wirklich davon geträumt hast, das wusste ich nicht. Wenn wir uns mal telefonieren, singst du mir ein paar Takte, nicht wahr?
Das finde ich schön, dass Du diesem alten Brieffreund nachgegangen bist. Vielleicht hat schon die Wahl eures Ferienortes einen Zusammenhang damit?? Sowas hätte ich auch getan. Es ist wirklich aufregend und kitzelig, jenen Menschen nachzugehen, die mal wichtig waren im eigenen Leben. Und es ist auch sehr rücksichtsvoll von Dir, mir zu sagen, dass du nie verliebt gewesen bist. ;---). Du bist ein Schatz.
*
Ach mein Liebes, du hast schon wiederholt Kopfweh angedeutet. Hast du das oft? Und bei dieser Gelegenheit kommt mir in den Sinn, dass vor den Ferien noch ein Arztbericht ausstehend war. Findest du es sehr indiskret, wenn ich dich frage, wie es dir geht? Als dein Mausfreund sollte ich es doch wissen dürfen! Es gäbe natürlich etliche gute Gründe, nicht darüber zu reden. Aber ich, mit meinen psychologischen Doktrien, bin der Meinung, reden sei besser. Es entlastet ein bisschen die Seele. Es verteilt die Sorgen ein wenig. Man kann sich etwas von den Sorgen distanzieren, indem man sie formuliert. Ich habe so ein vages Gefühl, dass du im Moment Sorgen hast.
Ich weiss, mein Schatz, dass du für mich nur positiv sein möchtest. Das bist du ja auch. Die Dinge, die mich gelegentlich etwas traurig machen, sind jene, die du auch nicht beeinflussen kannst. Das wollte ich damit sagen. Du musst nicht denken, es liege in deiner Hand, oder es sei gar deine Schuld. So sehe ich das ganz und gar nicht an.
*
Es hat mich sehr gefreut zu hören, dass du in deiner Ferienlektüre auch Rom hattest. Bei mir ist es so, dass ich im Moment noch ein bisschen persische Erlebnisse verarbeiten muss. Und dann werde ich mich auf Rom stürzen, wie ich es dir gesagt hatte. Ich habe zwar etwas Hemmungen, mit dir darüber zu sprechen. Aber ich hoffe immer noch sehr, du weißt schon was und wie. Und ich bereite S schon heute darauf vor.
Weißt du, es ist nicht so, dass ich gar keine Schuldgefühle hätte ihr gegenüber. Aber ich brauche wirklich eine Distanz. Wenn ich Dich jetzt einladen müsste und dir alles bezahlte, dann hätte ich Schuldgefühle. Aber so sage ich mir: ich möchte wirklich Rom intensiv erforschen. Es interessiert mich im Moment mehr als NY oder Peking oder weiss was. Und wenn ich das mit einer lieben Person tun kann, die sich auch für Rom interessiert, was gäbe es Schöneres und Inspirierendes? Es ist für mich mehr ein Romabenteuer als ein Liebesabenteuer. Vielleicht bin ich etwas naiv, aber so schaue ich es im Moment an.
Und Hemmungen habe ich, mit dir darüber zu reden, weil du sagst, es sei dir unmöglich. Ich glaube es Dir eben nicht ganz, aber vielleicht tue ich Dir unrecht. Und ich möchte Dich nicht quälen. That's it!
Roma locuta causa finita oder so ähnlich heisst es doch.
*
Ich wünsch dir, dass sich dein Kopfweh in Wohlgefallen aufgelöst hat und dass du bester Dinge bist. Vielleicht war es der Vollmond, wie mir gerade auffällt. Schreib mir, meine Liebe, soviel du kannst. Ich bin immer noch wie ein kamelartiges Wüstentier. Und dazu umarme ich Dich innig.
KKSS
...




Donnerstag, 17. Oktober 2024

Re: Bücherlesen

Datum: den 28 maj

Lieber ...,

Danke für deine Lektion über Bücherlesen. :-) Ist interessant zu sehen, wie du darüber denkst. Nun, wir lesen mit verschiedenen Absichten. Wenn ich ein Buch professionell beurteilen müsste, würde ich natürlich auch nicht beim Lesen vergessen, was ich vorhabe.

