Montag, 17. Juni 2019
Re: Vaya con dios
den 15 maj 18:17
Re: Vaya con dios
Ich weiss, mein Schatz Du wartest auf ein Mail von mir und ich werde dir ziemlich bald eins senden. Bin erst jetzt mit der "arbeitsplatzverlegten" (schöner Ausdruck ;-) Arbeit fertig und jetzt gibt es noch eine Menge zu tun, Arbeit die ich zu Hause leichter tun kann weil ich erstens einen eigenen PC disponiere, zweitens ungestört arbeiten kann und drittens ab und zu mir in der Küche etwas holen kann :-)
Heute Nacht war ich wieder wach so von drei Uhr an. Ich schrieb dir in Gedanken und fand unzählige wichtige Dinge, die ich dir mitteilen wollte und Formulierungen, die sogar mir gefielen (wo ich doch meistens nicht besonders zufrieden bin da ich nicht die perfekten Worte finde) und nun da ich dies alles brauchen würde ist es wie weggeblasen. Vielleicht bin ich auch so am Ende eines Schultages etwas zu müde.. und jetzt noch dazu hungrig :-)
Ich werde mich also ein wenig ausruhen, das Essen vorbereiten und dann komme ich zurück zu dir. Es ist der schönste Augenblick des Tages: wenn ich ein neues Mail von dir lese und wenn ich dir selbst schreiben kann.
Ich liebe dich, ,,,
ich maladiere und sehnsuche dich,
ich umarme dich und küsse dich...
und weiss Gott was noch alles.
Ist dies die Strafe weil ich gegen die §§§ vestossen habe?
Deine Marlena
Piano piano ...
Subject: Piano piano mio amore, nur kein Stress
Date: Mon, 15 May 16:46
Meine Marlena
Immer noch höre ich mich in deine Musik hinein. Da und dort kommt sie mir sehr bekannt vor. Ich weiss nicht, wo ich sie schon gehört habe. So bist du ein bisschen in meiner Nähe. Und das ist sehr angenehm und tröstlich.
Ich danke dir für deine Mails. Ich glaube, ich bin etwas geduldiger geworden und kann verstehen, dass es für dich nicht immer leicht ist, an den PC heranzukommen. Ich will wirklich nicht, dass du wegen mir in Stress gerätst. Das ist überflüssig und für niemanden gut.
Im Moment beschäftigt mich die Tatsache, dass du mir immer wieder so lieb und wortlos deine Nähe zeigst. Ich meine, es ist nicht wortlos, aber du versicherst mir deine Nähe, und du sagst, es kommt dir gar kein anderer Gedanke. Es ist wunderschön, Marlena, deine Nähe zu fühlen. Es ist eine schöne und tiefe Nähe, wie die, wenn man gemeinsam im Gras liegt und in die Wolken schaut. Dazu braucht es keine Worte. Jedes Wort wäre zuviel. Höchstens Rilke vielleicht:
Der Liebe Landschaft
....immer wieder gehen wir zu zweien hinaus
unter die alten Bäume, lagern uns immer wieder
zwischen die Blumen, gegenüber dem Himmel.
Zu anfang habe ich deine Wortlosigkeit anders interpretiert. Ich glaube, heute verstehe ich dich besser und ich merke, dass du mir damit etwas sagen willst, für das es vielleicht in unserem Leben keine Worte gibt. Und das ist es möglicherweise, was dich schmerzt. Dass du etwas fühlst, wofür es keine Worte gibt. Und die einzige Möglichkeit, mir das zu sagen, sind Mails. Und Mails brauchen nun in Gottes Namen Worte. Also sind es immer die falschen, oder solche, die nicht genügen? Vielleicht ist es das, was weh tut. Ich stelle mir das vor wie ein grosser Durst, und man hat das Gefühl, kein Wasser auf dieser Welt kann ihn je wieder stillen. Jedes Glas, das man bekommt, ist zu wenig und die ganze Welt sieht nach ewigem Dürsten aus.
Ach siehst du, Marlena, ich mache mir ein bisschen Sorgen um dich. Aber ich weiss, dass du daneben dein fröhliches Leben hast mit deinen Arbeitskollegen und der Schule und Anna und all den Freuden, die das Leben bietet.
