Montag, 24. Juni 2019

Minenfeld ???



Subject: Minenfeld ???
Date: Tue, 16 May 15:57


Liebe Marlena

Auf deine Bemerkung des Minenfeldes muss ich doch zurückkommen. Du meinst, wir sind aus dem Gefängnisturm ausgebrochen. Wie denn? Mit deiner hübschen Postkarte, meinst du? Na ja, vielleicht denkst du an den §5. Aber er war immer ein bisschen ein Scheinparagraph, oder etwa nicht?

Ach nein, ich will jetzt unsere §§§ nicht unterschätzen. Vielleicht brauchen wir sie wieder einmal für unsere Freundschaft und Beziehung. Aber im Moment denke ich nicht viel an sie. Aber bitte, meine Liebste, sprich nicht von einem Minenfeld. Weißt du denn, was ein Minenfeld ist? So was Schreckliches, das hast du sicherlich nicht ernst gemeint. Also, mein französisches Gästebett ist bestimmt kein Minenfeld. Ich schlafe gut dort. Es gibt kein Oberleintuch, nur ein Duvet. Wir nennen das "nordisch schlafen", und man kann ein bisschen die Füsse raushängen lassen, wenn es zu warm wird. Und ich habe viel Platz um zu lesen und es liegen immer jede Menge Bücher rund ums Bett. Und dann, innert ein paar Sekunden habe ich genug gelesen und ich lösche das Licht. Und dann schwebe ich wirklich ein bisschen auf den Wolken. Aber ich glaube, ich fühle mich dir dann vor allem in Gedanken nahe. Ich erinnere mich an Dinge, die du gesagt hast, oder ich überlege mir, was ich dir sagen möchte. Wenn ich mir deine physische Präsenz zu sehr vorstellen würde, dann würde meine Sehnsucht zu gross. Ich kann mir gut vorstellen, wie wir in Rom in einem alten Hotelbett liegen, ganz entspannt nebeneinander schauen wir in die hohe Decke hinauf, mit dem schönen Gefühl, jede Menge Zeit zu haben, um zu reden, fragen, erzählen, zurückfragen, deine Lis Assia Stimme zu hören, deinen schwedischen Akzent im Deutsch, deine Intonation, die ich mir so sehr ähnlich dem Schweizerdeutschen vorstelle. Und dann schauen wir uns wieder an, um zu sehen, ob es wirklich wahr ist, und um ein bisschen von deinem Lächeln mitzubekommen, um deine Gesten zu entdecken und deine alltäglichen Gewohnheiten. Und wenn wir uns nicht mehr halten können, gibt's einen langen Kuss. Irgendwie stelle ich mir die Topographie deiner Lippen, deines Gesichts vor, wie sich das anfühlen würde beim Küssen. Ich möchte gerne deine Augen küssen mitsamt der Nase, deine Stirn, den Hals küsse ich sehr gerne und auch die Ohren, die sind sehr sensibel, und natürlich die Lippen. Auf diese Weise möchte ich dich verwöhnen, aber es wäre zugleich eine Art Erkundung. Ich hätte dein Gesicht dann ziemlich genau in meiner Vorstellung. Aber mehr erlaube ich mir nicht. Ich möchte nicht zu weit gehen mit meinen Fantasien, denn sonst kann ich es nicht mehr gut aushalten. Es wäre für mich unerträglich, wenn ich später vernehmen müsste, dass wir uns nicht treffen könnten. Deshalb muss ich vorher bremsen. Eine sogenannte präventive Vollbremsung, könnte man das nennen. Ich kann dir sogar den Namen des Hotels in Rom sagen, das ich mir vorstelle. Es liegt in der Nähe der Piazza del Popolo, ist mit Geschmack eingerichtet, aber kein teures Top-Hotel. Es hat dunkle kühle Räume. Die sind köstlich, wenn man aus der blendenden Hitze der römischen Strassen kommt.

*

Es ist süss, wie du dir vornimmst, alle meine Fragen zu beantworten und zu klären. Das kommt mir ein bisschen vor wie der Vatikan, der vor zwei oder drei Jahren die Aussagen Galileo Galileis nochmals geprüft hat und zum Schluss gekommen ist, dass die Thesen des Wissenschafters doch was an sich haben. Die Zeitungsmeldung hat mich damals köstlich amusiert, aber ich habe dem Vatikan gegenüber durchaus Respekt empfunden, weil er gewillt scheint, aufzuräumen und die alten Akten abzuschliessen. Er kämpft gegen einen Rückstand von ungefähr 400 Jahren. Zeige mir eine andere Firma auf dieser Welt, die hinsteht, und eine 400 Jahre alte Falschmeldung korrigiert! Es hat doch auch etwas Aufrechtes an sich. Dafür habe ich Respekt. Und vor nicht allzu langer Zeit hat er sich auch zum Darwinismus geäussert. Chapeau!