Selbstvergessenheit.. und auch Neugier auf alles menschliche.. Ja, du hast recht. Ich suche ein anderes Leben neben meinem eigenen. Und vielleicht versucht man sich selbst wiederzufinden. Aber auch wie andere Menschen leben und denken interessiert mich. Ein gut geschriebenes Buch lässt mich andere Milieus "erleben". Auch dein Leben ist ein "zweites Leben" für mich geworden.

>Europafragen. Dann kamen Kuriositäten dazu wie: Schweden, Nachtigallen, Islam und weiss Gott was. Da sieht man, wie sich das Leben voll packt, und wie die Jugendfreiheiten und die Mussezeiten bachab fliessen.

Es ist fast als ob du bedauerst, dass du keine Mussezeiten mehr hast. Was würdest du damit tun, wenn du sie hättest? Mit Kuriositäten füllen? ;-) Welche Jugendfreiheiten vermisst du? Ich liebe meine Kuriositäten. Ich lasse sie mein monotones Leben bereichern. Und nichts hat mein Leben so sehr bereichert wie dein Leben.

>Deine ornithologischen Studien sind wirklich bemerkenswert. Und die Fotos sind aufregend. Ich habe das nie so genau beobachtet, hatte

Ich habe das früher auch nicht so genau beobachtet, wie dieses Jahr. Und auch heute sitzt das kleine Vögelchen wieder in der Öffnung und schaut neugierig in die Welt hinaus. K meint da gibt es noch mehrere, denn auch wenn er nicht den Schnabel öffnet piepst es im Nistkasten. Wie dem auch sei, so finde ich es lustig, dass dieses Vögelchen nicht rausfliegt. Sitzt in der Öffnung und schreit laut nach Futter.. :-)

>guter Blumenkenner. Aber zu den Pfingstrosen habe ich ein kameradschaftliches Verhältnis gefunden. Und ich frage mich, weshalb wir in unserem Garten keine Pfingstrosen haben.

Ich musste erst nachsehen, was Pfingstrosen auf schwedisch ist. Und es hat mich sehr gefreut zu sehen, denn das sind auch meine grossen Favoriten unter den Blumen und ich frage mich schon seit vielen Jahren, warum wir noch keine im Garten haben. Immer wieder denke ich daran, dass ich eine pflanzen muss. Aber vielleicht verlangen sie ein Milieu, das ich nicht so gut arrangieren kann. Ich glaube, so etwas hat mich bisher abgehalten. Aber nun, da ich höre, dass sie auch für dich etwas Besonderes sind, werde ich eine pflanzen. Vielleicht schon heute.

Ich muss mich beeilen. Wenn möglich komme ich nochmals vorbei. 
Auch ich wünsche dir schöne Pfingsttage. Wirst du etwas besonderes tun, oder bist du voll beschäftigt mit den 40 Büchern???

Mit lieben Grüssen und Ks,
Malou

Mittwoch, 16. Oktober 2024

Lesen und Rezensieren ..


Datum: den 28 maj 07:33

Liebe Malou
Nein, ich meine Iranistin, nicht Islamistin. Danke für den Artikel über Ebadi. Ich glaube, ich habe ihn schon. Ich sammle ja doch etliche Artikel, vor allem aus der NZZ. Manchmal erscheint es sogar mir lächerlich. Aber ich stehe in einem Dilemma. Einerseits finde ich diese ganzseitigen Artikel in der Beilage ausgezeichnet. Sie sind von einem Kenner des Gebietes geschrieben, sie sind aktuell und sie beschränken sich auf eine Seite. Es ist wirklich das, was man sich in heutiger Zeit in einem fremden Gebiet zu lesen leisten kann. Aber dann habe ich in letzter Zeit kaum die Zeit (oder Energie), sie zu lesen. So lege ich sie zur Seite und registriere diejenigen, die mir besonders gut erscheinen, im File Maker und lege sie in eine einfache Dokumentation. Ich habe schon etliche Schachteln voller Artikel. Und weil natürlich Zeitungspapier innert 5 Jahren vergilbt, kopiere ich sie vorher auf ein Papier guter Qualität. So werden sie für die Ewigkeit halten ;--)
Es ist ein typisches Beispiel, wie man sich beschäftigen kann und dann seinen Pflichten, seinen selbsternannten Pflichten notabene, immer hinten nachrennt.

