Mittwoch, 12. Juni 2019

Ist es ein Wunder oder ...



Subject: Ein bisschen verspätet ...
Date: Tue, 16 May 08:33


Liebe Marlena
Heute habe ich mich sosehr verschlafen, dass ich erst um 730 im Büro war. Das reicht nun vielleicht nicht, für deinen Morgenkaffee? Denn ich brauchte noch Zeit, um dein wunderbares Mail zu lesen. Das ist wirklich sehr schön, und das einzige, was mich daran beunruhigt, ist die Tatsache, dass du bis nach Mitternacht daran geschrieben hast. Ich sorge mich ein bisschen um deinen Schlaf. Aber ich erlaube mir doch wieder so viel Egoismus, dass ich glücklich bin über dein Mail.

Du brauchst auch lustige Bilder, wenn du schreibst. Das gefällt mir gut. Du erzählst, dass ihr bei deinem Fest gelacht habt, dass sich das Dach hob. Das kann man sich gut vorstellen, wie sich der ganze Dachstuhl hebt und senkt, wann immer eine Welle losgeht, wie ein grosser Organismus, der atmet. Es ist ein bisschen das Bild meiner Zeichnung für die Gartenpartie. Sie allerdings war ein Schrebergärtchen. Es ist schade, dass du deine Handtasche geschlossen hattest beim Fest. Ich hätte dich gerne vergnügt und ausgelassen und lustig und schlagfertig und witzig gesehen. Und dass du das alles auch sein kannst, das spüre ich zwischen den Zeilen da und dort. Und ich bin ein bisschen stolz darüber, dass meine Freundin das auch ist, neben ihren tiefen Gefühlen und der Affinität zum Lyrischen, wie man es bei Rilke oder bei Verlaine antrifft. Ach weißt du Marlena, ich weiss schon, dass ich dich ein bisschen idealisiere. Ich brauche das auch, um schreiben zu können, um ein bisschen schöner zu schreiben als einfach normale Tagesprotokolle. Diese Verschönerung ist einerseits eben das Künstliche, der Anfang der Kunst, und andererseits ist es so etwas wie ein Stimulans, ein Joint kann man sagen. Alle Verliebten machen ihre Geliebte perfekt. Das gehört nun mal dazu. Wenn es sehr stark ist, dann sprechen sie vielleicht weniger über ihre Geliebte als vielmehr über ihre eigenen Gefühle. Ich halte nicht viel von Objektivität. Das habe ich bei uns zu Hause genug gehabt und es bringt nicht viele Vorteile. On ne voit bien qu'avec le coeur. Ach, Marlena, ich weiss, du bist eine Studienrätin, und ich weiss, wie Studienrätinnen im allgemeinen sind. Es gibt da natürlich auch ziemliche Unterschiede! Doch, ich bin nicht mehr der jüngste und kenne die Menschen. Ich glaube, ich kenne sie wirklich. Ich habe schon viel Unglück gesehen und mir angehört. Ich weiss wie Menschen ungerecht und hart und feige und falsch sein können. Stell dir vor, ich hatte eine Zeit, da habe ich ...
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Aber eins möchte ich dir sagen, meine Liebe Marlena. Geniesse es, wenn ich dich ein bisschen perfekt mache. Du darfst nicht zu bescheiden sein. Ich weiss sehr wohl, dass man da nicht in Zentimetern nachmessen soll. Wenn du nur wüsstest, wie unvollkommen ich bin, welche unangenehmen und linkischen Seiten ich habe, du würdest dir gar keine Gedanken machen. Natürlich verstehe ich deine Reaktion, dass du dich manchmal fast distanzieren möchtest von dem, was und wie ich sage. Nimm es einfach als meine Begeisterung und lass mir die Freude.

Die Angst vor der Enttäuschung verstehe ich nun allerdings sehr gut. Weißt du, auch wenn ich das vielleicht nicht tun sollte, ich denke oft an Rom und wie es sein könnte. Und ich mache mir Gedanken, wie du mich anschauen würdest, ob DU nicht enttäuscht sein würdest, weil ich zu alt bin, weil meine Haare schon ziemlich weiss sind, weil ich vielleicht zuwenig Haare auf der Brust hätte ;-) .. oder weiss Gott was. Ich habe bemerkt, dass ich mich im Spiegel wieder anschaue, wie ich das seit langer Zeit nicht mehr getan habe, und dass ich auf die Waage stehe, um meine Tonnage zu beurteilen, obwohl mich das seit langer Zeit nicht mehr interessiert hatte. Wenn man zusammen ist, genügt es nicht, schöne Worte zu machen. Da kommen noch ein paar andere Faktoren ins Spiel, und die physische Präsenz ist nicht unwichtig.

