Donnerstag, 16. September 2021

Lazy saturday morning..

 

Ämne: Lazy saturday morning..
Datum: den 1 september 2001 13:04

Lieber ...,
Es ist Samstagmorgen. Neben mir auf dem Sofa liegt ein Haufen Bügelwäsche. Soll sie tun. Zuerst will ich mich ein wenig mit einem Mail an dich ”verlusten” (heisst es so?).
Gestern war ein schöner sonniger Nachmittag. Freitags komme ich erst spät nach Hause (sogar nach K und A) und bin meistens ziemlich erschöpft. Anna und K dagegen schienen in prima Form zu sein und beschlossen noch schnell vor dem Essen einen Waldlauf zu machen. Und dann kamen sie mit einem schönen grossen ”blomkålssvamp” nach Hause.

 Das ist eine Leckerheit die wir alle sehr schätzen und damit hatten wir auch eine gute Vorspeise zu unserer wie immer köstlichen Mahlzeit. Ja, in unserer Familie halten wir fest an den gemeinsamen Mahlzeiten schon deshalb weil wir uns ja nur am Wochenende sehen. Und weisst du, ich glaube es ist ein Grund dafür dass Anna eine grosse Allgemeinbildung besitzt. Vielleicht ist es was den heutigen Kindern fehlt. Der Kontakt mit Leuten die etwas mehr wissen als sie selbst. Man spricht oft im Radio darüber dass die Eltern allzu wenig mit ihren Kindern reden. Ein paar arme Minuten am Tag hat man ausgerechnet und man rät ihnen sogar gemeinsame Mahlzeiten einzuführen.
Ich beneide manchmal die Kultur der Juden. Sie haben noch solche gemeinsame Traditionen wo alle um den Tisch versammelt sind.
Bei uns essen wir immer im Wohnzimmer bei Kerzenlicht und klassischer Musik. Und wir unterhalten uns über die Geschehnisse der vergangenen Woche. Es ist ein schöner Moment.
Dann veschwindet jeder in seine private Sphäre. Ganz privat wird sie leider nicht. K liebt es seine CDs zu hören (und hören zu lassen). Er hat wirklich alles was man sich wünschen kann. Ich höre sie ja auch gern aber nicht immer. ;-)
*
Heute habe ich ”satsat på hästar” (auf Pferdegesetzt?) Und diese kleine Zeitspanne zwischen Hoffnung und Enttäuschung träume ich davon eine Riesensumme zu gewinnen. Dann weiss ich dass ich mal nach Visp fahren würde um mir diese merkwürdige Stadt anzusehen. Ich glaube ich habe mich etwas falsch ausgedrückt im letzten Mail. Pierro wird nicht verstimmt weil ich mit dir maile - im Gegenteil glaube ich dass es meinen ”Status” bei ihm um einiges erhöht.. *lacht* aber er ärgert sich eben jedesmal dass er nicht wissen darf wer dieser fantastische Mensch ist der auch seine Heimat so gut kennt. Nun ja, ihr habt nicht in demselben Milieu gelebt. Ein blouson noir und ein blouson doré treffen sich kaum. Aber ihr kennt dieselben Personen (Visp war sicher damals ziemlich klein) und als ich ihn lesen liess was du von dem Scherenschleifer geschrieben hattest dann weiss ich dass seine Nostalgie gigantisch war.
*
Du hast mir erklärt was dich beschäftigt. Ich verstehe dass man sich in deinem Beruf sehr à jour halten muss um richtig beurteilen zu können was einem Kind fehlt. Aber weisst du, dass ein Familienleben heute wesentlich anders sei als früher das ist übertrieben. In unserem Deutschbuch steht: ”Früher hatten Eltern viele Kinder, heute haben Kinder viele Eltern”. Das finden die Schüler lustig und gut ausgedrückt. Und das ist wohl das neue. Natürlich ist es das Ende der Familie von der du sprichst aber gleichzeitig auch der Beginn einer neuen Familie wo sich wie ich hoffe die Eltern lieben. Und das ist was Kinder am wichtigsten finden, dass die Eltern einander lieben. Ich glaube eine warme, liebe Atmosphäre zwischen den Erwachsenen ist die wichtigste äussere Bedingung für ein glückliches Kind. Aber ich glaube auch dass das Erbe eine sehr grosse Rolle spielt, dass wir irgendwie programmiert sind, dass unsere Gefühle mehr mit unseren Genen zu tun haben als mit der s.g. Realität.