Man erlebt dabei auch die Dynamik solch hobbyartiger Dinge. Am Anfang waren es wenige Artikel aus wenigen speziellen Gebieten, die mich interessierten: Literatur, Philosophie, Kulturen vielleicht. Mit der Zeit kamen Randgebiete dazu: Politik, Ökonomie, Europafragen. Dann kamen Kuriositäten dazu wie: Schweden, Nachtigallen, Islam und weiss Gott was. Da sieht man, wie sich das Leben voll packt, und wie die Jugendfreiheiten und die Mussezeiten bachab fliessen.

Deine ornithologischen Studien sind wirklich bemerkenswert. Und die Fotos sind aufregend. Ich habe das nie so genau beobachtet, hatte auch nicht die Gelegenheit. Und welche Funktion dieses zögerliche Füttern und Weglocken vom Nest hat! Das ist wirklich interessant und man fragt sich, wie die Evolution so was zustande bringt. Wir sollten das mit unseren pubertären Kindern auch so tun. Na ja, sie tun es so, und kaufen sich ihren Mac ausser Haus. Ich hatte einen Studienkameraden. Sie waren zwei Brüder zuhause, und der Vater war Arzt. Aber er hatte seine Kinder sehr knapp gehalten, hatte ihnen kaum genug Geld fürs Studium bezahlt. Und dieser Kamerad ist sehr tüchtig geworden, war es schon damals, besitzt heute viele Häuser und Wohnblöcke und ist ein tüchtiger Anwalt. Ich glaube, wer die Kinder etwas knapp hält, macht sie tüchtiger fürs Leben. Aber die Perser können das natürlich absolut nicht. Sie verwöhnen ihre Kinder nach Strich und Faden. Aber im Iran werden sie dennoch sehr tüchtig, weil es eine grosse Solidarität in den Familien gibt. Die Jungen ruhen sich nicht auf den Lorbeeren der Eltern aus, sondern tun alles, um im Leben noch höher zu steigen. Nun ja, ich selbst bin auch nicht knapp gehalten worden, und darum wohl ist mein Ehrgeiz eher begrenzt.

Könnte man das nicht als pädagogisches Prinzip bezeichnen: „Förderung durch Verknappung“. Das ist doch in ökonomisch knappen Zeiten ein nützliches Prinzip.

Ja klar, einen Roman zu beurteilen ist eigentlich anspruchsvoll. Aber diese Geschichten hier sind auch nicht so anspruchsvoll. Und wenn einer gut ist und mich packt, dann lese ich ihn sehr wohl von Anfang bis Ende. Oder zumindest beinahe. Ich musste auch lernen, in einem Buch Kapitel zu überspringen. Das konnte ich früher nicht. Ich hatte immer den Eindruck, dass man in einem Buch jedes Wort gelesen haben müsse, um es zu kennen. Aber das trifft bei weitem nicht zu. Man kann auch bloss eine Ahnung gewinnen. Und was Stil und Schreibweise betrifft, so wird der Autor bestimmt nicht gerade in jenem Kapitel eine völlig andere Art gewählt haben. Bücher sind ja doch irgendwie handwerkliche Kunstprodukte. Und wenn ich mir - sagen wir - eine hölzerne Puppenstube anschaue und sie prüfe, so kontrolliere ich nicht jeden Nagel, jede Konstruktion, jede Puppe. Ich nehme mir exemplarisch ein paar wichtige Teile vor und schliesse darauf auf das Ganze. Und das - so habe ich herausgefunden - kann man auch beim Buch machen. Das grösste Problem sind dabei die langweiligen Bücher, die Romane, die dich nicht packen, die Geschichten, die durchhängen. Da besteht die Gefahr, dass man ungerecht ist.