Ach, Marlena, ich hoffe du verstehst mich recht. Es hat mich sehr gefreut, wie du das gesagt hast. Und viele meiner Fragen waren auch nicht so wichtig, andere vielleicht komisch, aus einer Stimmung heraus oder so. Deine Absicht ist lieb. Das ist schon mehr als genug. Lass dich von mir nicht stressen, meine Liebe.

Manchmal habe ich allerdings den Eindruck, du nimmst an, ich wisse mehr, als ich wirklich weiss. Und ich vermute, gewisse Dinge hast du mir nur in Gedanken erzählt und nicht in Wirklichkeit. Im letzten Chat gab es für mich ein paar neue Erkenntnisse, so dass ich sagen konnte: Ach, so ist das! Ich glaube, ich verstehe dich seither ein bisschen besser. Andererseits vergesse ich Dinge auch wieder, die du gesagt hat, weil sie vielleicht im Moment nicht sosehr im Zentrum meiner Aufmerksamkeit gelegen haben. Es gab einige Dinge, von denen ich sagen musste, du hast mir sie anfangs deutlich und klar gesagt. Ich weiss jetzt, dass du sehr korrekt bist mit deinen Informationen. Das wusste ich anfnangs nicht so genau.

Weißt du, ich möchte auf keinen Fall, dass du eine Verpflichtung fühlst, meine Mails Schritt für Schritt durchzulesen, um dann einzelne Punkte zu behandeln. Das ist anstrengend. Es ist leichter, und für dich wohl auch schöner, einfach zu erzählen, was du im Moment gerade erzählen möchtest, was für DICH wichtig ist, was Dich beschäftigt. Gelegentlich habe ich den Eindruck, du nimmst sehr viel Rücksicht auf mich und meine Mails. Das ist schön für mich. Es ist aber anstrengend für Dich. Du folgst meinen Gedanken und hast den Eindruck, du müsstest dazu etwas sagen. Ich sehe dich vor mir, wie du liest, dann schreibst, wieder liest und wieder schreibst. Ich habe dann den Eindruck, ich spüre, wie du arbeitest. Und ich möchte nicht, dass du für mich arbeitest, ich möchte, dass wir uns vergnügen. Schreib einfach so wie du von der Party erzählt hast, oder von deinem Arbeitstag. Das finde ich wunderbar und witzig und sehr charmant. Du bist eine exzellente Erzählerin und wenn ich sowas lese, fühle ich mich zu dir wie ein Bruder zu seiner Schwester, dh. eine schöne grosse Gemeinsamkeit, die man gar nicht selbst herstellen kann, die einfach durch das Glück gegeben ist. Ich bin wirklich sehr begeistert, wenn ich so etwas lese, und es gibt mir das gute Gefühl, dass ich dich in deiner Umgebung wahrnehme, wie du leibst und lebst, würden die Deutschen sagen.

Ach, entschuldige, ich erkläre etwas zuviel. Du weißt längst wie es sein soll.

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Ach, ich würde dich gerne mal anschauen. Ich habe ein Gefühl, dass du eine kecke und vife Person bist. Und wenn du mich anschaust, wirst du feststellen, dass ich nicht so keck und vif erscheine, wie man aus meinen schriftlichen Texten vermuten würde. Du wirst vielleicht nicht enttäuscht, aber erstaunt sein, dass ich ziemlich ruhig bin, dass ich nicht allzu rasch rede, dass ich manchmal nur halb so witzig und geistreich bin, als wie man es sich wünschte. Doch es gibt Momente, vielleicht in guter Gesellschaft, wo ich merke, dass es bestens läuft.

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Manchmal muss ich auch gewisse Sätze wieder löschen, wie du das offensichtlich auch machst. Es kommt bei mir nicht zu häufig vor, aber manchmal kommt es vor. Und es erregt bei dir vielleicht die Neugier, was es denn wohl gewesen wäre.

Ich sag es dir vielleicht einmal, ich würde es dir lieber sagen als schreiben. Schreiben ist eine heikle Angelegenheit.

Aber ich küsse dich von Herzen, meine Liebe. Ich wünsche dir eine glückliche Zeit.

G+K+H

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