Eigentlich sollte ich nicht über solche Dinge schreiben. Ich könnte mich locker mit dir darüber unterhalten aber so schwarz auf weiss klingt alles so definitiv. Ach ja, ich würde mich für mein Leben gern mit dir unterhalten. Sag warum tun wir es nicht wieder einmal im ST? Es war doch ab und zu wirklich schön ...
*
Aujourd’hui je vais téléphoner à la soeur de mon oncle qui habite à Paris pour lui demander l’adresse e-mail de sa fille en Amérique. Malheuresement j’ai perdu le contact avec elle. Nous avons passé des étés merveilleux ensemble à Paris (quand nous étions jeunes) et je la regarde presque comme une petite soeur. Il faut que je fasse quelque chose pour ne pas oublier le français. Un peu d’exercise pour m’aider à m’exprimer plus facilement.


Devant moi je vois la carte avec les deux élans qui s’embrassent tendrement. Elle me fait penser à toi.
Je t’embrasse aussi et te souhaite une bonne journée,
Marlena  

 

 



Mittwoch, 15. September 2021

10 september 2001 Mein Vater

 

den 10 september 2001 22:23
  na ja ... einfach so 

...
Es ist lustig, mein Vater hat nie viel gelesen. Als Ingenieur hat er sich auf Facts konzentriert. Nein, es ist falsch zu sagen, er hätte nicht viel gelesen. Er hat ganze Sonntagnachmittage Fachzeitschriften gelesen, ohne Begeisterung, unterbrochen mit kleinen Schläfchen auf dem Sofa in der Stube. Manchmal hat er sich auch Energie angegessen, indem er in der Küche eine ganze Hand voll Haselnüsse holte und genüsslich zermalmte. Nein, er hat immer viel gelesen, auch Zeitung. Aber Literatur hat er kaum zur Kenntnis genommen. Nur zwei Autoren hat er still bewundert: Hemingway und Churchill. Er hat 8 Bände Churchill auf dem Büchergestell stehen gehabt. Und er hat einige Sachen von Hemingway gelesen. Ich glaube, er hat die beiden als maskuline Typen gesehen. Rauh, aber herzlich. Rilke wäre für ihn nie in Frage gekommen. Rilke ist zu fein, zu gefühlhaft, fast ein wenig feminin. Hypochondrisch und hysterisch, sozusagen. Nein, Rilke, das hätte mein Papa nie lesen können. Dann eher noch Dürrenmatt. Aber er hat es mit den Zeitungen und den Fachzeitschriften über Elektroenergie und Energieversorgung und so fort bewenden lassen. Ich hätte in einem gewissen Alter gerne mit meinem Vater diskutiert. Aber er lebte in einer anderen Welt, der Welt der Technik und der Zahlen. Kurz, nachdem meine Mutter gestorben war, nahm er mich häufiger mit auf die Baustelle im Ackersand, wo unter seiner Oberaufsicht ein neues Elektrokraftwerk gebaut wurde. Ich erinnere mich, wie ich dort über die Fundamente gestolpert bin. Du weißt vielleicht, wie hart und aggressiv frischer Beton sein kann. Er kratzt dir die Schuhe auf. In der alten Turbinenhalle war alles blitzblank und die Maschinen machten einen grossen Lärm. Die Männer grüssten meinen Vater mit einer gewissen Unterwürfigkeit. Er mochte das, hatte ich den Eindruck. Und er hat wohl nie bemerkt, dass man mit dem Wallisern viel besser vorankommt, wenn man sie als Seinesgleichen versteht, wenn man den Kumpel in ihnen anspricht, wenn man mit ihnen ein Glas Wein trinkt. Sie sind liebe Kerle, die Walliser. Wenn man sich als Herr aufspielt, dann torpedieren sie die Situation hinten herum. Nein, ich glaube, mein Vater hat es mit den Wallisern nie besonders gut verstanden. Er war zu exakt, zu korrekt, zu formell. Er war ein Schweizer aus dem Norden. Er hat immer gedacht, die Walliser seien etwas bequem und faul, wollten nur das Leben geniessen. Ich glaube, er war nicht besonders glücklich im Wallis. Aber da bin ich mir nicht so sicher. Aber ich bin sicher, dass ich selbst glücklicher war. Das bestimmt.