Im Moment lese ich die Biographie von Walter Benjamin. Ich hatte früher einiges von ihm gehört, ab und zu Zitate gesehen. Aber so als ganze Figur ist er mir neu. Offenbar hat Benjamin einen Artikel über ‚Kritik’ geschrieben und hat sich dabei auf die Romantik bezogen. Nach der Romantik ist das Ziel der Kritik, das Kunstwerk zur Vollendung zu bringen, durch innere Beleuchtung zum Strahlen zu bringen. Ist ein schöner Aspekt des Kritisierens, nicht wahr. Und Rezensieren ist ja doch auch kritisieren. Ich habe mich auch schwer getan mit dem Begriff Kritik und habe mir immer vorgenommen, den Leuten zu sagen versuchen, wozu das Buch taugt. Es gibt ja nicht einfach gute oder schlechte Bücher an sich. Es gibt ein gutes Buch, wenn Du vor dem Gotthardtunnel stundenlang in einer Autoschlange stehst und die ganze Familie fängt an zu quengeln. Es gibt gute Bücher, wenn Du für die Schule eine Arbeit scheiben sollst. Es gibt feine Kinderbücher, woraus man so etwas wie Lebenslust und Neugier lernen kann. Aber manchmal gibt es auch Bücher, die daneben gehen.

Das Problem bei den Jugendbüchern liegt darin, dass sich auch hier einige grosse Verlage entwickelt haben. Sie haben Know How, sie haben ihre Fachleute und ihre Standards. Sie produzieren Bücher mit Illustrationen, die sich sehen lassen. Und unsere Augen und Ohren gewöhnen sich daran. Und dann kommt ein kleiner Verlag und macht ein Büchlein mit seinen beschränkten Mitteln für eine kleine Auflage vielleicht. Das weicht oft in vielen Dingen von diesen homogenisierten, qualitativ guten Produkten der Grossen ab. Und erscheint leicht als minderwertig. Vor allem die Illustrationen sind oft etwas mager. Und ich selbst reagiere schnell auf Illustrationen. Ich wähle sogar viele Bücher bloss nach ihren Illustrationen, weil man in 5 Minuten ja doch nicht den Text, aber immerhin die Zeichnungen bewerten kann. Und ich glaube, ich habe ein Auge und kann beurteilen, ob eine Illustration von einem Profi oder einem Amateur stammt. Na ja, es gibt auch profihafte Amateure, wie mich zum Beispiel !!! ;--)))

Du sagst, das Kriterium eines guten Buches liege darin, ob Du vergisst, dass Du liest. Das weiss ich nicht, ob die Selbstvergessenheit wirklich ein Kriterium darstellt. Na ja, Du meinst wohl nicht Selbstvergessenheit, sondern totale Hingabe. Ich glaube, dass ich früher auch so geurteilt hätte. Aber heute bemühe ich mich, beim Lesen immerzu auch zu beobachten, wie der Autor das macht. Es ist ja doch alles erfunden. Weshalb erfindet er so und nicht anders? Wie kombiniert er seine Ideen? Warum sagt er dies, und nicht jenes. Sogar bei Büchern, die die Realität beschreiben, kann man so urteilen. Es ist alles gemacht, es ist alles arrangiert. Sogar die Realität ist arrangiert, entweder durch die Absichten des Autors oder durch meine eigenen Vorstellungen und Konzepte. Es gibt wohl nichts an sich. Und wer einfach so von ‚Natur’ spricht, macht sich verdächtig. Na ja, das ist meine etwas radikale medienkritische Position.

Vielleicht mache ich das Gegenteil von dem, was Du suchst. Ich suche Distanz, ich will niemals vergessen, dass ich ein Buch in der Hand halte. Und dann will ich dazu noch wissen, ob es ein gutes oder ein mittelmässiges Buch sei. Und da kommt mir meine gewisse Oberflächlichkeit ganz gut entgegen. Wenn ich nämlich anfinge, mich bei jedem Buch zu hintersinnen, käme ich zu keinem Ende und würde mich in den Aspekten und Details verlieren. Und schliesslich darf ich ja über jedes Büchlein nur um die 10 Zeilen schreiben. Das ist ein Nichts. Wenn man den Inhalt zusammenfasst, sind schon 8 Zeilen besetzt.

---

Siehst Du, wie die Pfingstrosen blühen? Es sind von allen Blumen die ersten, die ich in meiner Jugend irgendwie bemerkt habe. Vielleicht mal von den Hortensien abgesehen, die ich seit der Beerdigung meiner Mutter irgendwie kannte. Pfingstrosen haben Ameisen, deshalb vielleicht habe ich sie mir gemerkt. Und ich erinnere mich an ein Bild Manets mit schönen Pfingstrosen. Sie sind schön, wenn sie blosse Knospen bilden und sie sind schön, wenn sie in barocker Fülle sich offen den warmen Pfingsttemperaturen hingeben. Siehst Du Malou, ich bin ja wirklich nicht gerade ein guter Blumenkenner. Aber zu den Pfingstrosen habe ich ein kameradschaftliches Verhältnis gefunden. Und ich frage mich, weshalb wir in unserem Garten keine Pfingstrosen haben.