(---)
Sonntag, 16. Juni 2019
Vaya con dios ...
Subject: Vaya con dios
Date: Mon, 15 May 13:34
Liebe Marlena
Immer am Montag Mittag haben wir unser Kiwanis-Essen. Wir treffen uns um 12h und um 13h beginnt der Vortrag. Heute hat ein Arzt und Chef einer grossen Kette von medizinischen Laboratorien gesprochen. Er ist der Schwager eines unserer Kollegen. Es war ganz interessant, doch er hat auch ziemlich geblufft, würde ich mal behaupten. Wenn man erfolgreich ist, ist bluffen natürlich etwas eher erlaubt als wenn man keinen Erfolg hat. Offenbar war es ihm erlaubt.
Das Menue will ich dir nicht erzählen, aber es war nicht schlecht. Zum Schluss gibt es einen schwarzen Kaffee und einige zupfen ihre Zigarre aus der Vestentasche. Aber es werden immer weniger, die rauchen. Je älter sie werden, desto häufiger enthalten sie sich dieses schönen Vergnügens. Ich habe mich auf das Glas Dôle konzentriert, dh. anstelle des Rauchens.
Diese Kiwanis-Essen finden überigens in einem Hotel in Basel statt, welches zur Radisson SAS Gruppe gehört. Ich bin also wenigstens einmal pro Woche in Skandinavien zuhause. Das ist ein gutes Gefühl, auch wenn kein Schwedisch gesprochen wird und auch keine spezielle nordische Nahrung auf den Tisch kommt. Aber vielleicht wird es mal Schwedische Wochen geben, und dann werde ich doppelt einbacken.
Aber vor dem Essen, und das wollte ich dir eigentlich erzählen, hatte ich ein paar Minuten Zeit, um in einen Musikladen zu eilen. Ich habe sie gefunden: Vaya con dios. Und jetzt, im Moment, sitze ich im Büro, leicht verschwitzt vom vollen Magen und der Mittagssonne und höre dein Don't break my heart .. Ich stelle mir vor, dass du das mit deiner Lis Assia Stimme singst. Was mich daran berührt hat, ist das Schmerzvolle, das sticht ein bisschen ins Herz. Sind es nicht Schmerzschreie, auf einem lyrischen Hintergrund? Das irritiert mich ein bisschen, weil ich den Song sosehr mit dir in Verbindung bringe. Aber darin ist auch viel vitalität. Das versöhnt mich wieder ein bisschen. Doch am meisten erstaunt an dieser CD hat mich das Cover-Bild, diese Frau, wie du mir gesagt hat. Ich nehme mal an, sie sei die Lead-Sängerin. Weißt du wie sie heisst? Sie hat im Wesentlichen denselben Blick, den du auf deinem Foto hast, auf beiden Bildern, die ich von dir habe. Auf dem dritten sieht man deine Augen ja nicht. Es ist dieser Bilick in die Weite, der so etwas wie Sehnsucht ausdrückt. Marlena, diese Augen sind mir auf deinen Bildern rasch aufgefallen und als ich diese CD in den Händen hatte, war das wie eine plötzliche Bestätigung. Ach, Marlena, deine Sehnsucht muss wirklich sehr gross sein. Ich will jetzt nicht sagen, die Sehnsucht nach mir, aber doch die Sehnsucht nach etwas, was du tief vermisst. Es ist dieser Gedanke, der mich im Moment bedrängt. Und ich frage mich, wie ich etwas davon stillen könnte. Ich bin natürlich froh, dass diese Musik insgesamt eher eine optimistische Note hat, mit viel Kraft und - wie gesagt - Vitalität. Sonst könnte ich geradezu Angst um dich bekommen.
*
Schön dass du deinen Muttertag noch vor dir hast. Ich habe angenommen, das sei in ganz Europa derselbe Tag. Doch das wäre vielleicht für die holländischen Blumenhändler ein bisschen anstrengend. Besser, die Nachfrage über 14 Tage oder drei Wochen zu verteilen.
(---)
Und du, wie läuft es bei Dir, meine liebe Marlena. Ich bin wieder etwas gespannt, von dir zu hören, nach dem Wochenende. Geht alles gut?