*

Siehst Du, Marlena, ich habe noch mit niemandem in meinem Leben ...

13 september 2001

 

Ämne: Hello!
Datum: den 13 september 2001 17:49


Lieber ...,
Wie geht es dir? Es ist wohl etwas viel geworden im Moment. Erst diese schrecklichen Ereignisse von denen wir stündlich hören und dann deine schöne Reise auf die sich sicher alle sehr gefreut hatten (sogar ich). Und weißt du, wenn ihr jetzt trotzdem fahren würdet dann wäret ihr vielleicht doch nur mit halbem Herzen dabei, denn die Gedanken sind dauernd woanders.
Arbeitest du jetzt wieder oder hast du Urlaub? Hast du deine mit Mühe gepackten Koffer fertig stehen für eine neue Abreise oder schon ausgepackt? Es ist alles sehr traurig und ich fühle mit euch.
*
Hier regnet es dauernd und dabei ist es noch ziemlich warm und das Gras im Garten ist schon sehr lang. Ich war heute wieder bei der Arbeit. Das zu Hause bleiben macht mich noch kranker und ausserdem sind viele sehr erkältet und ich werde sie kaum anstecken.
Anna ist bei ihrem Ensemble wo sie Klavier spielt und ich werde mir einen gemütlichen Abend machen, vielleicht ein wenig fernsehen oder was lesen. Dann werde ich auch deinen schönen langen Brief, der wohl als Proviant für 14 Tage reichen sollte, noch einmal durch lesen. Es gab so viel darin, das schon längst vergessene Erinnerungen weckte. Z.B konnte ich wieder meinen Onkel vor mir sehen wie er Haselnüsse "zermalmte", Immer wieder holte er sich diese Dinger aus dem Küchenschrank und ich weiss nicht wie ich sagen soll aber manchmal ekelte es mich an ihn dabei zu sehen (vielleicht ist es etwas zu stark ausgedrückt aber du verstehst sicher). Vielleicht konnte ich nicht akzeptieren dass er sich nicht besser beherrschen konnte.. ;-)
*
Jetzt muss ich Anna holen. Bei dem Regen habe ich sie mit dem Auto hingebracht.
Bitte schreib mir ein paar Zeilen damit ich weiss was bei dir los ist.
Mit einem lieben Gruss
Marlena  

 

 



Sonntag, 12. September 2021

Oh sweet song!


Blauer Geiger Marc Chagall

Love Song 
How shall I hold my soul and yet not touch
It with your own? How shall I ever place
It clear of you on anything beyond?
Oh gladly I would stow it next to such
Things in the darkness as are never found
Down in an alien and silent space
That does not resonate when you resound.
But everything that touches me and you
Takes us together like a bow on two
Taut strings to stroke them to the voice of one.
What instrument have we been lain along?
Whose are the hands that play our unison?
Oh sweet song!

(Rilke)
(Capri 1907)
*
 
The Original:

Liebeslied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied!


Freitag, 10. September 2021

11-12 September 2001

 

Ämne: Ach ...
Datum: den 11 september 2001 17:20

hast du die schrecklichen Nachrichten schon gehört???
Ich habe wirklich Angst, auch wegen deiner Reise...
Gruss
Marlena
Lass von dir hören wenn es möglich ist, bitte!  