Ich wünsche Dir schöne Pfingsten.
MlGuK

...

Montag, 14. Oktober 2024

Kolibri?

 



Subject: Kolibri?
Date: Thu, 27 May 14:28


Lieber ...,
Ich bin in der Lunchpause nach Hause gefahren. Teils, weil schwarze Gewitterwolken in Richtung zu Hause am Himmel standen.. ich wollte Dinge. die ich hinausgestellt hatte retten... und dann war ich auch neugierig, ob das kleine Vögelchen nun ausgeflogen ist. Aber keineswegs. Und es macht mir Spass, die Bemühungen der Eltern zu sehen. Habe mir nie vorstellen können, wie viele pädagogische Kniffe sie verwenden, um dem Kleinen zu zeigen, was er tun soll (warum eigentlich ER?) und dass es nicht gefährlich ist. Ich habe versucht, ein Bild zu machen. Du siehst, wie der Vogel wie ein Kolibri in der Luft steht und mit Futter lockt. Manchmal setzt er sich aufs Dach und zeigt dann, dass man von dort aus fliegen kann... Ach, es ist rührend zuzusehen.


Und wieder hast du so viele Bücher mitgenommen? Das finde ich eigentlich schrecklich. Gewiss, manchmal kann man in einem kleinen Stück sehen, ob es gut ist oder nicht. Aber in einem Roman gelten auch andere Regeln. Z.B. die Story am Ende hinzukriegen.. eine gute Auflösung eines Dramas zu finden.. u.s.w. Mein Kriterium für ein gutes Buch ist, dass ich beim Lesen vergesse, dass ich lese. Und wenn es schlecht geschrieben ist, dann merke ich das und frage mich, ob ich damit Zeit vergeuden soll.
Manchmal versuche ich meine Mails nicht zu lang zu machen, weil du sie dann wahrscheinlich nur "überfliegst". Das mag ich nicht, denn jeder Satz ist, wenn nicht gerade interessant und formal gut, so doch für dich geschrieben.

Meinst du die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi? Sie wohnt doch immer noch im Iran, oder?
Oder gibt es mehrere mit demselben Namen? Sie ist Iranierin und Islamistin. Vielleicht ist Iranistin ironisch gemeint. ;-)

Ich muss nun wieder an die Arbeit gehen. Schreibst du mir noch ein paar Zeilen? Ich meine, weil du es heute nicht so streng hast, findest du vielleicht Zeit dazu.

Mit viel S und einem lieben UK,
Malou



Sonntag, 13. Oktober 2024

Domoineile

27 maj 08:16

Lieber ...,
Während ich dein mail lese halte ich ein Auge auf den Nistkasten. Dort ist es nun dramatisch. Ein kleines (ich glaube es muss das letzte sein) hat noch nicht den Sprung in die Welt getraut. Die Eltern tun ihr bestes indem sie sich zurückbeugen und das Futter weit von ihm halten. Manchmal ist sein kleines Körperchen mehr draussen als drinnen - und dann kommt er mir wieder vor, wie ein Kind, das auf dem Sprungbrett steht und nicht den Sprung ins kalte Wasser wagt.
Ich war gerade eine Weile draussen, um zu sehen, ob da eine Elster im Gebüsch lauert. Und dabei habe ich entdeckt, dass es ein himmlisch schöner Morgen ist. Ganz windstill und laue Luft. Auch herrlich barfuss über das taufrische Gras zu gehen.

So ich muss mich leider beeilen. Um 10.00 Uhr muss ich am Arbeitsplatz sein. Einige Klassen haben nun schon ihre letzte Stunde gehabt in diesem Schuljahr, aber manche habe ich noch so 2 Wochen.

Ich komme später nochmals vorbei.

Wünsche dir einen herrlichen Tag,
Mit lieben Gs und Ks,
Malou