Ich küsse dich innigst
...
Mittwoch, 12. Juni 2019
Ist es ein Wunder oder ...
Subject: Ein bisschen verspätet ...
Date: Tue, 16 May 08:33
Liebe Marlena
Heute habe ich mich sosehr verschlafen, dass ich erst um 730 im Büro war. Das reicht nun vielleicht nicht, für deinen Morgenkaffee? Denn ich brauchte noch Zeit, um dein wunderbares Mail zu lesen. Das ist wirklich sehr schön, und das einzige, was mich daran beunruhigt, ist die Tatsache, dass du bis nach Mitternacht daran geschrieben hast. Ich sorge mich ein bisschen um deinen Schlaf. Aber ich erlaube mir doch wieder so viel Egoismus, dass ich glücklich bin über dein Mail.
Du brauchst auch lustige Bilder, wenn du schreibst. Das gefällt mir gut. Du erzählst, dass ihr bei deinem Fest gelacht habt, dass sich das Dach hob. Das kann man sich gut vorstellen, wie sich der ganze Dachstuhl hebt und senkt, wann immer eine Welle losgeht, wie ein grosser Organismus, der atmet. Es ist ein bisschen das Bild meiner Zeichnung für die Gartenpartie. Sie allerdings war ein Schrebergärtchen. Es ist schade, dass du deine Handtasche geschlossen hattest beim Fest. Ich hätte dich gerne vergnügt und ausgelassen und lustig und schlagfertig und witzig gesehen. Und dass du das alles auch sein kannst, das spüre ich zwischen den Zeilen da und dort. Und ich bin ein bisschen stolz darüber, dass meine Freundin das auch ist, neben ihren tiefen Gefühlen und der Affinität zum Lyrischen, wie man es bei Rilke oder bei Verlaine antrifft. Ach weißt du Marlena, ich weiss schon, dass ich dich ein bisschen idealisiere. Ich brauche das auch, um schreiben zu können, um ein bisschen schöner zu schreiben als einfach normale Tagesprotokolle. Diese Verschönerung ist einerseits eben das Künstliche, der Anfang der Kunst, und andererseits ist es so etwas wie ein Stimulans, ein Joint kann man sagen. Alle Verliebten machen ihre Geliebte perfekt. Das gehört nun mal dazu. Wenn es sehr stark ist, dann sprechen sie vielleicht weniger über ihre Geliebte als vielmehr über ihre eigenen Gefühle. Ich halte nicht viel von Objektivität. Das habe ich bei uns zu Hause genug gehabt und es bringt nicht viele Vorteile. On ne voit bien qu'avec le coeur. Ach, Marlena, ich weiss, du bist eine Studienrätin, und ich weiss, wie Studienrätinnen im allgemeinen sind. Es gibt da natürlich auch ziemliche Unterschiede! Doch, ich bin nicht mehr der jüngste und kenne die Menschen. Ich glaube, ich kenne sie wirklich. Ich habe schon viel Unglück gesehen und mir angehört. Ich weiss wie Menschen ungerecht und hart und feige und falsch sein können. Stell dir vor, ich hatte eine Zeit, da habe ich ...
---
Aber eins möchte ich dir sagen, meine Liebe Marlena. Geniesse es, wenn ich dich ein bisschen perfekt mache. Du darfst nicht zu bescheiden sein. Ich weiss sehr wohl, dass man da nicht in Zentimetern nachmessen soll. Wenn du nur wüsstest, wie unvollkommen ich bin, welche unangenehmen und linkischen Seiten ich habe, du würdest dir gar keine Gedanken machen. Natürlich verstehe ich deine Reaktion, dass du dich manchmal fast distanzieren möchtest von dem, was und wie ich sage. Nimm es einfach als meine Begeisterung und lass mir die Freude.