Ämne: ach ach
Datum: den 12 september 2001 11:20


Liebe Marlena
Ja, Du hast recht. Ich bin gestern abend frühzeitig vom Büro weg. Ich hatte Auto und Koffer hierhin mitgenommen, so dass ich dann gleich von der Arbeit zum Flughafen fahren könnte. Das habe ich auch so gemacht, mit viel Zeitreserve, damit ich ja nicht in Zeitnot käme. Im Zug habe ich noch einen Amerikaner aus Philadelphia getroffen. Er hat mich gefragt, ob ich gehört hätte, was in Amerika passiert sei. Ich wusste allerdings nicht viel. meine Sekretärin hatte erzählt, dass ein Anschlag auf das World-Trade-Center geschehen sei, aber sie sei während der Information am Radio durch ein Telefon unterbrochen worden. So fuhr ich nichtsahnend hinaus zum Flughafen. Ich war so früh, dass ich meinen De Crecenzo hervor nahm, um mich in der Lektüre zu vertiefen. Bald kamen Crista und Robert, der Zahnarzt. Sie war käsebleich. Sie hatten kein Gepäck, das fiel mir sofort auf. Die ersten Worte waren, dass sie nicht mitkommen würden. Ich dachte, etwas Schreckliches wäre in ihrer Familie geschehen, ein Todesfall oder so. Erst allmählich begriff ich, weshalb sie nicht reisen wollten. Sie hatten sich schon mit den übrigen Teilnehmern abgesprochen. Und einzig mich hatten sie telefonisch nicht mehr erreicht. Alle kamen, alle kamen ohne Koffer. Nur Violette blieb zuhause. Sie war immer eine der änstlichsten gewesen, schon wenn es um Kleiderfragen im Iran ging. So blieb mir nur die Entscheidung, ob ich allein reisen sollte oder nicht. Und ich entschied mich, auch nicht zu reisen.
Wir wollten sehen, wie sich die politische Situation entwickeln würde. Das ganze hörte sich an wie Krieg. Und wenn die Perser, die ja mit den palästinensischen Terroristen offenbar verfilzt sind, daran beteiligt wären, würden wir dort in des Teufels Küche geraten. Ich für mich allein wäre sehr wohl gereist. Aber meine Kameraden sind alle älter, im Pensionsalter und haben natürlich ein grosses Sicherheitsbedürfnis.
Noch vom Flughafen habe ich A in Teheran erreicht und ihr die Situation erklärt. Sie konnte es nicht glauben. S war gerade unterwegs. Sie hat Früchte eingekauft und in die Hotelzimmer gebracht, damit die Gäste einen schönen Empfang hätten. Später habe ich dann S erreicht. Sie hat nicht viel gesagt. Aber ich weiss, was sie gedacht hat. Sie denkt, was soll denn diese Geschichte mit Teheran zu tun haben. In Teheran ist es absolut still und normaler Alltag. Allerdings hatte sie erst in den Abendnachrichten von den Ereignissen gehört.
Ich hatte Schlüssel und Auto im Büro gelassen, konnte also abends nicht mehr heim, denn B war auch unterwegs. So habe ich bei R+C übernachtet. Sie haben sich viel Mühe gegeben und wir haben ein einfaches Nachtessen gehabt mit langen Diskussionen. Natürlich war auch ihr Eisschrank leer. Aber es war gut, Brot, Fleisch und Käse mit einem Schluck roten Weines. Und jetzt bin ich wieder im Büro, habe das Reisebüro informiert und gehe bald heim.
Wie sagte Kästner: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Es ist schade, S hat sich soviel Mühe gegeben und alles perfekt organisiert. Die Freunde sagen, wenn die Situation sicher ist, könnten wir am Sonntag vielleicht abfliegen. Aber man denkt hier, dass vielleicht Afghanistan von diesem Terrorkrieg betroffen sein wird, vielleicht auch Teheran. Man weiss eben nicht viel Genaues. Allerdings wird es sonntags wohl kaum mehr freie Plätze haben im Swissairflug nach Teheran. Es ist wirklich jammerschade für all dieArbeit.

Das ist das Neueste. Ich werde mir jetzt ein paar Sachen zum Essen einkaufen. Die letzten Kartoffeln und Zwiebeln hatte ich montags meinen Nachbarn gegeben.

Whatever will be will be.
Mit einem schönen Gruss

...

Freitag, 27. August 2021

Die Zeit der IRONIE und Handke ...

(R)

 

...einer der wenigen Anti-Ironiker, heute mit dem Nobelpreis    ausgezeichnet

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Gerade lese ich einen Artikel, dass die Zeit der IRONIE vorbei sei. Soll ich ein bisschen ausholen? Das lenkt uns vielleicht ab.

Ironie und Moderne gehören zusammen. Sie sind ein Zwillingspaar. Es gibt im 20. Jahrhundert kaum einen Schriftsteller von Rang, der sich als unironisch bezeichnen liesse. Das vergangene Jahrhundert hat bombastische, hybride und teilweise verheerende Weltveränderungen gebracht. Aber im Geistigen war es in einer diametral entgegengesetzten Tonart. Es war ein Zeitalter der Verstellung, der Untertreibung, der Verkleinerung, kurz: der Ironie. Den programmatischen Auftakt bildete 1903 die Novelle von Thomas Mann "Tonio Kröger". Für das Adjektiv unironisch findet der junge Autor ein ganzes Arsenal von Synonymen: pathetisch, sentimental, schwerfällig, täppisch-ernst, unbeherrscht, ungewürzt, langweilig, banal. Er nennt 9 Ausdrücke für das Unironische, und das Unironische selbst steht in der Mitte zwischen unbeherrscht und ungewürzt. Die Kette ist aufgebaut nach einer Art Antiklimax, vom Pathetischen herabstürzend zum Banalen.