Ist es ein Wunder oder ist es Glück, dass wir uns getroffen haben. Ach, wer kann das beurteilen. Ich kann das gut als Wunder anschauen. Aber wenn ich es mir genauer überlege, dann sehe ich es eher als Glück. Es gibt doch auch Menschen, die behaupten, es gebe keine Zufälle. Und wahrscheinlich gibt es weniger Zufälle, als wir zu denken bereit sind. Ich glaube, wenn sich zwei Menschen mehr als durchschnittlich kennenlernen und schätzen lernen, dann ist eine Seelenverwandtschft mit im Spiel. Es gibt doch auch viele Kontakte, die gibt man rasch wieder auf, weil man ahnt, dass sie zu nichts führen. Man plaudert mit jemandem, es ist nicht unngenehm, aber es ist nichts da, was einem faszinieren könnte, es gibt keine Bindung. Es ist alltäglich. Und dann gibt es andere Menschen, die etwas an sich haben, was funkt. Ich kenne hier in B eine ... . Sie ist vielleicht jetzt um die 10 Jahre hier, und ich habe sie 3 oder 4 mal gesehen. Sie hat eine noble Art und sie hat etwas im Gesicht, was mich einfach mehr als sonst anspricht. Ich habe keine Ahnung, was es ist. Sie ist nicht einmal besonders hübsch. Man fühlt sich in der Gesellschaft solcher Menschen schneller zuhause, wollen wir es mal so sagen. Man findet leichter heim. Ich glaube wirklich, dass man immer wieder auf seine erste Liebe zurückkommt. Das ist Platonisch gedacht: jedes Erkennen ist Wiedererkennen. In jeder Liebe erkennt man die alte, die erste, die grosse Liebe. Das ist sozusagen eine Theorie der Wiedergeburt innerhalb des Lebens. Sehr platonisch, wirklich.

Weil du nach der platonischen Liebe gefragt hast, will ich einmal nachlesen, was man zum "Platonischen" sagen kann. Meine Antwort im Chat war vielleicht für dich etwas unbefriedigend. Aber ich fand es charmant, wie du gefragt hast, und der Gedanke, dass dieser Begriff der platonischen Liebe oder der platonischen Zärtlichkeiten (das hast du mal von mir zitiert, ich erinnere mich) für dich immer etwas rätselhaft gewesen sein muss, hat mich - nun ja - irgendwie sehr zärtlich gestimmt. Es ist im übrigen auch für mich ein bisschen ein Zauber- Begriff. Aber wenn ich nachlese, werden wir vielleicht ein paar rätselhafte Aspekte lösen können.
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Ich finde unsere Geschichte märchenhaft. Wir haben zwar unsere §§§§, aber kein Mensch schert sich mehr darum. Schau mal, wie sich das alles entwickelt hat. Du hast immer wieder gewarnt, wir lebten gefährlich. Ich habe gesagt, ich will dich gewinnen. Ich habe gesagt, binde dich am Schiffsmast fest und verstopfe dir die Ohren. Wir haben uns weiss Gott gewarnt. Es ist wie in einem Märchen. Man spürt, wie das Schicksal gleich zuschlägt, jeder weiss es, noch das kleinste Kind merkt es, aber das Rotkäppchen geht trotzdem durch den Wald, geht trotzdem vom Weg ab, spricht trotzdem mit dem Wolf. Alle Alarmsirenen gehen los, aber das Rotkäppchen hört nichts und sieht nichts. Ach, wie ist das märchenhaft schön. Entgegen allen Warnungen ins Glück zu laufen, gibt es denn etwas Schöneres? Vor allem, wenn man selbst warnt. Man warnt ja dann mit grosser Nachsicht und drückt ein Auge zu (das meint, man lässt 5 gerade sein), vielleicht beide Augen zu.

Es ist ein Wunder oder ein Glück. Aber wenn ich sehe, wieviele Gemeinsamkeiten wir haben, dann kann es auch nicht nur Zufall sein. Da ist ein bisschen System dahinter, Marlena, das kannst du mir glauben. Ich habe das schon damals gedacht, als du etwa im 2. oder 3. Mail gesagt hast, Rilke sei dein Favorit der deutschen Dichter. Das konnte kein Zufall sein. Das nun wirklich nicht.

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Lass uns unser Wunder pflegen und hüten und Sorge tragen darum. Und lass uns möglichst wenig leiden. Suche einen Weg, damit dich die Distanz nicht "beinahe krank macht", Marlena. Und wenn ich dir irgendwie dabei helfen kann, lass es mich wissen. Es klingt vielleicht ein bisschen absurd, aber du bist gefühlsmässig die wichtigste Person in meinem Leben geworden. Und ich weiss, dass das etwas absurd ist. Und jeder Psychologe würde mir auf die Schulter klopfen und mir den Rat geben, auf den Boden zurückzukehren. Ach, es ist so schön, verrückt zu sein.

Ich küsse dich, meine Liebste, bis zum nächsten Mail.

Ich will nachsehen, was ich beim Brief an Camus ausgelassen habe. Aber jetzt muss ich unbedingt an die Arbeit.

K+G+H

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