Die Angst vor der Enttäuschung verstehe ich nun allerdings sehr gut. Weißt du, auch wenn ich das vielleicht nicht tun sollte, ich denke oft an Rom und wie es sein könnte. Und ich mache mir Gedanken, wie du mich anschauen würdest, ob DU nicht enttäuscht sein würdest, weil ich zu alt bin, weil meine Haare schon ziemlich weiss sind, weil ich vielleicht zuwenig Haare auf der Brust hätte ;-) .. oder weiss Gott was. Ich habe bemerkt, dass ich mich im Spiegel wieder anschaue, wie ich das seit langer Zeit nicht mehr getan habe, und dass ich auf die Waage stehe, um meine Tonnage zu beurteilen, obwohl mich das seit langer Zeit nicht mehr interessiert hatte. Wenn man zusammen ist, genügt es nicht, schöne Worte zu machen. Da kommen noch ein paar andere Faktoren ins Spiel, und die physische Präsenz ist nicht unwichtig.
Ist es ein Wunder oder ist es Glück, dass wir uns getroffen haben. Ach, wer kann das beurteilen. Ich kann das gut als Wunder anschauen. Aber wenn ich es mir genauer überlege, dann sehe ich es eher als Glück. Es gibt doch auch Menschen, die behaupten, es gebe keine Zufälle. Und wahrscheinlich gibt es weniger Zufälle, als wir zu denken bereit sind. Ich glaube, wenn sich zwei Menschen mehr als durchschnittlich kennenlernen und schätzen lernen, dann ist eine Seelenverwandtschft mit im Spiel. Es gibt doch auch viele Kontakte, die gibt man rasch wieder auf, weil man ahnt, dass sie zu nichts führen. Man plaudert mit jemandem, es ist nicht unngenehm, aber es ist nichts da, was einem faszinieren könnte, es gibt keine Bindung. Es ist alltäglich. Und dann gibt es andere Menschen, die etwas an sich haben, was funkt. Ich kenne hier in B eine ... . Sie ist vielleicht jetzt um die 10 Jahre hier, und ich habe sie 3 oder 4 mal gesehen. Sie hat eine noble Art und sie hat etwas im Gesicht, was mich einfach mehr als sonst anspricht. Ich habe keine Ahnung, was es ist. Sie ist nicht einmal besonders hübsch. Man fühlt sich in der Gesellschaft solcher Menschen schneller zuhause, wollen wir es mal so sagen. Man findet leichter heim. Ich glaube wirklich, dass man immer wieder auf seine erste Liebe zurückkommt. Das ist Platonisch gedacht: jedes Erkennen ist Wiedererkennen. In jeder Liebe erkennt man die alte, die erste, die grosse Liebe. Das ist sozusagen eine Theorie der Wiedergeburt innerhalb des Lebens. Sehr platonisch, wirklich.
Weil du nach der platonischen Liebe gefragt hast, will ich einmal nachlesen, was man zum "Platonischen" sagen kann. Meine Antwort im Chat war vielleicht für dich etwas unbefriedigend. Aber ich fand es charmant, wie du gefragt hast, und der Gedanke, dass dieser Begriff der platonischen Liebe oder der platonischen Zärtlichkeiten (das hast du mal von mir zitiert, ich erinnere mich) für dich immer etwas rätselhaft gewesen sein muss, hat mich - nun ja - irgendwie sehr zärtlich gestimmt. Es ist im übrigen auch für mich ein bisschen ein Zauber- Begriff. Aber wenn ich nachlese, werden wir vielleicht ein paar rätselhafte Aspekte lösen können.
*
---
*
Ich finde unsere Geschichte märchenhaft. Wir haben zwar unsere §§§§, aber kein Mensch schert sich mehr darum. Schau mal, wie sich das alles entwickelt hat. Du hast immer wieder gewarnt, wir lebten gefährlich. Ich habe gesagt, ich will dich gewinnen. Ich habe gesagt, binde dich am Schiffsmast fest und verstopfe dir die Ohren. Wir haben uns weiss Gott gewarnt. Es ist wie in einem Märchen. Man spürt, wie das Schicksal gleich zuschlägt, jeder weiss es, noch das kleinste Kind merkt es, aber das Rotkäppchen geht trotzdem durch den Wald, geht trotzdem vom Weg ab, spricht trotzdem mit dem Wolf. Alle Alarmsirenen gehen los, aber das Rotkäppchen hört nichts und sieht nichts. Ach, wie ist das märchenhaft schön. Entgegen allen Warnungen ins Glück zu laufen, gibt es denn etwas Schöneres? Vor allem, wenn man selbst warnt. Man warnt ja dann mit grosser Nachsicht und drückt ein Auge zu (das meint, man lässt 5 gerade sein), vielleicht beide Augen zu.