Aber das Ironische war schon zu Manns Zeiten ein alter Hut, gut hundert Jahre alt. Und bei Tonio Kröger fehlt der Begriff "unmodern". Denn Moderne und Ironie gehören zusammen. Ironie ist nach der Französischen Revolution in Mode gekommen. Sie war als methodisches Instrument und geistige Haltung natürlich viel älter. Wurzeln gehen zurück bis Sokrates, Cervantes, Diderot, Sterne und vielen anderen. Aber erst mit der Wende zum 19. Jahrhundert wurde Ironie zur privilegierten und beliebten Ausdrucksform der Elite. Es gab auch Skeptiker. Nietzsche meint, sie verderbe den Charakter, sie gleiche einem bissigen Hund, "der noch das Lachen gelernt hat, ausser dem Beissen". Und Kiergegaard nennt sie ein "Niezuendekommen in negativer Freieit" ein "Herumirren im Nichts". Kundera nennt den Roman als die ironische Kunst schlechthin. Und er Zitiert Sciascia: "Nichts, was schwieriger zu verstehen wäre, nichts, was weniger zu entziffern ist als Ironie". Doch jeder monderne roman zeichnet sich aus durch seine "ihm wesensgemässe Ironie". Das ist die offizielle Lesart der klassischen Moderne, von Mann über Kafka, Musil, Broch bis zu Green, Brodkey. Es ist eine Cheflinie, eine Geisteshaltung einer bildungsbürgerlichen Elite. Doch mittlerweile ist sie in die Defensive geraten. Das junge Feuilleton spricht geradezu veräntlich vom "Ironiekult", dem endlich ein Ende gemacht werden müsse.

Schön und gut, doch was ist das Gegenteil von Ironie? Man hat sich in der begrifflichen Not auf das "Pathetische" geeinigt. Sie steht bei Thomas Mann auf Platz eins. Das Pathetische, der sogenannte hohe Ton, scheint seit Schiller ziemlich ausgestorben. Das Pathetische und das Ironische unterscheiden sich vor allem in ihrem Verhältnis zum Schmerz.

Einer der wenigen Anti-Ironiker ist Peter Handke. Er hat sich in den 80er Jahren notiert: "Vermeide das Ironische; es zeigt deine Verletztheit (...) suche den Ernst". Denn Ironie ist ein Mittel, Abstand zu schaffen, sich zu verstecken, Schmerz und Verletztheit zu leugnen. Und nach handkes Dialektik zeigt man eine Wunde gerade dadurch, dass man sie geflissentlich zu verstecken sucht.

Zur Leidenschaft hat der moderne Mensch ein gebrochenes Verhältnis. Er stellt sich gönnerhaft neben sie, belächelt sie milde: das ist eine klassische Thomas Mann Attitüde. Dessen Antipode ist Kafka. Martin Walser erkennt bei ihm das Begriffspaar "Mitleid und Furcht". Bei Kafka vermischen sich pathetische und ironische Elemente auf brisante Weise. Sie provozieren Reaktionen von Lachen, Heulen bis Zähneknirschen.

"Eine unheimliche Begleiterscheinung des ironistischen Zeitalters des menschlichen Selbstverständnisses besteht darin, dass in ihm die Menschen verlernt haben, zu weinen", sagt Hermann Schmitz. Weinen befreit. Es ist in erster Linie ein physiologischer Affekt, weniger eine geistige Tat.

Lachen befreit auch. Und einer der Endzwecke der Ironie ist gerade das Lachen. Aber Ironie irritiert.

Wenn also Pathos, Ernst - im Sinne Handkes - die Nachfolge von Ironie antreten würde, wäre das nicht die schlimmstmögliche Wendung. Pathos und Ernst könnten auch Gegengifte sein gegen die Infantilisierung durch ubiquitäre Entertainment in der Gesellschaft.