Es ist ein Wunder oder ein Glück. Aber wenn ich sehe, wieviele Gemeinsamkeiten wir haben, dann kann es auch nicht nur Zufall sein. Da ist ein bisschen System dahinter, Marlena, das kannst du mir glauben. Ich habe das schon damals gedacht, als du etwa im 2. oder 3. Mail gesagt hast, Rilke sei dein Favorit der deutschen Dichter. Das konnte kein Zufall sein. Das nun wirklich nicht.
*
Lass uns unser Wunder pflegen und hüten und Sorge tragen darum. Und lass uns möglichst wenig leiden. Suche einen Weg, damit dich die Distanz nicht "beinahe krank macht", Marlena. Und wenn ich dir irgendwie dabei helfen kann, lass es mich wissen. Es klingt vielleicht ein bisschen absurd, aber du bist gefühlsmässig die wichtigste Person in meinem Leben geworden. Und ich weiss, dass das etwas absurd ist. Und jeder Psychologe würde mir auf die Schulter klopfen und mir den Rat geben, auf den Boden zurückzukehren. Ach, es ist so schön, verrückt zu sein.
Ich küsse dich, meine Liebste, bis zum nächsten Mail.
Ich will nachsehen, was ich beim Brief an Camus ausgelassen habe. Aber jetzt muss ich unbedingt an die Arbeit.
K+G+H
Date: Tue, 16 May 08:33
Liebe Marlena
Heute habe ich mich sosehr verschlafen, dass ich erst um 730 im Büro war. Das reicht nun vielleicht nicht, für deinen Morgenkaffee? Denn ich brauchte noch Zeit, um dein wunderbares Mail zu lesen. Das ist wirklich sehr schön, und das einzige, was mich daran beunruhigt, ist die Tatsache, dass du bis nach Mitternacht daran geschrieben hast. Ich sorge mich ein bisschen um deinen Schlaf. Aber ich erlaube mir doch wieder so viel Egoismus, dass ich glücklich bin über dein Mail.
Du brauchst auch lustige Bilder, wenn du schreibst. Das gefällt mir gut. Du erzählst, dass ihr bei deinem Fest gelacht habt, dass sich das Dach hob. Das kann man sich gut vorstellen, wie sich der ganze Dachstuhl hebt und senkt, wann immer eine Welle losgeht, wie ein grosser Organismus, der atmet. Es ist ein bisschen das Bild meiner Zeichnung für die Gartenpartie. Sie allerdings war ein Schrebergärtchen. Es ist schade, dass du deine Handtasche geschlossen hattest beim Fest. Ich hätte dich gerne vergnügt und ausgelassen und lustig und schlagfertig und witzig gesehen. Und dass du das alles auch sein kannst, das spüre ich zwischen den Zeilen da und dort. Und ich bin ein bisschen stolz darüber, dass meine Freundin das auch ist, neben ihren tiefen Gefühlen und der Affinität zum Lyrischen, wie man es bei Rilke oder bei Verlaine antrifft. Ach weißt du Marlena, ich weiss schon, dass ich dich ein bisschen idealisiere. Ich brauche das auch, um schreiben zu können, um ein bisschen schöner zu schreiben als einfach normale Tagesprotokolle. Diese Verschönerung ist einerseits eben das Künstliche, der Anfang der Kunst, und andererseits ist es so etwas wie ein Stimulans, ein Joint kann man sagen. Alle Verliebten machen ihre Geliebte perfekt. Das gehört nun mal dazu. Wenn es sehr stark ist, dann sprechen sie vielleicht weniger über ihre Geliebte als vielmehr über ihre eigenen Gefühle. Ich halte nicht viel von Objektivität. Das habe ich bei uns zu Hause genug gehabt und es bringt nicht viele Vorteile. On ne voit bien qu'avec le coeur. Ach, Marlena, ich weiss, du bist eine Studienrätin, und ich weiss, wie Studienrätinnen im allgemeinen sind. Es gibt da natürlich auch ziemliche Unterschiede! Doch, ich bin nicht mehr der jüngste und kenne die Menschen. Ich glaube, ich kenne sie wirklich. Ich habe schon viel Unglück gesehen und mir angehört. Ich weiss wie Menschen ungerecht und hart und feige und falsch sein können. Stell dir vor, ich hatte eine Zeit, da habe ich ...