...

GKH

2 kommentarer:

  1. Na ja, Handke war durchtraenkt von Pathos zur Zeit als er LANGSAME HEIMKEHR und UEBER DIE DOERFER schrieb, so um 1980 herum, sein DON JUAN,m dessen Amerikanische Edition ich gerade rezensiere, sprueht ja nur so von Ironie, auch DOERFER hat als Anweisung: Liebende oder "Mit sanfter Ironie" wie die Anweisung zu einer Partitur. Was der Nova sicherlich am End schwerfaeellt. Hier Handke links fuer euch:


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    [dem handke auf die schliche/besuch auf dem Moenchsberg, a book of mine about Handke]

    http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Peter+Handke/

    http://handke-discussion.blogspot.com/
    the American Scholar caused controversy about Handke, reviews, detailed of Coury/ Pilipp's THE WORKS OF PETER HANDKE, the psycho-biological monograph/ a note on Velica Hoca/ open letter to Robert Silvers + NYRB re: JS Marcus..

    With three photo albums, to wit:

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    [some handke material, too, the Milosevic controversy summarized]

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    "MAY THE FOGGY DEW BEDIAMONDIZE YOUR HOOSPRINGS! +
    THE FIREPLUG OF FILIALITY REINSURE YOUR BUNGHOLE!" {J. Joyce}
    "Sryde Lyde Myde Vorworde Vorhorde Vorborde" [von Alvensleben]
    "Siena me fe, disfescimi Maremma." [Dante]
    "Ennui [Lange Weile] is the dreambird that
    hatches the egg of
    experience."
    [Walter Benjamin, the essay on Leskov.]
     
     

 

Sonntag, 22. August 2021

Subject: Wein, Weib und Gesang



Liebe Marlena


„Du reichst mir Melonen unter die Arme". Das ist ein persisches Sprichwort. Es meint, du machst mir Komplimente oder Geschenke, aber das verpflichtet mich auch. Denn wer zwei von diesen grossen Melonen unter den Armen hat, der hat seine Hände nicht mehr frei. Der ist gebunden. Die Perser haben viele schöne Sprichworte und Redensweisen. Und meine Frau erzählt mir ab und zu davon.

Dein Kompliment, dass Du meine Briefe mehr geniesst als die Lektüre eines Buches, ist natürlich enorm und baut mit förmlich zu einem babylonischen Turm auf. Es ist übrigens so, dass meine Frau behauptet, ich hätte sie nur mit meinen Briefen gewonnen, von der und für die Liebe überzeugt. Das ist natürlich eine pointierte These, die ich nicht überprüfen kann und so stehen lassen muss. Aber mindestens siehst du, dass man in Persien für die Liebe noch hart arbeiten muss ;-). Meine Frau hatte sogar gedacht, dass ich vielleicht Drogen nehmen würde, während ich Briefe schreibe, Opium womöglich, oder so was ähnliches. Als ob man in der Schweiz Opium kaufen könnte, wie damals noch in Persien!! Wenn ich Dir Briefe schreibe, liebe Marlena, sieh dich vor! Binde Dich an den Mast wie weiland Odysseus vor den Sirenen, und stopfe Dir die Ohren zu, verbinde die Augen!

Natürlich wirst Du schon wissen, dass ich Dir nicht täglich bis an mein Ende einen Mail schicken können werde. Im Moment sind wir in einer Art „korrespondenzialer Verliebtheit", in einer „mail-induzierten folie à deux", könnte man sagen. Da ist man ganz hingerissen und schüttet die eigene Seele aus und über Ozeane hinweg. Doch das ist noch nicht der Alltag. Der Alltag ist weit nüchterner und monotoner. Wir sind beide reif genug zu wissen, was das ist und was es nicht ist. Nicht wahr? Wir wissen das, wenngleich auch viele unbewusste Sehnsüchte und Wünsche dabei mitspielen können und es sicherlich auch tun.

So klammere ich also Deine zwei Melonen unter meinen Armen fest und stelle mir vor, wie ich sie aufschneiden werde in der Wüste, wo ich vor Trockenheit am Verdursten sein werde. Ich danke Dir dafür. Ich weiss, um offen zu sein, gar nicht, wo man in Schweden Melonen her kriegt. Die müssen doch irgendwie aus südlicheren Gefilden stammen? Vielleicht aus irgendwelchen schwedischen Kolonien früherer Tage?

Nicht dass ich zu Tisch gesessen wäre! Nein, soweit wäre ich nicht gegangen. Aber aus dem Hintergrund habe ich Euch zugeschaut, habe beobachtet, wie diese kleine Familie, wie deses Wochenend-Ehepaar mit der blonden und blauäugigen Tochter am Tisch diese Bouillabaisse gelöffelt hat, nicht ohne dem zufriedenen Koch vielerlei Komplimente zu machen. Der Vater hat es sichtlich genossen und auf seine Marlena das Glas erhoben. Wer bloss das Wochenende mit seiner Familie verbringen kann, der geniesst in fast fürstlicher Manier die Umstände. Er ist dann auch „Hahn im Korb". Und die beiden Damen haben an dieser Freude teilgehabt, haben sie sozusagen „auf Händen getragen" und sie liebevoll gepflegt, mit einer winzig kleinen Wehmut im Herzen, warum das nicht jeden Tag so sein sollte.

Vielleicht ist es nur meine Fantasie, doch ich hatte den Eindruck, Marlena sei in diesem letzten Brief eine Spur glücklicher, lockerer, nicht ausgelassen, aber doch vergnügt? Das war eine Art Lichtblick, während man sonst in Deinen Zeilen die täglichen Pflichten und Obliegenheiten im Hintergrund mitspürt, den Ernst des Lebens, all das nämlich, was ich den „harten Granit des Alltags" zu nennen pflege. Doch dann denke ich wieder daran, wie du dich an einem schönen, sonnigen Tag freuen kannst und vermute, was ich da alles heraushöre, sei wohl bloss Hirngespinst.

Nebenbei gesagt weiss ich, liebe Marlena, wie Männer kochen. Ich mach das heute eigentlich kaum mehr. Aber früher habe ich auch ab und zu gekocht, so, wie Männer eben kochen. In der einen das Weinglas, in der anderen den Kochlöffel, dass ist die klassische Pose. So was gehört sich. Ohne das wäre Kochen Galeerenarbeit und die Küche die wahre Hölle. Mit dem Wein aber schon ein bisschen anzufangen, das gibt der Küche jenen Glanz, die sie überhaupt erträglich, ja vielleicht gar wohnlich macht. Man muss aber auch wissen, dass das nicht freiwillig ist. Es herrschen hier ziemlich verbindliche Regeln und Gesetze: Es geht darum, dass man den Wein rechtzeitig zu öffnen hat. Es geht darum, dass man zu prüfen hat, ob denn der Zapfen nicht riecht. Es geht nicht zuletzt darum, dass man sich für ein Vorhaben solcher Grössenordnung – nämlich ein Essen auf den Tisch zu bringen – dass man sich für ein solches Wagnis etwas Mut antrinken muss. Denn wenn man daran denkt, was dabei alles schief gehen könnte! Also, meine liebe Prinzessin, alle Männer der Welt kochen auf diese Art und Weise. Nicht alle kochen sie vielleicht eine Bouillabaisse, aber alle fuchteln sie mit Weinglas und Kochlöffel herum. Das ist – darwinistisch gesprochen - das Resultat stammesgeschichtlicher Evolution. Soweit die Summe soziobiologischer Erkenntnis! Und was auch erkannt ist: Männer kochen mit doppelt bis dreifachem Budget als ihre Frauen. Und sie waschen nicht ab post festum und überlassen die schmutzige Küche dem Personal. Wer auch immer dieses Personal sein mag. Gott möge sie segnen und behüten, diese Männer der Welt!!!