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Aber eins möchte ich dir sagen, meine Liebe Marlena. Geniesse es, wenn ich dich ein bisschen perfekt mache. Du darfst nicht zu bescheiden sein. Ich weiss sehr wohl, dass man da nicht in Zentimetern nachmessen soll. Wenn du nur wüsstest, wie unvollkommen ich bin, welche unangenehmen und linkischen Seiten ich habe, du würdest dir gar keine Gedanken machen. Natürlich verstehe ich deine Reaktion, dass du dich manchmal fast distanzieren möchtest von dem, was und wie ich sage. Nimm es einfach als meine Begeisterung und lass mir die Freude.
Die Angst vor der Enttäuschung verstehe ich nun allerdings sehr gut. Weißt du, auch wenn ich das vielleicht nicht tun sollte, ich denke oft an Rom und wie es sein könnte. Und ich mache mir Gedanken, wie du mich anschauen würdest, ob DU nicht enttäuscht sein würdest, weil ich zu alt bin, weil meine Haare schon ziemlich weiss sind, weil ich vielleicht zuwenig Haare auf der Brust hätte ;-) .. oder weiss Gott was. Ich habe bemerkt, dass ich mich im Spiegel wieder anschaue, wie ich das seit langer Zeit nicht mehr getan habe, und dass ich auf die Waage stehe, um meine Tonnage zu beurteilen, obwohl mich das seit langer Zeit nicht mehr interessiert hatte. Wenn man zusammen ist, genügt es nicht, schöne Worte zu machen. Da kommen noch ein paar andere Faktoren ins Spiel, und die physische Präsenz ist nicht unwichtig.
Ist es ein Wunder oder ist es Glück, dass wir uns getroffen haben. Ach, wer kann das beurteilen. Ich kann das gut als Wunder anschauen. Aber wenn ich es mir genauer überlege, dann sehe ich es eher als Glück. Es gibt doch auch Menschen, die behaupten, es gebe keine Zufälle. Und wahrscheinlich gibt es weniger Zufälle, als wir zu denken bereit sind. Ich glaube, wenn sich zwei Menschen mehr als durchschnittlich kennenlernen und schätzen lernen, dann ist eine Seelenverwandtschft mit im Spiel. Es gibt doch auch viele Kontakte, die gibt man rasch wieder auf, weil man ahnt, dass sie zu nichts führen. Man plaudert mit jemandem, es ist nicht unngenehm, aber es ist nichts da, was einem faszinieren könnte, es gibt keine Bindung. Es ist alltäglich. Und dann gibt es andere Menschen, die etwas an sich haben, was funkt. Ich kenne hier in B eine ... . Sie ist vielleicht jetzt um die 10 Jahre hier, und ich habe sie 3 oder 4 mal gesehen. Sie hat eine noble Art und sie hat etwas im Gesicht, was mich einfach mehr als sonst anspricht. Ich habe keine Ahnung, was es ist. Sie ist nicht einmal besonders hübsch. Man fühlt sich in der Gesellschaft solcher Menschen schneller zuhause, wollen wir es mal so sagen. Man findet leichter heim. Ich glaube wirklich, dass man immer wieder auf seine erste Liebe zurückkommt. Das ist Platonisch gedacht: jedes Erkennen ist Wiedererkennen. In jeder Liebe erkennt man die alte, die erste, die grosse Liebe. Das ist sozusagen eine Theorie der Wiedergeburt innerhalb des Lebens. Sehr platonisch, wirklich.
Weil du nach der platonischen Liebe gefragt hast, will ich einmal nachlesen, was man zum "Platonischen" sagen kann. Meine Antwort im Chat war vielleicht für dich etwas unbefriedigend. Aber ich fand es charmant, wie du gefragt hast, und der Gedanke, dass dieser Begriff der platonischen Liebe oder der platonischen Zärtlichkeiten (das hast du mal von mir zitiert, ich erinnere mich) für dich immer etwas rätselhaft gewesen sein muss, hat mich - nun ja - irgendwie sehr zärtlich gestimmt. Es ist im übrigen auch für mich ein bisschen ein Zauber- Begriff. Aber wenn ich nachlese, werden wir vielleicht ein paar rätselhafte Aspekte lösen können.
*
---
*
Ich finde unsere Geschichte märchenhaft. Wir haben zwar unsere §§§§, aber kein Mensch schert sich mehr darum. Schau mal, wie sich das alles entwickelt hat. Du hast immer wieder gewarnt, wir lebten gefährlich. Ich habe gesagt, ich will dich gewinnen. Ich habe gesagt, binde dich am Schiffsmast fest und verstopfe dir die Ohren. Wir haben uns weiss Gott gewarnt. Es ist wie in einem Märchen. Man spürt, wie das Schicksal gleich zuschlägt, jeder weiss es, noch das kleinste Kind merkt es, aber das Rotkäppchen geht trotzdem durch den Wald, geht trotzdem vom Weg ab, spricht trotzdem mit dem Wolf. Alle Alarmsirenen gehen los, aber das Rotkäppchen hört nichts und sieht nichts. Ach, wie ist das märchenhaft schön. Entgegen allen Warnungen ins Glück zu laufen, gibt es denn etwas Schöneres? Vor allem, wenn man selbst warnt. Man warnt ja dann mit grosser Nachsicht und drückt ein Auge zu (das meint, man lässt 5 gerade sein), vielleicht beide Augen zu.
Es ist ein Wunder oder ein Glück. Aber wenn ich sehe, wieviele Gemeinsamkeiten wir haben, dann kann es auch nicht nur Zufall sein. Da ist ein bisschen System dahinter, Marlena, das kannst du mir glauben. Ich habe das schon damals gedacht, als du etwa im 2. oder 3. Mail gesagt hast, Rilke sei dein Favorit der deutschen Dichter. Das konnte kein Zufall sein. Das nun wirklich nicht.
*
Lass uns unser Wunder pflegen und hüten und Sorge tragen darum. Und lass uns möglichst wenig leiden. Suche einen Weg, damit dich die Distanz nicht "beinahe krank macht", Marlena. Und wenn ich dir irgendwie dabei helfen kann, lass es mich wissen. Es klingt vielleicht ein bisschen absurd, aber du bist gefühlsmässig die wichtigste Person in meinem Leben geworden. Und ich weiss, dass das etwas absurd ist. Und jeder Psychologe würde mir auf die Schulter klopfen und mir den Rat geben, auf den Boden zurückzukehren. Ach, es ist so schön, verrückt zu sein.
Ich küsse dich, meine Liebste, bis zum nächsten Mail.
Ich will nachsehen, was ich beim Brief an Camus ausgelassen habe. Aber jetzt muss ich unbedingt an die Arbeit.
K+G+H
Donnerstag, 6. Juni 2019
Nationalfeiertag in Schweden
(R)
und damals:
date 6 June 2005 06:31
subject Merci
Lieber ...,
Heute feiern wir unseren Nationaltag, zum ersten Mal
als roten Tag im Kalender. Anstatt den Pfingstmontag
haben wir nun den 6. Juni als offiziellen Feiertag.
am 6. Juni 2017
und damals:
date 6 June 2005 06:31
subject Merci
Lieber ...,
Heute feiern wir unseren Nationaltag, zum ersten Mal
als roten Tag im Kalender. Anstatt den Pfingstmontag
haben wir nun den 6. Juni als offiziellen Feiertag.
Mittwoch, 5. Juni 2019
Re: tired and furious
Subject: Re: tired and furious
Date: Wed, 27 Sep 16:29
Liebe Marlena
Du bist sehr süss, wenn Du aus Dir herauskommst und mit schwerem Material argumentierst und die Dinge ins rechte Licht rückst. Zuckersüss. Ich würde Dich in so einem Moment wirklich sehr gerne umarmen und Dich eine zeitlang halten.