Ich selbst bin heute soweit, dass ich mir erlaube, mit dem Weinglas in der Luft herum zu fahren, ohne dabei gleich kochen zu müssen. Das mag jetzt etwas überheblich klingen, Marlena, ist es ja vielleicht auch. Aber es braucht doch viel Arbeit an sich selbst, zu trinken, ohne zu kochen. Das ist sozusagen eine Trapeznummer ohne Netz. Du weißt, ich bin in einer Weingegend aufgewachsen. Und während des Gymnasiums haben wir jede Menge Zeit und Gelegenheiten gehabt, diese Trapeznummern zu üben. Ach, was haben wir damals getrunken! Dagegen war die schwedische Eishockey-Nationalmannschaft, die wir damals am Fernsehen beobachtet hatten, eine bescheidene Gruppe von braven Primanern. Und dabei hat man diesen kecken schwedischen Spielern schon nachgesagt, sie würden zwischen den Matches ganz ordentlich „hinter die Binde kippen". Also, meine liebe Marlena, in Sachen Wein fühle ich mich ganz und gar im Element und als Fachmann. Wein inspiriert mich, Wein ermutigt mich, Wein bringt meine Fantasien in Bewegung, aber Wein tröstet mich auch, wenn es sein muss, in dunkleren Zeiten. Ein richtiger Malvoisie (ein raffinierter Weisser aus dem Wallis) ist für mich wie eine zarte Geliebte, mit üppigen Rundungen und sinnlichen Lippen. Man kann ihr nicht widerstehen. Es wäre gegen das Gesetz des Lebens und der Liebe. Sie ist einfach nur da, um umarmt zu werden, hinreissend.

Und all das erzählt Dir einer, der mit einer Moslema verheiratet ist. Sie, seine Frau, ist zwar nicht doktrinär, ganz und gar nicht fundamentalistisch. Aber sie nippt doch in der Regel bloss am Glas, während er daneben deutlich austrinkt. Vielleicht machen sie zusammen einen guten Durchschnitt? Doch es gibt in Persien eine Gegend, da gab es in alten Zeiten viel Wein. Und die grossen Dichter stammten von dorther, vom Süden, aus der Gegend von Shiraz. Es ist nicht so, dass die Perser den Wein nicht kennen würden. Und auch dort hat er zu grossen poetischen Leistungen verholfen. Aber heute wollen die Iraner davon wenig mehr hören!

Aus meinen früheren Tage habe ich noch Bekannte, die eng mit dem Wein verbunden sind. Einige davon haben eigene Rebberge, und wenn man zu Besuch ist, kredenzen sie einen Tropfen aus eigener Kelterung. Einer meiner Bekannten ist sogar Weinhändler von Beruf, verkauft Wein und kann dich in seinem Keller zu jedem Kauf überreden, während er wieder einschenkt. Wein ist nicht bloss ein Getränk. Wein ist eine Philosophie, eine Geisteshaltung zwar, mit sehr katholischem Hintergrund. Alle grossen Weinlandschaften sind heute noch katholisch. Das Dionysische, das in diesen Gegenden etwa zur Zeit der Fastnacht weiterlebt, das alles hat mit dem steifen Protestantismus nichts zu tun. Wer den Wein liebt, der ist katholisch, behaupte ich. Die Protestanten schütten sich Bier hinunter. Nun ja, vielleicht machen die Bayern hier eine kleine Ausnahme?

Ich glaube, ich muss ein Ende finden mit diesem Thema, sonst kommst du auf falsche Vermutungen, liebe Marlena, spekulierst du in bedenkliche Richtung, denkst du vielleicht, ich würde schon beim Frühstück mit meinem Schöpplein den Tag anfangen. Doch ich kann dich beruhigen: soweit bin ich noch nicht. Dazu habe ich eine solide Moslema neben mir. Das schützt mich. Aber vielleicht ist es doch etwas abwegig, in einem Brief an eine ferne nordische Frau den Wein zum Briefthema zu machen. Vergib mir.

(---)

Nun denn, meine liebe Marlena, ich habe mich wieder vergessen während ich geschrieben habe. Vor allem im Wein habe ich mich vergessen! Doch nun muss ich aufhören. Nur noch ein kleines Gedichtlein von Rilke wollte ich dir zeigen. Ich habe es gestern abend (es muss schon nach Mitternacht gewesen sein!) gefunden. Du siehst, ich habe, seit ich mit Dir korrespondiere, wieder meine Rilke-Sammlung auf dem Tisch und blättere gelegentlich darin. Das geht so:

So lass uns Abschied nehmen wie zwei Sterne

durch jenes Übermass von Nacht getrennt,

das eine Nähe ist, die sich an Ferne

erprobt und an dem Fernsten sich erkennt.

Ist doch wunderschön gesagt und klingt auch ziemlich passend für uns zwei, die wir bloss zwei ferne Koordinatenpunkte auf der Weltkarte zu sein scheinen. Es muss in Paris, im Frühsommer 1925 entstanden sein.

Damit grüsse ich Dich, 
...