Weißt Du, ich weiss auch nicht so genau, wann ein Mail für mich substanziell ist und wann nicht. Vielleicht solltest Du Dich darum auch nicht zu sehr nach mir richten. Ich lasse mich sehr gerne überraschen. Und man kann nicht jeden Tag gleich, manchmal hat man sehr wenig Zeit und der Kopf voller anderer Dinge.
(---)
Tut mir leid, Marlena, gestern war ich um 1800h schon zuhause, und um 2230h im Bett. Kannst Du Dir vielleicht schwer vorstellen, ist aber so. Ich bin sehr unregelmässig im Alltag, muss ich zugeben. Ich mache gute Vorsätze, nehme mir vor, um 2200 schlafen zu gehen, und vielleicht morgen früh etwas lesen. Und nach ein paar Tagen bin ich schon wieder weg von diesem Plan. Gestern abend also hatte ich einen Rückfall in diesen Plan. Und heute morgen bin ich ziemlich ausgeschlafen. Ich höre im Moment gerade Kirchenmusik, Ave Maria, kannst Du dir das vorstellen? Ist sehr feierlich für morgens um 7 Uhr. Aber ich mag das. Es ist ruhig und schwerwiegend, irgendwie feierlich.
*
Ja, Du hast wirklich ein feines Sprachgefühl, Marlena. Ich glaube zu verstehen, wenn Du "meine Liebe" einerseits mit ma chère und ma chérie übersetzt. Aber ich glaube, bei ma chère lassen sich noch zwei Varianten heraushören. Es gibt für mich eine "umarmende" und eine "abstossende" Nuance. Und Du kannst Dir vorstellen, dass ich nicht die letztere in meine Worte hineinpacke. Ich glaube, Du meintest eher die letztere, als Du sagtest, das bedeute dann was ganz anderes. Und Du hast Recht, man hört sie oft. Aber ich habe sie nicht gemeint, nie.
*
Und dass ich zwei Mal verletzten mit tzt schreibe, kann ich meinen Fingern kaum verzeihen.
*
Schade, dass Dein substanzielles Mail in den Abwässern des Internet verloren gegangen ist. Tired und furious ist ein fantastischer Titel, könnte ich mir jede Menge spannender Gedanken darunter vorstellen. Es ist vor allem auch schade, weil Du sprachlich so sorgfältig arbeitest, Marlena. Sicherlich hast Du einige Zeit darauf verwendet, und dann, alles in der cloaxa maxima gelandet. Unerhört!
*
Jetzt muss ich an die Arbeit. Heute haben wir den ganzen Nachmittag einen EDV Kurs. Wir werden auf NT umgeschult, weil sie ja bald auch die PCs in den Büros wechseln werden. Im Moment haben wir noch Mac, was ich eigentlich sehr schätze, denn es gibt gute graphische Programme, die ich über alles liebe. Und dann werden wir vernetzt und wir können uns hier fühlen wie in big brother oder in einem science fiction Streifen. Es ist schon fast menschenunwürdig. Aber das ist ja wohl ein anderes Thema.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag, ma chérie.
Und jetzt bin ich erst aus dem Kurs zurück. Ich hatte keine Zeit, Dir das vorher zu schicken. Ich freue mich, dass sich unsere Mausfreundschaft wieder ein bisschen erwärmt. Das heisst, sie tut es ja nicht selbst, wir sind gefragt. Aber es ist wie Du auch gesagt hast, Du bist mir ans Herz gewachsen. So sagt sich das in Deutsch. "Ans Herz gewachsen".
Mit lieben Küssen
...
Dienstag, 4. Juni 2019
Müde, aber zufrieden .. :-)
Ämne: Müde, aber zufrieden.. :-)
Datum: den 26 september 22:28
Ach Schatz, ich hab dir ein langes Mail geschrieben, eines mit Substanz sogar, und nun hab ich was falsch gemacht und alles ist weg. Nichteinmal Anna kann mir helfen es zurückzubekommen. Nur noch die kleine Überschrift ist mir geblieben aber sie passt nicht mehr. Nun heisst es "tired and furious".
OK Vielleicht sollte es nicht sein. Aber schade ...
Ich umarme dich noch bevor ich zu Bett gehe
Bis Morgen, chéri
Marlena
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